9punkt - Die Debattenrundschau

Bild des urbanen Mannes mit Stil

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.10.2015. Der Guardian hält fest: Auch wenn der Abschuss des Fluges MH17 offiziell ungeklärt bleibt, die Separatisten haben seitdem Moskaus Unterstützung verloren. In der taz erinnert Daniel Dafert daran, wie Michel Foucault den Wahnsinn zum Teil des politischen Lebens machte. Die FR lotet die neuen Frontverläufe der französischen Intellektuellen aus. Zeit Online fürchtet, dass die Vorratsdatenspeicherung in dieser Woche beschlossen werden könnte. SZ und FR trauern nicht einmal verschämt um die nackten Frauen des Playboy.

Europa

Die Umstände des Abschusses von Flug MH17 sind noch immer nicht restlos geklärt. Im Guardian macht sich die Journalistin Mary Dejevsky Gedanken über die Konsequenzen der Katastrophe: "Im Nachhinein könnte sich herausstellen, dass der Preis, den die Rebellen für dieses katastrophale Versehen zahlen mussten - denn es war ein Versehen -, noch höher war, denn es kostete sie die Verbindung zu Moskau. Der Kreml konnte das aus Gründen eines falschen Nationalstolzes nicht gleich zugeben. Doch Moskaus Unterstützung - die in meinen Augen immer etwas übertrieben wurde - begann letzten Herbst zu schwinden. Während Putin seine Aufmerksamkeit gen Syrien richtete, wurden die ukrainischen Rebellen fallengelassen. Der Minsk2-Waffenstillstand hält, und ein politisches Abkommen scheint immerhin möglich. Auf lange Sicht könnte MH17 das Überleben der Ukraine als einheitlicher Staat zum Ergebnis haben."

In der FR skizziert Stefan Brändle die neuen Fronten der Intellektuellen in Frankreich, wo sich der einst libertäre Michel Onfray dem Neonationalismus verschrieben hat und immer näher an den Front National heranrücke. Rechte und linke Nationalisten bewegten sich aufeinander zu: "Das gilt für die ganze Flüchtlings-, Migrations- und Islamfrage, aber vor allem auch für die Wirtschaftspolitik. Unisono kämpfen Rechts- und Linksfront gegen die angeblich von Deutschland aufgezwungene Austeritätspolitik. Der Graben verläuft in Paris heute zwischen ihnen und den etablierten, europhilen Kräften, den Sozialisten und Republikanern, die eine sehr ähnliche Wirtschaftspolitik verfolgen. Politisch dominieren aber die neuen Links- und Rechtspopulisten."

In Libération schlägt der Schriftsteller und Friedenspreisträger Boualem Sansal besorgniserregende Töne an. Ihn erinnert das Europa von heute an das Algerien Ende der 80er Jahre: "Der Anstieg des Islamismus, die Gräben, die mitten durch die Gesellschaft gehen. Machthaber, die dem nicht gewachsen sind oder durch militärische oder okönomische Allianzen geschwächt und zum Schweigen gebracht sind. Diese Unfähigkeit, die Dinge beim Namen zu nennen. Aus Angst, als islamophob zu gelten oder das Spiel der extremen Rechten zu spielen, aus Angst, ermordet zu werden."
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Ideen

Im taz-Interview mit Anke Martini und Enrico Ippolito spricht Daniel Defert über seinen einstigen Lebensgefährten Michel Foucault, die Philosophie und das politische Leben: "Foucault hat Dinge in den Stand eines politischen Objekts erhoben, die zuvor nicht politisch waren. Als er Ende der 50er, Anfang der 60er über Wahnsinn schrieb, war das noch kein politisches Thema. Und die Gefängnisse - sie waren gar 68 noch kein politisches Thema... Wenn ich von meinem politischen Leben spreche, klingt das für die meisten meiner Generation wie ein Witz, für die meisten war ich nicht in der Politik, weil ich nicht Mitglied der Kommunistischen Partei war. Aber mein Leben war ein politisches: mit der Gefangenenbewegung und mit der AIDS-Bewegung. Beide Male musste erst eine Politisierung des Gegenstands stattfinden. Also bedeutet politisches Leben auch eine Transformation von Politik."
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Überwachung

Der Bundestag könnte noch in dieser Woche die Wiedereinführung der Vorratsdatenspeicherung beschließen, befürchtet Patrick Beuth auf Zeit Online und hofft nun auf das Bundesverfassungsgericht, das sich am Urteil des EuGH zum Datenschutzabkommen Safe Harbor orientieren könnte: "Der EuGH hatte Safe Harbor für ungültig erklärt, weil es "gegen den Wesensgehalt" von Artikel 7 und 8 der EU-Grundrechtecharta verstößt - die Grundrechte auf Achtung des Privatlebens und auf wirksamen gerichtlichen Rechtsschutz." Zudem verlange das Urteil, dass sich Einschränkungen dieser Grundrechte "auf das absolut Notwendige beschränken" müssen: Beuth ziterit weiter aus dem Urteil: ""Nicht auf das absolut Notwendige beschränkt ist eine Regelung, die generell die Speicherung aller personenbezogenen Daten sämtlicher Personen ... gestattet, ohne irgendeine Differenzierung, Einschränkung oder Ausnahme anhand des verfolgten Ziels vorzunehmen.""
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Kulturmarkt

Marcella Melien berichtet in der FAZ, dass jetzt auch Verlage auf Crowdsourcing-Modelle setzen. Als erster Großverlag probiert Carlsen das Modell, der Mikrotext-Verlag arbeitet damit schon länger. Klar: "Transparenz ist entscheidend: Die Unterstützer wollen wissen, wofür ihr Geld benötigt wird und was sie dafür bekommen."
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Stichwörter: Crowdsourcing

Gesellschaft

Die Sharing Economy bringt nicht weniger als eine "Kulturrevolution" mit sich, meint Wolfgang Prosinger im Tagesspiegel: "Eine neue Konsumkultur ist im Entstehen, der Begriff des Besitzes beginnt sich zu wandeln. Möglich ist das natürlich hauptsächlich durch das Internet, durch die große Vernetzung aller mit allen. Auf diesem Markt der unbegrenzten Möglichkeiten findet sich, was zuvor unauffindbar war, ausgefallenste Wünsche sind erfüllbar geworden. Wer am Montag das dringende Bedürfnis nach einer Kreissäge, einem Papagei oder einem Oleanderstrauch verspürt, kann sich das Gewünschte am Dienstag leihweise abholen."

Wenn wir die Flüchtlingskrise nicht meistern, dann tun es unsere Kinder, glaubt Uwe Schmitt in der Welt nach der Lektüre der aktuellen Shell-Studie zur Stimmung und Gesinnung deutscher Jugendlicher: "Nur 37 Prozent der Befragten glauben, Zuwanderung müsse begrenzt werden; im Jahr 2006 waren es 58 Prozent. Die Jungen erkennen die "Vielfalt der Menschen" nicht nur an, wie eine erstmals gestellte Frage ausweist. Sie fürchten sie nicht im eigenen Land."
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Medien


Alexandre Cabanel, Die Geburt der Venus, 1863. Foto: Wikipedia

Für Arno Widmann ist in der FR das Ende nackter Frauen im Playboy kein Grund zur Trauer, aber den Kunstanspruch lässt er dem Magazin doch durchgehen - nicht nur wegen der Texte: "Der kunsthistorisch geschulte Blick erkannte sofort in den Bildern von Marilyn Monroe, June Wilkinson, der siebzehnjährigen Donna Michelle Wiedergeburten der Schönheiten der französischen Salonmalerei des 19. Jahrhunderts. Die Playboy-Mädchen aus der Nachbarschaft wurden fotografiert wie zum Beispiel Alexandre Cabanel seine Venus gemalt hatte. Die längst zu Grabe getragene Ästhetik des französischen 19. Jahrhunderts wurde mühelos nicht nur integriert in das neue Medium."

Bernd Graff wird, wie er in der SZ schreibt, weniger die nackten Frauenbilder des Playboys vermissen als das damit einhergehende Bild des urbanen Mannes mit Stil: "Die vermeintlich willfährigen Frauen waren für diesen neuen Lebensstil neben der Literatur, dem Jazz und dem Design nur eines von vielen Attributen."

In ihrer taz-Kolumne fragt Silke Bumester, warum Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel eigentlich 225.000 Euro Steuergelder für eine Anzeige pro TTIP am Tag der Großen demonstration ausgeben durfte.
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