9punkt - Die Debattenrundschau

Macht und Unvorhersehbarkeit

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.06.2016. Die Mehrheit der paar jungen Wähler, die zur Wahl gingen, mag gegen den Brexit gestimmt haben. Die meisten aber wählten gar nicht, hat der Guardian herausgefunden. In der taz sind die Schriftstellerinnen Nora Bossong und Aljoscha Brell sauer auf ihre Generation. Nach dem Brexit fürchtet Politico.eu nun eine europaweite Welle der Rufe nach Referenden. Im Standard spricht Philipp Blom über den autoritären Traum in Europa. Gar nicht gut sah das Europaparlament bei einer Rede Mahmud Abbas' aus, der glatt das uralte antisemitische Märchen von den Juden als Brunnenvergiftern auftischte  - Standing Ovations in Brüssel. Lizas Welt und das Tabletmag berichten. Und schließlich: Wieviel bekommt eigentlich Mehmet Scholl von der ARD?

Europa

Schwerpunkt Brexit

Ziemlich sauer sind die Schriftsteller Nora Bossong und Aljoscha Brell in der der taz über den Brexit: "Nicht zuletzt sind wir wütend auch auf uns selbst, auf unsere Generation, die nach 1980 Geborenen. Dieses Europa, das Europa der offenen Grenzen, ist unser Europa. Anders als Cameron können wir nicht zurücktreten und die Verantwortung unseren Nachfolgern überlassen. Unsere Nachfolger sind unsere Kinder. Diese Kinder werden uns fragen, wo wir waren, als die Populisten das europäische Projekt zugrunde gerichtet haben. Was werden wir ihnen dann antworten?"

Er hätte für Remain gestimmt, schreibt der in Italien lebende britische Autor Tim Parks in der SZ, aber das jetzt einsetzende Bashing der Brexit-Anhänger findet er ignorant: "All dies wäre zu verstehen, wenn die Europäische Union bedeutende Erfolge aufweisen, wenn sie Solidarität demonstrieren und die vielen Probleme ihrer Mitglieder lösen könnte oder wenn die Gemeinschaft wenigstens eine Galionsfigur hätte, mit der man sich identifizieren könnte. Jemanden, von dem man sagen könnte: 'Wie schlimm es auch werden wird, ich habe Vertrauen in ihn, ich glaube, ihm oder ihr liegen die Interessen meines Landes am Herzen, sind die Jugendarbeitslosigkeit in meiner Stadt ein Anliegen, sei es in Newcastle oder Reggio Calabria.' Können wir das ernsthaft von Jean-Claude Juncker oder von Angela Merkel sagen?"

Die britische Jugend, die wählen ging, hat zu 75 Prozent gegen den Brexit gestimmt - aber kann es auch sein, dass die Jugend zu 70 Prozent erst gar nicht abgestimmt hat? In einem erhellenden Kommentar im Guardian arbeitet Hannah Jane Parkinson die derzeit kursierenden Gerüchte und Zahlen die Wahlbeteiligung der britischen Jugend beim EU-Referendum betreffend auf. Die Daten belegten lediglich, dass die Wahlbeteiligung in Gegenden mit einer jüngeren Bevölkerung geringer ausgefallen war. Konkrete Zahlen hätte nur Sky Data geliefert, allerdings basierend auf einer Wahlabsichtsbefragung vor dem Referendum. Hieb- und stichfeste Zahlen gebe es nicht, da keine Nachwahlbefragung stattgefunden hätte. Trotzdem sei eine seit längerem bekannte Tendenz zu erkennen: eine durchschnittlich geringe Wahlbeteiligung der 18- bis 35-Jährigen. Parkinson ist enttäuscht. "Einige Gleichaltrige erzählten mir, sie hätten nicht gewählt, weil sie nichts von der Wahl gewusst hätten. Und das trotz der enormen Summen, die für eine Jugend-Wahl-Kampagne ausgegeben wurden. Youtube-Werbung, Werbung die wie Club-Schilder aussahen. Das alles war ein außergewöhnliches Novum. David Cameron warb um die britische Jugend. Prominente wie Lily Allen, Keira Kneightley, Idris Elba und Emma Watson animierten, wählen zu gehen."

Jeremy Corbyn ist von den Labour-Abgeordneten im britischen Parlament zu achtzig Prozent das Misstrauen ausgeprochen worden, bleiben will er trotzdem. Zur traurigen Figur des Labour-Führers und seinen ergebenen Anhängern, die für die EU nicht einen Finger krumm machen wollten, schreibt Jan Feddersen in der taz: "Es ist dies ein neuerlicher Beweis, dass diese Partei Kontakt und Tuchfühlung zu den Prekarisierten fahrlässig eingebüßt hat. Labour, das ist - wie so viele Sozialdemokratien in Europa - eine Partei geworden, die sich mehr um Islamfragen, Kritik an Israel, Postkoloniales, LGBTI*-Themen oder kulturelle Geschmacksfragen kümmert, als es für ihren politischen Erfolg auch in den White-&-Colored-Trash-Gegenden, den Zentren der englischen Industrie, nötig wäre."

Nun fordern Populistinnen von Marine Le Pen bis Sarah Wagenknecht ebenfalls EU-Referenden. "Die Kaskade dieser Aufrufe", schreibt Nicholas Vinocur bei politico.eu, "zeigt, dass eine der Lektionen aus dem Brexit von Macht und Unvorhersehbarkeit direkter Demokratie handelt und wie sehr dies die europäische Politik der nächsten Jahre prägen wird."

Auch für die Ernährung wird der Brexit Konsequenzen haben, erläutert Bee Wilson im New Yorker: "Schon warnt der Präsident der National Farmers' Union, Meurig Raymond, dass Preise für Nahrungsmittel wegen des schwachen Pfunds und der Abhängigkeit Britanniens von Importen steigen könnten. Als ein Land, das nur 54 Prozent seiner Nahrungsmittel selbst produziert, sieht Britannien angesichts schwankender Märkte verletzlich aus." Und dann fehlen auch noch die polnischen Landarbeiter!

Im Interview mit dem Tagesspiegel hofft Katarzyna Wielga-Skolimowska, Leiterin des Polnischen Kulturinstituts in Berlin, dass nach dem Brexit "Deutsche und Polen jetzt näher zusammenrücken".

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Über der Brexit-Aufregung ist eine antisemitische Episode untergegangen, die Martin Schulz und das EU-Parlament insgesamt in reichlich trübem Licht dastehen lässt, schreibt Alex Feuerherdt in seinem Blog Lizas Welt. Just am Tag der Brexit-Abstimmung redete vor dem EU-Parlament der Vorsitzende der Palästinensischen Autonomiebehörde, Mahmud Abbas: "Der palästinensische 'Präsident'... hatte unter anderem behauptet: 'Bestimmte Rabbis in Israel haben ihre Regierung sehr klar dazu aufgefordert, unser Wasser zu vergiften, um Palästinenser zu töten. Ist das nicht eine eindeutige Anstiftung zum Massenmord gegen das palästinensische Volk?' Für seine Rede erntete Abbas von den Parlamentariern und ihrem Präsidenten nicht etwa deutliche Kritik, sondern im Gegenteil viel Applaus." Martin Schulz nannte die Rede "inspiring", das EU-Parlament klatschte brav Beifall.

Hier der betreffende Ausschnitt aus Abbas' Rede:




Und hier Standing Ovations und Martin Schulz' Dank.



"Juden wurden im ganzen Mittelalter beschuldigt, europäische Brunnen zu vergiften", kommentiert Yair Rosenberg bei Tablet, "vor allem zur Zeit der großen Pest. Solche Verleumdungen führten regelmäßig zu Pogromen und sind über die Jahrhunderte immer wieder wiederholt worden. Bemerkenswerter Weise hat kein europäischer Offizieller bisher Abbas für diese fanatischen Aussagen zurechtgewiesen, trotz der verstörenden Geschichte dieser Art übler Nachrede auf dem Kontinent."

In der FAZ unterhält sich Anna Prizkau mit Vertretern der BDS, der Israel-Boykott-Bewegung, die mit ihren Aufrufen den Hass auf Israel schürten.

Die FAZ hat David Schalkos Artikel über einen heraufziehenden Faschismus in Österreich online gestellt: "Poster rufen zum Mord am Bundeskanzler auf. Die sogenannten Identitären ziehen mit Bengalischen Feuern durch das nächtliche Wien. Im Minutentakt überbrüllen die Rechten jede politische Diskussion, um sie auf ein Thema zu reduzieren: Den Untergang des Abendlandes aufgrund von Islam und Flüchtlingen. ... Die Rechte sucht nicht das Gespräch. Sie grenzt sich selbst aus, um ihre Anhänger bei der Stange zu halten. Ein konstruktiver Diskurs wäre gefährlich. Er würde die Inhaltslosigkeit der Rechten entlarven. Denn letztendlich lässt sich alles auf einen Satz reduzieren: Die da oben sind für Immigration, und wir da unten müssen diese ertragen. Wir gegen die. Ein Klassenkampf, der längst klassenübergreifend funktioniert."

Riesengroß ist die Rekonstruktion der Kölner Silvesternacht durch das Zeit-Magazin, die jetzt mit vielen Videos und Visualisierungen online steht: "Die erste Anzeige wegen sexueller Belästigung erstattet eine junge Frau um Mitternacht auf der Polizeiwache Stolkgasse, nur wenige Meter vom Hauptbahnhof entfernt. Die Führungskräfte der Polizei erfahren erstmals gegen ein Uhr, dass Frauen seit Stunden sexuell belästigt werden. Mittlerweile warten 30 bis 50 Personen in dem kargen Raum der Polizeiwache. "
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Religion

Nissim Behar, Libération-Korrespondent in Tel Aviv, erzählt die Geschichte der Esti Weinstein, deren Schicksal offenbar die israelische Öffentlichkeit erschüttert. Sie wurde vor einiger Zeit tot aufgefunden und hat ein 180-seitiges Manuskript hinterlassen, in dem sie über das ultraorthodoxe Leben für Frauen schreibt und außerdem über ihre Ausgrenzung spricht, nachdem sie sich zur Säkularen erklärt hatte. Auszüge aus diesem Manuskript sind in israelischen Zeitungen veröffentlicht worden: "Bei den meisten Ultraorthodoxen wird jede Person, die sich zur Säkularen erklärt, als tot betrachtet. Die Familienmitglieder brechen den Kontakt mit ihr ab. Einige organisieren gar eine symbolische Beerdigung und tragen Trauer. Genau dies ist vor acht Jahren Esti Weinstein geschehen: Von einem Tag auf den anderen haben ihre Familie, ihre Freunde die Tür vor ihr veschlossen. Sie durfte auch keinen Kontakt mehr mit sechs ihrer sieben Töchter haben. Nur eine der Töchter, Tami, hatte den selben Weg gewählt wie sie."
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Ideen

Für den Kulturhistoriker Philipp Blom spaltet sich Europa heute zwischen denen mit einem liberalen Traum und denen mit einem autoritären Traum. Ökonomisch kann der liberale Traum bedeuten, dass der Starke den Schwachen drangsaliert, sagt Blom im Interview mit dem Standard. "Und dann hat dieser liberale Traum auch noch einen Fehler, und das ist jener, dass Freiheit auch als Zwang empfunden werden kann. Freiheit heißt auch Entwurzelung. Auf Englisch unterscheidet man in 'Sense of Space' und 'Sense of Place' - der liberale Traum hat einem den Space, den Raum um sich herum, ermöglicht, aber den Place, die Identität, die Herkunft, zum Teil geraubt. Das ist ein schwieriger Lebensentwurf, der viele Menschen überfordert. Der autoritäre Traum, der nicht in Individuen, sondern in Kollektiven - Völker, Nationen oder Religionen - denkt, der gibt vor, dazu eine Alternative zu bieten. Dieser Traum verbindet die Rekruten vom IS mit den identitären Bewegungen in Europa, aber auch mit Donald Trump, Putin oder Erdoğan."

In der NZZ denkt der Islamwissenschaftler Tilman Seidensticker über den Islam nach und seine angeblich für immer festgezurrte Auslegung. Selbst die meisten Muslime sehen das nicht so, schreibt er mit Bezug auf die Studie "Muslime in Deutschland" von 2007: "Die zugrunde liegende Annahme eines unveränderlichen Wesenskerns von Religionen ist empirisch vielfach widerlegt. Eine sinnvolle Auseinandersetzung mit dem Islam erkennt man daran, dass sie ebendiese Tatsache berücksichtigt."
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Medien

Die Medienzeitschrift kress pro hat zu den Honoraren der Fußballer-Experten Oliver Kahn und Mehmet Scholl bei ZDF und ARD recherchiert. Scholl soll demnach angeblich 1,6 Millionen Euro Honorar pro Jahr bekommen, resümiert Bülend Ürük die Recherchen bei kress.de: "Sowohl ARD als auch ZDF schweigen auf Nachfrage, offizielle Details gibt es zu den Vereinbarungen nicht, sie werden geheim gehalten. Allerdings greift eins nicht - der Verweis, man müsse diese Honorare wegen der 'Marktsituation' bezahlen. Denn bei den Privatsendern (außer Sky mit Franz Beckenbauer) sieht das Honorar für die Fußballexperten schon ganz anders aus. kress pro schreibt: 'Prominente Ex-Profis wie die Weltmeister Olaf Thon oder Andreas Möller verdienen bei der Übertragung der Europa-League-Spiele auf Sport1 rund 1.500 bis 2.000 Euro pro Auftritt. Generelle Aussagen zu den Honoraren sind schwer, weil die Interessenlagen der Ex-Kicker unterschiedlich sind: Manche suchen die Bühne, andere das Geld. Einige auch beides', schreiben Wiegand und Rittinghaus."

Die ARD habe aber ausgesprochen verärgert auf die Meldung reagiert und scharf dementiert, schreibt Meedia mit dpa: "Allerdings folgte auf das Dementi auch keine Transparenz. ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky nannte auch am Dienstag keine genauen Zahlen, was das Experten-Honorar betrifft." Auch ARD-Vorsitzende Karola Wille dementiert im Gespräch mit Michael Hanfeld in der FAZ.

Markus Wiegand, Chefredakteur von kress pro, verteidigt die Zahlen in seinem Editorial (nicht online) recht selbstbewusst und merkt an: "Allein für den Sportrechte-Etat eines Jahres (rund 182 Millionen Euro) könnte das ZDF mehr als 2.000 Journalisten (!) beschäftigen, die statt Halligalli beim Sport-Ballaballa für den Informationsauftrag und damit den Kernauftrag der Öffentlich-Rechtlichen arbeiten würden."

(Via turi2) Die BBC ist dagegen von der Regierung gezwungen worden, die höchsten Gehälter zu nennen, berichtete der Guardian im Mai. Heute kamen die Zahlen, berichtet John Plunkett ebendort: "Die Zahl der Leute, die zwischen 500.000 und 5 Millionen Pfund im Jahr verdienen - die höchste Kategorie bei der BBC - fiel von 9 im Jahr 2014/15 auf 7 im letzten Budgetjahr. Die Gesamtsumme für die größten Stars - zu denen wohl der 'Match of the Day'-Moderator Gary Lineker und Talkshowmoderator Graham Norton gehören - fiel um 25 Prozent von 8 Millionen auf 6,6 Millionen Pfund."
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