9punkt - Die Debattenrundschau

Diese Möglichkeit der Intensität

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.03.2016. Radikalisierung des Islam oder Islamisierung von Radikalität? Die NZZ resümiert einen erbitterten Streit zwischen Gilles Kepel und Olivier Roy. In der SZ erklärt David Gelernter, warum er nicht an Künstliche Intelligenz glaubt. Der  FAZ ist unwohl über den bleibenden Nationalismus der Iren. Warum wird eigentlich der Kapitalismus kritisiert, wenn's uns doch so prächtig geht?, fragt in der NZZ Hans Ulrich Gumbrecht.

Ideen

Zwischen den beiden französischen Islamexperten Olivier Roy und Gilles Kepel herrscht erbitterter Streit, den Marc Zitzmann in der NZZ kurz resümiert. Kepel wendet sich besonders eine Formulierung von Roy (die dieser hier erläuterte, worauf Kepel in Libération antwortete): Man habe es nicht mit einer Radikalisierung des Islam, sondern mit einer "Islamisierung von Radikalität" zu tun. Zitzmann hat für seinen Artikel mit Kepel gesprochen: "Natürlich ließen sich Bezugspunkte zum Linksterrorismus von einst finden. Aber was dem Dschihadismus ureigen sei - seine engen Bande zum Salafismus, sein umfangreicher Textkorpus, der eine einschlägige 'Ideengeschichte' zu entwerfen gestatte -, werde so ausgeblendet. 'Dabei gilt es gerade aufzuzeigen, dass den islamistischen Terrorismus eine Vision beflügelt, die auf einen Bruch mit den europäischen Werten abzielt, und dass er Ausdruck eines innerislamischen Kampfes um die Deutungshoheit gegenüber dem 'wahren Glauben' ist.'"

Ziemlich vage klingt dagegen Tariq Ramadans Aufruf zur Klarheit bei politico.eu: "Wir müssen die Begriffe der Debatte präzisieren, die Komplexität des Phänomens begreifen und vielfältige und sich ergänzende Antworten mit ganzheitlichem Charakter entwickeln. Die bloße Besessenheit von der religiösen Frage, die Vernachlässigung des poltischen Aspekts und die Hoffnung auf kriegerische Maßnahmen sind eine falsche Versuchung mit katastrophalen Konsequenzen."

Auch Andreas Fanizadeh sucht in der taz nach Ursachen für den "Islamofaschismus": "Man muss den Islamofaschismus und seine Zellen in Westeuropa mit allen polizeilichen Mitteln bekämpfen, politisch die Diskussion mit anfälligen Milieus suchen und mit Stärkung von Sozialarbeit dafür sorgen, dass nicht noch mehr Gefährdete abdriften. Wirklich besiegen wird man ihn allerdings nur, sofern es den Gesellschaften Nordafrikas und des Nahen Ostens mit Unterstützung von außen gelingt, sich zu reformieren."

Der neue Feuilletonchef der NZZ, René Scheu, denkt über die Debattenkultur im Feuilleton und im Netz nach. Das Hauptproblem liegt für ihn darin, dass der Streit um Wahrheit ersetzt wurde durch das Streben nach Zugehörigkeit. Es geht nicht mehr "um neue Erkenntnis, sondern um die eigene Identität. Abweichende Positionen werden als Angriff auf die eigene Person empfunden - und ebenso persönlich fallen die Reaktionen aus. Sie zielen nicht mehr auf den Sinn der Aussage, sondern - der Kreis schließt sich - auf dessen Absender, der wahlweise diskreditiert, diffamiert, pathologisiert oder kriminalisiert wird. Die Mitglieder der Community verhalten sich untereinander solidarisch und verteidigen vehement die kuratierte Gruppenidentität."
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Wissenschaft

Der amerikanische Informatiker David Gelernter erklärt im Gespräch mit Lothar Müller von der SZ, warum er nicht an so etwas wie "Künstliche Intelligenz" glaubt: "Ich glaube nicht, dass wir heute eine vollkommene Imitation des menschlichen Geistes aus Software herstellen können. Dafür wissen wir viel zu wenig über Geist und Bewusstsein, fassen sie noch viel zu sehr als statische Gebilde. Bewusstsein und Geist sind aber etwas, das sich fortwährend ändert, von Moment zu Moment. James Joyce und sein berühmter 'Bewusstseinsstrom' im Roman 'Ulysses' sind eine gute literarische Veranschaulichung dieser Überlegung."
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Gesellschaft

Der Wohlstand in Europa wächst, nie ging es uns so gut wie heute. Warum dann aber stehen Regierungen, Demokratie und Kapitalismus derart unter Beschuss, fragt sich in der NZZ Hans Ulrich Gumbrecht. Vielleicht rührt die schlechte Laune daher, dass wir eigentlich ein Leben in Intensität vermissen - und zugleich fürchten: "Die täglich tausendmal wiederholte Empfehlung, 'uns keinen Stress zu machen', zeigt nur, dass wir uns genau diese Möglichkeit der Intensität verboten haben in einer gesellschaftlichen Umgebung der unbegrenzten Handlungsmöglichkeiten - und des garantiert sicheren Lebens. Inzwischen beschwört die unbefriedigte Sehnsucht eine Industrie der Erlebnismomente herauf, die wir als funktionales Äquivalent unserer Zeit zu den klassischen Breitwand-Utopien identifizieren können: Extrem-Sportarten zum Beispiel, entlang steiler Abfahrten und endloser Marathonstrecken, aber immer ausgerüstet mit Apparaten der Hochtechnologie, die dem Umschlagen von Intensität in Krisen der Lebensgefahr vorbeugen sollen."
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Religion

In der NZZ erinnert die Historikerin Silvana Seidel Menchi an die griechisch-lateinische Ausgabe des Neuen Testaments vor 500 Jahren, in der Erasmus von Rotterdam erstmals den "Text der Heiligen Schrift derselben Art philologischer Überprüfungen [unterzog], welche die italienischen Humanisten bei der Rekonstruktion aus der Antike überlieferten Schrifttums eingeführt hatten [...] Auch wenn Erasmus für die biblische Hermeneutik nicht als maßgeblicher Bahnbrecher gelten kann, so hat er durch die enorme Echowirkung seines Unternehmens doch als der Miturheber der protestantischen Bibelkritik gewirkt. Sein griechisches Neues Testament, das von der katholischen Kirche als häretisch verurteilt wurde, bildete die Textgrundlage der Heiligen Schrift, wie sie in den aus der Reformation entstandenen Kirchen jahrhundertelang benutzt wurde."
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Medien

Heute erscheint die letzte Ausgabe des Independent auf Papier, berichtet Le Monde mit AFP - die Zeitung soll künftig nur noch online erscheinen: "In ihrer besten zeit im Jahr 1989 hatte die gemäßigt linke Zeitung, die für die Gestaltung ihrer Seite Eins und die Verwendung von Fotos hohes Renommee genoss, eine Auflage von mehr als 420.000 Exemplaren. Heute kommt sie noch auf 40.000 Exemplare."

Nicht gut klingt, was FR-Korresspondent Frank Nordhausen vom Beginn des Prozesses gegen die türkischen Journalisten Can Cündar und Erdem Gül berichtet: Die Öffentlichkeit wird vom Prozess ausgeschlssen: Außerdem ließ das Gericht "den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, der gegen Dündar und Gül Anzeige erstattet hatte, sowie den Geheimdienst MIT als Nebenkläger zu, obwohl beide Parteien nicht darlegen konnten, inwieweit sie durch die Journalisten individuell geschädigt wurden."

Am Donnerstag wurde Radovan Karadzic in Den Haag endlich wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt. Gilles Hertzog prangert in La Règle du Jeu einen Skandal am Rande des Urteils an, die Verhaftung der Journalistin Florence Hartmann, ehemals Korrespondentin von le Monde während der Jugoslawienkriege, in Den Haag: "Ihr wurde vorgeworfen in ihrem Buch 'Paix et châtiments' die Deals zwischen dem Haager Gerichtshof und den Behörden von Belgrad offengelegt zu haben. Das Gericht hatte sich im Tausch gegen bestimmte Archivdokumente aus Serbien verpflichtet, diese nicht ölffentlich zu machen, obwohl sie die Verwicklung Serbiens in die Kriegsverbrechen in Bosnien-Herzegowina belegen. Florence Hartmann wurde wegen Missachtung des Gerichts zu sieben Tagen Gefängnis und einer Strafe von 7.000 Euro verurteilt und wurde durch einen internatioanlen Haftbefehl gesucht, dem Frankreich nicht Folge leistete, der sie aber in Angst versetzte, wenn sie den Schengen-Raum verließ..." Und nun haben die Niederlande sie festgenommen.
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Geschichte

Vor hundert Jahren fand der irische Osteraufstand gegen die Briten statt, aus dem später die irische Republik hervorging. Gina Thomas zitiert in der FAZ Autoren wie John Banville, die den katholisch-irischen Nationalismus, der sich mit diesem Ereignis verbindet, ablehnen: Er manifestiert sich auch heute noch, etwa "in der gefühlsduseligen Propagandaausstellung 'Revolution', welche die irisch-republikanische Partei Sinn Fein im historischen 'Ambassador'-Kino in Sichtweite des Hauptpostamts ausgerichtet hat. Dort wird eine direkte Linie gezogen von den 'Märtyrern' des Aufstands zu den zehn Mitgliedern der Terrororganisation IRA, die sich 1981 im Belfaster Maze-Gefängnis zu Tode hungerten. Der Eintritt in die Ausstellung kostet stolze achtzehn Euro und fließt einer politischen Organisation zu, die im Osteraufstand eine Legitimation für die Waffengewalt sieht."
Archiv: Geschichte