Efeu - Die Kulturrundschau

Virtuosin des Uneindeutigen

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14.10.2015. Die Freiheit des Wortes ist nicht selbstverständlich, erinnerte Salman Rushdie auf der Frankfurter Buchmesse. Von taz bis Welt: Alle freuen sich über den Buchpreis für Frank Witzel. Die FAZ singt eine Hymne auf die Schauspielerin Jana Schulz. Die NZZ hätte gern einen Masterplan für das Berliner Kulturforum. Die taz sehnt sich zurück nach den sprechenden Vulven im Pornofilm der Siebziger. Und: Alle trauern um die Fotografin Hilla Becher.

Literatur

Volker Breidecker fasst in der SZ Salman Rushdies Rede zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse zusammen: "In vorderster Linie ging es Rushdie um die Freiheit des schriftstellerischen Wortes und um die Bedrohungen, denen es an vielen Orten der Welt ausgesetzt ist, wo Dichter für ihre Worte häufig mit ihrem Leben einstehen müssten." In der FAZ ist Jürgen Kaube völlig einverstanden damit, dass Rushdie die Meinungsfreiheit nicht nur durch religiöse Fanatiker bedroht sieht, sondern auch durch Auswüchse der "political correctness": Im Zentrum der Freiheitsrechte stehe nicht "das gute Leben ..., in dem jeder möglichst viel von dem tun kann, was er will. Rushdies Landsmann, der Ideengeschichtler Quentin Skinner, hat darauf hingewiesen, dass das auch die Sklaven in den römischen Komödien können. Sie führen den Haushalt, gehen einkaufen, feiern Partys. Und bleiben dabei doch immer Sklaven, weil alles unter dem Vorbehalt steht, dass der Herr ihrem Treiben zustimmt."

Rushdies Plädoyer für die Meinungsfreiheit war jedenfalls alles andere als "wohlfeil", wie der Tagesspiegel gestern meinte. Die Absage und der Protest des Iran zeigte das deutlich genug, erklärt Roman Bucheli in der NZZ: "Als hätte es eines schlagenden Beweises gebraucht für die Gefährlichkeit und die Gefährdung des freien Worts: Hier war er. Rushdie musste gar keine Namen nennen, das Konfliktfeld lag für alle sichtbar vor Augen."

Judith von Sternburg freut sich in der Frankfurter Rundschau über den Buchpreis für Frank Witzels Roman "Die Erfindung...". Einfach sei er aber nicht: "Es ist die ungeheure Vielgestalt und Unübersichtlichkeit dieses (mit einem umfangreichen Register versehenen) Romans, die klar macht, dass Witzel mit seiner Verunsicherung nicht kokettiert. Leser werden nicht nur über viele Einsichten und Schilderungen lachen - so über die bereits berühmte Verfolgungsjagd im NSU Prinz -, sie werden sich an diesem Buch auch die Zähne ausbeißen." Sehr zufrieden ist auch Gerrit Bartels im Tagesspiegel: Prämiert worden sei "nicht nur der maßloseste, sondern auch der gelungenste, bei aller Disparatheit dichteste, literarisch überzeugendste, sich null an den Zeitgeist anbiedernde, überdies irrste Roman von den sechs Shortlist-Titeln". Und in der Welt lobt Elmar Krekeler: "Der Roman der Stunde stammt von Frank Witzel und hat einen Titel, der länger ist, als hier in die verbliebene Spalte passt. Chapeau für alle."

Die FAS hat Julia Enckes Gespräch mit Peter Handke online gestellt. Unter anderem gibt der Schriftsteller darin auch Auskunft, wie er es mit den Hunden in seiner Nachbarschaft hält, "die manchmal tagelang brüllen. Und ich habe oben auf den Balkon einen CD-Spieler gestellt. Immer, wenn sie brüllen, mache ich ganz laut armenische Musik an. - Nachts? - Nein, tagsüber. - Und dann hören die Hunde auf? - Nein, aber mich beruhigt es. Das ist meine Rache."

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel verschafft Holger Heimann einen Überblick über indonesische Literatur über die Suharto-Zeit. Der Jamaikaner Marlon James hat den britischen Booker-Preis gewonnen, meldet die Berliner Zeitung. Die Slawistin Tatjana Hofmann unterhält sich in der NZZ mit Florian Bissig über ihr Buch "Sewastopologia", eine Bestandsaufnahme der "literarischen Ethnografien" der Ukraine seit 1991. Für das Buchmesse-Blog der FAZ besucht Felix-Emeric Tota den indonesischen Pavillon. Michael Brake (ZeitOnline) besucht das Erika-Fuchs-Haus in Schwarzenbach. Annika Reich denkt auf ZeitOnline über den Erfolg von Autobiografien beim weiblichen Lesepublikum nach. Im Logbuch Suhrkamp durchlebt Andreas Maier weiterhin sein "Jahr ohne Udo Jürgens". Von wegen schöne Literatur! In der FAZ berichtet Iwan McEwan von seinen Anfängen als Schriftsteller im englischen Hinterland der 70er Jahre, als sich groteske Fantasien in seinem Kopf breit machten. Johan Schloemann interessiert sich in der SZ für das Phänomen der Slow-Reading-Zweckgemeinschaften, bei denen sich Leute zum stillen, ablenkungsfreien Lesen treffen. Schneller mögen es unterdessen die Abonnenten des Youtube-Kanals von Dramaturg Michael Sommer, der dort für prüfungsgeplagte Schüler die Klassiker der Weltliteratur in kurzen, knackigen Playmobil-Videos nachstellt, berichtet Melanie Mühl in der FAZ. Hier eine Playlist mit 56 Klassikern in je knapp 10 Minuten:



Besprochen werden Robert Harris" "Dictator" (FR), Charlotte Roches "Mädchen für alles" (Tagesspiegel), Timothy Snyders Band "Black Earth" (NZZ), Peter Gülkes Band "Musik und Abschied" (NZZ), Paul Noltes Biografie über den Historiker Hans-Ulrich Wehler (SZ) und Zeruya Shalevs "Schmerz" (FAZ).
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Film

In der FR begeistert sich Daland Segler sehr für David Schalkos österreichische Serie "Braunschlag", die seit gestern im linearen Programm von 3sat läuft (und ab 18. Oktober auch im Internet zugänglich sein wird): So bösartig und wagemutig und dabei noch so komisch sei diese Serie, dass er ihr "viele Redakteure der bundesdeutschen öffentlich-rechtlichen Anstalten als Zuschauer [wünscht], damit sie wieder ein Argument mehr haben, auch mal etwas zu wagen."

In der taz trauert Thorsten Glotzmann dem verloren gegangenen Paradies des Pornofilms der 70er Jahre und insbesondere dessen französischer Ausprägung hinterher. Anders als im einförmigen Gerangel heutige Tage gab es damals noch echte Stars wie Brigitte Laihaie und jede Menge Ideen: "Wie anders, wie fremd, wie erfrischend wirken die Bilder aus den 70ern ... Schon die Orte, die den Filmen als Setting dienten: Zirkusmanegen, Pferdeställe, Theaterbühnen, Taxirückbänke mit Blick auf Paris, stilvoll eingerichtete Appartements und Landhäuser. Zum aufwendig kostümierten Personal zählten neben gelangweilten Gattinnen und zwielichtigen Gangstern auch Zauberer, Landgutbesitzer, Dienerinnen und Diener in Livree, Artisten, Rumtreiber, und nicht zuletzt: sprechende Vulven."

Besprochen werden Samer Halabi Cabezons "Straßensamurai" über Türsteher im Berliner Nachtleben (Berliner Zeitung), Jonas Carpignanos "Mediterranea - Refugees Welcome?" (taz), Matthew Heinemans "Cartel Land" (ZeitOnline), Nima Mourizadehs Superhelden-Satire "American Ultra" (FAZ) und Scott Coopers Gangsterfilm "Black Mass" mit einem mal wieder sonderbar verkleideten Johnny Depp (SZ).
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Musik

Der Tagesspiegel meldet, dass Kiril Petrenko erst 2019 nach Berlin wechseln wird. Christian Schröder (Tagesspiegel) schreibt zum Tod des Stooges-Saxofonisten Steven Mackay. Das Self-Titled Mag hat einen Mix mit experimenteller 80er-Popmusik aus Japan zusammengestellt (via).



Besprochen werden Jean-Michel Jarres "Electronica 1 - The Time Machine" (Spex), ein Konzert von Balbina (Berliner Zeitung), ein Konzert von Lahav Shani (Tagesspiegel) und die Memoiren des Rappers Xatar (ZeitOnline).
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Architektur

Wäre es nicht sinnvoller gewesen, für das Berliner Kulturforum einen Masterplan zu erarbeiten, bevor man einen Ideenwettbewerb für ein neues Museum der Moderne zwischen Nationalgalerie und Philharmonie ausschreibt, fragt Jürgen Tietz in der NZZ: "Vielleicht braucht das Kulturforum keinen städtebaulichen Wettbewerb, bei dem Bauklötzchen von hier nach da geschoben werden. Was es aber ganz dringend braucht, ist eine mutige und langfristig tragfähige inhaltliche Vision. Das kann der Ideenwettbewerb für das Museum der Moderne nicht leisten."

Weiteres: Charlotte Theile berichtet in der SZ von Tadao Andōs Plänen, im schweizerischen Vals ein Luxushotel zu errichten (siehe auch diese Strecke bei der NZZ).
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Bühne


Jana Schulz als Rose Bernd und Olaf Johannessen als Christoph Flamm. Foto © Arno Declair

Nach Roger Vontobels Bochumer Inszenierung von Hauptmanns "Rose Bernd" geht Andreas Rossmann in der FAZ vor der Schauspielerin Jana Schulz auf die Knie. Wahrscheinlich habe man sie nie besser gesehen als in dieser Inszenierung. Hier sei sie "der unglamouröse Star des Schauspielhauses, eine Verwandlungskünstlerin und Virtuosin des Uneindeutigen, die, schmal und schlaksig, an Grenzen geht und die Grenzen wechselt, die, androgyn und schillernd, zwischen den Geschlechtern changiert und deren Differenz aufhebt." (Mehr zum Stück in der nachtkritik)

Besprochen wird Alexander Giesches "Yesterday you said tomorrow" an den Münchner Kammerspielen (SZ).
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Kunst


Gutehoffnungshütte Oberhausen 1963 ©Bernd und Hilla Becher

Zum Tod der Fotografin Hilla Becher, die mit ihrem Mann Bernd mit ihren Fotos von Industriebauten die konzeptuelle Fotografie begründete, schreibt Kai Müller im Tagesspiegel: "Das Ehepaar Hilla und Bernd Becher, das Ende der siebziger Jahre in Düsseldorf die so genannte Becher-Schule begründete, war wahrlich meisterhaft. Durch seine eigene Fotografie und seine zahlreichen später namhaften Schüler hat es eine eigene Kunstrichtung geschaffen. Es war einer der großen Momente der Kunst aus Deutschland. Und er war bezwingend wie zur selben Zeit bei Kraftwerk, weil er sich mit dem Ingenieurswesen verbündete."

Weitere Nachrufe von Michael Kohler (FR), Catrin Lorch (SZ), Ingeborg Ruthe (Berliner Zeitung) und Andreas Rossmann (FAZ).

Besprochen werden die Ausstellung "Der Kontinent Morgenthaler" im Kunstmuseum Thun (NZZ), die Ausstellung "Dark Mirror" im Kunstmuseum Wolfsburg (SZ) und die Andreas-Gursky-Schau im Museum Frieder Burda in Baden-Baden (FAZ).

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