9punkt - Die Debattenrundschau

Dazu ist zu viel Beton gegossen worden

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.01.2016. Ein Dokumentarfilm über den Alltag von Salafisten in Nordafrika ist in Frankreich vom Verbot unter 18 Jahren bedroht - Claude Lanzmann schreibt in Le Monde einen empörten Brief an Kulturministerin Fleur Pellerin. Die Berliner Zeitung ist ganz froh über die Revirements beim Humboldt-Forum: So kann man endlich mal planen! Die SZ berichtet, wie die Deutsche Bahn ohne Mitsprache der Städte zentrale Grundstücke verkauft. Perlentaucher Thierry Chervel kann nicht fassen, was Mathias Müller von Blumencron von der FAZ bei Horizont.net über das angebliche "Wachstum von Qualitätsmarken" sagt.

Europa

Eine "unbeschreibliche Verschwörung" wendet sich in Frankreich gegen François Margolins et Lemine Oulds Dokumentarfilm "Salafistes", der wegen angeblicher Verteidigung des Terrorismus vom Verbot für ein Publikum unter 18 Jahren bedroht ist - was seine Auswertung praktisch unmöglich macht. Claude Lanzmann schreibt in Le Monde einen offenen Brief an Kulturministerin Fleur Pellerin, bei der die letzte Entscheidung liegt. Den Film, der den Alltag der Salafisten in Nordafrika dokumentiert, nennt Lanzmann ein Meisterwerk - auch wenn nicht jeder die Kraft haben wird, ihn zu sehen: "Margolin versteckt nichts von den minuziösen Gesetzen der Scharia und der Exekution der Urteile, die jedes Erbarmen ausschließt. Das Schlimmste ist wohl zu hören, wie die Opfer selbst, die unter unseren Augen zum Abhacken der Hand oder zur Köpfung verurteilt werden, mit einer Stimme so laut wie die der Henker, ihre Verfehlungen beklagen und die Schuld der Vereinigten Staaten und der Juden beschwören."

"Dieser Film ist tatsächlich verstörend", schreibt Olivier Milot in Télérama, "denn er präsentiert den Diskurs der Salafisten ohne jeden Filter, eine Logorrhoe, die einem das Blut in den Adern gefrieren lässt, unterbrochen von Auszügen aus Daesh-Propagandavideos."

Und: Die Eintracht zwischen Dänen und Schweden hat durch die Flüchtlingsströme einen argen Riss bekommen, erzählt Aldo Keel in der NZZ, allerdings waren sich die beiden immer schon fremder als gern behauptet.
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Politik

Felix Mbenga porträtiert für das Bondy-Blog von Libération die französische Journalistin Anne-Isabelle Tollet, die sich für Asia Bibi einsetzt, eine christliche Pakistanerin, die wegen Blasphemie verurteilt ist: "Heute warten die beiden Frauen auf den Prozess, der noch zu Beginn des Jahres angesetzt werden soll, auch wenn noch kein Datum feststeht. Das höchste pakistanische Gericht ist die letzte Instanz: 'Entweder sie wird in diesem Prozess für unschuldig erklärt, dann käme sie mit ihrer Familie nach Paris, um hier zu leben. Oder sie wird zu lebenslänglich verurteilt, oder die Strafe wird in ein Todesurteil umgewandelt - dann wäre das das Ende', sagt mir Anne-Isabelle."
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Medien

Nicht zufrieden ist FAZ-Medienredakteur Michael Hanfeld mit dem neuen WDR-Gesetz des Landes NRW, das wohl auf die Bedürfnisse des Senders maßgeschneidert wurde: "So darf der Sender künftig auf einer ganz legalen Grundlage die Zusammenarbeit pflegen, von der inzwischen in beinahe jeder zweiten ARD-Meldung die Rede ist: 'Nach Recherchen von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung, lautet der Passus, mit dem wohl irgendwann auch die Wettervorhersage eingeleitet wird."

Wie es in Staatssendern zugehen kann, wenn sie gleichgeschaltet werden, erzählt der prominente polnische Journalist Tomasz Lis im Interview mit Silke Mülherr und Ulf Poschardt von der Welt: "Die Verträge der Journalisten bei den öffentlichen Sendern werden gerade alle überprüft. Wer als kritisch gegenüber der neuen Regierung eingestuft wird, der bekommt keinen neuen Vertrag oder wird gekündigt. Allein in den vergangenen fünf Tagen sind so zehn der bekanntesten Politikjournalisten ihren Job losgeworden."

Perlentaucher Thierry Chervel kann es nicht fassen, was FAZ-Onlinechef Mathias Müller von Blumencron bei Horizont.net sagt, nämlich: "In Deutschland hat es in den vergangenen zwanzig Jahren nicht ein Start-up zu journalistischer Relevanz gebracht, dafür wachsen die Qualitätsmarken." Chervels Antwort: "Höre ich richtig? Gerade lernten wir doch aus neuesten IVW-Zahlen (hier bei turi2), dass die Printhäuser, denen die von Blumencron besungenen "Qualitätsmarken" gehören, weiter geschrumpft sind. Die Auflage der FAZ sinkt seit Jahren - mit krassen Folgen für den Inhalt des Qualitätsblatts. Allein die Zahl der Literaturkritiken pro Jahr dürfte sich seit 2000 fast halbiert haben (mehr hier)! Alle Teile der Zeitung sind quasi halbiert."

Al Dschasira ist in Amerika gescheitert, der arabische Nachrichtensender aus Katar wird seine Dependance in den USA schließen, berichtet Thorsten Schröder auf Zeit online. Gründe gibt es mehrere, etwa, dass die Kabelanbieter nur sehr ungünstige Sendeplätze anboten. "Die Macher selbst scheiterten zusätzlich an den eigenen Ansprüchen. Der Balanceakt, subversiven Journalismus zu liefern und zugleich leicht verdaulich zu bleiben, um genügend Zuschauer an sich zu binden, erwies sich als schwieriger als gedacht. Al Jazeera, witzelten Branchenkenner, habe neben Fox News gewirkt wie eine Vorlesung an der Uni neben der Premiere eines Broadway-Stücks."

Weiteres: Der Guardian muss drastisch sparen, berichtet der Guardian auf den eigenen Seiten, die Financial Times brachte vor einigen Tagen bereits die Information, unser Resümee.
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Kulturpolitik

In der Berliner Zeitung ist Nikolaus Bernau gar nicht so unfroh über den Abgang von Manfred Rettig als verantwortlichem Bauherrn des Berliner Schlosses. Jetzt könne man endlich auch mal umplanen! "Bisher regierte Rettig als Alleinherrscher über das Projekt, agierte mit dem Termin- und Kostenargument. Jetzt aber ist durch die Berufung des unabhängigen Neil MacGregor und seiner offensichtlichen Unterstützung durch Monika Grütters erstmals die Nutzerseite so stark im Planungsprozess geworden, wie sie es immer hätte sein sollen. Sicher kann es keinen grundlegenden Neuanfang geben. Dazu ist zu viel Beton gegossen worden. Aber es können Korrekturen im Detail stattfinden: der Herausriss der inzwischen unsinnigen Bibliothekseinbauten, die Neuverteilung von Ausstellungsräumen etwa." Und was die Einhaltung des Kostenplans von 590 Millionen angeht: "Fachleute haben schon um 2009 angekündigt, dass ein so großer Bau mit diesen Funktionen realistisch etwa 750 Millionen Euro kosten wird."

Die Münchner Konzertsaal-Entscheidung ist noch nicht verwunden. Patrick Bahners greift in der FAZ einen Leserbrief des ehemaligen bayerischen Finanzministers Kurt Faltlhauser an die SZ auf, der behauptet, dass die bayerische Regierung die Öffentlichkeit über Gutachten bei der Standortentscheidung getäuscht habe. Vor allem geht es um ein Gutachten des Akustikexperten Yasuhisa Toyota, der von einem Konzertsaal im zentral gelegenen Marstall-Gelände abgeraten habe: "Faltlhauser behauptet in seinem Leserbrief, Toyota habe in seinem Gutachten keinesfalls festgestellt, dass ein Konzertsaal im Marstall unmöglich sei. Der von ihm 'von Anfang an favorisierte Standort' sei 'durch eine verfälschende Überinterpretation des Wissenschaftsministeriums erledigt' worden."

Ebenfalls für die FAZ besucht Paul Ingedaay die europäische Kulturhauptstadt San Sebastian.

Laura Weissmüller erzählt in der SZ, wie die Deutsche Bahn große Grundstücke in zentralen Vierteln Frankfurts, Münchens oder Berlins an private Investoren verkauft hat, ohne dass die Politik eingegriffen hätte: "Dabei hätte jede Großstadt die Macht gehabt, zu entscheiden, was und vor allen für wen auf diesen wichtigen Flächen gebaut wird. Erstens, weil der Paragraf 24 des Baugesetzbuches ihr ein Vorkaufsrecht einräumt. Zweitens, weil sie bestimmen konnte, was dort gebaut werden durfte. Denn auf ehemaligem Bahnland darf erst einmal keiner bauen außer der Bahn. Erst wenn die Kommunen einen Bebauungsplan erstellt haben, ändert sich das. Die frei gewordenen Bahnhöfe und Gleisfelder waren ein weißes Blatt Papier. Jede Stadt konnte sich überlegen: wie viel sozialer Wohnungsbau dort entstehen sollte; ob ein Theater oder ein Museum gut hierhin passen könnte; ob die Gewerbeflächen auch für Kreative und Kleingastronomen bezahlbar sein sollen." Statt dessen gibt es dort jetzt teure, gesichtslose Eigentumswohnungen, die den Mietspiegel in die Höhe treiben.

Gesellschaft

Bereits gestern spekulierte Krimiautor Don Winslow in der FAZ über Gründe für die Festnahme des Drogenbarons Joaquin Guzmán: "Im organisierten Verbrechen kann sich jeder, auch Guzmán, nur so lange halten, wie er anderen nützt. Die Amerikaner haben die mexikanische Regierung so stark unter Druck gesetzt, dass der Mann nach sechs Monaten zu einem Geschäftsrisiko wurde. Seit seinem 'Ausbruch' hat er schlechte Geschäftsentscheidungen getroffen, und seine Idee von einem Film über sein Leben kann seinen öffentlichkeitsscheuen Partnern nicht gefallen haben." Im Hollywood-Blog Deadline hatte Winslow bereits Sean Penns journalistisches Abenteuer mit Guzmán kritisiert.
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