Efeu - Die Kulturrundschau

Substantiv-Reihen mit Bindestrichen

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30.03.2016. Pornografie und Holocaust, alles ist drin in Maxim Billers neuem Roman "Biografie, doch SZ und Berliner Zeitung können sich gar nicht richtig darüber aufregen. Nachtkritik verteidigt das Zürcher Neumarkt Theater gegen politischen Wegschaffungswillen. In Télérama spricht André Techiné über die Magie der Jugend und des Kinos. Die NZZ stellt Japans spektakuläre Hochzeitskapellen vor. Und Dezeen wirft einen Blick in die Magazine des Naturhistorischen Museums in Wien.

Architektur


Hiroshi Nakamuras Hochzeitskapelle bei Onimichi.

Die Japaner heiraten nicht mehr nach der jahrtausendealten Shinto-Tradition, sondern in Weiß nach christlicher Zeremonie, erzählt Paul Andreas, der sich für die NZZ die sagenhaften Kapellen angesehen hat, die von Architekten wie Tadao Ando und Ryuichi Ashizawa in grandiose Landschaften hineingebaut wurden: "Wie eine Glücksspirale inmitten der Landschaft erscheint da die Ribbon Chapel, die der Tokioter Architekt Hiroshi Nakamura und sein Büro NAP kürzlich am Rande des Hotels Bella Vista bei Onimichi in der Präfektur Hiroshima entworfen haben. Das seit über vierzig Jahren auf einer Anhöhe gelegene Viersterne-Spa-Hotel verzückt mit Aussichten auf das Seito-Binnenmeer, die Nakamura mithilfe eines 'miroir d'eau' auf der Hotelterrasse optisch elegant zu einem kontinuierlichen Panorama verschmolzen hat."

Mit äußerster Skepsis reagiert in der SZ Hans-Joachim Petersen auf die Eröffnung des millionenschweren Panorama-Museums in Angkor Wat, einem Joint Venture zwischen Kambodscha und dem nordkoreanischen Mansudae Art Studio, das ansonsten auf Personenkult-Aufträge aus Pyöngyang und Restaurationen von Frankfurter Märchenbrunnen spezialisiert ist. Denn zum Erhalt des "extrem fragilen 3D-Puzzles", das die historische Anlage von Angkor Wat darstellt und das zunehmend verfällt, trägt "das Panorama-Museum nun gar nichts dazu bei, es ist ein fragwürdiges Kulturtransfer-Investment, das vom boomenden Tourismus am Mekong profitieren will, während die eigene Königsstadt der Goryeo auf der koreanischen Halbinsel, die zur selben Zeit wie Angkor ein Imperium regierten, verfällt."
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Literatur

Ein neues Buch von Maxim Biller ohne Feuilletonaufreger? Kaum vorstellbar. Auch sein neuer 900 Seiten schwerer und offenbar auch recht pornografischer Roman "Biografie" lässt die Kritik vernehmlich ächzen. Für Lothar Müller stellt dieses Buch in der SZ jedenfalls einen "Kraftakt" dar, nämlich "den einmal angeschlagenen Ton bis zum Ende durchzuhalten. Der Kraftakt gelingt, und deshalb scheitert der Roman. Seine Handlung zusammenzufassen, wäre unsinnig. Denn die Figuren und Ereignisse sind nur dazu da, den Stil zur Geltung zu bringen, in dem das Ganze geschrieben ist." Und der Stil sehe so aus: "Hohe Adjektiv-Dichte, noch höhere Dichte von Namen und Wörtern, die Jüdisches signalisieren, viele Figuren und Schauplätze auf engem Raum, hohes Tempo, und die Neigung, Substantiv-Reihen mit Bindestrichen durchzukoppeln." Aus der Berliner Zeitung kann man derweil Christian Schlüter stöhnen hören: "Meine Güte, Biller!" Mehr im Überblick zum Autor in unserem Metablog Lit21.

Seit 2013 hat Arthur Solomonows in Russland veröffentlichter Roman "Eine Theatergeschichte" auch ohne viel Werbung eine beträchtliche Karriere in der kulturell interessierten Öffentlichkeit Russlands hingelegt, berichtet Katja Kollmann in der taz: "Es ist, als hätten die Einwohner von Moskau, aber auch Menschen aus der russischen Provinz nur auf jemanden gewartet, der stellvertretend für sie die vom Staat immer willkürlicher gesetzten Grenzen des offiziell Erlaubten übertritt. Artur Solomonow begibt sich in die totale No-go-Area. Das Porträt eines orthodoxen Priesters, der Einfluss auf den Spielplan und die Besetzungsliste des sogenannten Staatstheaters nehmen möchte, gelingt ihm eindrücklich."

Besprochen werden Daniel Woodrells "Tomatenrot" (SZ), Julia Trompeters Lyrikband "Zum Begreifen nah" (ZeitOnline), Yvonne Adhiambo Owuors "Der Ort, an dem die Reise endet" (FR) und Sergej Lebedews "Menschen im August" (FAZ).
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Film




Szene aus André Techinés "Quand on a 17 ans"

Im Interview mit Télérama spricht der französische Regisseur André Techiné über seinen Film "Quand on a 17 ans" (Mit siebzehn), der jetzt in Frankreich anläuft und bereits auf der Berlinale unsere Kritikerin umgehauen hat. Techiné muss schon zugeben, dass die Jugend ihn etwas mehr interessiert als andere Lebensphasen: "Sie entspricht am engsten meinem eigenen Empfinden. In der Jugend überlagern sich die erträumte und die gelebte Erfahrung. Das ist mir vertraut, durch diese Zeit bin ich selbst hindurchgegangen. In der erwachsenen Welt unterscheidet man strikt zwischen Realitätsprinzip und Lustprinzip. In der Jugend kann man das viel weniger trennen. Für mich hat die Jugend etwas Magisches, das auch dem Kino etwas Zauberhaftes gibt."


Held der Arbeiterklasse: James Caan ist Michael Manns "Thief".

Mit großer Freude sieht Tim Schenkl von Das Filter noch einmal Michael Manns Achtziger-Thriller "Thief" mit James Caan in der Hauptrolle, der nun restauriert in einer mustergültigen BluRay-Edition vor liegt. Der Film über einen Einbruchsprofi hat für Schenkl auch eindeutig klassenkämpferische Aspekte: "Schnell wird deutlich, dass die Welt des organisierten Verbrechens, von der sich der Einzelkämpfer immer fern gehalten hat, nach denselben Regeln funktioniert wie die legale Wirtschaftswelt bzw. die Welt an sich. ... Seine konsequente Verweigerungshaltung gegenüber dem gesellschaftlichen Status Quo und sein bedingungsloser Kampf gegen ein System, welches vor allem seine Arbeitskraft ausbeuten will, lassen ihn zu einem Helden der Arbeiterklasse werden. Am Ende des Films steht er zwar völlig alleine da, bleibt aber trotzdem ein Held."

Weiteres: In der FAZ weist Michael Hanfeld auf den Fernsehdreiteiler "Mitten in Deutschland" hin, der dem NSU-Terror auf den Grund gehen will. Besonders wuchtig und poetisch findet er Züli Aladags Teil "Die Opfer", der auf Semiya Simseks Buch "Schmerzliche Heimat" über das Schicksal ihrer Familie nach dem Mord an ihrem Vater Enver Simsek beruht. Besprochen wird außerdem Laurie Andersons Essayfilm "Heart of a Dog" (taz).
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Archiv: Film

Musik

Der Record Store Day war vielleicht mal eine gute Idee, mittlerweile ist die Idee aber völlig pervertiert und paradoxerweise erwachsen gerade den idealistischen Plattenläden daraus erhebliche Nachteile, schreibt Phil Harding, selbst Betreiber eines Plattenladens, auf The Quietus. Der Tag lohne sich mittlerweile nur noch für die Majors und Vertriebe, die Plattenläden selbst tragen oft das wirtschaftliche Risiko, ohne dass sich für sie aus der Veranstaltung ein Nutzen ergebe: Nicht zuletzt führt der Hype bei den Kunden zu "Enttäuschungen. Die Läden haben die Sonderveröffentlichungen nicht immer mehrfach vorrätig. ... Großartig - ein Event, das Plattenläden bewerben soll, die Kunden aber enttäuscht und desillusioniert zurücklässt. Genau das, was wir gebraucht haben."

Weiteres: Im Tagesspiegel schreibt Gregor Dotzauer zum Tod von Josef Anton Riedl. Nachrufe auf den überraschend gestorbenen deutschen Swingmusiker Roger Cicero schreiben Frederik Hanssen (Tagesspiegel), Elmar Kraushaar (Berliner Zeitung), Jan Feddersen (taz) und Rabea Weihser (ZeitOnline).

Besprochen werden das neue Album der Soulsängerin Mavis Staples (taz) und das Konzert zu Ehren von Pierre Boulez bei den Osterfestspielen in Luzern, das den Einstand des online organisierten Alumni-Orchesters des Festivals markiert (FAZ).
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Design

Gunda Bartels vom Tagesspiegel ist voll des Lobes über die Ausstellung über DDR-Gebrauchsgrafik, die derzeit im Berliner Museum der Dinge zu sehen ist und gegen das Klischee, der Osten sei bloß grau und ästhetisch verwahrlost gewesen, entschieden vorgeht. Insbesondere den ebenfalls ausgestellten Werner Klemke hebt Bartels hervor: Der neben seinen Tätigkeit als Dozent und Schulbuchillustrator auch "Hausgrafiker des Magazins [war], dessen charmant-frivoler Ruf nicht nur auf der obligatorischen Aktfotostrecke, sondern auch auf Klemkes geradezu französisch leichter Covergestaltung fußte. Eine Art grafischer Hochkultur."

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Stichwörter: DDR-Design, Werner Klemke

Bühne

Nach der Aktion "Schweiz entköppeln" des Zentrums für politische Schönheit will eine Koalition aus SVP, CVP und FDP im Zürcher Stadrat dem Neumarkt Theater die Subventionen streichen. Auf der nachtkritik schäumt Dirk Pilz vor Wut über derartigen "Wegschaffungswillen": "Auch zeigt der ganze Vorfall, wie unverfroren demokratische Selbstverständlichkeiten von der SVP-CVP-FDP-Union in Frage gestellt werden. Zur Erinnerung: Finanzielle Unterstützung für Theater sind keine milden Gaben der Herrschenden an kunstschaffende Untertanen. Es ist eine Staatsselbstschutzmaßnahme in Demokratien."


"Hoffmanns Erzählungen" in Stuttgart

Die Oper Stuttgart zeigt Christoph Marthalers Inszenierung von Jacques Offenbachs "Hoffmanns Erzählungen", und in der SZ begeistert sich Reinhard Brembeck besonders für das Alberne des Abends: "Sagt die doch alles über den Zustand des heutigen Europas, das in puncto Flüchtlinge, Rechtsstaatlichkeit, Gemeinschaftssinn und Zukunftsvisionen nur mehr eine alberne Luftnummer nach der anderen auf die Bühne bringt. Marthaler aber ist ein zu elegant feinsinniger Regisseur, und die Sänger samt ihrem Dirigenten Sylvain Cambreling sind alle viel zu gut, um es bei diesem Befund zu belassen. Sie verpacken ihn geschickt in einer Abfolge wundervoll gesingspielter Absurditäten, von denen mindestens die Hälfte von Karl Valentin stammen könnte."

Ähnlich berückt verlässt auch FAZ-Kritikerin Lotte Thaler das Haus: Sie erlebte den Abend nicht nur "als surrealen Rausch, sondern vor allem als mirakulöses Musiktheater über die französischen Surrealisten."

Weiteres: Nur die unter strähnigem Haar glänzend spielende und rauchende Isabelle Huppert rettet am Pariser Odeontheater Krzysztof Warlikowskis neues Stück "Phèdre(s)", meint Joseph Hanimann in der SZ. Besprochen wird außerdem David Freemans Frankfurter Inszenierung von Georg Friedrich Händels "Messiah" (FR)
Archiv: Bühne

Kunst



Dezeen
bringt einen Essay des österreicherischen Fotografen Klaus Pichler aus den Magazinen des Naturhistorischen Museums in Wien, der sehr schön zeigt, dass ein Museum nicht nur ein Ausstellungshaus ist, sondern ein Ort des Einordnens und Klassifizierens, der Forschung und Aufbewahrung. 80 Prozent seiner Fläche von insgesamt 45.000 Quadratmeter sind öffentlich nicht zugänglich. Ich war total überrascht von der Schlichtheit der rückwärtigen Architektur, verglichen mit der Großartigkeit des Museums, sagtPichler. Der räumliche Aspekt ist sehr verwirrend - ich musste mir erst einmal einen Übersichtsplan besorgen."

Besprochen werden die in Berliner Kirchen gezeigte Ausstellungsreihe "Sein.Antlitz.Körper" ("der inhaltliche Fokus ... bleibt vage", schreibt Elke Linda Buchholz im Tagesspiegel) und Heidi Speckers Ausstellung "In Front Of" in der Berlinischen Galerie (FAZ).
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