9punkt - Die Debattenrundschau

Sagenhaftes Glück

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.01.2016. Die taz bringt ein großes Special zum Jahrestag des Charlie-Hebdo-Massakers. Ralf König gesteht seine Bewunderung für Zeichner wie Kurt Westergaard, die unverdrossen weiter zeichnen - auch an Mohammed. Meedia kritisiert das langsame Reagieren großer Medien auf die Kölner Ereignisse - so ließ man den Populisten die Vorfahrt. Die Zeit übt heftige Kritik an der absehbaren bürokratischen Verkarstung des Humboldt-Forums. Politico.eu fürchtet das kommende Ringen zwischen EU und Google.

Medien

Vor einem Jahr wurden die Redakteure von Charlie Hebdo umgebracht, es folgten Morde an Polizisten und ein Anschlag auf einen jüdischen Supermarkt. 17 Menschen starben, 22 wurden zum Teil schwer verletzt. Die taz bringt heute ihre groß angekündigte Ausgabe mit vielen Karikaturen zum Jahrestag des Anschlags auf Charlie Hebdo. Auf die Frage, was sich für sie durch den Anschlag geändert hat, antworten die meisten (die nun mal nicht das Risiko von Charlie Hebdo eingehen) "nichts". Die tunesische Zeichnerin Nadia Khiari schreibt: "Am Tag des Anschlags habe ich Tignous eine E-Mail geschrieben, um sicherzugehen, dass es ihm gutgeht. Er war schon tot. Es war ein Albtraum. Mein Zeichnen hat sich nicht verändert. Aber ich habe jetzt umso mehr Gründe, weiterzuzeichnen."

Heiko Werning und Volker Surmann, Autoren eines Bandes "zur humoristischen Lage der Nation", schreiben im Hauptessay über das große "aber", das die Feuilletons erwartungsgemäß ein paar Tage nach dem Attentat dominierte: Selbstverständlich wolle man den Anschlag auf Charlie Hebdo damit nicht rechtfertigen, aber..." (Über das Aber gab's seinerzeit auch einiges im Perlentaucher, mehr hier).

Ehrlicher als die meisten redet Ralf König im Gespräch mit Jan Feddersen über seine (sehr nervöse) Reaktion auf das Attentat: "Ich bewundere die wenigen, die weiter zu dem Thema zeichnen, Bücher schreiben, Filme drehen. Wie Kurt Westergaard, der dänische Zeichner, der Jahre nach den Unruhen um die Mohammed-Bilder fast mit einer Axt in seinem Haus gekillt wurde!"

Nur Daniel Bax, der sonst alle religiösen Gefühle respektiert, warnt in diesem Fall vor einer "Sakralisierung des Gedenkens".

Außerdem: Für die FAZ liest Andreas Platthaus, für die SZ Joseph Hanimann die aktuelle Charlie-Hebdo-Ausgabe. Die FAZ bringt auch ein Gespräch mit Gérard Biard, dem Chefredakteur von Charlie. In der NZZ schreibt Marc Zitzmann zum Jahrestag des Terroranschlags auf Charlie Hebdo.

Und dann noch Köln. Stefan Winterbauer kritisiert bei Meedia das langsame Reagieren besonders von Tagesschau und heute auf die Kölner Vorfälle. Rechtspopulistische Verschwörerpostillen hätten das Thema viel früher aufgegriffen: "Klar: Für Kopp und Compact passen die Ausschreitungen in ihr krudes, rechtes Weltbild. Für sie sind die Vorfälle eine Bestätigung aller Vorurteile und liefern auf Wochen und Monate hinaus Stoff für Propaganda. Umso wichtiger wäre es gewesen, dass die etablierten Medien frühzeitig und bundesweit als Stimme wahrnehmbar gewesen wären."

Viel retweeted wurde, dass auf Facebook ein Artikel der SZ über sexuelle Gewalt auf dem Oktoberfest aus dem Jahr 2011 plötzlich populär wurde.
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Ideen

Wenn Menschen eine intelligente Unterhaltung mit einem Computer führen können, dann nicht weil der so klug ist, sondern weil sie ihn dafür halten wollen. Das in etwa ist das Fazit des Schriftstellers Ulrich Woelk, der sich für den Wissen-Teil der Zeit Gedanken über Künstliche Intelligenz gemacht hat: "Vielleicht wird es irgendwann sogar normal sein, mit verführerisch schönen Androiden in einer Weise zu plaudern und zu flirten, die jede reale zwischenmenschliche Beziehung unnötig kompliziert und konfliktträchtig erscheinen lässt. Schon dem griechischen Bildhauer Pygmalion erschien seine eigene Frauenstatue begehrenswerter als alle realen Frauen in seiner Umgebung."
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Kulturpolitik

Heftige Kritik übt Thomas E. Schmidt in der Zeit an Monika Grütters und dem Humboldt-Forum, wie es sich jetzt darstellt. Allein die Zusammensetzung der Betriebs-GmbH (so heißt sie wirklich) beweist ihm: "Hier schafft der Staat wieder einmal ein selbstreferenzielles System, in dem Beamte herrschen. Sämtliche Konflikte der Entstehungsgeschichte werden sich außerdem in diesem Konstrukt verewigen. Die Strukturfehler der deutschen Kulturpolitik, hier werden sie noch einmal gemacht." Und inhaltlich sieht Schmidt den Zug in Richtung Deutschland-Fixierung "nur noch schwer aufzuhalten. Diese Fixierung bleibt gerade dann hartnäckig bestehen, wenn sich die Bundesrepublik im Schloss einseitig als weltoffenes, kosmopolitisches und universell interessiertes Land im humboldtschen Geiste präsentiert. Das wäre dann eine Art nation branding."

Im beigestellten Interview hat der Ausstellungsmacher Bonaventure Ndikung diese Frage ans Forum: "Es geht ja zum größten Teil um Objekte aus dem Nichtwesten. Die Frage ist, wie viele Afrikaner, Araber, Lateinamerikaner und Asiaten im kuratorischen Team des Humboldt-Forums sitzen, wie viele von denen haben leitende Positionen?" (Antwort: keine)
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Geschichte

Völlig absurd findet der Germanist Jeremy Adler in der SZ das vom Institut für Zeigeschichte betriebene Unterfangen einer "kritischen Ausgabe" von Hitlers "Mein Kampf", die nur einer Nobilitierung gleichkomme: "Die Textkritik verfügt nicht über die Mittel, Aussagen zu neutralisieren. Der Autor kommt zu Wort, jetzt aber mit allen Ansprüchen eines Klassikers."
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Europa

Die französische Schauspielerin Agnès Jaoui, Tochter jüdischer Einwanderer aus Tunesien, spricht im Interview mit der Welt über die Anschläge in Paris. Nach einer Liebeserklärung an die Stadt gibt sie aber auch zu, dass sie manchmal die Schnauze voll hat vom Pessimismus der Franzosen: "Als Schauspielerin komme ich viel rum in der Welt, und jedes Mal, wenn ich wieder nach Frankreich zurückkomme, kann ich es nicht fassen: Wieso sind die Franzosen so unglücklich? Sie sollten mal rauskommen, in die Welt gehen und begreifen, was für ein sagenhaftes Glück wir haben. ... Manchmal habe ich das Gefühl, es mit total verwöhnten Kindern zu tun zu haben. Sie erlauben sich alles, bis man wirklich laut Stopp schreit oder sie sich eine Ohrfeige einfangen. Dann erst kommen sie zu sich. Das war nach dem ersten Wahlgang auch so: Als hätten sich die Franzosen ein bisschen Angst machen wollen, um dann wieder Vernunft anzunehmen."

Der Zeit fiel zu Charlie Hebdo nichts Besseres ein, als den prominentesten Gegner unter Frankreichs Intellektuellen zu interviewen. Emmanuel Todd kommt aber kaum zur Sache, sondern jongliert mit den ganz schweren Bällen - Katholizimus, Kapitalismus, Kommunismus - und klingt am Ende eher apokalyptisch: "Christlicher Glaubensverlust und soziale Krise sind ein Rezept fürs Desaster. Das ist die Lehre aus der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts". Und der Theatermacher Milo Rau fordert - ebenfalls in der Zeit - einen "globalen Realismus", ohne sich die Mühe einer konkreteren Definition zu machen.

In der NZZ denkt Daniele Muscionico anlässlich der Zürcher Revue "Stägeli uf, Stägeli ab" und Filmen wie Filme wie "Heidi" und "Schellen-Ursli" über die neue Heimatliebe in der Schweiz nach und überlässt am Ende dem Drehbuchautor Domenico Blass das Resümee: "Er plädiert dafür, die eigenen Geschichten und die wunderbaren literarischen Figuren der Schweiz ernst zu nehmen. Und zu akzeptieren, was auch in Hollywood gilt: Das Publikum freut sich am meisten darüber, sich von Bekanntem bestätigen zu lassen. Wer sich darüber wundert, wundert sich nur über sich selbst."
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Politik

Richard Herzinger wendet sich auf seinem Blog gegen die angebliche Realpolitik eines Bündnisses mit Russland in Syrien, das ausgerechnet SPD-Chef Sigmar Gabriel gefordert hatte - unter eilfertiger Aufgabe der Sanktionen wegen der Ukraine: "Dass Putin auf Seiten eines der größten Massenverbrechers der jüngeren Geschichte eine zweite militärische Front eröffnet hatte, um den Westen in die Enge zu treiben, wurde so von dem Vorsitzenden einer Partei, die einstmals an vorderster Front den totalitären Systemen des vergangenen Jahrhunderts getrotzt hatte, in ein Argument dafür umgemünzt, dem Kriegsherrn im Kreml die Konsequenzen für seine erste Aggression zu erlassen."
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Internet

Eine Neuauflage des Kampfes EU gegen Technikgigant sieht Nicholas Hirst in politico.eu auf uns zukommen. Einst hieß der Gigant Microsoft, heute Google: "Beide Parteien stehen vor einem chaotischen Endspiel. Google wird kämpfen müssen, um mit dem weiten Spektrum der Klagen fertig zu werden und die Kritiker zufrieden zu stellen. Und die Kommission wird kämpfen müssen, um sich gegen eine der reichsten und amorphsten Firmen der Welt durchzusetzen."

Justizminister Heiko Maas hat neulich in der Zeit eine digitale Grundrechtecharta vorgelegt, in der er mehr staatliche Regulierung des Internets versprach (unser Resümee). Darauf antwortet heute Ex-Pirat Christopher Lauer, dem Regulierung schon gar nicht mehr ausreicht - er will Staatsinterventionismus. "Zu wenig werden die Umbrüche mitgedacht, die auf die Gesesllschaft erkennbar zukommen. Beispielsweise zeichnen sich vor allem bei der Automatisierung von Arbeit Entwicklungen ab, die frühzeitig von der Politik durch die Gesetzgebung adressiert werden müssen, sonst droht Teilen der Gesellschaft der Zusammenbruch. Nichts anderes wird passieren, wenn etwa selbstfahrende Fahrzeuge über Nacht Millionen Arbeitsplätze vernichten oder wenn komplette Berufsbilder durch intelligente Software ersetzt werden."
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