9punkt - Die Debattenrundschau

Absolute moralische Pflicht

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.10.2016. "Berlin 1945; Grozny 2000; Aleppo 2016":  Die New York Times bringt ein von einer Drohne aufgenommenes Video der komplett zerstörten syrischen Stadt. In The Intercept erklärt Glenn Greenwald, warum die Medien gefälligst schlucken sollen, was geleakt wird. Die taz macht sich Gedanken über gemeinnützigen Journalismus. Ebenfalls in der taz definiert Deborah Feldman einen "Schnittpunkt liberaler Politik": "Die Rechte von Frauen sind unantastbar - bis die Religion von Minderheiten ins Spiel kommt."

Politik




Die New York Times präsentiert ein von einer Drohne aufgenommenes Video der komplett zerstörten Stadt Aleppo. Überschrift: "Berlin 1945; Grozny 2000; Aleppo 2016." Michael Kimmelman schreibt dazu: "Dies war ein Stadtviertel, ein Kiez. Das ist mehr als eine Ansammlung von Gebäuden und Straßen. Es ist Leben, das in einem bestimmten Raum gelebt und geteilt und über Generationen weitergegeben wird - und um so mehr in einer uralten Stadt wie Aleppo, wo ich vor ein paar Jahren mal einen Mann traf, der in einer nach seinem Familiennamen benannten Straße wohnte. 'Wie lange lebt Ihre Familie hier schon?', fragte ich ihn. 'In der Straße oder in Aleppo?, fragte er zurück. Bevor ich etwas sagen konnte, antwortete er: 'In der Straße seit 800 Jahren, in der Stadt seit 1.200 Jahren.'"

Hans Ulrich Gumbrecht versucht in einem Gespräch mit Peter Unfried in der taz die Verachtung gegenüber dem sogenannten "White Trash" hinter sich zu lassen und sucht nach Motiven, die ein Phänomen wie Donald Trump möglich machen: "Das Bedürfnis und vor allem das Selbstbild, das Trump anspricht, sieht so aus: Ich kann das schaffen, ich bin unabhängig. Es ist ein Antistaatsdiskurs - immer gegen eine angebliche Verschwörung der Politiker gerichtet. Dann gibt es auch einen Vollgasneoliberalismus. Der Schauspieler Clint Eastwood und solche Leute, die sagen: Lasst doch einen Geschäftsmann das Land führen. All das ist getragen von einer Sehnsucht nach Befreiung von Politikern und Politik. Die wirtschaftlichen Probleme dieser Mittelschicht, dass die Leute kämpfen, um durchzukommen, ist also möglicherweise nicht ihre einzige Motivation."

Der Tagesspiegel macht eine Ausgabe mit Texten geflüchteter Journalisten. Der Radio-Journalist Omid Rezaee schildert die Lage der Kulturschaffenden im Iran - und kommt zu einem recht milden Resümee: "Musiker, Filmemacher oder Schriftsteller brauchen viel Geduld im Iran. Und Gelassenheit. Die kulturelle Öffnung geht im Schneckentempo vor sich, Reformer und Konservative liegen weiter im Zwist."

In der NZZ hofft Andrea Köhler nach Donald Trumps frauenfeindlichen Tiraden, dass es jetzt endlich mit diesem Spuk vorbei ist. Aber bitte auch mit anderweitigen sexistischen Übergriffen. In seiner FAZ-Kolumne schreibt Bülent Mumay über die neue Liebe zwischen Tayyip Erdogan und Wladimir Putin.
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Internet

Google hat seine Prozesse um Google Books gewonnen - der Konzern darf nun Bücher scannen, mit den bekannten Einschränkungen bei Büchern, die geschützt sind, und kooperiert mit vielen Bibliotheken, die sich ein solches Programm sonst gar nicht leisten könnten. Es ist ein Glück, schreibt Anne-Catherine Simon in der Presse, wenn auch ein zwiespältiges, denn es arbeitet Googles Monopol zu und es bleibt die Frustration bei Büchern, die man nur in Schnipseln lesen darf: "Vielleicht aber ist gerade diese Verbindung aus frei durchsuchbaren Büchern und frustrierenden Lockangeboten das wirksamste Mittel, um den Zugang zu allem in Buchform Geschriebenen - und zugleich Googles Macht - voranzutreiben: Der Gewinn für jedermann durch das bereits frei Verfügbare ist so ungeheuerlich, so für alle sichtbar, dass alles dem User ebenso sichtbar Entzogene Begierde, Ungeduld weckt. Es ist wie mit Konsumwaren; man will mehr, noch mehr."
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Überwachung

Glenn Greenwald und Julian Assange sind inzwischen gerupfte Helden. Beide fallen durch politische Neigungen auf, die ihre Politik des Leakens in ein trübes Licht stellen. Assange scheint lieber Putin als Clinton zu mögen (mehr hier). Greenwald fiel durch scharf antizionistische Äußerungen und seine Kampagne gegen Charlie Hebdo auf (er organisierte den Protest gegen die Verleihung des PEN-International-Preises an Charlie Hebdo, mehr hier). Die jüngsten Leaks von Wikileaks schienen allesamt dem Lager von Donald Trump zuzuarbeiten - jedenfalls trafen sie die Demokratische Partei. In The Intercept legt Greenwald nun einen Grundsatzessay über die Politik des Leakens vor, der auf die Moral hinausläuft: Egal was wir leaken, ihr müsst es schlucken. "Sobald der Journalist Vertrauen in die Echtheit des Materials hat, ist die einzig relevante Frage: Überwiegt das öffentliche Interesse irgendwelche Schäden? Und wenn die Antwort 'Ja' ist, hat der Journalist nicht nur das Recht, sondern die absolute moralische Pflicht, darüber zu berichten. Es ist oft - vielleicht immer - der Fall, dass die Quellen unreine Motive haben, einen Wunsch nach Rache, Karrierismus, ideologische oder politische Vorteile, Wichtigtuerei, Profitgier. Nichts davon ist für den Journalisten relevant. Seine einzige Sorge sollte das Weitertragen berichtenswerten Materials sein, egal warum es zur Verfügung gestellt wird." Mit anderen Worten: Wenn Assange entscheidet, durch seine Leaks eher den Demokraten als Trump zu schaden - dann dient das dem öffentlichen Interesse?
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Medien

Am 28. Oktober wird in Berlin erstmals eine Tagung über die Möglichkeit gemeinnützigen Journalismus abgehalten - bisher gehört Journalismus nicht zu den Zwecken, die mit diesem Label gefördert werden können. Stiftungen scheuen mit wenigen Ausnahmen vor journalistischen Projekten zurück, erzählt Daniel Bouhs in der taz und zitiert Marcus von Jordan von der Autorenplattform Torial, der "die Förderpolitik vieler journalistischer Projekte offen als 'kontraproduktiv' bezeichnet. Namhafte Geldgeber förderten gezielt 'Prestigeträchtiges, das aber mit viel zu kleinen Summen'. Das bringe zwar junge Leute dazu, unter "teils brutaler Selbstausbeutung" ein paar Monate hart zu arbeiten, schaffe aber nichts Nachhaltiges."

In der SZ singt Christian Zaschke eine Hymne auf die BBC, die mit weniger Geld als ARD und ZDF "das beste TV-Programm der Welt " mache: "Was die BBC so besonders macht, ist die Tatsache, dass sie für viele Briten nicht nur Teil ihres täglichen Lebens ist, sondern auch Teil der britischen Identität. Wie wohl sonst nur der Gesundheitsdienst NHS steht sie für etwas, das alle Bewohner des Landes teilen."
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Geschichte

"Nicht wirklich zufrieden ist in der taz Andreas Fanizadeh mit der Kolonialismusschau im Deutschen Historischen Museum: "Die Schau im DHM erinnert selbstverständlich an den Völkermord an den Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika. Doch in welchem Verhältnis stand dieser zur Rassen- und Vernichtungspolitik der Nazis? Fragen über Fragen... Stattdessen moralisieren die Kuratoren des DHM in ihren Positionen etwas zu stark. Am Ende mündet die Schau noch in dürre Behauptungen über eine angebliche Kontinuität kolonialer Herrschaft bis ins Heute."

In der FAZ verteidigt Hermann Parzinger von der Preußen-Stiftung in diesem Zusammenhang den Begriff "Shared Heritage", um den Umgang mit Ausstellungsstücken aus ehemaligen Kolonien zu umreißen. Und dies müsse gerade auch für die dunklen Kapitel wie die deutschen Massaker in Tansania 1905 bis 1907 gelten - ein schmerzhaftes Erbe: "Trotzdem geht es auch hier darum, einen gemeinsamen Weg zum Umgang mit dieser Geschichte zu finden. Deshalb wollen wir den Maji-Maji-Aufstand mit Wissenschaftlern aus Tansania aufarbeiten und im Humboldt-Forum erzählen. Dieser Weg mag mühsam, dornig und auch nicht risikofrei sein; aber für die Stiftung Preußischer Kulturbesitz und ihre Staatlichen Museen ist er zwingend."

Außerdem: In Politico.eu fordert der Historiker Malcolm Byrne, dass die USA endlich die Akten zur CIA-Unterstützung des Coups gegen Mohammad Mosaddeq im Iran 1953 freigeben.
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Gesellschaft

Deborah Feldman ist eine einst ultra-orthodoxe Jüdin, deren Bücher über ihre Lösung aus der Zwangsgemeinschaft Erfolge feierten. Heute lebt sie in Berlin. In einem sehr schönen taz-Artikel erzählt sie, wie sie sich mit dem heimlichen Besuch von Uni-Seminaren für die Welt fit machte und in einem Kurs über "Vielfalt und Toleranz" auf das Multikulti-Denken stieß: "'Das ist ja alles schön und gut, aber was ist mit Leuten wie mir?', platzte es schließlich aus mir heraus. 'Ich sitze in einer Welt fest, in der ich dazu gezwungen bin, mich an religiöse Gesetze zu halten, die über der Verfassung stehen. Ich bin Amerikanerin, aber meine Bürgerrechte zählen nicht, weil meine Gemeinschaft anders entschieden hat. Und niemand läuft Sturm, um meine Persönlichkeitsrechte zu schützen, nur weil die Rechte einer Gemeinschaft wichtiger sind? Wie könnt ihr hier alle sitzen und mich anstarren und sagen, dass alles, was ich durchgemacht habe, im Namen der Toleranz in Ordnung sei?'"

In der Folge definiert Feldman in bestechender Klarheit noch einen "Schnittpunkt liberaler Politik": "Die Rechte von Frauen sind unantastbar - bis die Religion von Minderheiten ins Spiel kommt."
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Religion

Thomas de Maizière und Wolfgang Schäuble haben vor kurzem in feierlichen Worten die Zusammenarbeit mit der Deutschen Islamkonferenz gelobt.  Henry Mattheß vom Humanistischen Pressedienst liest die DIK-Handreichung für Schule und Elternhaus zum Punkt Schwimmunterricht und ist skeptischer: "Die DIK empfiehlt.., den von Schulreformern des 20. Jh. erkämpften gemischtgeschlechtlichen Unterricht durch 'geschickte Organisation in geschlechtshomogene(n) Übungsgruppen … getrennt nach Mädchen und Jungen' aufzuheben. Sollte dies aus 'organisatorischen Gründen' nicht möglich sein, 'haben muslimische Schülerinnen einen Anspruch auf Befreiung von der Teilnahme am koedukativen Sport- bzw. Schwimmunterricht, wenn sie einen objektiv nachvollziehbaren Gewissenskonflikt glaubhaft darlegen können.'"
Archiv: Religion