9punkt - Die Debattenrundschau

Messianismus, der nichts tut

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.03.2016. Im Gespräch mit der FR fürchtet Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch nichts mehr als die Angst vor der Zukunft. Die New York Times schildert die Symbiose zwischen News-Medien und Donald Trump - sie bemisst sich nach Preisen pro Werbespot. In Libération konstatiert Historiker Bertrand Badie: Die Entkolonisierung scheiterte, weil die ehemaligen Kolonien die ehemaligen Zentralen nachahmten. In der Welt ist Ramin Jahanbegloo zuversichtlich, dass die Iraner einen fließenden Übergang zur Demokratie schaffen.

Europa

Sehr pessimistisch blickt die Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch in einem ausführlichen Interview mit der FR in die Zukunft. "Wir haben Angst vor der Zukunft. Früher haben Menschen niemals solche Angst vor der Zukunft gehabt, wie es jetzt der Fall ist. Die heutigen Menschen möchten einzig in der Gegenwart bleiben. Früher erwartete man von der Zukunft irgendwelche Entdeckungen, zumindest etwas Besseres. Jetzt ist das nicht mehr der Fall. Jetzt schreckt die Zukunft eher ab."

In einem langen Gespräch mit dem Tagesspiegel kritisiert Peter Schneider die neue Debatten-Unkultur in Deutschland und das schäbige Verhalten vieler europäischer Länder in der Flüchtlingskrise. Dennoch hält er eine Verteilung der Flüchtlinge in ganz Europa für die einzig sinnvolle Lösung: "Die Kontingent-Lösung wird auf eine Begrenzung entsprechend der Aufnahme-Fähigkeit und -Willigkeit der aufnehmenden EU-Länder hinauslaufen. Das reiche Deutschland sollte mit gutem Beispiel vorangehen und würde nach der Meinung mancher Experten eine Aufnahme von 300.000 bis 500.000 Flüchtlingen pro Jahr gut verkraften."

Im Interview mit der Welt spricht die Journalistin Düzen Tekkal über das Leiden der Jesiden, Flüchtlingspolitik und deutsche Bedenkenträgerei. Aber Einwanderung, meint sie auch, will gelernt sein: "Es braucht Rechte und Pflichten für das, was ich sein will und was nicht. Mit einem richtigen Einwanderungsgesetz würden wir auch feiern können. Belohnung nach Anstrengung. Menschen, die in der Lage sind, unsere Werte anzunehmen, sollten wir mit dem Akt der Einbürgerung feiern und belohnen. Die Wehrhaftigkeit der Demokratie wird auch an solchen Dingen verhandelt. Ich finde, es ist Zeit für ein echtes Migrationsministerium. Wir können es uns - auch im eigenen Interesse - nicht mehr leisten, die Welt, wie sie sich auch in Deutschland verändert, nicht mitzudefinieren."

Brendan Simms und Lukas Schmelter schreiben auf der Gegenwartseite im politischen Teil der FAZ: "Die schlichte Wahrheit lautet: Solange in Syrien Krieg herrscht, werden Syrer nach Europa und vor allem nach Deutschland kommen. Falls man es Assad und den Russen überlässt, die Ordnung wiederherzustellen, dürfte sich der Flüchtlingsstrom noch verstärken. Denn die meisten Syrer fliehen nicht vor dem IS oder den Rebellen, sondern vor dem Regime." Die Konsequenzen mit Blick auf Europa sind für die Autoren klar: "All das zeigt, dass man eine gemeinsame Außengrenze oder einen von Passkontrollen freien Raum nicht ohne einen gemeinsamen Staat haben kann."

Außerdem: Paul Ingendaay resümiert in der FAZ eine Tagung des Goethe-Instituts in Prag über die Lage auf der Krim.
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Politik

Nicht gerade erfreut liest Bernard-Henri Lévy das große Obama-Porträt von Jeffrey Goldberg in The Atlantic, wo sich herausstellt, dass Obama stolz ist, Baschar al-Assad nicht bestraft zu haben, nachdem dieser die "rote Linie" überschritten hatte, dass er den Einatz in Libyen eher bedauert und dass er die Ukraine als ein Nebenthema betrachtet, wo ebenfalls nichts zu tun sei: "Vielleicht wird man sich am Ende fragen müssen, ob wir da nicht eine paradoxe Form jenes 'demokratischen Messianismus' vor Augen haben, den man den Neocons so vorgeworfen hat - einen faulen Messianismus, einen Messianismus, der nichts tut und der sich treiben lässt, aber trotz allem ein Messianismus, der aus diesem erklärten Bewunderer von Bush senior einen unfreiwilligen Doppelgänger von Bush junior macht..."

Der Politologe Bertrand Badie denkt im Gespräch mit Marc Semo und Catherine Calvet von Libération über das Scheitern der Entkolonialisierung nach, das für ihn darin liegt, dass die entkolonialisierten Länder das Modell der Kolonialmächte übernahmen: "Paradoxerweise waren gerade jene Nationalisten der ehemaligen Kolonien, die am heftigsten gegen die Kolonialmächte gekämpft hatten, zugleich diejenigen, die am stärksten das westliche Modell übernehmen wollten. Sie hatten das Modell in den Metropolen gelernt - Nehru war in Cambridge ausgebildet worden, und das gleiche gilt für die afrikanischen Unabhängigkeitskämpfer. Da sich dieses europäische Modell nun als nicht kopierbar erwies, verlor es seine Legitimität und ist oft in sich zusammengebrochen. Das Scheitern all jener Staaten der Südens ist heute die wichtigste Konfliktursache."

Im Interview mit der taz überlegt der China-Experte Sebastian Heilmann, was Joachim Gauck auf seinem Staatsbesuch in China dem Amtskollegen Xi sagen sollte: "Dass eine moderne Gesellschaft zum Scheitern verdammt ist, wenn man die Meinungs- und Entscheidungsbildung zentralisiert. Es geht darum zu akzeptieren, dass es viele Quellen der Intelligenz und der Vorschläge für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gibt. Regierungen müssen diese Vielfalt fördern, weil starke Nationen auf dieser Elastizität, Beweglichkeit und Lebendigkeit beruhen. Die jetzige Machtkonzentration und Disziplinierung in China ist extrem riskant. Autorität und Unterstützung der Machtzentrale könnten etwa aufgrund einer Wirtschaftskrise sehr schnell beschädigt werden. Xi Jinping unterliegt im gegenwärtigen Kontext der politischen Zentralisierung und Verhärtung einem immer größeren Risiko, dass wichtige Krisenanzeichen und Warnsignale nicht mehr zu ihm durchdringen."

Außerdem: Sehr lesenswert Richard Herzingers ausführlicher Nachruf auf Guido Westerwelle in der Welt.
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Internet

(Via turi2) Mark Zuckerberg hat den chinesischen Propagandachef Liu Yunshan getroffen, berichtet der Guardian mit Associated Press: "China hat zur Gründung eines globalen 'governance system' für das Internet aufgerufen und fordert internationale Kooperation, um den Internetgebrauch zu regulieren. Gleichzeitig weitet es seine Kontrollen aus, so dass Aktivisten über die Einschränkung der Meinungsfreiheit klagen. Facebook und andere Social-Media-Firmen wie Twitter sind in China verboten."
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Überwachung

Constanze Kurz staunt in ihrer Maschinenraum-Kolumne in der FAZ sehr über den einstigen Kanzleramtschef Frank-Walter Steinmeier vor dem Geheimdienst-Untersuchungsausschuss in Sachen BND-NSA-Verquickungen: "Der Minister aber will gar nichts gewusst haben. Steinmeier sagte zu den Abgeordneten in Bezug auf die Selektoren und seine Ahnungslosigkeit: 'Es geht mir wie Ihnen.' Es wirkte, als stünden die Kontrolleure übermächtigen Entitäten gegenüber, bei denen nicht einmal der Kanzleramtschef durchblickt."
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Wissenschaft

Angst der Europäer vor der Zukunft diagnostiziert Swetlana Alexijewitsch in der FR. Etwas ähnliches, eine grundlegende Angst vor der Technik beschreibt Gero von Randow in der Zeit: "Wir statten unsere Umgebung zwar mit immer neuen Dingelchen aus. Aber wir entdecken keine neuen Welten, wir schwimmen im Konsumstrom mit. Und demnächst hocken wir Melancholiker der einstigen Zukunft in sogenannten Autos, die uns umsorgen werden wie eine Gouvernante, oder in Smart Homes, die uns umhüllen werden wie eine Gebärmutter. An die Stelle unbegrenzter Möglichkeiten tritt umfassende Betreuung. Einst progressiv, werden wir regressiv."

In der FR stellt Roland Kaehlbrandt einen Band des Germanisten Ulrich Ammon über "Die Stellung der deutschen Sprache in der Welt" vor. Sie ist eigentlich viel besser als man denkt. Nur in Deutschland nicht, da bevorzugt man das Englische: "Viele chinesische Studenten bauen ihre Deutschkenntnisse während des Studiums in Deutschland eher wieder ab als sie zu verbessern, so ein interessantes Detail. Das nennt man Absurdistan. Hinzu kommt, so Ammon, die Aufgabe entwickelter deutscher Fachwortschätze zugunsten des Englischen in vielen Fächern. Dies führt inzwischen zu einem 'Ausbaurückstand', der die Leistungsfähigkeit unserer Sprache beschädige. Ganze Begriffsgebäude seien nicht mehr verfügbar. Dabei gehen offensichtlich auch Erkenntnisse und Differenzierungen verloren, die im deutschen Fachwortschatz noch enthalten waren."

Rudolf Neumaier porträtiert in der SZ den Philosophen Günter Fröhlich, der jetzt dagegen klagt, "dass habilitierte Akademiker ohne finanzielle Entschädigung lehren müssen, wenn sie die Titel Privatdozent oder Außerplanmäßiger Professor führen wollen. Bayern verdoppelte damals das Lehrdeputat auf zwei Semesterwochenstunden."
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Gesellschaft

Im Tagesspiegel wehrt sich der Journalist Dominik Drutschmann heftig gegen die Behauptung Frauke Petrys, in Kamen und Bergkamen gebe es Ecken, in die sich die Polizei nicht traue: "Ich habe mich dort doch nicht zwei Jahrzehnte gelangweilt, damit Frauke Petry meiner Heimat jetzt so etwas Ghettohaftes andichtet - bloß damit die Stadt in ihre Angststrategie passt! Straight outta Kamen? Wenn da was dran wäre, hätte ich ja was Vernünftiges werden können, Rapper vielleicht. Sogar kredibler als Haftbefehl aus Offenbach. Aber selbst Bergkamens Battle-Rapper Perplexx 23 fallen dazu nur läppische Zeilen ein: 'Ok, ich soll jetzt hier mal über meine Stadt rappen / Komm nach Bergkamen hier könnt ihr mich antreffen / Hier gibt es Kaufland und noch mal Kaufland'. Es hilft nichts, in Sachen street credibility sind Kamen und Bergkamen hoffnungslose Fälle."
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Stichwörter: Haftbefehl, Petry, Frauke Petry

Ideen

Haben die Iraner es am Ende besser gemacht als die Anhänger des Arabischen Frühlings? Hier ist die Wandlung langsam, gewaltlos aber am Ende vielleicht erfolgreicher als etwa in Ägypten, meint der iranische Philosoph Ramin Jahanbegloo in der Welt. "Obwohl die Idee einer neuen Revolution nach 36 Jahren Mullah-Politik, die sich immer 'revolutionär' nannte, keineswegs einen romantischen Sog entfaltet, ist es Tatsache, dass die Mehrheit der jungen Iraner sich von fundamentalistischer Politik und Utopien abwendet. Sie richtet stattdessen den Blick auf den Wertepluralismus, den Dialog mit dem Westen und das Verständnis moderner Kultur. Diese neue politische Kultur im Iran eröffnet der iranischen Jugend Möglichkeiten zur gewaltlosen Artikulation von Unzufriedenheit. Wir erleben, so ließe sich sagen, einen Gandhi-Moment des Iran." Ob das die Revolutionswächter auch so sehen?
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Medien

Jim Rutenberg liefert in der New York Times einen interessanten Hintergrund über die Symbiose zwischen den amerikanischen News-Medien und Donald Trump. Wie konkret er das meint, wird in einem Zitat über den kriselnden Nachrichtensender CNN deutlich: "Jeff Zucker, Präsident von CNN Worldwide, strahlte, als ich ihn letzte Woche bei einem Lunch mit anderen Reportern sah. 'Diese Zahlen sind Wahnsinn - Wahnsinn!', sagte er und spielte damit auf die Zuschauerzahlen an. Wie wahsinnig? Zweihunderttausend Dollar für einen 30 Sekunden-Spot in den Abenden mit Wahldebatten, vierzig mal so viel wie an einem Durchsschnittsabend. Das ist wie gefundenes Geld."

In der NZZ beschreibt Stephan Russ-Mohl von der Knight Foundation geförderte digitale Projekte für den Journalismus: Obwohl amerikanische Zeitungen viel heftiger von der Krise getroffen wurden als europäische gilt hier Bangemachen nicht.
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Stichwörter: CNN, Donald Trump