9punkt - Die Debattenrundschau

Nicht einmal ein paar Millionen wert

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.04.2016. Nicht Diskriminierung, sondern freiwillige Selbstdiskriminierung ist die höchste Hürde für muslimische Migranten auf dem Arbeitsmarkt, lernt die NZZ vom Soziologen Ruud Koopmans. In der SZ berechnet der Dokumentarfotograf Gerd Ludwig die Kosten der Kernkraft neu. Für das sang- und klanglos abgeblasene Einheitsdenkmal fordert Günter Nooke, Mitinitiator des Projekts, im Tagesspiegel einen Aufschrei. Zeit Online macht auf die regelmäßigen antisemtischen Ausrutscher der SZ aufmerksam.

Europa

Seit dem Reaktorunfall 1986 war der deutsch-amerikanische Dokumentarfotograf Gerd Ludwig neunmal im Sperrgebiet rund um Tschernobyl, hat die Veränderungen festgehalten und Strahlenopfer porträtiert. Jetzt gibt es noch ein Atomkraftwerk in der Ostukraine, erklärt er im Interview mit der SZ, über das bis 2017 eine riesige Schutzhülle gebaut werden soll, die radioaktiven Staub festhalten soll. "Um die Strahlung selbst abzuhalten, bräuchte man Bleiplatten, die die Konstruktion gar nicht tragen kann. Das Ding wird von einem internationalen Konsortium gebaut, da stecken 27 Geberländer drin, die nach Fukushima erkannt haben, dass sie zu ihren Zusagen stehen müssen. Die Ukraine selber gibt noch immer einen großen Teil ihres Staatshaushalts für die Folgen der Tschernobyl-Katastrophe aus, Pensionen und medizinische Nachversorgung für die Liquidatoren, die chronisch kranken Nachkommen, die Umsiedler, dazu die Aufräumarbeiten. Wenn man diese Kosten zusammenzählt, rechnet sich Kernkraft ganz anders."

Im Flüchtlingsdeal mit der Türkei geht es nicht darum, Menschen in Not zu helfen, sondern sie aus Europa fernzuhalten, erklärt Volker Westerbarkey, der Präsident von Ärzte ohne Grenzen Deutschland, im Tagesspiegel. Aus diesem Grund habe seine Organisation entschieden, sich aus der Hilfe im Flüchtlingslager von Lesbos zurückzuziehen: "Das Abkommen der EU mit der Türkei steht aus unserer Sicht deshalb im Widerspruch zu den von der Politik so oft beschworenen Grundwerten Europas und zu einem Grundsatz des Völkerrechts: dem Recht, vor Krieg und Verfolgung zu fliehen... Wir weigern uns, Teil einer Einrichtung zu sein, die keine Rücksicht auf die Schutzbedürfnisse von Asylsuchenden und Migranten nimmt."
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Politik

Richard Herzinger kommt in der Welt nochmal auf die überraschende Meldung zurück, dass Palmyra weniger stark zerstört sei als angenommen: "Die westliche Annahme, der IS habe in Palmyra Tabula rasa gemacht, (war) zu einem Teil auch Resultat einer Selbstsuggestion, die auch von anderer Seite propagandistisch genährt wurde. So ist es ganz im Sinne des Assad-Regimes, wenn die Weltöffentlichkeit den IS als ultimativen Menschheitsfeind betrachtet. Kann es sich selbst so doch als Vorposten gegen die äußerste Barbarei darstellen."
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Stichwörter: Islamischer Staat, Palmyra

Urheberrecht

Mit Freuden hatten wir angemerkt, dass nun auch mal in der FAZ ein Artikel pro Open Access zu lesen ist (unser Resümee) und haben am gleichen Tag im selben Blatt aber an anderer Stelle (nämlich im Ressort Forschung und Lehre) den üblichen und besonders schneidig vorgebrachten Artikel von Roland Reuß übersehen: "Es gibt respektable Gründe, seine Gedanken nicht einem elektronischen Medium, sondern gedrucktem Papier anzuvertrauen. Langzeitverfügbarkeit ist einer, Unabhängigkeit von einem fragilen, manipulations- und zensuranfälligen Medium ein anderer. Die Weigerung, eine tendenziell allgegenwärtige Zerstreuungs- und Überwachungsmaschine zu füttern, ein dritter."
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Medien

Auch andere Zeitungen verfallen in der Israel-Berichterstattung oft in antisemitische Klischees, schreibt Mirjam Fischer bei Zeit online: "Und doch fällt die Süddeutsche Zeitung immer wieder besonders auf... Zum Teil wird mit geradezu bewusster Beharrlichkeit Antisemitismus über Sprache und Bilder geschürt. 2012 durfte Günter Grass sein Gedicht 'Was gesagt werden muss' in der SZ publizieren, aus dem 'der neue Antisemitismus aus dem Unterbewusstsein nur so quoll', wie es der Zeit-Herausgeber Josef Joffe ausdrückte. 2013 veröffentlichte die SZ eine Karikatur, die Israel als gefräßigen Juden darstellte. In der Bildunterzeile hieß es: 'Deutschland serviert. Seit Jahrzehnten wird Israel, teils umsonst, mit Waffen versorgt'. 2014 brachten die Münchner eine Zeichnung ins Blatt, die stark an die Darstellung von Juden durch die Nazis erinnerte: Charakterisiert war der jüdischstämmige Facebook-Gründer Mark Zuckerberg als gierige, hakennasige Krake."

Die Süddeutsche Zeitung versichert unterdessen, dass sie nicht dem Goldman Sachs-Konzern gehört - das hatte Wladimir Putin in einer polemischen Antwort auf die "Panama Papers" behauptet.
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Geschichte

Ziemlich peinlich für die FAZ liest sich eine Erwiderung Lukasz Kaminskis vom Institut für Nationales Gedenken in Warschau auf einen Artikel Joseph Croitorus, der das neue polnische Museum für christliche Polen, die Juden retteten, unter Verdacht stellte, "nur die polnische Opferrolle zementieren" zu sollen (unser Resümee und Link). Familien, wie die Ulmas, die viele Juden vesteckten, seien alles andere als typisch gewesen. Darauf Kaminski: "Die Haltung der Ulmas und Tausender ähnlicher Familien war nicht typisch, wie man auch die Haltung derer nicht als typisch betrachten kann, die versteckte Juden und ihnen helfende Polen erpressten und den Deutschen auslieferten. Auf diese Tat stand nach dem Recht des polnischen Untergrundstaats seit 1943 die Todesstrafe. Dieses Urteil vollstreckte der polnische Untergrund auch an dem Polizisten, der die Ulmas denunziert hatte. Das Museum in Markowa ist nicht ins Leben gerufen worden, um zu suggerieren, die Haltung der Ulmas sei typisch gewesen. Ganz im Gegenteil - es soll darauf hinweisen, welche Ausnahme ihr Opfer darstellte." Beschämend an Kaminskis Artikel besonders die Aufzählung der Verbrechen, die die Deutschen an Polen verübten und hier kaum bekannt sind.
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Kulturpolitik

Nachdem die Medien das abgeblasene Einheitsdenkmal gestern weitgehend mit Schulterzucken quittiert haben (unser Resümee), fordert Günter Nooke, Mitinitiator des Denkmals, im Tagesspiegel einen "Aufschrei": "Wollen wirklich alle Abgeordneten so leichtfertig auf das freudige Erinnern an die glücklichsten Tage der deutschen Geschichte verzichten? Sind ihnen friedliche Revolution, Mauerfall und Deutsche Einheit nicht einmal ein paar Millionen wert, wo wir doch ein Vielfaches von dem ausgeben, um Filme zu fördern, Kunsthallen zu bauen oder der negativen Seiten der deutschen Geschichte zu gedenken? Soll der leere Sockel des zerstörten Kaiser-Wilhelm-Denkmals davon zeugen, dass wir Deutschen mit unserer Geschichte immer noch nichts anzufangen wissen?"

Gesellschaft

In der NZZ fasst Martin Beglinger einige Studien und Thesen des in Berlin lehrenden niederländischen Soziologen Ruud Koopmans zusammen, der unter Kollegen umstritten ist und von Medien weitgehend ignoriert wird. Grund dafür ist laut Beglinger seine Auffassung, die Ursache für die Probleme insbesondere muslimischer Einwander auf dem Arbeitsmarkt sei nicht die Diskriminierung durch die ansässigen Bürger, sondern vielmehr die "freiwillige Selbstdiskriminierung der Immigranten", die sich der Assimilation an die Mehrheitsgesellschaft verweigern: "Koopmans' letzte große Studie aus dem Jahr 2013 ergab, dass von den 7000 befragten Muslimen in sechs westeuropäischen Ländern nicht weniger als 65 Prozent der Meinung sind, dass religiöse Regeln wichtiger für sie sind als säkulare Gesetze. Fast 60 Prozent wollen explizit keine homosexuellen Freunde, und 45 Prozent glauben, dass man 'Juden nicht trauen kann'. Mehr als 40 Prozent der europäischen Muslime, so Koopmans' Fazit, neigten deshalb zu einer fundamentalistischen Haltung."
Archiv: Gesellschaft