9punkt - Die Debattenrundschau

Jetzt harmonisieren wir das mal

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.01.2016. Im Guardian erinnern sich fünf arabische Autoren an den arabischen Frühling - zum Teil schreiben sie aus dem Gefängnis. Pascal Bruckner kritisiert im Figaro den Größenwahn westlicher Linker, die sich immer nur den Westen als den Bösen in der Geschichte denken können. In Zeit online warnt Viktor Jerofejew vor der russischen Romantik und Russlandromantik. Kunst macht Theater, Theater macht Kunst, und alles sieht gleich aus, stöhnt der Tagesspiegel - aber Thomas Oberender von den Berliner Festspielen sieht's ganz anders.

Politik

Der Guardian lässt eine Reihe arabischer Autoren zum fünften Jahrestag der Arabellion schreiben - sie hatten alle schon im Jahr 2011 zu den Ereignissen Stellung genommen. Der Blogger Alaa Abd El Fattah schreibt aus einem Gefängnis in Kairo - in dem nur Islamisten schlimmer behandelt werden als andere politische Gefangene. Der ägyptische Autor Ahdaf Soueif macht trotzdem die Islamisten mit verantwortlich für das Desaster in Ägypten: "Die Katastrophe geht auf den Moment zurück, als die Muslimbrüder und die Salafisten der Revolution der Bevölkerung das 'Identitätsthema' aufdrückten. 'Stimme für den Islam' war die Parole, die den Konflikt in eine andere Richtung schob. Nun waren es nicht mehr die Leute gegen das Regime, sondern die Leute gegeneinander. Die Frontlinie der Revolution, die zunächst von den 'physischen' Bedürfnissen der Menschen handelte, war nun 'metaphysisch' geworden."

In der taz schreibt die ägyptische, heute in Deutschland lebende Autorin Nora Amin über den Tahrir-Platz vor fünf Jahren und die sexuelle Belästigung, die alles vergiftete: "In dieser Gesellschaft, die die Vergewaltigung innerhalb einer Ehe nicht als solche anerkennt, spielt Aggression eine entscheidende Rolle im Sexualempfinden der Menschen. Ein Mann, der nicht aggressiv agiert, gilt nicht als Mann. Diese Männlichkeit aber sichert doch seinen Platz in der ägyptischen Öffentlichkeit."

Gabriele Goettle trifft für ihre große taz-Reportage Jürgen Maier, einen der wichtigsten Aktivisten gegen das Freihandelsabkommen TTIP, der nach wie vor überzeugt ist: "Das Ding ist verkorkst. Von Beginn an. Eines der Hauptargumente der Befürworter ist: Wir müssen gemeinsam mit den USA Standards setzen, sonst machen das die Chinesen. Aber mal abgesehen davon, ob das so stimmt, die Standards der USA sind ja in vielen Fällen keineswegs die besten. Nur ein kleines Beispiel: In Europa sind rund 1.300 Chemikalien als Kosmetikzusätze verboten - und zwar, weil wir sie für gefährlich halten. In den USA sind es genau 11. Der Rest ist zugelassen. Jetzt harmonisieren wir das mal, sozusagen nach der Vorgabe regulatorischer Harmonisierung. Was heißt das dann?"

Weiteres: Auch Constanze Kurz schreibt in ihrer "Maschinenraum"-Kolumne für die FAZ über TTIP, die heimlichen Schiedsgerichte und die Risiken für den deutschen Mittelstand. Im Interview mit der Welt erklärt der Schriftsteller Richard Ford Donald Trump zum neuen Mussolini.
Archiv: Politik

Europa

Pascal Bruckner kritisiert im Interview (hier, kostenpflichtig) mit dem Figaro Angela Merkel und die defensiven Reaktionen der Öffentlichkeit auf die Ereignisse von Köln: "Die Deutschen leben wie die meisten Europäer in der Gewissheit, die einzige Quelle des Bösen in der Welt zu sein. Wir setzen unseren Stolz darein zu glauben, dass wir die Wurzel der Gewalt in der Welt sind. Andere Völker sind von Natur aus unschuldig oder reagieren nur auf unsere Brutalität. Der Flüchtling ist die moderne Version des edlen Wilden. Er leidet, es ist unsere Schuld, also braucht er unsere Hilfe. Wenn er böse handelt, dann weil wir böse mit ihm waren. Es steckt eine Menge Größenwahn und Herablassung in dieser Gewissheit."

Den Deutschen ging es nie besser als heute, schreibt der Soziologe Stephan Lessenich zum Abschluss der Serie "Was ist deutsch?" in der SZ: "'Deutsch' ist es wohl auch, die Relationen zu verkennen. Denn die deutsche 'Flüchtlingskrise' nimmt sich im Weltvergleich alles andere als außergewöhnlich oder gar außerordentlich gravierend aus. Pakistan beherbergt, auf das BIP pro Kopf in US-Dollar berechnet, 322 Flüchtlinge - nach einer weltweiten Statistik, die derzeit Äthiopien mit 469 Flüchtlingen pro Sozialprodukteinheit anführt. Der entsprechende Wert für Deutschland liegt bei 20." Vielleicht sollte man noch dazu sagen, dass das nicht die einzigen Indikatoren sind, die zwischen diesen Ländern divergieren!

Polen ist nicht Ungarn, versichern sowohl Adam Krzeminski in der Welt als auch Slawomir Sierakowski in der Zeit. Die Polen haben einfach, anders als die Ungarn, eine wirkliche Zivilgesellschaft, tröstet sich Krzeminski: "Die Beharrlichkeit einer Grassroots-Bewegung wie der 'Solidarnosc' ist im polnischen Politikverständnis viel stärker verankert als das 'Führerprinzip'. Das ist keine Selbstbeschwichtigung für heute. Trotz imposanter landesweiter Protestdemonstrationen, die auf die nächtlichen Sejm-Sitzungen, in denen die neuen Gesetze durchgepeitscht wurden, folgten, ist der Opposition klar, dass sie sich auf einen langen Marsch einstellen muss. ... Trotzdem wird es ein Danach geben. Und darauf muss sich sowohl die Opposition als auch die heute so triumphierende PiS einstellen."

In Polen ist "noch nie etwas vollkommen gelungen", meint Sierakowski, der vor allem dem rüden polnischen Kapitalismus die Schuld am Aufstieg Kaczyńskis gibt, "der Nazismus nicht, der Kommunismus nicht, dem Kaczysmus wird es daher genauso ergehen. Die Tradition des Widerstands ist in Polen einfach zu stark. Trotzdem gilt zu bedenken, dass ein Sieg über Kaczyński bei den Wahlen noch kein ganzer Sieg wäre. Kaczyński kann nur besiegen, wer die Politik aus dem dysfunktionalen Konflikt zwischen Modernisierung und Anti-Modernisierung herausführt. Erst wer das schafft, wird die liberale Demokratie in Polen bewahren."
Archiv: Europa

Gesellschaft

Die russische Gesellschaft ist "sehr gespalten", erklärt der russische Schriftsteller Viktor Jerofejew im Interview mit Zeit online. Aber der Westen mache einen Fehler, wenn er nur rationale Gründe dafür sehe: "Es gibt die europäisch-liberale Richtung, die sich in Protesten, Briefen und Aktionen gegen Repressionen manifestiert.Und es gibt die nationale Richtung, der - wie ich sagen würde - romantischen Slawophilie: Alles ist hervorragend bei uns, das Volk wie auch das Leben, und all die anderen stören nur. Diese politische Romantik scheint auch einen großen Einfluss auf Putin auszuüben. Er ist bereit, diese Karte der politischen Romantik zu spielen. Die europäisch-liberale Richtung hat auch ihre Schwächen. ... Sie sieht diese Romantik nicht. Sie glaubt, dass die Leute nur deshalb mit der Macht verbunden sind, um Geld zu verdienen. Und dass die Machthaber einfach nur an ihrer Macht festhalten, dass es da gar kein ideelles Fundament gibt. Auch im Westen versteht man das nicht."

Im Tagesspiegel schreibt Peter von Becker über Rassismus und das Denken in Stereotypen. Nur selten gelinge es, dieser Falle zu entkommen. Peter Zadek hatte es vor 40 Jahren in seinem Hamburger "Othello" geschafft: "Als der kohlschwarz angemalte, mit einer grotesken King-Kong-Perücke geschmückte Othello-Darsteller Ulrich Wildgruber am Ende der erst skandalisierten, später umjubelt in die Theatergeschichte eingegangenen Inszenierung seine vermeintlich untreue Frau Desdemona im Eifersuchtswahn umarmt, küsst, würgt und tötet, passierte das: Auf den Körper der entblößten Eva Mattes färbte Wildgrubers dunkle Theaterschminke ab, die weiße Desdemona nahm so die Farbe ihres blindmörderischen 'schwarzen' Geliebten an, die angeblichen Gegensätze vermischten und vereinten sich, wenigstens im Tod. Dieses Bild blieb."
Anzeige
Archiv: Gesellschaft

Kulturpolitik

Ob feste Häuser oder Festivals, überall werden die Genres gemischt, "es sieht alles irgendwie gleich aus", meint im Tagesspiegel müde Rüdiger Schaper zu Thomas Oberender, Intendant der Berliner Festspiele. Der versucht ihn im Interview mitzureißen: "Wirklich? Jan Fabres 'Mount Olympus'-Marathon oder Tino Sehgal im Gropius-Bau, das sind moderne Riten der Kunst mit ihrer ganz eigenen Energie, die sind unverwechselbar. Und wir spüren, dass man für kurze Zeit eine Gesamtberliner Wirkung erzielen kann: zum Beispiel mit der Ai-Weiwei-Ausstellung oder im Falle von Robert Wilsons 'Einstein on the Beach'. In den kommenden Jahren werde ich mich sehr um diese großen Formate und Behauptungen bemühen, das fordert auch die pure Größe unserer Häuser. Ich bin zuversichtlich, denn ich habe das Gefühl, dass gerade sehr viel passiert …"

Geschichte

Im Jahr 1970 stürzte ein Flugzeug der Swissair nach der Explosion eine Bombe im Gepäck über dem Ort Würenlingen ab. 47 Menschen kamen ums Leben. Die palästienensischen Täter, obwohl bekannt, wurden nie belangt. Wolfgang Kraushaar weiß jetzt nach Recherchen des Schweizer Kollegen Marcel Gyr, warum und erklärt es in der taz: Schweizer und palästinensische Unterhändler haben 1970 ein heimliches Stillhalteabkommen geschlossen: "Per Handschlag beschlossen sie, dass die PLO keine Anschläge mehr auf Schweizer Staatsgebiet oder Zielobjekte verüben würde. Dafür würde sich die Schweiz bei der UNO für die Anerkennung eines Palästinenserstaates und die Gründung eines eigenen Büros beim UN-Sitz in Genf einsetzen. Zu dieser Vereinbarung dürfte auch gehört haben, palästinensische Terroristen respektive Unabhängigkeitskämpfer von der Strafverfolgung auszunehmen."

Roswitha Schieb schreibt in der NZZ eine kleine Geschichte des jahrhundertelang erfolgreich multikulturellen Breslaus, was im Zweiten Weltkrieg erst von Deutschen vernichtet und dann von Polen verdrängt wurde, und schließt: "Es gibt ein großes Bedürfnis in dieser äußerst munteren, geistreichen und lebensvollen Stadt, an den kulturellen Reichtum der Vergangenheit anzuknüpfen. Ohne Amnesien, Tabuisierungen, Klitterungen ist Breslau mittlerweile in der Lage, sich auch schwierigen Kapiteln der Geschichte zu stellen."
Archiv: Geschichte

Medien

Die neue App der FAZ (FAZ plus), die im Abo immerhin 40 Euro pro Monat kostet, funktioniert zwar sehr gut, aber sie denkt das Digitale als Zeitung, meint Jens Twiehaus von turi2: "Was gänzlich fehlt, sind Möglichkeiten zur Interaktion. Die Autorinnen und Autoren bleiben bis auf vereinzelte, kleine Fotos anonym. Eine Anbindung an die umfangreiche Biografien-Seite auf faz.net fehlt ebenso wie die naheliegende Möglichkeit, dem Autor direkt aus der App heraus eine E-Mail schreiben zu können."
Archiv: Medien
Stichwörter: FAZ