9punkt - Die Debattenrundschau

Die vollständige Messbarkeit der Welt

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.10.2015. Im Freitag beschreibt Peter Pomerantsev den Zynismus als die negative Ideologe des neuen Russlands. In der FAZ sorgt sich Lukas Bärfuss um die Schweiz, wo sogar die Extremisten stinkreich sind. In Italien reüssiert geschäftlich vor allem die Mafia, weiß Roberto Saviano in der Zeit. Die NZZ zeigt, wie ohne öffentlichen Raum aus Bürgern Konsumenten werden. Auf Spiegel Online brandmarkt Sascha Lobo den radikalrationalistischen Datenhunger der Behörden.

Europa

Im Freitag-Interview spricht der britische Autor Peter Pomerantsev über den großen russischen Maskenball, über Oligarchen, Gangster und Golddigger-Frauen: "Vielen Menschen erschien die Demokratie der 90er unter Jelzin dann als genauso großer Fake wie der Kommunismus. Und die heute in Russland herrschende nationalistische, christlich-orthodoxe Stimmung sehen sie als ein weiteres Stück in diesem Theater... Dieser Zynismus macht die Menschen passiv. Deshalb haben viele Russen, auch abseits der staatlichen Propaganda, mit Unverständnis auf die Maidan-Proteste reagiert. "Warum versuchen die etwas zu ändern? Das wird sowieso nicht funktionieren." Es ist eine negative Ideologie, die im Kern an gar nichts glaubt."

Muss man sich um die Schweiz Sorgen machen? Muss man nicht, aber man sollte, rät der Schriftsteller Lukas Bärfuss in einem Cri de Coeur in der FAZ. Das Land sei auf einem schlimmen Weg: "Die nationale Rechte lässt die Bären tanzen, wo und wann sie will. Was die Schweiz von Ländern wie Frankreich und Österreich unterscheidet, sind die 3,6 Milliarden Privatvermögen, über die der Extremismus hierzulande verfügt. Geld in den Händen eines chemischen Industriellen, Christoph Blocher, der seit Jahr und Tag das Land mit seinen obskuren Ideen inspiriert. Kunstsinnig wie immer, ist er auf seine alten Tage zudem großzügig geworden. Der Mann besitzt nicht nur Milliarden, er scheint mehr und mehr gewillt, sie auch auszugeben."

Henryk Broder polemisiert in der Welt gegen das deutsche "Wolkenkuckucksheim": "Die Neigung zur Selbstkritik gehört nicht zur kulturellen DNA der arabisch-islamischen Gesellschaften. Geht etwas schief, sind immer die anderen schuld: Amerika, Europa, Israel, die Ungläubigen und die Ketzer. Und demnächst auch Deutschland und die Deutschen, wenn sich die Erwartungen der Migranten nicht erfüllen."

In einer globalisierten Welt ist es unmöglich, die Menschenströme zu steuern, wendet der Politikwissenschaftler Bernd Ladwig im Tagesspiegel ein. Es ist "schwer zu sagen, wessen Standpunkt schwerer wiegt: der eines Menschen, der aus einem deutlich ärmeren Land kommt und für den eine weniger soziale Bundesrepublik immer noch eine recht wohnliche Gesellschaft wäre; oder der eines Menschen, der schon hier lebt und nun mit weniger Vertrauen und schwindender Sicherheit leben soll."
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Überwachung

"Hier prallt die Politik des 20. Jahrhunderts auf die Technologie des 21.", schreibt Sascha Lobo in seiner SpOn-Kolumne über die bevorstehende Wiedereinführung der Vorratsdatenspeicherung: "Die Vorratsdatenspeicherung könnte egal sein, sie ist ein flacher Scherz im Vergleich zu dem, was faktisch bereits durch Geheimdienste im Netz geschieht. Aber sie ist nicht egal, weil dahinter eine Haltung steht, eine gefährliche Haltung: die Illusion der vollständigen Messbarkeit der Welt, die Illusion, dass die Erlangung aller Daten der Schlüssel zu allem sei. Ein radikalrationalistischer Datenhunger, der niemals endet und immer weiter Daten raffen wird, der absurden Hoffnung wegen, dass sich so die Probleme der Welt lösen ließen."

Ebenfalls auf Spiegel Online melden Maik Baumgärtner und Jörg Schindler, dass der BND auch Botschaften und andere Behörden von EU-Ländern und weiteren Partnerstaaten ausgespäht hat: "Nach Informationen von Spiegel Online befanden sich darunter auch französische und US-amerikanische Ziele, die ausdrücklich nicht dem Auftragsprofil der Bundesregierung an den BND entsprechen. Durch die Überwachungssysteme des deutschen Auslandsnachrichtendienstes liefen offenbar jahrelang mehrere Tausend hochproblematische Suchbegriffe (Selektoren), bevor die Praxis im Herbst 2013 gestoppt wurde."

Für total "unreif" hält der IT-Experte Sandro Gaycken in der SZ den deutschen Markt für Cybersicherheit, auf dem Sicherheitsfirmen für Sachmängel selten in Haftung genommen werden: "Unter deutschen Unternehmen herrscht die Haltung vor, dass man eigene Sicherheitslücken und eigene Verwundbarkeit nicht an die Öffentlichkeit bringt - selbst wenn dies bedeutet, dass die Scharlatane straflos ausgehen."
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Gesellschaft

In der NZZ schildert Adrian Lobe, wie sich die Gesellschaft verändert, wenn der öffentliche Raum in privatwirtschaftliche Hand gerät: "Die Occupy-Aktivistin Naomi Colvin sagte gegenüber dem Guardian: "Es ist eine Vision einer Gesellschaft, in der man arbeiten und einkaufen kann. Und in Zeiten, wo man weder arbeitet noch shoppt, kann man in Restaurants gehen." Aus Bürgern werden Konsumenten... Die Verbreitung von gesicherten und privatisierten Plätzen macht das städtische Erlebnis vergleichbar mit einem Besuch in einem exquisiten Klub mit edlem Ambiente. Alles ist schön und gut, aber man muss es sich leisten können."

Im Interview mit der Zeit antwortet Roberto Saviano auf den Plagiatsvorwurf in The Daily Beast, freut sich über Swetlana Alexijewitschs Nobelpreis und erklärt, dass Mafiosi in erster Linie nicht Verbrecher, sondern Geschäftsleute sind: "Die Finanzkrise hat sie reicher gemacht. Sie verfügten über Liquidität, die sie in den Wirtschaftskreislauf einbringen konnten, der durch die Banken ins Stocken geraten war."

In der FR sieht Claus Leggewie in Galgen und Guillotinen auf den Demonstrationen von Berlin und Dresden die Fantasie vom kurzen Prozess aufscheinen: "Wer solche Motive zitiert, beweist, dass sich der heutige Mob in seinem haltlosen Ressentiment gegen Politiker und Medien tendenziell als Lynchmob inszeniert." Im Dradio Kultur sagt er das ähnlich.

Weiteres: Albert Koschorke denkt in der Zeit über von der Bibel geprägte Familienideale nach: Wie sie Männer, Frauen und Kinder heute noch prägen. Peter Richter interviewt in der SZ die amerikanische Polit-Ikone Ralph Nader, der in Winsted in Connecticut ein Museum für Schadenersatz eröffnet hat.
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