Efeu - Die Kulturrundschau

Ein einziger seiner Wimpernschläge

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14.10.2016. Begeisterung allenthalben über den Litertaurnobelpreis für Bob Dylan. Heinrich Detering beschreibt Dylan in der FAZ als respektlosen Versöhner von Populär- und Bildungskultur. Nur die NY Times seufzt: Die Literaturwelt geht dieses Jahr leer aus. Die SZ ärgert sich grün und blau über Yüksel Yolcus Inszenierung von Jürgen Todenhöfers umstrittenem Reportage-Bestseller "Inside IS" am Berliner GRIPS Theater. Und die Feuilletons nehmen Abschied von Dario Fo, dem Großmeister der Hanswurstiade.

Musik

Der Buchhandel ist entsetzt, die Feuilletons jubeln: Der Literaturnobelpreis geht in diesem Jahr an Bob Dylan. Das ist auch als Auszeichnung für den Pop zu verstehen, meinen wir und gratulieren dem Singer-Songwriter herzlich.

"Keineswegs [wurden] die literarischen Kriterien gesenkt", schreibt Dirk Knipphals angesichts dieser ungewöhnlichen Entscheidung in der taz. Ausgezeichnet werde vielmehr auch in diesem Jahr "Literatur, und zwar große. ... Man muss schon einen arg ehrpusseligen Literaturbegriff haben, um Dylans Songtexten das Literarische abzusprechen." Auch sein taz-Kollege Michael Sontheimer hält die Entscheidung für "richtig und überfällig", denn Dylan "ist ein großer Geschichtenerzähler, seine Songs sind Puzzlesteine einer epischen Geschichte der USA."

Mit dieser Entscheidung wurde "nicht zuletzt auch das unsichtbare, immer noch sehr fest geknüpfte Band zwischen einer hehren Vorstellung von Literatur-Literatur und einer illegitimen Populärkultur durchtrennt", merkt Harry Nutt in der FR an. Die Jury in Stockholm befinde sich zwar "auf der Höhe der Zeit", wenn sie "an die Literarisierung und Philologisierung Dylans anknüpft", doch für SZler Lothar Müller ist Dylan als Singer-Songwriter auf den Writer alleine nicht zu reduzieren, weshalb er darauf hofft, dass Dylan im Dezember in Stockholm keine Rede hält, sondern singt. Auch Edo Reents von der FAZ umkreist die Hybridität dieser Entscheidung: Der Preis zeichne nur den halben Dylan aus. Dessen "Worte aber sind an seine oder, wie die nicht mehr zählbaren Fremdfassungen seiner Lieder zeigen, an Musik überhaupt gebunden".

Heinrich Detering von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung ist völlig von den Socken: "Keiner in seiner Generation hat die musikalischen und poetischen Traditionen einer zweihundertjährigen amerikanischen Populärkultur so vielfältig, so überraschend, so schöpferisch mit dem Kanon der Bildungskultur zusammengeführt, liebevoll und respektlos gegenüber beidem", schreibt er in der FAZ in einem kleinen Essay. "Wie bei Dylan die Beat Poets den Blues lernten und Brecht mit den work songs und dust ballads von Woody Guthrie zusammentraf, so brachte er Homer mit John Lennon ins Gespräch, Ovid mit der Country-Musik und Petrarca mit Sinatra. Und jedes Mal bildeten dabei Poesie, Musik und Performance eine unauflösliche Einheit."

Die Literaturwelt geht dieses Jahr leer aus, zeigt sich Anna North in der New York Times hingegen enttäuscht von der Entscheidung: "Awarding the Nobel to a novelist or a poet is a way of affirming that fiction and poetry still matter, that they are crucial human endeavors worthy of international recognition. Popular music is such an endeavor too, but, for the most part, it already receives the recognition it deserves."

Weitere Trouvaillen zu dieser außergewöhnlichen Entscheidung: Im Tagesspiegel wagt Gerrit Bartels einen vorsichtigen Ausblick in die Zukunft: Auch im HipHop schlummere reiches Textmaterial, das mit dieser Entscheidung nun als preisverdächtig gelten muss. Im SWR-Forum diskutieren Max Dax, Udo Dahmen und Heinrich Detering über die Frage, ob diese Auszeichnung einen "Ritterschlag für die Popkultur" darstelle. Kai Müller attestiert im Tagesspiegel vor allem Dylans "Tangled Up in Blue" erstklassige literarische Qualitäten. Bei Richard Kämmerlings (Welt) macht sich bereits Katerstimmung breit: "Die Entscheidung für den Amerikaner Dylan hat nun wohl endgültig eine Auszeichnung von Philip Roth, Don DeLillo, Thomas Pynchon, auch William H. Gass oder Joan Didion unmöglich gemacht." Der Tagesspiegel sammelt die vergnüglichsten Tweets zur Auszeichnung. Die FAZ-Redakteure teilen ihre Lieblings-Dylansongs mit.

Weitere Artikel: Im Perlentaucher bringen wir einen großen Auszug aus dem im Original über 30 Seiten zählenden Gespräch aus der Zeitschrift Mittelweg 36 mit Wolfgang Kraushaar über die Historisierung von Pop, das sich vor dem Hintergrund des Nobelpreises für Bob Dylan gut als flankierende Lektüre eignet. Für die taz spricht Jens Uthoff mit der Rapperin Kate Tempest. Tazler Detlef Kuhlbrodt berichtet von der Berliner Präsentation von Wolf Biermanns Autobiografie.

Besprochen werden Morgan Delts "Phase Zero" (taz), ein Konzert der Prog-Rocker Magma (taz), das neue Album der Sportfreunde Stiller (FR) und ein Konzert des Pianisten James Rhodes in München (SZ).
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Literatur

Zum Literaturnobelpreis gibt es auch allgemeinere Überlegungen über Ausrichtung und Zukunft dieser wichtigen literarischen Institution. FAZler Jürgen Kaube fällt bei der Durchsicht der bisherigen Preisträger auf, dass soziales Engagement bei den Vergabeentscheidungen oft höher zu wiegen scheint als Ästhetik. Die entsprechenden Preisträger seien entsprechend auch oft rasch wieder vergessen: "Die ganz eigensinnigen, ganz dem Spiel und ganz der kognitiven Phantasie hingegebenen Schriftsteller haben es auf dem Weg zum literarischen Championat der Zeitgenossenschaft schwerer. Genau das aber mag auch der Grund dafür sein, dass sie länger überdauert" Für Thomas Steinfeld von der SZ "ist nicht zu übersehen, dass die Akademie derzeit nach neuen Kriterien urteilt": Zu beobachten sei eine Aufweichung des Literaturbegriffs und ein gesteigertes Interesse am Populären. Dies führt er insbesondere auf den Einfluss der Literaturwissenschaftlerin Sara Danius zurück, die seit etwas mehr als drei Jahren Akademiemitglied ist und eher einen kulturhistorischen Zugang zur Literatur hat.

Besprochen werden u.a. Philipp Winklers für den Deutschen Buchpreis nominierter Roman "Hool" (FR) und neue Bücher von César Aira (Tagesspiegel).
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Bühne

Als der italienische Theatermacher und -schauspieler Dario Fo 1997 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde, war dies eine ähnlich ungewöhnliche und überraschende Entscheidung wie die gestrige Meldung, dass Bob Dylan im Dezember in Stockholm ausgezeichnet wird. Was für ein historischer Zufall, dass Fo nun ausgerechnet am Tag dieser Verkündung an seiner Lungenerkrankung gestorben ist. Traurig nimmt Arno Widmann in der FR von dem Komiker Abschied: "Fos Kunst war die Hanswurstiade. Also das, wogegen die Theater gegründet wurden, ohne die es aber kein Theater gibt. Dario Fo konnte stundenlang allein in Frankfurt, in Berlin, in New York, überall auf der Bühne stehen und nach einer Weile achteten die Leute nicht mehr auf den Dolmetscher, weil sie fürchteten, ihnen könnte ein einziger seiner Wimpernschläge entgehen. ...  Dario Fo hat herzzerreißend trennen können, was sich gar zu einig war mit der Welt. 1000 Dank dafür."

In der Berliner Zeitung würdigt Irene Bazinger den Verstorbenen als einen der "wichtigsten und einflussreichsten Theatermacher [Italiens]. Er wurde vom einfachen Volk wie von den gehobenen Schichten zumindest wahrgenommen, meistens indes geliebt, oft gefürchtet. Die politische Kaste freilich, mit der er sich prinzipiell und herzlich gern anlegte, beobachtete ihn mit durchaus begründetem Argwohn." Weitere Nachrufe schreiben Peter Kammerer (NZZ), Petra Reski (ZeitOnline), Reinhard Wengierek (Welt), Rüdiger Schaper (Tagesspiegel), Bernd Graff (SZ Online) und Maike Albath (SZ).

Grün und blau ärgert sich SZler Thorsten Schmitz über die vom Hauptstadtkulturfonds finanzierte Bühnenbearbeitung von Jürgen Todenhöfers umstrittenem Reportage-Bestseller "Inside IS" in der Regie von Yüksel Yolcu am GRIPS Theater: Dem Abend "fehlt das Rückgrat, eine Haltung. Stattdessen: Pausenlos anti-amerikanische, anti-westliche IS-Propaganda. ... Zu gerne erführe man, was die Geldbewilliger im Hauptstadtkulturfonds von dem Stück halten. Die Inszenierung bleibt gefährlich an der Oberfläche. In weiten Strecken besteht sie aus den hohlen Mantras der Terroristen und dem Jubel von IS-Fans. Dramaturgisch komplett ungebrochen etwa lobpreisen drei verschleierte Frauen, wie toll es sich im Kalifat lebe." Deutlich milder schreibt Kirsten Riesselmann in der taz über die Inszenierung: "Die Verführungskraft des radikalen Islamismus [wird] in vielen Facetten erklärlich als Problem der Adoleszenz, die sich nach einfachen Antworten auf komplexe Fragen sehnt."

Weiteres: Die Zeit hat Wiebke Hüsters Porträt des Choreografen Damien Jalet online nachgereicht.
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Film


Am Rande des Vulkans: Werner Herzog (Bild: Netflix)

Im Business Insider finden wir ein großes, vergnügliches Gespräch mit Werner Herzog über seinen mittlerweile dritten neuen Film in diesem Jahr, die für Netflix gedrehte Vulkandoku "In den Tiefen des Inferno", die den deutschen Filmemacher mitunter auch nach Nordkorea verschlagen hat. Für critic.de spricht Till Kadritzke mit Olivier Assayas über dessen Filme im Allgemeinen, über dessen neuen Film "Personal Shopper" im besonderen.

Besprochen werden Dani Levys "Die Welt der Wunderlichs" (FR, Tagesspiegel), Andrea Arnolds Roadmovie "American Honey" (Tagesspiegel) und die Flüchtlingskomödie "Welcome to Norway" (Tagesspiegel, FAZ).
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Kunst

Der Schweizer Maler Karl Ballmer (1891-1958) ist im Zuge der Gurlitt-Affäre wieder ins Gespräch gekommen. Das Aargauer Kunsthaus zeigt nun eine Ausstellung seiner Werke, die sich Caroline Kesser für die NZZ angesehen hat: "Sieht man von der Verhärtung und Verdüsterung im Spätwerk ab, macht man in diesem Œuvre kaum Entwicklungslinien aus. Wie ein Block liegt es vor uns, geheimnisvoll und undurchdringlich. Ballmer konfrontiert uns mit angehaltener Bewegung, Zuständen, die sich wie archaische Vorstufen der Gestaltung ausnehmen. Das gilt für alle von ihm gepflegten Bildgattungen, die sich auf Landschaften, das Figurenbild und menschliche Köpfe beschränken. Für Samuel Beckett war Ballmers 'Kopf in Rot', sein heute bekanntestes Bild, eine 'metaphysische Konkretion. Natur, nicht Konvention, sondern Ursprung, Quelle der Erscheinung.'" (Karl Ballmer: "Kopf in Rot", um 1930/1931)

Weitere Artikel: Für den Tagesspiegel hat Carolin Haentjes sich bei den Ausstellungen zum Europäischen Monat der Fotografie auf die Suche nach Bildern Berlins begeben. Gunda Bartels annonciert im Tagesspiegel das über mehrere Städte verteilte Ausstellungsprojekt "Luther und die Avantgarde", das im kommenden Jahr stattfinden wird.

Besprochen werden die Ausstellung "Postwar - Kunst zwischen Pazifik und Atlantik 1945 - 1965" im Haus der Kunst in München (SZ), die Ausstellung "Die Weihnachtsgeschichte und ihre Bilderwelt" im Liebieghaus in Frankfurt (FR) und ein neuer Dokumentarfilm über Botticellis "Mappa dell'Inferno", den Wenke Husmann von ZeitOnline der neuen Dan-Brown-Verfilmung unbedingt vorzieht.
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