9punkt - Die Debattenrundschau

Teile des Selbst des Menschen

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.02.2016. Angesichts der Bilder grölender Ausländerfeinde in Sachsen hätte sich die FR auch ein paar Bilder eines souverän eingreifenden Rechtsstaats gewünscht. Der Economist kritisiert Boris Johnson, der sich jetzt für den Brexit stark macht. Eine Gruppe von Autoren wehrt sich gegen eine nachträgliche Legitimierung der Verlegerbeteiligung an den Ausschüttungen der VG Wort. Die iranischen Mullahs und ihre Staatsmedien loben ein neues Kopfgeld auf Salman Rushdie aus, berichtet der Independent. Die Welt bringt die Dankrede von Adonis für den Remarque-Preis: ein Plädoyer für die laizistische Demokratie.

Europa

Würde heute in Sachsen gewählt, käme die AfD auf 17 Prozent, meldet Zeit online. Selbst Sachsen Politiker wachen langsam auf, seit Bilder von Flüchtlinge beschimpfenden, grölenden Sachsen, einem brennenden Flüchtlingsheim in Bautzen, unfähigen Polizisten und einem AfD-Mitglied als Heimleiter gut dokumentiert im Netz zu sehen sind. Es sind schlimme Bilder, meint Bernhard Honnigfort in der FR, der sich andere zu sehen gewünscht hätte, nämlich von "Polizisten, welche die bedrohliche Menge deutlich auf Abstand halten und nicht bis fast an den Bus lassen. Polizisten, die den Mob ernsthaft daran hindern, die Flüchtlinge zu bedrohen und zu verängstigen. Den Bürgermeister, der sich stellt und versucht, die Lage zu entschärfen, anstatt sich rauszureden, Leute von außerhalb hätten die Dörfler aufgewiegelt." Matthias Drobinski wendet sich in der SZ knapp und zutreffend an die Gröler in Sachsen: "Ihr seid nicht das Volk, ihr seid das Pack."

Im Interview mit Zeit online kritisiert der Polizeiforscher Rafael Behr das Versagen der Polizei, die den Mob nicht aufzulösen versuchte, und das ruppige Verhalten den Flüchtlingen gegenüber, das in einer Anzeige gipfelt, weil sich einige Flüchtlinge offenbar dagegen wehrten, den schützenden Bus verlassen zu müssen.

Der chilenische Schriftsteller, Drehbuchautor und Journalist Rafael Gumucio versucht in der NZZ, das komplizierte, für ihn völlig irrationale Verhältnis von Spaniern und Katalanen psychologisch zu erklären: "Madrid gibt Merkel, soll heißen: der Mutter, die Schuld an der gegenwärtigen Krise, Barcelona macht Rajoy dafür verantwortlich, soll heißen: den Vater. Nur wenigen spanischen Politikern will es in den Kopf, dass sowohl die EU wie auch die spanischen Autonomiestatuten freiwillig eingegangene Vereinbarungen waren. In gewisser Hinsicht haben sie recht - vor fünfundzwanzig Jahren war das aus Franco, dem kastrierenden Vater par excellence, hervorgegangene Spanien noch ein Kind. Vor fünfzehn Jahren auch. Die Krise des Jahres 2008 mit all ihren Widersprüchen zeigte dann, dass auch die Eltern Kinder waren. Nur sie waren für den Schlamassel verantwortlich, und es war niemand anders da, der für alle den Kaffee bezahlte."

Trotz aller Sonderregeln der EU für Großbritannien hat der Londoner Bürgermeister Boris Johnson, der populärste konservative Politiker im Vereinigten Königreich, nun angekündigt für die Brexit-Kampagne zu kämpfen. Das Bagehot-Blog des Economist wirft ihm einen künstlich reingehaltenen Souveränitätsbegriff vor und warnt: "Für Mr. Johnson ist souverän sein, wie schwanger sein, man ist es oder ist es nicht..." Aber "ein Land, das völlig darauf verzichtet, Autorität abzugeben ist eines, das Luftverschmutzung, die über seine Grenzen hinwegzieht, oder Finanzregulierung, die seine Wirtschaft betrifft, oder Konsum- und Handelsnormen, an die seine Import- und Exportwirtschaft gebunden ist... nicht kontrollieren kann."
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Urheberrecht

Sehr deutlich wendet sich eine Gruppe von Autoren gegen Pläne des Justizministers Heiko Maas, den Verlagen Zugang zur Urheberpauschale der VG Wort zu geben, nachdem der Europäische Gerichtshof eine solche Praxis gerade für rechtswidrig erklärt hat: "Das Ganze ist ein bisschen, wie wenn jemand fünfzehn Jahre lang den Fiskus betrügt und man ihn dafür belohnt. Und zwar nicht nur, indem man ihm jegliche Strafe erlässt. Sondern indem man zusätzlich eine Regelung schafft, die legalisiert, was zuvor illegal war."Zu den Unterzeichnern gehören Daniel Kehlmann, Julia Franck, Ralf Bönt, Eva Menasse, Navid Kermani und Bastian Sick.
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Überwachung

Markus Grill von Correctiv.org erklärt, warum Correctiv.org weiterhin Dokumente aus den TTIP-Verhandlungen veröffentlichen wird: "Wir sind überzeugt, dass eine freie Gesellschaft über ein so wichtiges Abkommen wie TTIP öffentlich diskutieren können muss - und zwar auf Basis von Fakten, von Dokumenten, und nicht nur auf Basis von beschwichtigenden Stellungnahmen aus Brüssel oder Washington."

Constanze Kurz erklärt in ihrer Maschinenraum-Kolumne in der FAZ, warum Apple sich zurecht gegen das FBI und seinen Versuch, auf Iphone-Daten zuzugreifen, wehrt: "Ein typisches Smartphone kann sehr viel mehr Daten höchstpersönlicher Natur etwa über Liebesbeziehungen oder Krankheiten enthalten, die der Intimsphäre eines Menschen zuzuordnen sind. Am Ende kann die Verschlüsselung auch Teile des Selbst des Menschen schützen, etwa aufgezeichnete Gedanken und Gefühle oder Sensordaten über die Person."
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Religion

Während deutsche Manager längst mit den Füßen scharren, um endlich wieder Geschäfte mit den beliebten iranischen Mullahs zu machen, meldet der Independent, dass "laut der staatlichen Nachrichtenagentur Fars vierzig staatliche iranische Medien ein neues Kopfgeld in Höhe von 600.000 Dollar für den Tod des britisch-indischen Autors Salman Rushdie ausgelobt haben. Die Fars News Agency, die eng mit den Revolutionsgarden verbunden ist, gehört mit einer Spende von einer Millarde Rial - nahezu 30.000 Dollar - zu den größten Geldgebern."
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Stichwörter: Salman Rushdie, Iran, Fatwa

Ideen

In seiner von der Welt dokumentierten Dankesrede zur Verleihung des Erich-Maria-Remarque-Friedenspreises zeichnet der syrische Dichter Adonis ein verheerendes Bild von der arabischen Welt, in der Demokratie - selbst bei den Oppositionellen - immer nur ein Lippenbekenntnis ist: "Die Intellektuellen, die sich zur Vernunft bekennen, müssen sich sowohl gegen die bestehenden Regime als auch gegen deren Oppositionen stellen. Sie müssen das Neue begründen. Sie müssen Fragen nach der neuen Regierungsform aufwerfen: Wird es eine demokratische und laizistische Regierungsform sein? Oder soll im Namen der Religion, der Ethnie, der konfessionellen Mehrheit oder in anderem Namen eine andere Form der Tyrannei entstehen?"

Der bulgarische Politologe Ivan Krastev schreibt auf der Gegenwart-Seite der FAZ über die Flüchtlingskrise in Europa - mit eine radikalen These: "In unserer so stark vernetzten Welt ist die Migration die neue Revolution - keine Revolution der Massen wie im 20. Jahrhundert, sondern eine vom Exodus getriebene Revolution des 21. Jahrhunderts, getragen von Einzelnen und Familien und inspiriert nicht von Zukunftsbildern, wie Ideologen sie einst malten, sondern von den im Internet verbreiteten Bildern des Lebens jenseits der Grenze."
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Geschichte

In der FR denkt Arno Widmann darüber nach, was man heute noch von Verdun lernen kann: "Verdun war der Beginn der Götterdämmerung und am Ende war die Welt von gestern untergegangen. 'Rache für Versailles' war die politische Parole des deutschen Nationalismus nach 1919. Das schloss immer auch ein, Verdun rückgängig zu machen. Das meinte nicht nur, diesmal die französischen Stellungen schnell zu nehmen, sondern auch, die traumatische Erfahrung der Sinnlosigkeit des Krieges, aller mit ihm verbundenen Anstrengungen, der körperlichen und seelischen Verletzungen, ja des Todes doch noch zu widerlegen und aus einer Materialschlacht, aus einem industriellen Gemetzel, wieder einen Kampf der Krieger zu machen." Um zu lernen, dass dies nicht möglich war, brauchte es noch einen Zweiten Weltkrieg.
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Medien

Ein Fachinstitut und die Fresenius-Hochschule haben untersucht, wofür Nutzer im Netz Geld bezahlen, berichtet Björn Czieslik bei turi2. Laut der "Paid Content Studie 2016" öffnen "die meisten Nutzer für Musik (54,6 %), Spiele (47,7 %) oder Filme und Serien (39,1 %) den Geldbeutel. Klassische Verlagsinhalte finden sich am unteren Ende: Für Fachinformationen haben schon 12,3 % der Zahlungswilligen Geld ausgegeben, für Nachrichten erst 9,6 %. Zudem erreichen die Verlage mit ihrem Paid Content vor allem das ältere Publikum." Mehr zum Thema auch bei kress.de.

Emily Bell vom Tow Center for Digital Journalism an der Columbia University schlägt im Guardian dunkle Töne für die Zukunft der Medienindustrie an. Vor dem Hintergrund von Adblockern in Handys und der Facebook-Dominanz in mobilen Medien, schreibt sie: "Ein traditioneller Medienbetrieb, der auf einer Website basiert, bereitet heute genauso viel Kopfschmerzen wie die darbende Printindustrie. Wo einst Publikationshäuser waren, werden wir eher ein Studio- oder Agenturmodell entstehen sehen, das eher auf Beziehungen und Dienstleistungen als auf Produkten und Paketen beruht."

Außerdem: Bei der Basler Zeitung unterhält sich Hansjörg Müller mit Martin Meyer, der nach vierzig Jahren NZZ-Feuilleton in den Ruhestand geht und für seine polemischen Fähigkeiten jetzt den Börne-Preis erhält. In der NZZ feiert Rolf Hürzeler die Chancen der digitalen Technik für das Hörspiel. Und Tobias Feld berichtet über Versuche von Medien, verlorenes Vertrauen des Publikums zurückzugewinnen.
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