9punkt - Die Debattenrundschau

Seriös und detailliert

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.01.2016. Die Frage der Herkunft schmerzt in der Debatte um Köln weiter. Es waren offenbar nicht oder nicht nur Nordafrikaner, sondern wohl auch Flüchtlinge aus Syrien und Irak. Wurde die Herkunft der Täter bewusst nicht benannt?, fragen die Zeitungen. Spiegel-Online-Kolumnistin Margarete Stokowski hält den Rassismus-Vorwurf mit Blick auf die Reaktionen aufrecht. Die Medien sind von zwei Seiten unter Beschuss, erklärt die Welt - ihnen wird gleichzeitig vorgeworfen zu beschönigen und zu diskriminieren. Sie sollten differenzieren, meint die NZZ, aber nicht relativieren. Wie Rassismus funktioniert erklärt Kenan Malik, der zeigt, wie religionskritische Muslime von der westlichen Linken im Stich gelassen werden.

Europa

Die jüngsten Berichte werden die Debatte um Köln wohl eher anheizen. Der Kölner Stadtanzeiger (hier), aber auch der Kölner Express (hier), die Welt (hier) und die FAZ (hier) bringen Informationen, wonach durchaus auch vor kurzem angekommene Flüchtlinge unter der Silvestermeute waren, und sie fragen, ob diese Information bewusst verschwiegen wurde. Im Kölner Stadtanzeiger heißt es: "Noch in der ersten polizeiinternen Abschlussmeldung des Einsatzes am frühen Neujahrsmorgen, dem so genannten WE-Bericht ('Wichtiges Ereignis'), soll der verantwortliche Dienstgruppenleiter der Polizei die Herkunft der kontrollierten Männer nach Informationen des Kölner Stadt-Anzeiger bewusst verschwiegen haben - obwohl unter anderem auch der Einsatzleiter des Silvestereinsatzes darauf gedrängt haben soll, die Herkunft in dem Dokument zu nennen."

Margarete Stokowski bleibt in ihrer Spiegel-Online-Kolumne beim Rassismus-Vorwurf: "Es ist so ekelhaft. Die Debatte um muslimische Migranten hat ihren bisherigen Hysterie-Höhepunkt erreicht. Die Opfer der Übergriffe in Köln, Hamburg, Stuttgart oder Frankfurt sind in dieser Debatte denen, die sich am meisten aufregen, vollkommen egal. Sie sind gerade gut genug für reißerische Beschreibungen von zerfetzter Unterwäsche und Fingern an Körperöffnungen und gut genug als Grund, sich als besorgter Bürger zum edlen Ritter und Frauenbeschützer aufzuschwingen."

Der im Netz oft gezogene Vergleich mit dem Oktoberfest stimmt hinten und vorne nicht, meint der jetzt bei der FAZ bestallte Blogger Don Alphonso in einem (im Übrigen vor sozialer Verachtung für das Oktoberfest triefenden) Artikel. Es wird ein alter taz-Artikel mit einer durch nichts belegten Behauptung weitergereicht, so der Blogger: "Eine Quelle für die Dunkelziffer der 200 Vergewaltigungen gibt der Beitrag ... nicht an. Um die Zahl in Relation zur Realität zu setzen: Vorletztes Jahr registrierte die Polizei in ganz München im ganzen Jahr 147 Vergewaltigungen. Die Horrorzahl der taz erscheint also eher fragwürdig und wird auch ansonsten nicht gestützt." Am Ende kommt Don Alphonso auf 40 Straftaten, die aus einer Menge von 100.000 männlichen Wiesnbesuchern verübt wurden.

In der taz hält Hengameh Yaghoobifarah unverdrossen an den Horrorzahlen über das Oktoberfest fest: "Beim Oktoberfest schätzt man die Dunkelziffer der Vergewaltigungen pro Jahr auf zweihundert - und da ist alles, was unter sexueller Belästigung gefasst wird, noch nicht einbegriffen."

Die schwierige Lage der Medien schildert Christian Meier in der Welt - sie würden gleich von zwei Seiten unter Beschuss genommen. Einerseits heißt, sie hätten zu spät und beschönigend berichtet. Andererseits wird ihnnen Rassismus vorgeworfen: "Im Fall Köln ist es fast unausweichlich, die Herkunftsfrage zu stellen und möglichst schnell zu beantworten, auch um nicht rechten Hetzern mehr Anlass zu geben, sich über 'ferngesteuerte Medien' auszulassen. 'Wer jetzt auf Fragen nicht seriös und detailliert eingeht, dem werden die Antworten aus dem Internet und von Verschwörungstheoretikern entgegentönen', schrieb Stadtanzeiger-Chefredakteur Peter Pauls in einem Kommentar." So sieht es auch Joachim Güntner in der NZZ, der sehr wohl für Differenzierung, aber gegen Relativierung eintritt.
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Geschichte

Noch vor sechzig Jahren weigerte sich der BGH, den Sinti und Roma Entschädigungen für die Verbrechen der Nazis zuzugestehen und begründete dies mit rassistischen Argumenten, erinnert Christian Bommarius in der FR: "Zwar hat der BGH 1963 doch noch anerkannt, dass die Verfolgung der Sinti und Roma auch schon vor 1943 rassistische Gründe gehabt haben könnte. Damit konnten Überlebende entsprechende Entschädigungen erhalten. Allerdings stellten die Karlsruher Richter die rassistischen Gründe nun aber nur neben die weiterhin akzeptierten vermeintlich polizeilichen Erwägungen. Eine inhaltliche Distanzierung von dem 1956er Urteil war darin nicht enthalten."

Außerdem: In der FAZ erklärt der Historiker Andrii Portnov die so komplexe wie finstere Figur des ukrainischen Nationalisten Stepan Bandera.
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Gesellschaft

Wenn die Psychoanalyse nicht mehr so in ist, so liegt es nicht an der Analyse, sondern an den Analytikern, meint die Psychoanalytikern Angela Mauss-Hanke im Gespräch mit Edith Kresta von der taz: "Die Psychoanalyse ist seit Langem aus der Mode gekommen. Nach den prosperierenden sechziger und siebziger Jahren, wo sie auch in der Philosophie, Soziologie und kritischen Gesellschaftstheorie eine wichtige Rolle spielte, sank ihr Einfluss. Die Psychoanalytiker haben sich viel zu lange viel zu wenig eingemischt, sie haben sich gescheut, ihre Behandlungserfolge mit oft unglaublich schwierigen Patienten zu zeigen, waren zu wenig präsent im wissenschaftlichen Diskurs."
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Stichwörter: Psychoanalyse, Soziologie

Medien

Die polnische Medienpolitik betrifft nicht nur leicht gleichzuschaltende öffentlich-rechtliche Medien, befürchtet Alex Spence in politico.eu, der mit in diesem Feld tätigen NGOs gesprochen hat: "Die Sorge betrifft auch private Publikationen und Sender, die wirtschaftlichen und politischen Druck bekommen könnten, um Kritik an der Regierung zu unterdrücken, so wie es in Ungarn gelaufen ist, sagen Analytiker. Diese Kritiker fürchten, dass Polen sehr schnell den Weg Ungarns nach unten beschreiten könnte: Staatsmedien, die nur mehr ein Sprachrohr für die Regierung sind und neutralisierte Privatmedien in der Hand wohlhabender Geschäftleute, die der Regierung nahestehen, während Journalisten durch gesetzliche Einschränkungen und politischen Druck daran gehindert werden, die Wahheit über die Macht auszusprechen."

Kenan Malik kommt ein Jahr danach nochmal auf das Charlie-Hebdo-Massaker und die weitgehende Desolidarisierung der wohlmeinenden westlichen Linken zurück - vor allem spricht er die PEN-Dissidenten an, die auf Betreiben von Glenn Greenwald ihren Widerwillen gegen einen Preis für Charlie Hebdo bekannten. Weil das Blatt angeblich Muslime beleidige. Aber "was als 'Beleidigung einer Community' bezeichnet wird, ist meist schon Gegenstand eines Streits innerhalb dieser Communities. Hunderttausende Muslime in islamischen Staaten und im Westen stellen sich gegen religiös begründete Ideen und Politik, Schriftsteller, Zeichner, Aktivisten riskieren täglich ihr Leben im Kampf für gleiche Rechte und demokratische Freiheiten. Für diese progressiven Stimmen ist die Infragestellung von Religion so wenig eine Beleidigung wie es die Infragestellung von Rassismus wäre. Und diese fortschrittlichen Leute lassen wir im Stich, wenn wir fordern, Beleidigung zu zensieren."
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