Efeu - Die Kulturrundschau

Jeder lärmt für sich

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08.06.2016. Die FR bewundert die Felsbildmalerei von Chauvet, Altamira und Simbabwe. Der Standard bewundert die Erzählkunst des Comic-Autors Frédéric Pajak. Der Guardian lässt sich von Bjarke Ingels Serpentine Pavillon verschlingen. Die NZZ spielt 15 Stunden "Uncharted 4". Und die taz jubelt über den grandiosen Krach des japanischen Fluxus-Quartetts Marginal Consort.

Architektur


Der Serpentine Pavillon 2016 von Bjarke Ingels (BIG). Foto: Iwan Baan

In diesem Jahr hat Bjarke Ingels den Pavillon für die Serpentine Gallery in London entworfen. Für Alexander Menden in der SZ ist es nicht nur "einer der stärksten in der Geschichte des Projektes", sondern auch "eine wunderbare High-Tech-Sommergrotte". Im Guardian schwärmt auch Oliver Wainwright. Von einer Seite sehe der Pavillon aus wie ein Vorhang, der sich im Wind bläht, von der anderen Seite wie eine Schlange, die gerade ein paar Galerie-Besucher verschlungen hat: Für den energiegeladenen 41-jährigen Architekten verkörpert der Pavillon seine Philosophie der Bigamie. 'Es ist eine Wand, die zur Halle wird', sagt Ingels, 'ein Tor, das zum Raum wird' - und ein Regalsystem, das zum Pavillon wird. 'Warum sich mit einem zufrieden geben', witzelt er, 'wenn man zwei haben kann?'" Mehr dazu hier.
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Film

In Videospielen wird mittlerweile interaktiv erzählt, berichtet Steffen Haubner, der sich vom Abenteuer-Epos "Uncharted 4" freudig 15 bis 18 Stunden an den Bildschirm fesseln ließ: "Dabei besteht die Herausforderung für die Entwickler darin, eine schlüssige Geschichte zu erzählen, ohne die Bewegungsfreiheit des Spielers allzu sehr einzuschränken. Interaktive Geschichten zu erzählen, stellt hohe Ansprüche, doch wenn es gelingt, ist die Sogwirkung immens."

Im Interview mit dem Guardian spricht Regisseur Brian de Palma über die Macht der Kritiker - allerdings nur über kleine Filmproduktionen - und bringt auch sehr schön die unterschiedlichen Kino-Traditionen auf den Punkt: "Ich habe immer gesagt, dass ein Film 24 Mal in der Sekunde lügt. Das ist die Antithese zu Jean-Luc Godard, der behauptete, Film sei die Wahrheit 24 Mal in der Sekunde. Das ist Unfug. Film lügt immer."

Weiteres: Für Cinema-Scope resümiert Christoph Huber die Kurzfilmtage von Oberhausen. Besprochen werden Michel Gondrys Roadmovie "Mikro und Sprit" (SZ) und Peter Atencios Komödie "Keanu" (taz).
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Kunst


Höhlenmalerei in Simbabwe, Chinamora, Massimbura, 8.000 bis 2.000 v.Chr., Aquarell von Elisabeth Mannsfeld, 1929. Frobenius-Institut, Frankfurt am Main

In der FR hat sich Arno Widmann nach der Ausstellung im Berliner Gropiusbau mit neuen Publikationen und Kolloquien auf den neuesten Forschungsstand zur Höhlenmalerei gebracht: "Zu den Überraschungen der jüngsten Jahre gehört, dass man wohl davon ausgehen muss, dass die westeuropäischen Höhlenmalereien zum Beispiel von Chauvet nicht die ältesten der Menschheit sind. Es deutet vieles darauf hin, dass einige südafrikanische Arbeiten ebenfalls mehr als dreißigtausend Jahre alt sind. Wurde die Felsbildmalerei gewissermaßen mehrmals erfunden? Oder gehen die beiden so weit von einander entfernten ältesten Zeugnisse auf noch ältere, uns bis heute unbekannte gemeinsame Vorbilder zurück? Man könnte diese Fragen leicht beiseiteschieben, wäre uns die Kunst nicht so wichtig. Das Verlangen, die Welt um sich und sich selbst darin darzustellen, erscheint uns spezifisch menschlich."

Bei allem "Diagnose-Zauber" hätte sich NZZ-Kritiker Samuel Herzog von der Berlin-Biennale doch etwas mehr Abwechslung gewünscht, oder wenigstens einen Blick in die Nachbar-WG: "Vieles in dieser Schau scheint aus demselben Silikon geformt: digital manipulierte Bilder, Science-Fiction-Ästhetik, elektronisch generierte Klänge, bedeutungsvoll schwer verständliche Texte. Und alles behauptet sich in einer Atmosphäre, die 'post' irgendetwas ist: Post-Zukunft, Post-Science-Fiction, Post-Internet, Post-Politik, Post-Natur."

Weiteres: Raphie Etgars Jerusalemer Museum an der Naht geht das Geld aus, berichtet Inge Günther in der FR. Besprochen werden eine Ausstellung von Michael Jastrams Bildhaueratelier im Schadow-Haus in Berlin (Tagesspiegel) und die Ausstellung über Alice Lex-Nerlinger im Verborgenen Museum in Berlin (FAZ).
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Literatur

Geradezu überwältigt schreibt Stefan Gmünder im Standard vom Comic "Ungewissen Manifest 1", in dem der Zeichner und Autor Frédéric Pajak von einem elenden Leben als erfolgloser Autor erzählt und in verschiedensten Erzählformen mit Politischem, Historischem und Literarischem verbindet: "Gerade dadurch handelt Ungewisses Manifest 1 vom großen, zerbrochenen Ganzen. Trotz der Einsamkeit und Gottverlassenheit vor allem in den Zeichnungen spricht dieses Buch auch von der Hoffnung. Es ist jene größere Hoffnung, dass Wort und Gefühl, Imagination und Realität, Liebe und aufgelöstes Leid in eins fallen, von der auch Ilse Aichinger spricht.

Vor einem Monat wurden in Heidelberg Fragmente eines bislang unveröffentlichten und zunächst auch unzugänglich bleibenden, erotischen Romans von Rudolf Borchardt vorgestellt - die Feuilletons reagierten höchst erregt, insbesondere auch, da sich ihnen in den deftigen Textstellen ein anderer als der konservative Borchardt zu zeigen schien. Dass der Schriftsteller ein echter "Erotomane" gewesen sei und man dies anhand der Quellen nachvollziehen könne, schreibt in der FAZ nun Kai Kauffmann, Vorstandsmitglied der Rudolf-Borchardt-Gesellschaft. Und er erklärt auch, warum sich die Gesellschaft, anders als die Erben, nicht für eine Totalsperre, aber gegen eine Veröffentlichung des Romans ausgesprochen habe: Nämlich "nicht nur, weil der pornografische Charakter der autobiografischen Erzählung, die auf uns stellenweise den Eindruck von Omnipotenzfantasien eines gealterten Mannes machten, dem sowieso moralisch angeschlagenen Ruf des Autors weiter schaden könnte, sondern auch, weil uns die literarische Qualität durchaus zweifelhaft erschien." Ein zweiter "Berlin Alexanderplatz" sei er jedenfalls nicht.

Weiteres: Für den Tagesspiegel unterhält sich Marie Schröer mit der Comicautorin Marguerite Abouet. Besprochen werden Peter Handkes Aufzeichnungen "Vor der Baumschattenwand nachts" (NZZ), Christine Christ-von Wedels Porträt "Erasmus von Rotterdam" (NZZ), Anna Katharina Hahns "Das Kleid meiner Mutter" (FR), Blutchs Comic "Ein letztes Wort zum Kino" (Berliner Zeitung) und Bachtyar Alis bereits 2003 veröffentlichter, aber erst jetzt ins Deutsche übertragener Roman "Der letzte Granatapfel", den Stefan Weidner in der SZ für einen "Paukenschlag" hält: "Einer der intensivsten Texte aus dem orientalischen Raum, die seit Langem zu lesen waren. Sofort versteht man, warum der Autor in seiner Heimat Kultstatus genießt."
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Bühne

Beschwingt und gutgelaunt bilanziert Reinhard J. Brembeck die erste Musiktheaterbiennale in München des neuen Kuratorenteams Daniel Ott und Manos Tsangaris, die sich vom hochkulturell enggefassten Musiktheaterverständnis ihrer Vorgänger völlig frei gemacht haben: Die jetzt präsentierten Arbeiten drängen "leichtgängig ins Off und in den Alltag", lobt der Kritiker: "Alle Macher versuchen, durch eine leichte Akzentverschiebung die verborgene Poesie und die Magie alltäglicher Orte oder vertrauter Gegenstände aufscheinen zu lassen. ... Die dadurch frei gesetzte sinnfreie Poesie - das ist nicht nur eine Behauptung der Biennalemacher - ist das Schönste, was Kunst überhaupt hervorbringen kann."

Weitere Artikel: In der taz verabschiedet sich Michael Bartsch von Wilfried Schulz, der als Intendant vom Staatsschauspiel Dresden nach Düsseldorf wechselt. In der FR schreibt Christian Bos zum Tod des Dramatikers Peter Shaffer. Für die SZ unterhält sich Christine Dössel mit Maxi Obexer, deren Stück "Illegale Helfer", das die lokale AfD am liebsten jetzt schon abgesetzt sähe, morgen in Potsdam Premiere feiert.

Besprochen wird Barrie Koskys Frankfurter "Carmen"-Inszenierung, die laut einem mit der Zunge schnalzenden Hans-Klaus Jungheinrich (FR) "beherzt ins saftige Vokabular des unterhaltsamen Theaters" greift.
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Musik

Kaum Instrumente im üblichen Sinn des Wortes, aber kiloweise Utensilien zum Raudaumachen standen beim Berliner Konzert des japanischen Fluxus-Quartetts Marginal Consort bereit, erklärt Elias Kreuzmair in der taz. Den auf diese Weise entstandenen, "herrlich infernalischen Krach" fand der Kritiker interessant: "Jeder lärmt für sich. Kaum einmal reagiert einer auf den anderen, und wenn, dann höchstens im Gestus der Überbietung. So kann man unterschiedliche Stile des musikalischen Krachmachens beobachten. Imai arbeitet meist mit vollem Körpereinsatz, wenn er Latten aufeinanderschlägt und Schläuche durch die Luft wirbelt. Koshikawa ist der Introvertierte, spezialisiert auf Flöten und Streichinstrumente. Nur in seltenen Momenten sieht man Augen unter seinem Fischerhut blitzen. Shii spielt mit elektronischen Störgeräuschen und hat tausend Arten, diese zu erzeugen.
Masami ist der Hyperaktive. Er hat eine kindliche Energie, malträtiert Becken auch mal mit beiden Füßen."

Hier ein Ausschnitt aus einem (anderen) Konzert:



Besprochen wird ein Konzert von Martha Argerich in Berlin (Tagesspiegel).
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