Efeu - Die Kulturrundschau

Kraftdemonstration

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06.10.2015. Drei fulminante Opernpremieren in Berlin, da staunen sogar die Kritiker in FAZ und SZ. Besonderen Eindruck machte die rauschhafte Wirkung von Meyerbeers "Vasco da Gama". Indonesiens Nationalsprache war eine Erfindung, um die Niederländer zu ärgern, lernt die NZZ. Wenig Sympathie bringt die SZ für Daniel Libeskinds luxuriöses Wohnhaus an der Berliner Chausseestraße auf.

Bühne


Die "Meistersinger von Nürnberg" an der Staatsoper Berlin. Foto: Bernd Uhlig

Mit einem aus "Die Meistersinger von Nürnberg" (an der Staatsoper), "Hoffmanns Erzählungen" (an der Komischen Oper) und "Vasco da Gama" (an der Deutschen Oper) bestehenden Premierenmarathon haben die drei Berliner Opernhäuser am Einheitswochenende die Saison eröffnet. Und die Kritiker zeigen sich in ihren detaillierten Sammelbesprechungen glücklich, satt, zufrieden. "Diese Opern-Trias (...) war, bei allen Unterschieden und heterogenen Ästhetiken, jedenfalls fulminant", jubelt Gerhard R. Koch von der FAZ. Kollege Wolfgang Schreiber stimmt in der SZ zu: Er sah "eine Kraftdemonstration ästhetischen und auch kulturpolitischen Überlebenswillens."


Szene aus "Vasco da Gama" an der Deutschen Oper Berlin. Foto © 2015, Bettina Stöß

Niklaus Hablützel kommt in der taz unterdessen aus dem Schwärmen für Vera Nemirovas Inszenierung von Giacomo Meyerbeers rekonstruiertem "Vasco da Gama" gar nicht mehr heraus: Die Regisseurin habe eine "Bühnensprache" gefunden, die "rauschhafte Wirkungen erzielt. ... Man taumelt von einer dramatischen Zuspitzung zur nächsten, bewundert die kompositorische Virtuosität und lässt sich schockieren von Nemirovas mitunter drastischen Bildern: Sklaven werden gehandelt, es wird religiös und sexuell vergewaltigt, Terroristen schlachten ganze Schiffsbesatzungen hin; und wenn es indisch wird am Ende, sind wir endgültig in der Kifferhöhle." In der Welt ist Manuel Brug die Inszenierung etwas zu "deutsch-dialektisch", "zu einfach, zu schwarz-weiß, trägt das schlechte Gewissen eines heute eigentlich politisch unkorrekten Ethnokitschverdachts dauernd ostentativ spazieren".

Im Tagesspiegel erklärt uns Ulrich Amling, dass diese Inszenierung lediglich den Beginn eines größeren Projekts darstellt: Mit einer ganzen Reihe von Meyerbeer-Inszenierungen wolle die Deutsche Oper "die längst fällige Rückkehr des Komponisten in seine Heimatstadt einleiten".

Ronald Harwoods am Berliner Renaissancetheater uraufgeführtes Stück "Entartete Kunst" um den Kunstsammler Gurlitt entlässt die anwesende Kritik unbeeindruckt in die Nacht: Katharina Bettina Müller vermisst in der taz neue Erkenntnisse und bemängelt, dass "nirgendwo (...) ein gesellschaftlicher Kontext ins Spiel [kommt], der die heiklen Fragen nach der privaten Bereicherung an jüdischem Eigentum oder warum die Provenienzforschung für öffentliche Sammlungen erst so spät einsetzte, aufgreifen würde." Lothar Müller von der SZ leidet am "theatralischen Leerlauf der hölzernen Entwicklung" und hält das Stück noch vor seinem Ende für "tot". Und FAZlerin Julia Voss meint: "Eben die Teile der Geschichte, die sich Harwood hat einfallen lassen, bleiben die unwahrscheinlichsten."

Besprochen werden außerdem Hasko Webers Inszenierung von Ferdinand von Schirachs Theaterdebüt "Terror" am Deutschen Theater in Berlin (taz, mehr in unserer gestrigen Kulturrundschau), Oliver Reeeses Doppelabend mit Ferdinand von Schirachs "Terror" und Kleists "Zerbrochenem Krug" am Schauspiel Frankfurt (FR) und Jacopo Godanis von der Dresden Frankfurt Dance Company aufgeführtes Tanzstück "Primate Trilogy" (FR).
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Literatur

Welche Sprache sprechen die Indonesier? Viele regionale Dialekte und Bahasa Indonesia, die Hauptsprache der Insel. In ihr wird auch praktisch alle indonesische Literatur verfasst - obwohl es sie noch gar nicht lange gibt, lernt Katharina Borchardt, die für die NZZ das Gastland der Frankfurter Buchmesse besucht hat. "Bahasa Indonesia ist eine reine Erfindung", erklärt ihr auf dem Campus der Universität von Jakarta der Literaturwissenschaftler Manneke Budiman. "Die Sprache basiert auf dem Malaiischen, das im Norden von Sumatra und gegenüber auf der malaysischen Halbinsel gesprochen wurde. Es wurden aber auch Elemente aus anderen Sprachen des Archipels integriert. Sinn und Zweck war es, die Niederländer zu ärgern und eine eigene Sprache fürs ganze Land zu entwerfen." Die Niederländer ärgern? "Ja, denn wir wollten uns abgrenzen und eine eigene Nationalsprache etablieren. Bahasa Indonesia war ein Mittel im antikolonialen Kampf.""

Weitere Artikel: In Rumänien gibt es seit Jahren Vorwürfe gegen Mircea Cartarescu, er habe in seinem lyrischen Frühwerk plagiiert. Norbert Mappes-Niediek findet das nach genauerem Hinsehen in der FR wenig überzeugend und vermutet Missgunst. Feridun Zaimoglu berichtet im Freitext-Blog von ZeitOnline von seiner Lesereise in der Oberlausitz. Die FAZ hat Julia Enckes FAS-Gespräch mit Charlotte Roche online gestellt. In Public Books stellt Haruo Shirane in einer großen Besprechung Minae Mizumuras Buch "The Fall of Language in the Age of English" vor.

Große Trauer um Henning Mankell: Nachrufe auf den schwedischen Krimiautor schreiben Jan Feddersen (taz), Michael Krüger (NZZ), Wiebke Porombka (ZeitOnline), Gerrit Bartels (Tagesspiegel), Petra Pluwatsch (FR), Felicitias von Lovenberg (FAZ) und Thomas Steinfeld (SZ). Mehr zu Mankell unter unserem entsprechenden Schlagwort.

Besprochen werden Gerhard Henschels "Künstlerroman" (taz), György Dragománs "Der Scheiterhaufen" (Tagesspiegel), Anna Radlowas "Tatarinowa: Die Prophetin von Sankt Petersburg" (Tagesspiegel), Charlotte Roches "Mädchen für alles" (ZeitOnline, FAZ, SZ) und Rafik Schamis "Sophia oder Der Anfang aller Geschichten" (FAZ).
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Kunst

Ein begeisterter Thomas Ribi führt uns in der NZZ durch eine Sonderausstellung des Antikenmuseums Basel mit Funden aus einem Schiff voller griechischer Kunst für die Römer, das vor der Insel Antikythera gesunken war. Man lernt daraus eine Menge, zum Beispiel, wie alt manche Auseinandersetzungen sind: "Die Fragmente eines wahrscheinlich auf der Insel Delos entstandenen bronzebeschlagenen Speisebettes, die in der Basler Ausstellung zu sehen sind, legen beredtes Zeugnis ab vom Bemühen der römischen Oberschicht, sich griechische Sitten anzueignen. Das blieb selbstverständlich nicht ohne Widerspruch. Vertreter konservativer Kräfte konnten sich nicht genugtun, vor der zersetzenden Kraft verweichlichter griechischer Sitten zu warnen. Versuche, die alte republikanische Ordnung wiederherzustellen, führten sogar zu blutigen Auseinandersetzungen. Wenn es so weit komme, dass junge Leute exklusive Kunstwerke und die verfeinerte griechische Lebensart höher achten als militärische Zucht, dann sei es um Rom geschehen, warnte der ältere Cato - ausgerechnet er, der selber gut Griechisch konnte und mit der griechischen Literatur und Philosophie durchaus vertraut war."

Besprochen werden eine der Gräfin Lichtenau gewidmete Ausstellung im Museum Charlottenburg-Wilmersdorf in Berlin (Tagesspiegel) und eine Ausstellung der Fotografien des Berghain-Türstehers Sven Marquardt in Berlin (Berliner Zeitung).
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Film

Besprochen wird David Wnendts Hitlerkomödie "Er ist wieder da" nach Timur Vermes" gleichnamigem Roman (Zeit).
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Stichwörter: Timur Vermes, David Wnendt

Musik

Karl Smith (The Quietus) spricht mit Daniel Lopatin von Oneohrtix Point Never. Ulrich Stock (Zeit) stellt die Band Girls in Airports vor. Julia Spinola (Zeit) porträtiert die Komponistin Anna Thorvaldsdottir.

Besprochen werden das neue Album "Bussi" von Wanda (taz, SZ), das neue Album von Janet Jackson (Spex) und ein Konzert des Rias Kammerchors in Berlin (Tagesspiegel).
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Stichwörter: Wanda, Rias-Kammerchor

Architektur

In der SZ berichtet Verena Mayer vom Richtfest von Daniel Libeskinds "Sapphire" genanntem Wohnhaus in der Berliner Chausseestraße. Im protzigen Titel (und den entsprechend betuchten Bewohnern) liege allerdings auch die Crux des auf den ersten Blick typischen Libeskind-Baus: "Libeskind verwirklicht seinen Traum vom Wohnbau des 21. Jahrhunderts im Luxussegment. ... Soziale Durchmischung, die der Stadt Berlin entspricht, in der sich die Armen traditionell immer auch die Innenstadt leisten konnten, sieht anders aus. Libeskind (...) sagt zwar, dass er sofort für sozialen Wohnungsbau zur Verfügung stehen würde. ... Bis es so weit ist, trägt die exzeptionelle Architektur, die an der Chausseestraße entstehen wird, aber wohl erst einmal dazu bei, dass Berlin eine Stadt wird wie so viele andere auf der Welt."

Weitere Artikel: Damien Hirst hat in London sein eigenes Museum eröffnet, berichtet Georges Waser in der NZZ. Der Anbau am Hannoveraner Sprengel-Museum erlebt derzeit einen "Stimmungsumschwung", ist Nicola Kuhn vom Tagesspiegel aufgefallen: Er finde "zunehmend Freunde, zumal er nun zugänglich ist". Hans Stimmann berichtet in der FAZ vom Architekturwettbewerb in Kaliningrad, wo die Innenstadt nach den gescheiterten Sowjet-Experimenten zugleich rekonstruiert und neu konzipiert werden soll: Mit einem Entwurf von "herausragender Qualität" hat der Nachwuchsarchitekt Anton Sagal den Wettbewerb für sich entscheiden können. (Bild: Anton Sagals neuer Eingang für das Königsberger Schloss)
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