9punkt - Die Debattenrundschau

Das Unvereinbare ist auszuhalten

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.10.2015. Bei der BBC warnt Edward Snowden vor dem Traumschlumpf, der den Lärmschlumpf in Ihrer Hosentasche anmachen könnte. Slate.fr will sich nicht auf christlich-jüdische Wurzeln berufen.  Die Berliner Zeitung und die FAZ fühlen sich in Botho Strauß' Deutschland nicht zuhause. Angela Merkel war keine Migrantin, ruft Monika Maron in der Welt. In der Zeit will die Politologin Antje Schrupp einen Rabbi solange zur Einsicht bringen, bis er ihr die Hand drückt. Und Springer kriegt laut politico.eu sein Leistungsschutzrecht auch auf europäisch.

Überwachung

(Via Spiegel online) Edward Snowden hat der BBC ein Interview gegeben und sprach dabei auch über einige lustig benannte Programme des britischen Geheimdienstes GCHQ: "Snowden sprach über die "Schlumpfsuite" des GCHQ, eine Kollektion von Abhörprogrammen, die nach den blauen Figuren aus dem belgischen Comic benannt sind. "Traumschlumpf" ist das Energiemanagment-Tool, das dein Telefon an- und ausmachen kann, ohne dass du das mitbekommst", sagte er. "Lärmschlumpf" ist das "hot mic"-Tool. Wenn dein Telefon in deiner Tasche ist, kann es das Mikrofon anstellen und den Geräuschen lauschen, die um dich herum sind, und zwar es wenn es aus ist, denn dafür gibt"s ja dieses andere Tool.""
Archiv: Überwachung

Politik

A propos Russland und Syrien. Unheimliche Frage und Antwort in einem Interview mit Anne Applebaum in der Presse: "Beginnen so Weltkriege? Ja. So beginnen Weltkriege."

Bente Scheller von der Heinrich-Böll-Stiftung in Beirut glaubt in der SZ nicht, dass die Russlands Militärschläge gegen die syrische Oppostion Assad viel nutzen werden, dafür ist die Lage des Regimes zu desolat: "Nach viereinhalb Jahren ist die syrische Armee so geschrumpft, dass lokale Milizen und ausländischen Kämpfer von der Hisbollah, aus Iran, dem Irak oder Afghanistan die Fronten halten. In den Regime-Gebieten leben immer weniger Männer, und diese haben angesichts der Verluste des Regimes wenig Ansporn, sich in einem immer aussichtsloser erscheinenden Krieg verheizen zu lassen."
Archiv: Politik

Europa

In Frankreich hat die Politikerin Nadine Morano, einst Minsterin unter Sarkozy, mit zwei Bemerkungen Empörung ausgelöst: Sie hat Frankreich als "Land weißer Rasse" bezeichnet und sich auf die "christlich-jüdischen Wurzeln" des Landes berufen. Henri Tincq weist in slate.fr diesen Bezug im Namen des französischen Laizismus zurück und erinnert daran, dass darüber auch schon im Jahr 2000 gestritten wurde, als die EU-Charta der Grundrechte formuliert wurde: "Der Ausdruck "religiöses Erbe" wurde damals vom französischen Präsidenten Jacques Chirac und seinem Premierminister Lionel Jospin brüsk zurückgewiesen. Die beiden Köpfe der damaligen "Kohabitation" von Rechts und Links hatten sich geeinigt, den Ausdruck als Widerspruch zum französischen Laizismus zurückzuweisen und durch die neutralere Formel vom "spirituellen und moralischen Erbe" Europas zu ersetzen."

In der Berliner Zeitung antwortet Arno Widmann auf Botho Strauß, der in seinem Spiegel-Essay so "verletzt-beleidigt" um sein Deutschland zwischen "Herder und Musil" trauerte, das durch den Zuzug islamischer Flüchtlinge verloren gehe: "Die ideelle Gestalt der Nation liegt nicht hinter, sie liegt vor uns. Sie wird von uns allen realisiert oder verfehlt. Mit Botho Strauß und seinen Helden wie auch mit den Flüchtlingen und den ihren. Das ist unvereinbar? Das Unvereinbare ist auszuhalten." Auch Dietmar Dath macht sich in der FAZ Gedanken zu Strauß" Intervention.

Nein, Angela Merkel war keine Migrantin, protestiert Monika Maron in der Welt gegen einen Artikel Thomas Schmids über Merkels Flüchtlingspolitik: "Sie wurde wiedervereinigt, blieb, wie die meisten Ostdeutschen, in ihrer Stadt; nur die Verhältnisse hatten sich geändert. Niemand würde behaupten, dass die Polen, Tschechen, Ungarn, Slowaken heute alle Migranten im eigenen Land sind. Warum dann die Ostdeutschen? Schlimmer als diese Entnationalisierung der Ostdeutschen ist die Behauptung, Merkels Herz und damit ja auch unser aller ostdeutsches Herz hingen nicht an dieser neuen Welt, weshalb wir funktionaler mit ihr umgehen könnten."

Karl Schlögel warnt im Tagesspiegel-Gespräch mit Christian Schröder vor Putin, dem von der SPD schon wieder sehnsüchtige Blicke zugeworfen werden: "Er ist ein Getriebener, der die Flucht nach vorn angetreten hat. Das ist gefährlich und riskant, für die Staatenwelt, aber auch für ihn und sein Land. Er braucht das Gespenst eines äußeren Feindes, um das Land zusammenzuhalten - "negative Integration" hat das der Soziologe Lew Gudkow genannt. Putin ist, wie man aus seinem Interview zur Annexion der Krim entnehmen kann, stolz darauf, wie professionell er das angestellt hat. Man muss sich auf alles gefasst machen."

Weiteres: Markus Bauer berichtet in der NZZ, dass in Bukarest mit Hilfe des türkischen Staats eine große Moschee gebaut werden soll - schon damit sie nicht von Saudi-Arabien finanziert wird. Bereits am Samstag freute sich Claudia Schwartz in der NZZ, wie viel die Deutschen seit der Wiedervereinigung erreicht haben: "Die aktuellen Leitartikel zum 3. Oktober sind jedenfalls weniger vom üblichen Gejammer geprägt, wie es das historische Jubiläum Jahr für Jahr hervorbringt."
Anzeige
Archiv: Europa

Kulturpolitik

Die Überreste von Palmyra sind noch kaum zerstört, da krempelt Friederike Fless vom Deutschen Archäologischen Institut in der Welt schon die Ärmel hoch: "Es sind bereits jetzt so viele Fragen diskutier- und planbar: Wo und wie beginnt man mit dem Wiederaufbau und der Sicherung des kulturellen Erbes? Wie geht man aber besonders mit den kaputten Städten um? Räumt man den Schutt mit den Bulldozern weg und baut neu?"

Ebenfalls in der Welt empfiehlt Hannah Lühmann das Haus der Kulturen der Welt als Vorbild fürs kommende Humboldt-Forum. In der FAZ begrüßt der legendäre Berliner Traufhöhenpapst Hans Stimmann Pläne, die Innenstadt von Königsberg unter Respektierung des ehemaligen Stadtgrundrisses neu zu gestalten.

Medien

Die europäischen Zeitungsverleger unter Führung von Oberlobbyist Mathias Döpfner stehen kurz davor, ein Leistungsschutzrecht auf europäischer Ebene durchzusetzen berichtet Alex Spence für politico.eu (das zur Hälfte dem Springer-Konzern gehört). "Mitarbeiter Günther Oettingers haben durchblicken lassen, dass die Kommission den Verlegern in einer Neufassung der europäischen Urheberrechtspolitik bessere Bedingungen geben wird. Wenn sich die Verleger durchsetzen, wird Google sie bezahlen müssen, sobald Snippets ihrer Artikel auf seinen Aggregationsseiten erscheinen - und so eine neue Einkommensquelle für die bedrängten Verleger darstellen. Oder Google stellt seine Aggregatoren in Europa ein: In Spanien hat Google nach strikteren Urheberrechstgesetzen Google News eingestellt."

Auf 116 Sonderseiten feiert die SZ ihren siebzigsten Geburtstag mit einer Unzahl von Texten über Qualitätsjournalismus in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Archiv: Medien

Gesellschaft

Die Politologin Antje Schrupp erzählt im Zeit-Magazin (jetzt online), wie sie sich einmal sehr geärgert hat, weil ein orthodoxer Rabbi ihr in ihrer Eigenschaft als Frau nicht die Hand geben wollte. Aber dann fängt sie sich wieder: "Vielleicht ist es auch typisch protestantisch von mir (wir Lutherischen haben es ja sehr mit dem Gewissen), aber ich will nicht, dass ein jüdischer oder muslimischer Mann mir die Hand gibt, weil irgendeine Verordnung zur Durchsetzung der deutschen Leitkultur ihm das vorschreibt. Sondern ich will, dass er das freiwillig tut, dass er einsieht, dass das richtig ist." Also Hingabe, nicht Unterwerfung.

In der gleichen Frage will Micha Brumlik in der taz die Latte tief hängen. Das Grundgesetz zu bemühen, wenn sich fromme Männer weigern, Frauen die Hand zu geben, rühre aus einem Missverständnis - "zwischen Verfassungsprinzipien hier und mehr oder minder beliebigen Umgangsformen oder Konventionen dort."

Bei VroniPlag arbeiten keine böswilligen Heckenschützen, betont Joachim Güntner in der NZZ, der den Mitarbeitern der Plattform ein durchaus skrupulöses Vorgehen bei der Aufdeckung schlampiger Doktorarbeiten bescheinigt: "Dankbar muss man der ganzen Geschichte schon jetzt sein, weil durch von der Leyens Prominenz das trübe Zustandekommen medizinischer Promotionen endlich einmal an die große Glocke gehängt wird. Schon im vergangenen Jahr deckte VroniPlag auf, dass unter Doktoranden der Medizin dreistes Plagiieren gang und gäbe ist, namentlich die Universität Münster und die Charité in Berlin taten sich ungut hervor."

In der NZZ beobachtet Ulf Erdmann Ziegler die unaufhaltsame Demontage des Gütesiegels "Made in Germany" nicht erst durch VW: "Die Entlarvung unseres Musterkonzerns bleibt völlig unbegreiflich. Wir leben doch im Land der Ingenieure, der Planer, der Rationalisten, der Durchblicker. Unsere Kanzlerin ist Physikerin! Wenn bei uns Dinge schiefgehen, dann immer woanders. Wir sind ja föderal. Wir wussten schon lange, dass West-Berliner großmäulige und schlampige Handwerker waren. Aber es wird auch nicht viel besser, wenn sie halbe-halbe machen mit dem Osten. Mit den Brandenburgern, die es nach vier Jahrzehnten volkseigener Dienstverweigerung nicht besser wissen können."

Susan M. Gasser schreibt zum Tod des Biochemikers Gottfried Schatz, der unter anderem in der NZZ so wunderbar über die vielen Formen des Lebens schrieb.
Archiv: Gesellschaft