Efeu - Die Kulturrundschau

Das Geräusch ist elementar

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29.06.2016. In der Welt erzählt Hallgrimur Helgason die isländische Sommersaga mit schwedischer Disziplin. Wie leer darf eine Geste bleiben? fragt der Guardian mit Blick auf Renzo Pianos Athener Kultur-Akropolis, die bis auf Weiteres fast nur aus Licht und Luft besteht. SZ und FAZ lassen sich in Basel vom modernisierten Stockhausen-Sound überwältigen. Der Tagesspiegel erkundet in der Berliner Gemäldegalerie Spaniens goldenes Zeitalter. Und alle freuen sich über den Büchner-Preis für den Lyriker, Plattensammler und Wörterbuch-Junkie Marcel Beyer.

Architektur


Renzo Pianos Kulturzentrum aus Licht und Luft und leeren Regalen. Foto: RPBW

Oliver Wainwrigth blickt im Guardian etwas verstört auf die gigantische Kultur-Akropolis in Athen, die Renzo Piano im Auftrag der Stavros Niarchos Foundation gebaut hat und die nur aus Licht, Luft und Wind zu bestehen scheint. Ein tolles Geschenk für den bankrotten Staat: "Mit der ganzen Macht privater Philanthropie wurde das Stavros Niarchos Kulturzentrum mit großen Fanfaren und Feuerwerk am Wochenende eröffnet. Nein, das heißt eröffnet wurde es nicht. Sowohl der Nationalbibliothek als auch der Oper wurden fünf Millionen Euro gestiftet, um sie hier anzusiedeln, doch darüberhinaus bleibt die Finanzierung unklar. Die Regale der Bibliothek, die eigentlich zwei Millionen Bücher fassen könnten, stehen leer. Die Parktore bleiben geschlossen. 'In schwierigen Zeiten wie diesen, braucht der Mensch Hoffnung', sagt Renzo Piano, 'ein gutes Gebäude zu entwerfen ist eine wichtige bürgerschaftliche Geste. Es gibt Hoffnung auf eine bessere Welt'."
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Stichwörter: Athen, Renzo Piano

Literatur

Der Büchnerpreis geht in diesem Jahr an den Lyriker, Essayisten und Romancier Marcel Beyer. Die Kritiker reagieren freudig: "Das wurde auch Zeit", ruft Gerrit Bartels im Tagesspiegel aus. Ähnlich geht es Helmut Böttiger auf ZeitOnline, der sich darüber freut, dass nach Rainald Goetz im vergangenen Jahr nun zum zweiten Mal ein der Gegenwart erfreulich zugewandter Autor ausgezeichnet wird: Der mit einer "legendären" Plattensammlung ausgestattete, langjährige Spex-Autor "spürt verborgene Verbindungen in der Geschichte auf, er zeigt Zusammenhänge, und er verfährt musikalisch." (Bild: Dontworry, CC BY-SA 3.0)

Judith von Sternburg erliegt in der FR dem "Zauber von Beyers Wortfunden" und bescheinigt dessen Lyrik, anschlussfähig zu sein "an die große, rätselhaft gewordene und darum abgedrängte Dichtung des Mittelalters, des Barock, an die europäischen Wörtersammler und Anspieler, die sich auskannten in den Geschichten der Heiligen und der Schriftkunst, die sich unter Umständen aber auch einen Spaß daraus machten, rabelaishaft Listen über ihre Leser auszugießen".

Im Tagesspiegel lobt Gregor Dotzauer Beyers "Widerständigkeit gegen ein unbefragt realistisch-mimetisches Literaturverständnis" und stellt fest: "Höher geht es in der deutschen Literatur seiner Generation nach dieser Wahl kaum noch hinaus. Es wird deshalb spannend, in welchen Regionen sich die Akademie in den kommenden Jahren umsehen will." In der SZ führt Lothar Müller durch das Schaffen des "Wörterbuch-Junkies". Christoph Schröder unterstreicht in der taz: "Der Klang und die Musikalität von Sprache sind es, die Beyers literarische Forschungen grundieren und vorantreiben. Das Geräusch ist elementar." Und auf anderthalb FAZ-Seiten berichtet der Preisträger selbst unterdessen von seinem Besuch bei Friederike Mayröcker in Wien, deren Lyrik ihn maßgeblich beeinflusst hat. In der NZZ freut sich Roman Bucheli auf für all die Leser, die jetzt vielleicht Marcel Beyer entdecken werden. In der Welt schreibt Richard Kämmerlings. Hier ein Überblick über Marcel Beyer in unseren Presserundschauen und Artikeln.

Völlig berauscht vom isländischen EM-Erfolg gegen die englische Mannschaft dichtet der Schriftsteller Hallgrímur Helgason in der Welt die "Sommernachtssaga", die sich allerdings auch dem schwedischen Trainer Lars Lagerbäck verdankt: "Er war genau der Mann, den wir brauchten, ein 'langweiliger' Schwede, der strukturiert, geduldig und langfristig dachte, etwas, was wir in Island nicht mehr kennen. Wir, die wir das allerundisziplinierteste Volk sind, alles nebenbei erledigen, immer zu allem bereit sind und überzeugt, dass am Ende schon alles gut gehen wird. Daher unser optimistischer Kampfgeist. Doch wenn man dazu schwedische Disziplin addiert, kommt eine Fußballmannschaft heraus, die jedes andere Team auf der Welt schlagen kann und jetzt im Viertelfinale der Europameisterschaft steht."

In der NZZ singt Schriftsteller Albert Ostermaier eine Hymne auf den Torwart. Ein einsamer Sisyphos auf der Torlinie sei er, der immer herbeisehnt, was er abwehren muss: "Er soll der personifizierte Schrecken sein, medusenlockig, soll mit dampfenden Nüstern und Minotaurusmiene den Gegner auf seine Hornhände nehmen, aber zugleich, wenn keine Gefahr droht, die Ruhe selbst sein, wie es wieder einmal der Maier Sepp auf den treffendsten Punkt brachte: 'Ein Torhüter muss Ruhe ausstrahlen. Er muss aber aufpassen, dass er dabei nicht einschläft.'"

Weiteres: Bei tell erlaubt sich Samuel Hamen vor den Tagen der Literatur in Klagenfurt, anhand der Autorenclips einige "unverschämte Mutmaßungen" über die Autoren und deren Texte anzustellen. Claus Jürgen Göpfert (FR), Christoph Schröder (SZ) und Florian Balke (FAZ) schreiben zum Tod der Schriftstellerin Silvia Tennenbaum.

Besprochen werden unter anderem Alexandra Kleemans "A wie B und C" (Tagesspiegel), André Kubiczeks "Skizze eines Sommers" (Tagesspiegel), Wytske Versteegs "Boy" (FR), Colin Barretts Stories "Junge Wölfe" (NZZ) sowie Neuerscheinungen zu Heidegger (NZZ).
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Bühne




Gesangsakrobatik mit Schnalzlauten: Stockhausens "Donnerstag" in Basel. Foto: Sandra Then.

In Basel hat Lydia Steier den "Donnerstag" aus Karlheinz Stockhausens "Licht"-Zyklus zur großen Begeisterung der Kritik auf die Bühne gebracht. SZ-Kritiker Egbert Tholl hat hier tatsächlich die Zukunft des Werks gesehen, "weg vom Musealen, weg von der Ästhetik der Achtzigerjahre": "Das raubt dem 'Donnerstag' wohltuend das Mystische und zeigt ihn als Individualentwurf radikaler Kunst, ja als Gegenentwurf heute herrschender Versuchsanordnungen." Lotte Thaler von der FAZ berauscht sich unterdessen am schieren Sounderlebnis: "Es ward Licht in Basel. Alle denkbaren Einwände gegen das Libretto, alle berechtigten Zweifel an seiner religiösen Hybris werden durch Stockhausens Musik überwältigt. Klangbänder grundieren die Partitur, Schnalzlaute setzen geräuschhafte Akzente, virtuose Gesangsakrobatik wird mit Lamento-Passagen durchsetzt, ostentative Wiederholungen durchkreuzen die harmonische Tiefenverankerung, aufgeregtes Atmen unterbricht die lyrische Keuschheit." Nur dass die Inszenierung den Komponisten am Ende "postum als Geistesgestörten" erkläre, gehe "eigentlich zu weit".

Weiteres: In der Nachtkritik verschafft Wolfgang Behrens einen Überblick über die aktuellen Theatermagazine.

Besprochen werden der Auftakt des "Infektion!"-Festivals an der Berliner Staatsoper mit Hans-Werner Kroesingers "Die Luft hier: scharfgeschliffen" (Tagesspiegel), Emanuel Gats in Berlin gezeigte Choreografie "Sunny" (Tagesspiegel), ein Auftritt von Dorrance Dance in Darmstadt (FR), eine Stuttgarter "Maria Stuart" in der Regie von Anna Bergmann (Nachtkritik, SZ) und Calixto Bieitos Münchner Inszenierung von Fromental Halévys "Die Jüdin", die Walter Dobner in der Presse zumindest musikalisch auf hohem Niveau erlebte, Marco Frei in der NZZ dagegen zähflüssig (FAZ).
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Kunst

Im Tagesspiegel schreibt Rolf Brockschmidt über den in Deutschland weitgehend unbekannten Maler, Bildhauer und Architekten Alonso Cano, der im Rahmen einer Ausstellung in der Berliner Gemäldegalerie über Spaniens goldenes Zeitalter der Kunst wiederentdeckt werden kann: "Zu den bedeutenden Gemälden Canos zählt 'Christus in der Vorhölle' (1646), das auch nach Berlin kommt und lange vor Velázquez' Venus die Eva als Rückenakt darstellt. Cano gilt zudem als produktivster und bester Zeichner seiner Zeit, was man an der Zeichnung 'Der heilige Sebastian' in Berlin studieren kann. Bei allen Erfolgen überschattet die Ermordung seiner zweiten Frau Canos Leben, zumal man ihn der Tat verdächtigt."

Weitere Artikel: Aus Anlass der Ausstellung schreibt der Kunsthistoriker Henrik Karge über andalusische Kirchenarchitektur des 16. und 17. Jahrhunderts. Für den Freitag unterhält sich Hendrik Hassel mit dem Kriegsfotografen Christoph Bangert.

Besprochen werden Michel Houellebecqs Kunstausstellung "Rester Vivant" im Palais de Tokyo in Paris ("eine narzisstische Nabelschau, der es an Humor nicht mangelt", schreibt Annabelle Hirsch in der taz) und eine Ausstellung der drastischen Fotografien von Ken Schles, Jeffrey Silverthorne und Miron Zownir in den Deichtorhallen in Hamburg (FAZ).
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Film


Wille zur Ordnung und Harmonie: Hou Hsiao-Hsiens "The Assassin".

Völlig hin und weg ist in der Berliner Zeitung Patrick Wellinski von Hou Hsiao-Hsiens "The Assassin", dem Schwertkampffilm-Debüt des ansonsten auf gediegen inszenierte Dramen spezialisierten taiwanesischen Auteurs. Auf ein rasantes Spektakel darf man allerdings nicht hoffen, vielmehr bleibe der Filmemacher seinem Schaffen treu: "Es ist die reine Schönheit von kunstvoll arrangierten Bildtableaus mit ihren leuchtenden Details: die altchinesische Frisur der Gouvernante; das sorgsam gestickte, dunkelblaue Gewand ihres Mannes; die geräuschlos aus der Ferne flatternden roten Bändchen an den Kriegeruniformen ... Von diesen Augenblicken will man stundenlang erzählen und schwärmen. Denn was hier visuell überwältigt, ist nicht das Spektakel, sondern der Wille zur Ordnung und Harmonie." Auf ihrem Blog nähert sich Katrin Doerksen der visuellen Schönheit des Films mit einer sehr schönen Video-/Bildcollage.

Die Filmkritiker trauern um Bud Spencer. Sehr ausführlich würdigt Georg Seeßlen auf Zeit Online das gemeinsame Schaffen des bärigen Italieners und dessen Kompagnon Terence Hill: Das Duo war der "perfekte Ausdruck eines neuen, ernüchterten Optimismus nach den ersten schweren Krisen des Nachkriegskapitalismus. Als Nachfolger des Picaro, von Don Quijote und Sancho Pansa, der Commedia dell'arte, der großen Tramps des amerikanischen Stummfilms, schlugen sie sich durch eine Welt, die nicht mehr ganz heil war, gewiss nicht, aber auch nicht so apokalyptisch und ausweglos verdorben wie in den anderen italienischen Genrefilmen zuvor."

In seinem Blog schreibt Oliver Nöding: Spencer "war der Held wider Willen, ein Mann, der sich immer wieder gegen sich selbst entschied, um das Richtige zu tun. Diese Rolle erfüllte er nicht nur mit Bravour (all die Szenen, in denen er knurrend klein bei gibt, mit dem Schicksal hadert, dass er nicht ein anderer ist, und seinen Partner, dieses rechtschaffene Aas, verflucht), er zeigte damit auch, dass man kein leuchtender Wohltäter sein muss, um ein Held zu sein."

Perlentaucher Thomas Groh prüft posthume, durch ein Boulevard-Magazin vorgebrachte und allenthalben wiederholte Vorwürfe gegen Michael Jackson, er habe Kinderpornografie besessen. Mit einiger Mühe liest er den online gestellten Polizeibericht und stellt fest - Jackson hat nur allgemein zugängliche Fotobücher besessen: "In erster Linie ist diese ganze Angelegenheit vor allem ein Lehrstück über journalistische Kultur im Zeitalter potenzierter Empörungswilligkeit. Es zeigt sich, mit welchen kleinen semantischen Verschiebungen sich ein Maximum an öffentlicher Welle hervorrufen lässt."

Außerdem: In der Welt denkt Holger Kreitling darüber nach, was Bud Spencer zum Idol für all die Kinokinder machte, die auch als Erwachsene noch vom Dampfhammerschlag träumen. Weitere Nachrufe in FR, taz und Berliner Zeitung. Die FAZ-Autoren erinnern sich und BR Klassik hat die schönsten Spencer/Hill-Soundtracks zum Nachhören zusammengestellt.
Archiv: Film