Efeu - Die Kulturrundschau

Ein Mädchen betrat die Terrasse

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21.03.2016. Die Osterfestspiele haben begonnen: Totales Gluck-Glück erleben die Feuilletons in Berlin, Simon Rattle stößt mit "Tristan und Isolde" in Baden-Baden auf ein geteiltes Echo, in Salzburg fällt "Otello" komplett durch. Im Standard muss der Fürst von Liechtenstein um seine Cranach-Venus bangen. Zeit Online und FAZ bilanzieren die Buchmesse im Zeichen der Flüchtlingskrise. Charlotte Otter hat im neuen feministischen Krimi-Blog Herland die Nase voll von verstümmelten Frauenleichen.

Bühne

Bejun Mehta als Orfeo und Anna Prohaska als Euridice in Jürgen Flimms Berliner Gluck-Inszenierung.

Die Osterfestspielsaison hat begonnen. An der Berliner Staatsoper inszeniert Jürgen Flimm Christoph Willibald Glucks "Orfeo ed Euridice", Daniel Barenboim dirigiert, das Bühnenbild stammt von Frank Gehry (wobei die Kritiker fast allesamt darüber mutmaßen, wie hoch sein tatsächlicher Anteil am Endresultat ist). Für die musikalische Bearbeitung kann sich Niklaus Hablützel in der taz sehr begeistern: Nachdem schon Wagner bei Barenboim in den Ohren der Wagnerianer unwagnerianisch klingt, "klingt bei ihm auch der alte Gluck der Klassik vollkommen neu. Nichts mehr ist bloß historisch und vertraut. Bereits die Ouvertüre reißt die Tür auf zu einer Welt des individuellen Klangs, der in zuvor verschlossene Tiefen der Seele eindringt. Genau das war das Programm des Opernreformers Gluck, der die formalen Regeln der Gattung ersetzen wollte durch die Wahrheit des Ausdrucks menschlicher Gefühle."

Weit weniger enthusiastisch schreibt darüber allerdings Peter Uehling in der Berliner Zeitung: "Manchmal klingt Barenboims Gluck schlicht ziemlich altmodisch ... eine eher lahme Sache". Wolfgang Schreiber von der SZ ist unterdessen voll des Lobes angesichts "Jürgen Flimms traumrealistischer, psychologisch hellhöriger Regie" Für die Berliner Zeitung haben Kerstin Krupp und Peter Uehling ein Gespräch mit Barenboim geführt.


Stuart Skelton als Tristan und Eva-Maria Westbroek als Isolde in Baden-Baden. Foto: Monika Rittershaus

Ein weiteres großes Liebespaar der Operngeschichte gibt es in Baden-Baden zu sehen, wo Simon Rattle seine Berliner Philharmoniker zu Mariusz Trelinskis Inszenierung von "Tristan und Isolde" dirigiert. FAZ-Kritikerin Eleonore Büning kommt überzeugt aus beiden Spielhäusern: In Berlin gab es "das totale Gluck-Glück", in Baden-Baden ist die von Trelinskis Regie geradezu umgeworfen: Dass sich trotz etlicher Klischees und einer Nähe zum Kitsch "eine poetische Atmosphäre aufbauen kann, ja, sogar atemlose Spannung entsteht, das liegt an der meisterhaften, direkt aus der musikalischen Gebärde heraus entwickelten Personenführung Trelińskis, der jede von Wagner komponierte Wendung, jede Bedeutungsschicht herauspräpariert." Isabel Herzfeld vom Tagesspiegel wägt da eher ab: "Musikalisch ist dieser 'Tristan' überzeugend und bewegend, szenisch unterhaltsam, doch inhaltlich und ästhetisch fragwürdig." Für die FR bespricht Judith von Sternburg die Aufführung.

Die Salzburger Osterfestspiele starten mit Verdis von Christian Thielemann dirigierten "Otello", in der NZZ findet Christian Wildhagen die Prodution von Vincent Boussard, Vincent Lemaire und Christian Lacroix nur im Kostenplan gewagt: "Ihnen fehlt der Mut, dem Reigen optisch schöner Einfälle eine Richtung, vor allem aber den Figuren in diesem Spiel eine klare Zeichnung zu geben." In der FAZ gähnt Jan Brachmann gähnt angesichts der "gepflegten Langeweile dieser Modenschau", in der SZ schreibt Reinhard Brembeck, im Standard Ljubisa Tosic.

Weiteres: "Willkommenskultur als demütigende Dressur" erlebte Jens Fischer in der nachtkritik in der Hamburger "Pygmalion"-Inszenierung des estnischen Regieduos Tiit Ojasoo und Ene-Liis Semper. Als "starken Abend lobt Lukas Pohlmann in der nachtkritik Jan Gehlers Fellini-Adaption "Schiff der Träume" am Staatsschauspiel Dresden. Rüdiger Schaper (Tagesspiegel) und Peter Laudenbach (SZ) berichten von der Auszeichnung Frank Castorfs mit dem Großen Kunstpreis des Landes Berlin.

Besprochen werden Stefan Bachmanns Inszenierung von Stefano Massinis "Lehman Brothers" am Schauspiel Köln (FAZ), die Pina-Bausch-Ausstellung in der Bundeskunsthalle in Bonn (SZ, taz), die im Berliner HAU gezeigte Choreografie "Golden Hours (As you like it)" von Anne Teresa de Keersmaeker und ihrer Compagnie Rosas (Tagesspiegel) und "Die beste aller möglichen Welten" mit Jana Zöll und Samuel Koch in Darmstadt (FR).
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Kunst

Olga Kronsteiner berichtet im Standard von den Turbulenzen um ein Cranach-Gemälde aus der Sammlung des Fürsten von Liechtenstein: "Ein Pariser Gericht ließ Lucas Cranachs mit 1531 datierte Venus beschlagnahmen, da laut einer anonymen Anzeige Zweifel an der Echtheit bestünden. Dass Fälschungen in Frankreich zerstört werden, sei erwähnt." (Bild: Die bisher Lucas Cranach zugeschriebene Venus von 1521)

Andreas Tobler berichtet in der Welt ohne große Begeisterung, wie der Aktionskünstler Philipp Ruch vom Zentrum für politische Schönheit, den Schweizer Weltwoche-Chef und SVP-Politiker Roger Köppel von seinen bösen, rechten Geistern zu befreien trachtete: "Schülertheater."

Besprochen werden die Ausstellung "Berlin - Stadt der Frauen" im Ephraimpalais in Berlin (Berliner Zeitung), die Ausstellung "Demopolis" in der Akademie der Künste in Berlin (Tagesspiegel), Alexandra Manskes Studie über prekarisierte Kunst- und Kulturschaffende (taz) und die Ausstellung "Painting 2.0 - Die Malerei im Informationszeitalter" im Museum Brandhorst in München (FAZ).
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Musik

Besprochen werden eine von Daniel Barenboim in Wien dirigierte Neunte von Mahler (Tagesspiegel), ein Mahler-Konzert des Deutschen Symphonie Orchesters unter Tugan Sokhiev (Tagesspiegel) und ein Konzert von Zélia Fonseca (FR).
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Stichwörter: Daniel Barenboim

Literatur

Auf der Leipziger Buchmesse wurde Herland lanciert, ein Blog feministischer Krimi-Autorinnen, die sich als politisch, antikapitalistisch und gottlos verstehen. Charlotte Otter etwa plädiert in einem ersten Beitrag gegen die Einfallslosigkeit in der Ermordung und Verstümmelung weiblicher Körper: "Next time you are in a bookshop, do this exercise: Approach the crime fiction section and pick up the first book that comes to hand. Does it start with the mutilated body of a beautiful young woman? Check. Try ten books. It'll only take a couple of minutes. You might only need to read the dust-jacket. I can guarantee you that eight out of ten of those novels will start with someone young, beautiful, dead, and female. Naked and mutilated are optional extras."

Die Feuilletons resümieren die Leipziger Buchmesse: Wiebke Porombka von ZeitOnline hat gefühlt den halben Literaturbetrieb nach Statements zum Stand der Dinge abgeklappert. Die Messe war so politisch wie lange nicht mehr, meint Gerrit Bartels vom Tagesspiegel. Auch Tilman Spreckelsen erlebte in der FAZ eine Buchmesse "im Zeichen der Flüchtlingsdebatte". Joachim Güntner sah in der NZZ auch Zeichen eines veränderten Publizierens. Beim Besuch der Lyrik-Lesebühnen machte Philipp Rovermann von der SZ zwei Tendenzen im Nachwuchsbetrieb aus: "Der wiedererwachende Wille zum Kuratorischen und zu Literatur als "sozialer Praxis". Mehr aus Leipzig im Themenüberblick unseres Metablogs Lit21.

Weiteres: In der NZZ schreibt der Tessiner Autor Alberto Nessi zum heutigen Welttag der Poesie: "Wie kann die Stimme der Poesie das Geschrei der Macht durchdringen?" Für die taz hat sich Fatma Aydemir mit dem Schriftsteller Thomas Glavinic getroffen. Hans-Peter Kunisch resümiert in der SZ die LitCologne. In der FR orientiert sich Sabine Vogel in der literarischen Blogosphäre. Außerdem hat die Zeit Adam Soboczynskis Gespräch mit Maxim Biller aus der ersten Märzausgabe online nachgereicht.

Besprochen werden Heinz Strunks "Der goldene Handschuh" (Jungle World), Christoph Heins "Glückskind mit Vater" (Tagesspiegel), Lucia Berlins Was ich sonst noch verpasst habe" (Tagesspiegel), Juli Zehs "Unterleuten" (SZ, FR) und Inés Garlands "In den Augen der Nacht" (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie der FAZ schreibt Sebastian Kleinschmidt über Wizława Szymborskas Gedicht "Aus Erinnerungen":

"Wir plauderten miteinander,
plötzlich wurden wir stumm.
Ein Mädchen betrat die Terrasse,
..."
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Film

In der FAZ staunt Felix Simon über den immensen Produktionsaufwand, der für den von 85 Malern auf Leinwand mit Öl handgefertigten Animationsfilm "Loving Vincent" über Vincent van Gogh nötig gewesen war: "In Zeiten, da man im Kino alles gesehen zu haben glaubt, ziehen solche Aufnahmen umso mehr in Bann - vielleicht gerade, weil sie nicht perfekt sind, sondern durch den Pinselstrich individueller Künstler geprägt."

Weiteres: Im Tagesspiegel empfiehlt Claudia Lenssen die morgen im Berliner Kino Arsenal beginnende Hommage an Monica Vitti.

Besprochen werden das Boxerdrama "Herbert" mit Peter Kurth (Tagesspiegel), James Ponsoldts auf DVD erschienener Film "The End of The Tour" über die Begegnung zwischen David Foster Wallace und dem Journalisten David Lipsky (SZ) und der ZDF-Dreiteiler "Ku'damm 56" (ZeitOnline, FR, hier in der Mediathek).
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