9punkt - Die Debattenrundschau

Analysen zu algorithmischer Öffentlichkeit

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.01.2016. In der NZZ erklärt Stefan Chwin, wie die neue Regierung Polen in ein allkatholisches Einparteienregime verwandelt. Mit EU-Sanktionen muss Polen auf jeden Fall nicht rechnen, meint politico.eu. Die FAZ kritisiert den #ausnahmslos-Aufruf, der in Sekundenschnelle vom Konkreten ins Allgemeine ausweiche. Der Blogger Christoph Kappes erklärt, was er sich von Stefan Niggemeiers Übermedien-Blog erwartet. Netzpolitik verlinkt eine Hommage Chelsea Mannings auf Aaron Swartz.

Europa

Mit der Sehnsucht nach einem katholischen Fürsorgestaat erklärt der Schriftsteller Stefan Chwin im NZZ-Interview die Erfolge der PiS in Polen: "Im Moment sieht es so aus, dass die PiS die westliche, durch Gewaltenteilung geprägte Form von Demokratie ablehnt. Stattdessen glaubt sie, dass sich in der Demokratie die Macht der Mehrheit durchsetzt und diese machen darf, was sie will. Wie es weitergeht, ist unklar, aber es sieht danach aus, als wolle die PiS Polen in einen Einparteistaat verwandeln. Dessen Ideologie wäre Katholizismus plus Solidarismus."

Gegen Polen wird es so gut wie sicher keine EU-Sanktionen geben, auch nicht, wenn es seine Demokratie stufenweise abbaut, meint Jan Cienski bei politico.eu. Selbst Ungarn sei ja nicht angetastet worden, und Polen sei um einiges größer: "Geld könnte ein Mittel sein. EU-Gelder haben Polen über das letzte Jahrzehnt verändert und finanzierten Straßen, Klärwerke, Häfen und eine Menge Infrastruktur. Das EU-Budget von 2014 bis 2020 sieht für Polen 106 Millarden Euro vor. Das Geld hängt davon ab, ob bestimmte Vorgaben erfüllt werden. Die Auszahlung kann gestoppt werden, wie es mit Italien, Rumänien und anderen Ländern schon geschehen ist. Aber der Geldhahn kann nicht aus politischen Gründen zugedreht werden." Politico.eu lässt auch einige Intellektuelle und Politiker auf die Frage "Is Poland a failing democracy?" antworten.
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Gesellschaft

Ursula Scheer kritisiert im FAZ.net die "wohlfeile Allgemeinplatzhaftigkeit" der bei Politikern sehr beliebten, von "Netz_feministinnen" lancierten "Ausnahmslos"-Kampagne (unser Resümee): "Sie nimmt die massenweisen Attacken, die - so verstörend der Tatbestand ist, man kommt an ihm nicht vorbei - ganz überwiegend Migranten aus dem islamischen Kulturkreis auf Frauen verübt haben, zum Anlass, diskursiv quasi in Sekundenschnelle vom Konkreten auf das Allgemeine umzuschwenken: sexualisierte Gewalt in Deutschland insgesamt."

Man soll nicht rassistisch sein, schreibt die britische, in Berlin lebende Bloggerin Jacinta Nandi bei resonanzboden.de. Außer vielleicht beim weißen Mann: "Ich denke, dass, wenn weiße Männer Gewalt ausüben - wenn sie Flüchtlingsheime anzünden, wenn sie ihre Frauen vergewaltigen, wenn sie Kriege anfangen, wenn sie auf ihre Kinder einschlagen - dann merken wir nicht, dass es Gewalt gegeben hat. Wir nennen diese Gewalt nicht organisiert, die Kriege, die weiße Männer organisieren, sind Anti-Terror-Maßnahmen, die Vergewaltigungen, die sie durchführen, sind Privatsachen. Und der Grund dafür ist, ganz einfach: weil wir denken, dass weiße Gewalt nicht unnatürlich ist. Es kotzt uns nicht an."

In der SZ meint der Soziologe Wilhelm Heitmeyer, dass es in Köln nicht um sexuelle Übergriffe oder organisisierte Kriminalität ging, sondern um verabredete "menschenfeindliche Gewaltakte zur Demonstration von Macht".

Das Wort "Gutmensch", das gerade zum "Unwort des Jahres" gekürt wurde, ist im Merkur von Karl-Heinz Bohrer und Kurt Scheel erfunden worden, behauptet das Redaktionsblog der Zeitschrift: "Die Stoßrichtung war dabei sprach- (oder wie Bohrer selbst in dem Beitrag schreibt) wörterkritisch. Ausdrücklich verortete Bohrer diese Kritik eher im linksliberalen Spektrum - das hier eher ironisch in Aussicht gestellte 'Wörterbuch des Gutmenschen' gab es dann 1998 tatsächlich: Es erschien in Klaus Bittermanns dezidiert linkem Verlag Tiamat. Den Wandel zum niederträchtigen Kampfbegriff der Rechten hat das Wort dann erst seit der Jahrtausendwende durchlaufen." Der Merkur stellt den ursrprünglichen Beitrag Bohrers online. Als eine Autorität für diesen Begriff gibt sich auch Matthias Heine in der Welt zu erkennen.

Das amerikanische Blog Vox präsentiert eine ziemlich bestürzende Grafik: Nie war der Anteil der Inhaftierten auf 100.000 in den USA höher als heute:



Dass die Rate hoch ist, wusste man, schreibt Dara Lind zu dieser Grafik: "Weniger bekannt ist, dass die Inhaftierungsrate nicht nur höher ist als vor wenigen Jahren, sondern drastisch höher als in jeder anderen Epoche der amerikanischen Geschichte."

Die New Yorker Philosophin Rebecca Newberger Goldstein beschreibt in einem Edge-Artikel in der SZ, wie der Glaube an angeborene Kreativität die Geschlechterverteilung in Kunst und Wissenschaft beeinflusst: "Das Stereotyp des Genies ist in überwältigendem Ausmaß männlich."

Weiteres: Die Theaterintendantin Shermin Langhoff schreibt in der SZ-Reihe "Was ist deutsch?" und findet Integration in der Kultur gar nicht so erstrebenswert: "Sie muss auf Desintegrationskurs bleiben: dekonstruieren, neu zusammensetzen." In der taz fürchtet Mathias Greffrath das bedingungslose Grundeinkommen als "Sieg des Kapitalismus über das humanistische Versprechen der Aufklärung".
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Geschichte

In der NZZ erzählt Thomas Macho eine kleine Kulturgeschichte der Mauer: "Zu den Weltwundern des Altertums zählten auch die Mauern Babylons, die in der Regierungszeit Nebukadnezars um 600 v. Chr. durch einen zweiten Wall ergänzt wurden. Seither wurden immer wieder Doppelmauern errichtet: Sie trennten die Funktionen der Inklusion und der Exklusion, als wollten sie der Maxime architektonische Gestalt verleihen, dass mit Feinden nicht einmal Grenzen geteilt werden dürfen."

Für die FR besucht Arno Widmann eine Ausstellung Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle zur Geschichte des Krieges, der vor allem Sesshaftwerdung und Hierarchisierung der Gesellschaft begleitete: "Die Ausstellung endet mit der Schlacht von Kadesch. Kadesch war eine Stadt im heutigen Syrien, um die Hethiter und Ägypter 1274 v. u. Z. kämpften. Am Ende der Schlacht stand ein Friedensvertrag. Der älteste erhaltene der Welt. Er hielt nicht lange."
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Internet

Netzpolitik weist auf eine Hommage hin, die Chelsea Manning auf Aaron Swartz geschrieben hat - sie steht in einer Ausgabe von Swartz' Essays: "Manchmal denke ich, wir haben Aaron im Stich gelassen, als er uns brauchte. Als ob die Welt und ich selbst Aaron für etwas Garantiertes hielten. Er hatte mit Intelligenz alles und jeden herausgefordert, Software-Unternehmen, Multimedia-Konglomerate, Regierungen und sogar das Schulsystem! Aber bei seiner letzten Herausforderung standen wir nur an der Seitenline und warteten darauf, dass er wieder gewinnnt. Stattdessen hat er verloren. Und dann haben wir verloren."
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Medien

Stefan Niggemeier gründet ein neues Blog namens Übermedien.de, von dem er tatsächlich auch leben können will - indem er sich von seinen Lesern bezahlen lässt. Im Video-Interview mit Jens Twiehaus von turi2 gibt er über sein Projekt Auskunft.

Christoph Kappes sagt in seinem Blog schon mal, was er sich von einem Blog wie Übermedien erwartet: "Keine Unterhaltung in Form von geschmäcklerischer TV-Kritik, keinen Moralfuror hinsichtlich manipulativer Wortwahl, keine tausendste Genderdiskussion und auch keine Hinweise auf doofe täuschende Diagramme (besser gesagt: macht das, aber es interessiert mich nicht)." Stattdessen erwartet er etwa "Analysen von sozialen Erregungswellen" oder "Analysen zu algorithmischer Öffentlichkeit".

Das Blog Umblätterer zeichnet seit 2005 die seiner Meinung nach zehn besten Feuilletontexte des Vorjahres aus - hier die Liste von 2015, angeführt von einem Artikel Fabian Wolffs über den Fernsehserienboom. Laut Umblätterer war's das dann aber auch mit den Feuilletonpreisen.
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