9punkt - Die Debattenrundschau

Erschütterungs-Meterware

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.02.2016. In der Schlacht um Britannien entscheidet sich das Los zweier Unionen, schreibt Timothy Garton Ash im Guardian. In der NZZ schreiben Herfried Münkler über Verdun und Carlo Strenger über falsche Toleranz, und Peter Sloterdijk schaut an den nächtlichen Sternenhimmel. Philipp Ruch erklärt in der Welt, was politische Schönheit ist. Und Thomas Schmid beklagt in seinem Blog die Ikonenhaftigkeit der jüngsten Pressefotografie.

Europa

Wunderschön der Anfang von Timothy Garton Ashs Kolumne im Guardian: "Eine neue Schlacht von Britannien hat begonnen. Von ihrem Ausgang hängt das Los zweier Unionen ab, der Europäischen Union und des Vereinigten Königreichs."
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Geschichte

Die am 21. Februar 1916 begonnene Schlacht um Verdun ist zum Inbegriff des Ersten Weltkriegs geworden. Dabei kennzeichnet sie keinen entscheidenden Entscheidungs- oder Wendepunkt, sondern steht gerade wegen ihrer verlustreichen Sinnlosigkeit für den Verlauf des Krieges, schreibt der Historiker Herfried Münkler in der NZZ: "Verdun wurde auch darum zum europäischen Erinnerungsort, weil hier die Ratlosigkeit der Generalstäbe wie in einem Brennglas gebündelt ist und nirgendwo die Erschöpfung der strategischen Kreativität deutlicher sichtbar wird als in dem hügeligen Gebiet an der Maas. Beide Seiten opferten hier insgesamt etwa eine Viertelmillion Soldaten, ohne sagen zu können, welche Bedeutung das für den Ausgang des Krieges haben werde."
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Ideen

Carlo Strenger, Autor des Essays "Zivilisierte Verachtung", fragt in der NZZ, wie Populismus in Europa zu verhindern sei: "Mir scheint es offensichtlich: Zum Teil ist die Schwarz-Weiß-Politik darauf zurückzuführen, dass die gemäßigten, aufgeklärten politischen Kräfte von der Ideologie der politischen Korrektheit gelähmt sind. Sie trauen sich weder, irrationale, unmoralische und unmenschliche Positionen scharf zu kritisieren, noch sind sie bereit, westliche Werte und Normen prägnant zu verteidigen. Dies treibt die verunsicherten Bürger in die Hände rückwärtsgewandter nationalistischer Kräfte."

In der Raumfahrt setzen die Menschen sich selbst an die Stelle Gottes als einer von außen sie beobachtenden Macht, schreibt Peter Sloterdiijk in einem Plädoyer "Für eine Philosophie der Raumstation" in der NZZ: "Die Menschen des globalen Zeitalters schauen erneut an den nächtlichen Himmel. Sie glauben aber nicht nur, dass sie beobachtet werden, sie wissen es auch, und indem sie dieses Wissen ernst nehmen, werden sie fähig zu handeln, wie ihr Gewissen es fordert." Der Essay ist ein Vorabdruck aus Sloterdijks kommendem Buch "Was geschah im 20. Jahrhundert?" Ebenfalls in Literatur und Kunst würdigt René Scheu den Anthropologen Sloterdijk.

Im E-Mail-Wechsel mit Welt-Redakteur Ulf Poschardt erklärt Aktionskünstler Philipp Ruch, was er unter "politischer Schönheit" versteht: "Bei Moral denken viele an etwas unglaublich Biederes, mit dem sie nichts zu tun haben wollen. Dieses pure Gutmenschentum, von denen sich der Zeitgeist so gerne vorauseilend abwendet. Es gibt aber einen zweiten Strang der Humanität, der eine moralische Schönheit besitzt, die überdauert und so gar nicht bieder oder konformistisch daherkommt. Willy Brandts Kniefall oder die Bombe Stauffenbergs verkörpern alles andere als biedere Moralvorstellungen von 'Gutmenschen'. Das Gute kommt manchmal als Explosion in der Wolfsschanze daher."
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Internet

Wikipedia plant eine eigene Suchmaschine, meldet Heise (und berichtet auch Axel Weidemann in der FAZ). Google wird sie aber wohl keine Konkurrenz machen, denn es soll nicht jede Informationsquelle ausgewertet werden, sondern nur solche, die Wikipedia ähnlich sind, die Daten des US-Census etwa oder die Digital Public Library of America: "Insgesamt soll das Projekt über sechs Jahre entwickelt werden und mehrere Millionen Dollar kosten - davon soll allerdings der Großteil von der Knight Foundation getragen werden. Die hat sich allerdings bisher nur für die erste Projektphase verpflichtet."
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Stichwörter: Suchmaschinen, Wikipedia

Politik

Donald Trump steht für den Politologen Torben Lütjen in der taz schon wegen seiner mangelnden Frömmigkeit für eine Europäisierung der amerikanischen Rechten: "Auch seine Vorschläge zur Wirtschafts- und Sozialpolitik sind nicht von jenem neoliberalen Furor begleitet, der die Republikaner sonst auszeichnet. Insofern Trump sich zu Inhalten äußert, steht er für eine höhere Besteuerung großer Einkommen und für die Verteidigung bestehender Sozialprogramme. Für das republikanische Establishment ist er, als Sinnbild eines gigantomanischen Turbo- und Spekulationskapitalismus, eigentlich ein veritabler Linker."
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Medien

Gestern hatten wir nach einem flüchtigem Blick behauptet, das neue World-Press-Photo-Award-Foto Warren Richardsons gehe endlich mal von der katholischen Ästhetik der Jury ab (unser Resümee), aber Thomas Schmid ordnet es in seinem Blog zurecht genau dieser Ästhetik zu - und stört sich daran: "Das alles ist durchaus eindrucksvoll. Eindrucksvoll und effektreich zugleich. Und doch rührt es nicht wirklich an. Das hat damit zu tun, dass Fotos mit dem Potenzial zur Ikone heute weltweit in großer Zahl und durchaus mit ikonenbildender Absicht aufgenommen werden. Die emblematische Momentaufnahme ist erwartbar, berechenbar. Es ist wie mit den Nachbildungen russischer Ikonen, die in Ländern der russischen Orthodoxie millionenfach an den Knotenpunkten des Tourismus angeboten werden: Sie werden in Serie, sie werden massenhaft produziert, fabriziert. Sie sind Erschütterungs-Meterware."

FAZ und andere Medien melden, dass die in der VG Media zusammengeschlossenen Zeitungen mit einer Klage gegen Google zum Leistungsschutzrecht vor dem Landgericht Berlin gescheitert sind.
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Religion

Die Journalistin Sineb El Masrar erklärt in der Welt, warum sich die würdigen Herrn Priester unterschiedlicher Religionen so gern in die Arme fallen: "Wer die Deutungshoheit allein den Männern überlässt, darf sich über Frauenfeindliches und Homophobes nicht wundern. Wahrscheinlich finden sich hierzulande deshalb alle Konfessionen so gut an den runden Dialogtischen zusammen, weil sie mit Vorliebe die emanzipatorischen Strömungen in ihrer Geschichte ignorieren können."

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Stichwörter: Sineb El Masrar