9punkt - Die Debattenrundschau

Als gelte es, einen Cordon sanitaire zu errichten

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.01.2016. Die Debatte über Köln geht weiter, und die Positionen sind unversöhnlich. Der Aufruf "#ausnahmslos" versucht festzulegen, welche Differenzen man benennen darf, und welche nicht. Samuel Schirmbeck sieht das mit den Differenzen in der FAZ etwas schlichter. Caroline Fetscher wendet sich im Tagesspiegel gegen paternalistische Stimmen, die andern Kulturen Zeit lassen wollen. Außerdem: In der Berliner Zeitung ist Götz Aly nicht zufrieden mit der akademischen Erbsenzählerei in der kritischen Hitler-Ausgabe. Und der New Yorker mokiert sich über den Journalisten Sean Penn.

Europa

Die Debatte über Köln geht weiter, und die Positionen sind unversöhnlich!

Der Aufruf #ausnahmslos, der auch von Familienministerin Manuela Schwesig unterzeichnet wurde, tendierte gestern auf Twitter noch vor David Bowie. Die Aktivistin Kübra Gümüşay und die "Aufschrei"-Erfinderin Anne Wizorek versuchen in Gender-Studies-Manier festzulegen, welche Differenzen benannt werden sollen und welche nicht: "Sexualisierte Gewalt darf nicht nur dann thematisiert werden, wenn die Täter die vermeintlich 'Anderen' sind: die muslimischen, arabischen, Schwarzen oder nordafrikanischen Männer - kurzum, all jene, die rechte Populist_innen als 'nicht deutsch' verstehen. Sie darf auch nicht nur dann Aufmerksamkeit finden, wenn die Opfer (vermeintlich) weiße Cis-Frauen sind."

Der ehemalige ARD-Korrespondent Samuel Schirmbeck benennt die Differenzen in der FAZ ganz anders: "Eine Muslimin kann in Deutschland den Bus nehmen, ohne befürchten zu müssen, begrabscht zu werden, eine Europäerin in Nordafrika kann das nicht."

Der Autor Michael Ebmeyer zieht im Freitext-Blog von Zeit online eine Parallele zu Poes Erzählung "Die Maske des Roten Todes", in der sich eine Festgesellschaft einschließt, und sieht Deutschland zur Festung werden, deren Psychologie Ebmeyer so beschreibt: "In der Maske der Scheinrationalität sickert fatales Ressentiment in den gedanklichen Mainstream: von den kaum noch hinterfragten allgemeinen Stigmatisierungen der Muslime über die spezielle Angst alternder deutscher Männer vor jungen Flüchtlingen bis hin zu hetzerischem Komplett-Irrsinn über angebliche UN-Pläne, die deutsche Bevölkerung auszutauschen. 'Die Stimmung kippt', frohlocken die Propagandisten der Festung gerne."

Wer liberal sein will, muss bei Asylverfahren Strenge zeigen, meint dagegen der Kolumnist Jörg Friedrich: "Natürlich bietet ein solches strenges Verfahren keine vollständige Sicherheit vor Gewalttätern und Feinden der freien Gesellschaft. Aber es erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die Integration derer gelingt, die den Prozess der Prüfung und Qualifikation erfolgreich durchlaufen haben. Und es wird auch eine gewisse abschreckende Wirkung auf jene haben, die sich gar nicht integrieren wollen."

Caroline Fetscher wendet sich im Tagesspiegel gegen paternalistische Stimmen, die anderen Kulturen Zeit lassen wollen, bis sie zu aktuellen Rechtsvorstellungen kommen: "Jeder Position des 'Die-sind-noch-nicht-so-weit' mangelt es an konkreter, klarer Vorstellung der aktuellen Not und Notwendigkeit. Was ist daran 'kultursensibel', denen, die Frauen zum Sex zwingen oder die es in Ordnung finden, wenn Homosexuelle wie im Iran an Kränen aufgehängt werden, 'mehr Zeit' zu lassen? Wem oder was dient es, wenn aktuelle Barbarei mit historischer verglichen und damit bagatellisiert, relativiert wird?"

Außerdem zu Köln: Alan Posener spottet in der Welt über die umstrittenen Cover der Süddeutschen und des Focus zur Affäre, in denen er die rassistischen Klischees der vom "schwarzen Mann" verfolgten Unschuld realisiert sieht.

Im Interview mit Andreas Förster von der Jungle World spricht Caroline Fourest über das "Trauma des 'permanenten Attentatsrisikos'": "Uns ist bewusst geworden, dass eine ganze Generation mit diesem permanenten Attentatsrisiko wird leben müssen. Zumindest aber so lange, wie der 'Islamische Staat' in der Lage ist, einige Bürger unserer Länder anzuwerben und gegen diese zu wenden. Im Gegensatz zu den Algeriern haben wir das Glück, uns mit diesem Risiko im Rahmen von Rechtsstaaten auseinandersetzen zu müssen. Der Kampf gegen den Terrorismus zwingt uns zu fürchterlichen Kompromissen bei unseren Prinzipien. Aber wir müssen das wenigstens auf ganz transparente Weise tun, mit kühlem Kopf und treu gegenüber dem, was uns von theokratischen Diktaturen wie dem 'Islamischen Staat' unterscheidet."
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Gesellschaft

In der NZZ wirft Inna Hartwich einen Blick auf Russlands neopatriarchale Strukturen, die Frauen wieder auf die Rolle der Mutter beschränkt und sogar hinter die instrumentelle Emanzipation der Sowjetunion zurückkatapultiert: "Bis heute hat es der Begriff 'Feminismus' nicht leicht in Russland, bis heute ist er mit 'westlicher Pest' konnotiert, die Russland nicht eigen sei, auch wenn das Land durchaus über Frauenrechte diskutiert, nur wenig auf politischer Ebene. In Putins Russland herrscht die 'Pflicht zur traditionellen russischen Familie', die auf heterosexueller Ehe basiert und mindestens zwei Kinder hat, wie es im Strategiepapier zur Demografiepolitik bis 2025 steht. Die Kommunisten waren da zunächst experimentierfreudiger, mit der Zeit jedoch immer repressiver."
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Kulturpolitik

Bernd Schultz von der Villa Grisebach ist einer der Hauptlobbyisten gegen das Kulturgutschutzgesetz. In der FAZ hat er jetzt einen Kompromissvorschlag, der sicher auch den Kunsthandel zufrieden stellen würde: "Gibt es nicht einen effektiveren und friedensstiftenden Königsweg für alle Beteiligten als diese Gesetzesnovelle? Wie wäre es zum Beispiel mit einem staatlichen Vorkaufsrecht zum fairen Marktpreis?"
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Politik

Die Welt übernimmt einen Project-Syndicate-Artikel Ian Burumas, der den Krieg in Syrien nicht als einen religiösen Konflikt sieht und Parallelen zum Dreißigjährigen Krieg zieht: "Die Hauptkonfliktachse des Nahen Ostens ist nicht religiös oder sektiererisch, sondern geopolitischer Art: Im Kern steht der Kampf zwischen Saudi-Arabien und dem Iran um regionale Hegemonie. Beide haben Unterstützer unter den Großmächten und beide stacheln absichtlich religiöse Fanatiker auf, aber der Schlüssel zum Verständnis der Eskalation von Gewalt liegt nicht in theologischen Differenzen."

Die SZ übernimmt aus Edge.org einen Artikel des amerikanischen Soziologen Jonathan Haidt, der die zunehmende Feindseligkeit unter den politischen Parteien mit Sorge betrachtet: "Amerikaner müssen künftig mit mehr Polarisierung, mehr Hetze, mehr Lähmung und blockierter Regierungsgewalt rechnen. Die Welt sollte das als Warnung begreifen, denn einige der Trends, die zu dieser Lage in den USA geführt haben, zeichnen sich auch in anderen Ländern ab: mehr Ausbildung und Individualismus (beides macht die Menschen ideologischer), mehr Zuwanderung und ethnische Vielfalt (beides reduziert soziale Bindungen und Vertrauen), stagnierendes Wirtschaftswachstum (vermittelt den Menschen das Gefühl eines Nullsummenspiels)."
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Geschichte

Sehr unzufrieden äußert sich Götz Aly in der Berliner Zeitung über die kritische Edition von Hitlers "Mein Kampf", deren detailhuberische Kommentare kaum erklären könnten, was Hitler und dieses Buch so populär machten - während der Literaturteil die wichtigsten essayistischen Auseinandersetzungen mit Hitler ausspare: "So wie die kritische Edition von 'Mein Kampf' gemacht ist, kann sie allenfalls Fachleuten lexikalische Dienste erfüllen. Sie umzingelt den Text mit Kommentaren, so als gelte es einen Cordon sanitaire zu errichten. Womöglich ist das eine notwendige Pause auf dem verstörenden Weg, sich der monströsen deutschen Vergangenheit immer wieder neu zu stellen."

Noch eine Hitler-Biografie hätte der Historiker Norbert Frei nicht unbedingt haben wollen, aber über die kritische "Mein-Kampf"-Edition seiner Münchner Kollegen äußert er sich im SZ-Interview nur positiv. Das giftige Kompliment geht eher gegen Journalisten und Kritiker: "Ich halte die Edition aber insgesamt für gelungen - soweit man das an einem Wochenende übersehen kann. Es gibt ja Kollegen von Ihnen, die offenbar in der Lage sind, fast 2000 Seiten an einem Nachmittag zu lesen, um anderntags ein definitives Urteil abzugeben. Da kann ich nur sagen: Hut ab."
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Kulturmarkt

Der amerikanische Pen Club hat trotz Widerständen vieler Gegenstimmen im letzten Jahr daran festgehalten, Charlie Hebdo mit einem Preis auszuzeichnen. Währenddessen nimmt die International Publishers Association das Blogger peitschende und köpfende Saudi Arabien auf, schreibt Rüdiger Wischenbart auf seinem Blog: "Die IPA hat bisher noch keine Kriterien in seinen Statuten, wer überhaupt Mitglied sein und somit bei der Vergabe des renommierten 'Freedom to Publish'-Preises mitstimmen darf. die Kontroverse über die Entscheidung des letzten Jahres, Saudi Arabien und China aufzunehmen hat deutlich gemacht, wie wichtig solche Statuten wären."
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Medien

Der Facebook-Mitbegründer Chris Hughes stellt die New Republic, die er sich vor einigen Jahren gekauft hatte, wieder zum Verkauf und resümiert bei Medium sein segensreiches Wirken: "Wie viele wissen, brach ich im Jahr 2014 mit den älteren Redakteuren wegen fundamentaler Differenzen darüber, wie digital orientiert und aufs Geschäft fokussiert dieser Ort sein solle. Es ist heute klar, dass alle Bitternis von tiefer Leidenschaft und Sorge um eine Institution, die größer ist als wir alle, herrührte. Unser Streit hat uns nicht geholfen, die New Republic auf einen guten Weg zu bringen, aber er besiegelte auch nicht das Ende. Der Journalismus und die Technologie, die wir seitdem entwickelt haben, gehört zum Fortschrittlichsten und Kreativsten in der Geschichte des Magazins."

Patrick Radden Keefe erzählt im New Yorker, dass er einst ein sehr nettes Angebot des Drogenbarons Joaquín Guzmán, dessen Memoiren zu schreiben, ablehnte. Er erwähnt kurz, welche Risiken Journalisten eingehen, die über mexikanische Drogenakartelle berichten und dass sich Sean Penn für sein Stück im Rolling Stone keine entsprechenden Sorgen machen musste. Seine eigentliche Frage aber ist, was er nun Neues aus dem epischen Artikel Penns im Rolling Stone erfährt: "Die Antwort lautet überraschender Weise: nicht viel. Ich war erstaunt zu erfahren, dass Guzmáns Ingenieure mehrere Monate in Deutschland trainierten, um den raffinierten Tunnel zu bauen, der ihm die Flucht aus dem Gefängnis erlaubte. Aber sonst schafft es Guzmán mit der Disziplin eines Staatssekretärs bei einer Pressekonferenz viel zu reden und wenig zu sagen."
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