9punkt - Die Debattenrundschau

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11.01.2016. Im Tagesspiegel empfiehlt Caroline Fetscher mit Blick auf Köln die Lektüre der Feministin Mona Eltahawy. Trotz der Furcht vor Rassismus bestehen FAZ und SZ darauf, dass über die Ereignisse von Köln geredet werden müsse und dass Straftäter ausgewiesen werden. Angriffe auf Frauen wie in Köln sind immer auch Angriffe auf Öffentlichkeit, schreibt Isolde Charim in der Wiener Zeitung. Die amerikanische Medien diskutieren über Sean Penns Interview mit dem Drogenboss Joaquin Guzman, das der Rolling Stone von Guzman autorisieren ließ. Und in Edge und der SZ besteht Steven Pinker darauf, dass es Fortschritt gibt.

Europa

Dass so etwas wie in Köln geschieht, hatten die Rassisten erhofft, die Nicht-Rassisten befürchtet, schreibt Isolde Charim in ihrer Kolumne für die Wiener Zeitung. "Und dann war es doch wieder überraschend - wo da etwas aufbricht. Und wie. Klar war, dass etwas im öffentlichen Raum passieren würde. Übergriffe im öffentlichen Raum sind immer auch Angriffe des öffentlichen Raums. Wie schon bei den Attentaten in Paris, so wurde auch in Köln das Öffentliche mit angegriffen. Denn solche Attacken erzeugen Angst vor dem öffentlichen Raum."

Caroline Fetscher empfiehlt im Tagesspiegel mit Blick auf Köln die Schriften der ägyptisch-amerikansichen Feministin Mona Eltahawy, die in ihren Büchern den Frauenhass in der arabischen Welt analysiert: "Wirksame Veränderung werde es in arabischen Gesellschaften erst geben, sagt Eltahawy, die einen Teil ihrer Schulzeit in Saudi-Arabien verbrachte, wenn 'wir erkennen, dass die Frauenfeindlichkeit des Staates, der Straße und in den Familien miteinander verbunden sind'."

Heribert Prantl fürchtet in der SZ einen Triumph des Rassismus und setzt auf den Rechtsstaat, der in der Lage sein müsse, "das Asylrecht und das Ausländerrecht samt Abweisung, Ausweisung und Abschiebung so zu handhaben, dass Menschen, die Schutz brauchen, ihn erhalten; dass ihn diejenigen, die ihn nicht brauchen, nicht erhalten; und dass er denjenigen, die ihn missbraucht haben, entzogen wird."

Klipp und klar wendet sich der Soziologe Hans-Georg Soeffner in der FAZ gegen den Begriff der "Leitkultur": "Es gilt, die Chimäre völkisch, religiös oder ideologisch eingefärbter Leitkulturen gründlich zu entsorgen: Offene Gesellschaften können nur durch den Gesellschaftsvertrag geleitet werden, den sie sich selbst gegeben haben."

Antonia Baum gibt in der FAZ am Sonntag sehr viele Gründe an, warum sie eigentlich nicht über Köln sprechen will ("weil ich dadurch mit Sicherheit Applaus von Vollidioten bekomme") und sie es doch tut: "Meiner kleinen Schwester sage ich, dass sie auf den Boden gucken und schnell weiter gehen soll, wenn sie sieht, dass ihr eine Männergruppe entgegen kommt, auf die die eben genannten Kriterien (eigentlich genau diese Kriterien: schwarze Haare, dunkle Augen, breitbeiniger Gang, Bock auf Stress) zutreffen."

Ross Douthat stellt in der New York Times Forderungen, die sich hier kein Leitartikler trauen würde: Angela Merkel soll zurücktreten, und die jungen Flüchtlinge sollen in einem "orderly deportation process" in ihre Herkunftsländer zurückgebracht werden. Dass die Flüchtlingskrise in Deutschland Konflikte bringen wird, begründet er demografisch: "Im Fall Deutschlands ist die wichtige Zahl nicht 82 Millionen, die gegenwärtige Einwohnerzahl. Hier geht's um die etwa Zwanzigjährigen, die im Jahr 2013 weniger als 10 Millionen ausmachten (und da waren ja schon viele Immigranten dabei). In dieser Kohorte und der Kohorte, die danach kommt, könnte der gegenwärtige Zustrom einen transformativen Effekt haben." Douthat bezieht sich auf einen Essay Valerie Hudsons in Politico, die zuerst dieses demografische Argument vorbrachte.

Telepolis zitiert einen offenen Brief von Flüchtlingen, die ihre Empörung über die Kölner Ereignisse bekunden und sich dabei vor allem auf Bibel und Koran beziehen: "Wir verpflichten uns im Rahmen unserer Möglichkeiten mitzuhelfen, dass sich Verbrechen wie die in Köln nicht wiederholen und die Gastfreundschaft der Deutschen missbraucht wird."
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Ideen

Es gibt Fortschritt, schreibt Steven Pinker in einem Edge-Artikel, den die SZ übersetzt, der Menschheit gehe es trotz allem besser denn je - dank Aufklärung: "Die Geschenke des Fortschritts, die uns zugutekommen, sind Ergebnisse von Institutionen und Normen, die in den letzten zwei Jahrhunderten verankert wurden: von Vernunft, Wissenschaft, Technik, Bildung, Sachkenntnis, Demokratie, regulierten Märkten und von einer moralischen Verpflichtung auf Menschenrechte und menschliches Wohlergehen. Wie gegenaufklärerische Kritiker schon lange moniert haben, gibt es keine Garantie dafür, dass diese Entwicklungen das Leben langfristig verbessern. Aber wir wissen, dass sie tatsächlich zur Verbesserung geführt haben."

In der NZZ stellt Beat Stauffer die Stiftung Ridha Tlilis, Professor für Zeitgeschichte an der Universität Tunis, vor, die die Demokratie in Tunesien stärken und vor allem auch die Imame gewinnen will, die noch den Einflüsterungen saudischer Radikaler unterliegen: "Seine Diagnose klingt sehr hart: Es sei offensichtlich, dass die tunesische Gesellschaft nicht von demokratischer Gesinnung geprägt sei. Sowohl in staatlichen Institutionen wie auch in Schulen oder in politischen Parteien stellt Tlili einen eklatanten Mangel an Bewusstsein für demokratische Werte fest. Die 'Kultur des starken Mannes' und andere fundamental undemokratische Prinzipien gehörten nach wie vor zu den ideologischen Grundlagen der meisten Parteien. Mit fatalen Folgen: 'Man schafft keinen demokratischen Übergang ohne demokratische Kultur', sagt Tlili lapidar und: 'Man baut keine Demokratie auf ohne Demokraten.'"

In der NZZ denkt Felix Philipp Ingold in einem Essay über die Arithmetik der russischen Seele nach, die sich gern in der Behauptung 2×2=5 äußert. "2×2=5 ist einerseits als Provokation des so genannten gesunden Menschenverstands, spießerischer Ordentlichkeit und repressiver Gesetzeskraft gedacht, anderseits als indirekte Kampfansage an die Ideenwelt der Aufklärung, des Materialismus und des Sozialismus - eine Stoßrichtung, für die sich einst die rechtgläubigen 'slawophilen' Nationalisten gegen die 'westlerische' russische Intelligenz wie auch generell gegen die säkulare, angeblich nur noch auf 'Vorteil' und 'Gewinn' bedachte Zivilisation Westeuropas starkgemacht haben."
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Medien

Die Idee, den flüchtigen Drogenbaron Joaquin "El Chapo" Guzman zu interviewen, erweist sich offenbar sowohl für Sean Penn (gegen den jetzt mexikanische Behörden ermitteln) als auch für den Rolling Stone als fatal: "Ein kontroverser Coup", titelt Brian Stelter bei cnn.com und zitiert eine Menge Quellen, die Sean Penns Artikel, der am Samstag im Rolling Stone erschienen ist, eher problematisch finden, besonders wegen der redaktionellen Anmerkung des Magazins: "Einige Namen mussten verändert werden, mit dem Befragten wurde vereinbart, dass ihm dieser Artikel vor der Publikation zur Zustimmung vorgelegt wird".

Der bekannte Medienblogger Dave Winer lobt Penns Geschichte (die zu episch ist, um hier schon zitiert zu werden) dagegen, und weist darauf hin, dass auch bei Interviews von Wirtschaftsbossen häufig die Zustimmung des Befragten eingeholt werde. In der Washington Post erzählt Dana Priest unterdessen in einer langen Geschichte, dass die Drogenbanden die mexikanische Presse inzwischen mehr oder weniger unter Kontrolle haben.

Yasmina Al-Gannabi unterhält sich in der taz mit dem irakischen Comedy-Star Ahmed Albasheer, der von Jordanien aus mittels einer Youtube-Show die Verhältnisse in seinem Land aufs Korn nimmt - auch den Krieg der religiösen Fraktionen: "Sie benutzen die Religion als Maske. Aber die Menschen sind eigentlich keine Feinde. Genau das versuchen wir, in der Show zu zeigen. In unserem Team haben wir Vertreter aller Minderheiten und Konfessionen. Wir arbeiten gemeinsam und schaffen ein Produkt, auf das wir stolz sind."
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