Efeu - Die Kulturrundschau

Überraschung! Tusch! Blumen!

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15.04.2016. Schaudernd und überwältigt sieht sich die NZZ entartete Kunst in Bern an. Von der Gegenwartsliteratur kann die Theologie einiges lernen, findet sie. Die SZ kann einem Rembrandt in 3D wenig abgewinnen.  Interview.de erfährt von Erwin Wurm, wie eng es im Österreich der Siebziger war. Die FAZ versinkt in der französischen Belle-Epoche und findet Benjamin Godard. Tagesspiegel und Welt gratulieren Maren Ade zur Nominierung in Cannes.

Kunst

Von "The Next Rembrandt", dem aus großen Datenmengen per 3D-Drucker von einem Computer erstellten Quasi-Rembrandtbild (hier dazu mehr), ist Andrian Kreye von der SZ merklich unterwältigt - und wähnt dabei einen Rembrandtexperten an seiner Seite. Die Frage, die sich dem SZ-Kritiker am drängendsten stellt: Löst das von keiner Menschenhand erstelle Bild dieselben Emotionen aus? Denn "ein echter Rembrandt überwältigt in Sekunden und wirkt dann noch lange nach mit seinen feinen Lichtspielen, den Blicken, Gesten, dem Echo eines längst vergangenen Jahrhunderts, das da wieder zum Leben erwacht. ... [Sehr starke Emotionen] kann der neue Rembrandt ganz hervorragend auslösen. 'Absolute Scheiße' ist das Fazit, das Ernst van de Wetering zieht. Diese Frechheit, den Ruhm Rembrandts für so ein Projekt zu missbrauchen."

(Bild: Ernst Ludwig Kirchner, Alpsonntag. Kunstmuseum Bern)

Die Ausstellung "Moderne Meister" im Kunstmuseum Bern verschafft erstmals Einblicke in die Provenienz der "entarteten" Werke der Sammlung, schreibt Maria Becker in der NZZ. Ihre Überwältigung beim Betrachten der Bildern weicht nicht selten einem Schaudern: "Diffamierung ist ein Gift, das in Gemütern lange hängenbleibt. Als Betrachter in der Berner Ausstellung hat man den Eindruck, dass hier etwas zu Wort kommen darf. Fragen werden aufgeworfen: Was war es eigentlich, das diese Bilder für die Staatsdoktrin der Nationalsozialisten so herausfordernd machte, dass sie durch Gewalt und Enteignung entfernt werden mussten? Offenbar war diese Kunst gefährlich. Sie zeigte nicht nur die Unabhängigkeit von Farbe und Form, sondern legte Seelenzustände, die Zersplitterung des Weltbildes, die Verzerrung durch Angst und Zerstörung offen."

(Bild: Erwin Wurm,Narrow House, Pilane 2015)

Auf Interview.de erfährt Anneli Botz von Erwin Wurm, warum er in seiner Ausstellung "Bei Mutti" in der Berlinischen Galerie, sein geschrumpftes Elternhaus aufgebaut hat: "Das hat viel mit der Zeit meiner Kindheit und Jugend zu tun. Denn rückblickend erschien mir die Zeit der 60er-, 70er-Jahre stets als sehr restriktiv. Was Politik, Demokratie und Geisteshaltung in Österreich anging, war die Nachkriegszeit immer noch zu spüren. Wenn man das Narrow House betritt, ist man gleich in einer gewissen Klaustrophobie gefangen. Diese spiegelt die geistige Enge der Gesellschaft wider, zu deren Zeit das Originalhaus konstruiert wurde."

Besprochen werden Erwin Wurms Ausstellung in der Berlinischen Galerie (Berliner Zeitung) und Werner Schäfkes kulturhistorische Studie "Kunsthaus Lempertz" (FAZ).
Archiv: Kunst

Film

Das Berliner Kino Arsenal hat sein umfangreiches Kopienarchiv im neuen Kulturquartier silent green in Wedding eingelagert, berichtet Detlef Kuhlbrodt in der taz, und räumt bei dieser Gelegenheit auch gleich mit offenbar bestehenden falschen Vorstellungen auf: "Es ist nicht so, dass das Arsenal die mittlerweile 8.000 Filme wie Dagobert Duck sammelt, damit die Arsenal-Mitarbeiter darin baden können." Hier kann man einen kleinen Blick ins neue Archiv erhaschen.

"Überraschung! Tusch! Blumen!", jauchzt Jan Schulz-Ojala im Tagesspiegel: Mit Maren Ades "Toni Erdmann" ist in diesem Jahr erstmals seit Jahren wieder ein deutscher Film im Cannes-Wettbewerb zu sehen. In der Welt schreibt Hanns-Georg Rodek über den Film.

Besprochen werden Nicolette Krebitz' "Wild" (Perlentaucher), Britta Wauers Porträtfilm "Rabbi Wolff" (taz), Nabil Ayouchs "Much Loved" (Tagesspiegel, Perlentaucher), Nicholas Hytners "The Lady in the Van" (FAZ) und Gordian Mauggs "Fritz Lang" (FAZ, Welt, mehr im gestrigen Efeu).
Archiv: Film

Literatur

In der Gegenwartsliteratur sind religiöse Motive nicht selten, langsam nähert sich aber auch die Theologie ihrerseits der Literatur, bemerkt Jan-Heiner Türck in der NZZ. Verheißungsvoll, findet Türck, denn: "Der sensible Umgang mit Sprache, der sich in der Literatur findet, kann für die Theologie ein Anstoß sein, an der sprachlichen Vermittlung ihrer Sinngehalte neu zu feilen, ohne die Differenz zwischen poetischer Erzähl- und argumentativer Reflexionssprache einfach einzuebnen. Zugleich hat die Theologie im Gespräch mit der Gegenwartsliteratur auch Eigenes einzubringen. Wo Literatur Züge von Religionsersatz annimmt und Dichter eine weihevolle Aura um sich verbreiten, wird sie ein warnendes Fragezeichen anbringen müssen. Auch kann es vorkommen, dass Literaturschaffende die Bibel als Steinbruch benutzen oder theologische Denkfiguren nicht nur umschreiben, sondern geradezu entstellen."

SZler Tobias Lehmkuhl ist auf ein ganzes Nest von Ostereiern gestoßen, die rund um Juli Zehs Roman "Unterleuten" in Form fingierter Websites ins Netz gestellt wurden.

Besprochen werden Schorsch Kameruns "Die schönste Zeit des Lebens" (online nachgeliefert von der Zeit) und Adrian Tomines Comic "Eindringlinge" (SZ).

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Archiv: Literatur

Bühne

Lüttich bringt Daniel-François-Esprit Aubers überaus selten gespielte und auch nur in wenigem Aufnahmen vorliegende Oper über "Manon Lescaut" wieder auf die Bühne. "Opéra comique, Operette und Singspiel lassen grüßen", schreibt Jan Brachmann nach der Aufführung in der FAZ. "Die Musik ist elegant und eingängig bis kurz an die Ohrwurmschwelle, ihre Wirkung allerdings auch nicht länger haltbar als prickelnder Champagnerschaum. Das mag erklären, weshalb Aubers 'Manon' nicht ins gängige Repertoire geschafft hat. Unüberhörbar steht Gioachino Rossini Pate, aber auch Anklänge an Jacques Offenbach sind zu vernehmen, nicht zuletzt in den Zwischenspielen, die mal zackig dahermarschieren, mal geschmeidig tänzeln." Mehr dazu in der Aachener Zeitung.

Begeistert hat sich NZZ-Kritikerin Katja Baigger am Zürcher Fabriktheater das Stück "Klubschule Import" angesehen. Die Performer Cecilie Ullerup Schmidt und Andreas Liebmann: "engagierten für ihre Klubschule zwölf in der Schweiz wohnhafte Flüchtlinge, die auf Deutsch, Englisch oder Arabisch mit Simultanübersetzung uns, den Einheimischen, ihr Wissen weitergeben, das sie im Herkunftsland erworben haben. Viele Ärzte und Ingenieure aus Syrien finden hierzulande keine Arbeit in ihrem angestammten Beruf. Man soll sie während der Performance für einmal als Berufsleute erleben und nicht als Migranten."

Nach Jan Fabres nur eintägigem Gastspiel als Intendant des Theaterfestivals Athen, klagt die Regisseurin Lena Kitsopoulu auf nachtkritk.de über die kulturelle Situation in Griechenland: "The attitude is 'I want it all and I want it now'. Immature, but understandable as well, for such a suffering society. Every new government that is elected here in Greece does the same thing: They take out people from leading positions, even if they are good in their jobs, just to put 'their' people there. That means that all the time programming is stopping until the new guy comes with his new program. So, all the work of the previous directors of any institution goes into the garbage."

Außerdem: Katrin Bettina Müller resümiert in der taz das FIND-Festival in Berlin, bei dem sich einige Stücke durch eine sichtliche "Angriffslust" auszeichneten. Für die Berliner Zeitung hat Doris Meierheinrich das Festival besucht.

Besprochen wird Hermann Schmidt-Rahmers Bochumer Inszenierung von Elfriede Jelineks "Die Schutzbefohlenen" ("Wann hat man das Bochumer Ensemble zuletzt so groß in Form gesehen", jubelt Martin Krumbholz in der SZ).
Archiv: Bühne

Musik

Kann das aufgehen, wenn eine anspruchsvolle Indieband wie Xiu Xiu auf ihrem neuen Album Angelo Badalamentis Scores zu David Lynchs Serienklassiker "Twin Peaks" neu einspielt? Durchaus, meint Benjamin Scheim von Pitchfork: "'Twin Peaks' ist wohl Badalamentis Schmuckstück und Xiu Xiu werden dem voll gerecht. Sie haben in zweierlei Hinsicht Erfolg: Nicht nur kriegen sie die geisterhafte Atmosphäre der Serie zu greifen, sie beschenken ihre Fans auch mit einer ihrer stärksten Veröffentlichungen seit langem." Hier eine Hörprobe.

Mit dem Bandprojekt Nonkeen, das gerade ihr Debütalbum "The Gamble" vorlegt, kann der Neoklassik-Pianist Nils Frahm nun auch endlich mal seinem Faible für elektronische Musikherstellung aus vollem Herzen nachgehen, erklärt Janp in der taz: "Es raschelt und wabert, rauscht und pluckert auf diesen neun Tracks, nachdem Frahm sie per Laptop so verfremdet hat, dass gerade noch der Geist eines Jazz-Trios hindurchweht. ... Diese Lust am Fummeln und Frickeln hat 'The Gamble' gutgetan; es ist ein behagliches Kopfhöreralbum geworden." Hier kann man sich das Album anhören.

Jan Brachmann berichtet in der FAZ von seiner hellen Freude, die ihm die Wiederentdeckung des französischen Belle-Époque-Komponisten Benjamin Godard bereitet: "Godards Musik hat die Geschmeidigkeit der von Jules Massenet, dazu allerdings noch die melodische Durchschlagskraft Mischa Spolianskys. ... Wenn James Ivory einen seiner Italien-Filme mit der Barcarolle op. 105 unterlegt hätte oder wenn man ein französisches Serien-Pendant zu "Downton Abbey" mit der "Gavotte parisienne" aus den Etüden op. 149 versehen würde - Godard wäre im Nu einer der beliebtesten Komponisten unserer Tage."

Außerdem: In der taz porträtiert Franziska Buhre die Experimentalmusikerin Maja Osojnik. Mit seinem Schwerpunkt "Neuland.Lied" erkundete "das Festival Heidelberger Frühling die Zukunft des Kunstliedes", berichtet Michael Stallknecht in der SZ.

Besprochen werden das neue Album von PJ Harvey (Spex, Pitchfork), eine A-ha-Konzert (Berliner Zeitung) und neue Bücher von Frank Schäfer und Jon Savage über das Jahr 1966 aus pophistorischer Perspektive (FAZ).
Archiv: Musik

Design

Für die NZZ hat sich Andrea Eschbach auf der Mailander Möbelmesse "Salone Internazionale del Mobile" umgesehen.
Archiv: Design