9punkt - Die Debattenrundschau

Mutmaßliche Majestätsbeleidigung

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.09.2015. Charlotte Knobloch von der Jüdischen Gemeinde begrüßt in der SZ die Flüchtlinge, will aber keineswegs, dass sie das Land verändern. Christian Geyer macht sich in der FAZ Sorgen um "das Eigene". Götz Aly will in der Berliner Zeitung weder "das Eigene" noch andere heilige Schriften, sondern hält das Grundgesetz hoch. Lamya Kaddor möchte in der Zeit, dass der deutsche Staat für Moscheen sorgt. In Spiegel Online staunt Sascha Lobo: Die Digitalisierung ist bei VW angekommen. Aber nur, um gegen den Elektromotor zu kämpfen. Und die New York Times meint: #Piggate ist ein 'Symptom.

Europa

Angesichts weltpolitischer Verwerfungen und eines immer agressiver auftretenden Russland plädiert der britische Historiker Brendan Simms in der Welt für "eine einheitliche Verteidigungspolitik und eine einheitliche Armee [der EU], deren Kosten von allen Steuerzahlern dieser Zone getragen werden. Nur die vollständige politische Union der Euro-Zone wird uns die Legitimität und Spielräume für die Finanzierung einer Wiederaufrüstung geben, die wir für die Verteidigung unserer Werte und unserer Grenzen brauchen. Derzeit haben wir diese militärischen Mittel nicht."

#Piggate ist ein Symptom, schreibt Hari Kunzru in der New York Times: "Nach einer Zeit, in der die britische Gesellschaft ihre alte Schichtenstruktur abzuwerfen schien, ist ein ungenierter Elitismus in der Cameron-Ära zurückgekehrt. In seiner Regierung hat sich Cameron mit Minstern seiner eigenen Schicht und Herkunft umgeben, eine fast schon absurde Zahl unter ihnen kommt von seiner ehemaligen Schule (Eton, dann Oxford). Es spricht Bände, dass #piggate ins Gerede kam, weil ein Milliardär eine Position im Kabinett nicht bekommen hatte, auf die er Anspruch zu haben meinte."

Bei aller Willkommenskultur beharrt Götz Aly in der Berliner Zeitung darauf, dass das Grundgesetz über den Heiligen Schriften jedweder Provenienz steht: "Anders als unser früherer Bundespräsident Wulf halte ich von der romantisierenden Sentenz Der-Islam-gehört-zu-Deutschland wenig. Zum Staat, zur Verfassung und zum Recht sollte meines Erachtens überhaupt keine Religion gehören. Sie ist Privatsache. Diese Meinung teilen längst nicht alle Zuwanderer." Christian Geyer geht es in der FAZ hingegen um "das Eigene": "Es hat etwas Bestürzendes, zutiefst hilflos Machendes, wenn man im Angesicht der Not das Eigene wie Ballast über Bord zu werfen bereit ist."

"Wohltuend" findet auch Charlotte Knobloch von der Jüdischen Gemeinde in der SZ den Empfang der Flüchtlinge in Deutschland. Forderungen, das Land müsse sich jetzt mit den Flüchtlingen "verändern", erteilt sie jedoch eine klare Absage: "Nicht grundlos schwingt bei vielen Juden im Lande neben der Freude über ihre liberale Heimat auch Sorge mit. Wir müssen von jedem, der in der Bundesrepublik lebt oder leben möchte, das unmissverständliche Bekenntnis zu unserem Wertetableau verlangen: zu unserem Grundgesetz, den Bürger-, Menschen- und Freiheitsrechten, insbesondere zu Gleichberechtigung, Religions- und Meinungsfreiheit sowie den Errungenschaften der Aufklärung."

Weiteres: In der FR sucht der katholische Theologe Hans Schelkshorn beim Papst Halt gegen rechtspopulistische Bewegungen in Europa.
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Kulturmarkt

Der Verkauf von Ebooks ist in den USA seit Jahresbeginn um 10 Prozent gesunken, während sich das Printbuch wesentlich besser hält, als noch vor ein paar Jahren vermutet, schreibt Alexandra Alter in der New York Times: "Die digitale Apokalypse ist nie angekommen, oder jedenfalls nicht nach Plan. Analytiker sagten voraus, dass Ebooks Print 2015 ablösen würden, statt dessen geht ihr Verkauf deutlich zurück."

Walter Isaacsons in der Tat lesenswerte Steve-Jobs-Biografie war von Jobs selbst in Auftrag gegeben, der dem Autor freie Hand gab. Die jetzt bei Apple herrschenden Tempelwächter sind da weniger liberal, schreibt Nils Jacobsen bei Meedia: "Tatsächlich teilt Cupertino erstaunlich oft und erstaunlich offen gegen jede Form der mutmaßlichen Majestätsbeleidigung aus. Bereits Isaacsons Buch, keinesfalls ein Schmähwerk, wurde von Apples Managementriege härter zerrissen als von Marcel Reich-Ranicki einst der größte Schund im Literarischen Quartett. "Das Buch hat ihm einen enormen Schaden zugefügt", machte Apple-Chef Tim Cook dieses Jahr noch einmal aus seiner Ablehnung des Bestsellers keinen Hehl."" Auch Designchef Jony Ive hat an dem Buch kein gutes Haar gelassen (mehr hier). Und Cook hat angekündigt, den auf dem Buch basierenden Film keinesfalls sehen zu wollen.
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Gesellschaft

So so, VW hat sich also ins digitale Zeitalter begeben, staunt Sascha Lobo in seiner Spiegel-online-Kolumne. Und was war der Zweck der Software? "So zu tun, als ließe sich die Ära des Verbrennungsmotors noch endlos ausdehnen. Das ist die bestürzende Wahrheit: Ein Code, beinahe eine digitale Verschwörung, letztlich erschaffen, um das Elektroauto noch ein paar Jahre aufzuhalten."
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Medien

Welt-Redakteur Christian Meier unterhält sich mit Alan rusbridger, ehemals Guardian-Chefredakteur, der sein Buch "Paly it Again" in Berlin vorstellte, aber mit Meier natürlich vor allem über die Zeitungskrise spricht: "Es ist gefährlich zu sagen: wir werden nicht mit Facebook arbeiten, wir werden nicht auf Apple-Smartphones und nicht auf dem Kindle sein, wir werden die komplette Wertschöpfungskette selbst kontrollieren. Ich finde, das Risiko dieser Strategie ist genau so groß wie die Kooperation mit diesen Firmen. Ich glaube, das größte Risiko wäre, ein Bezahlmodell an die gedruckte Zeitung zu koppeln und nur noch für eine elitäre Leserschaft zu publizieren. Man verließe sich auf ein Geschäftsmodell des 19. Jahrhunderts."
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Religion

Im politischen Teil der Zeit fällt der von Mariam Lau zitierten Religionspädadogin Lamya Kaddor nur ein Mittel ein, damit die geflüchteten Muslime in Deutschland einen zivilisierten Islam annehmen: Religionspädagogik: "Der Satz "Der Islam gehört zu Deutschland", meint Kaddor, "wird erst wahr, wenn es der deutsche Staat ist, der für die Moscheen sorgt. Der die Jugend annimmt. Der dafür sorgt, dass da ein Islam gelehrt wird, der zu einer freien Gesellschaft passt.""

Aaron Sankin stellt in The Daily Dot einen "formellen Antrag, das Gerücht zu verbreiten, Donald Trump sei ein heimlicher Atheist". Dies Gerücht würde Trump beim republikanischen Publikum natürlich schaden. Als Grundlage für das Gerücht findet Sankin eine Antowrt Trumps in einem Interview. Er wird nach seinem Verhältnis zu Gott gefragt und antwortet mit dem Deal, den er gemacht hat, um einen schicken Golfplatz zu kaufen: "Klingt das nach jemand, der die Wahrhheit sagt? Bevor Sie auf diese Frage antworten, bedenken Sie, dass es sich hier um ein bösartiges Internetgerücht handelt. So gesehen sind Sie gesetzlich verpflichtet, Trumps Antwort so böswillig zu interpretieren, wie es nur geht."

Der junge Saudi Mohammed al-Nimer ist von den saudiarabischen Gerichten zum Tod duch Köpfung verurteilt werden. Anschließend soll sein Körper gekreuzigt worden. Er gehört der schiitischen Minderheit des Landes an und soll sich Alter von 17 Jahren schiitischen Terroristen angeschlossen haben. Aber letztlich lässt sich darüber nichts sagen, schreibt Jean-Pierre Perrin in Libération, denn die saudiarabische Gerichtsbarkeit tagt geheim und erzielt die erwünschten Ergebnisse durch Folterung der Inhaftierten. "Die Ausstellung des Körpers und seine Kreuzigung sind normalerweise Kapitalverbrechern zugedacht - zum letzten Mal soll das 2013 geschehen sein. Diesmal geht es darum, der schiitischen Minderheit, deren Forderungen in der Regel von Teheran unterstützt werden, zu zeigen, dass die leiseste Widerstandsregelung gnadenlos unterdrückt wird."
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