9punkt - Die Debattenrundschau

Eine Halbwelt von zweifelhaften Geld

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.09.2015. Piggate ist mehr als eine Klatschgeschichte, findet der Guardian, und mehr als eine Jugendsünde, findet die huffpo.fr. In der SZ betont Kenneth Roth, Direktor von Human Rights Watch, dass es Assad ist, der die meisten Zivilisten vertreibt. Die Welt will eine Willkommenskultur der klaren Worte. Im Perlentaucher fragt Eva Quistorp bestürzt: Wie bringt man den Flüchtlingen eigentlich Deutsch bei? Und laut Hollywood Reporter dürfen wir künftig "Happy  Birthday" singen, ohne den Warner-Konzern zu bezahlen.

Europa

Im Guardian sieht Simon Jenkins in Piggate nicht eine salzige Klatschgeschichte, sondern einen veritablen Skandal. Denn der rachsüchtige Lord Ashcroft, der als non-dom kaum Steuern zahlte, fühlte sich durch seine Großspenden an die Tories nicht nur zu einem Sitz im Oberhaus berechtigt, den er bekommen hat, sondern auch zu einem Posten in der Regierung, den er nicht bekommen hat: "Wie Cameron das Oberhaus nutzt, um Helfer, Kumpane und Spender zu belohnen, mag selbst Tony Blair als moderat erscheinen lassen. Tatsächlich geht es um die britische Politik insgesamt... Die Politik hat sich einer Halbwelt von zweifelhaften Geld hingegeben, das stets die Nähe zur Macht sucht, in Großbritannien wird es jedoch begrüßt und belohnt."

Das Piggate ist auch mehr als nur eine Jugendsünde, es ist ein Beispiel für die Initiationsrituale einer Elite, schreibt Judith Mesguich (die in England studiert) in der französischen Huffpo. David Cameron gehörte in Oxford zum Bullingdon Club, "der schon mal Restaurants kurz und klein schlägt um sich zu amüsieren (man hat ja das Geld, um die Reparaturen zu bezahlen), oder Geldscheine vor Obdachlosen verbrennt - Aktionen, die Cameron und andere, wie der Finanzminister George Osborne oder der Londoner Bürgermeister Boris Johnson, inzwischen "bedauern". Dass junge betrunkene Menschen dumme Dinge tun ist nichts Neues. Aber was den Bullingdon Club auszeichnet, ist, dass die Gruppe durch ihre Aktionen bei sich ein Gefühl der Straflosigkeit züchtet: es geht um Überlegenheit, das Gefühl mehr "wert" zu sein als die anderen."

In einem Artikel über die katholische Einwanderung in die USA und die muslimische Einwanderung in Europa notiert Alan Posener in der Welt, "dass die Vorurteile derjenigen, die zu uns kommen, sich in mancher Hinsicht mit jenen vieler neu-rechter Zuwanderungsgegner decken. Obwohl die Befragten aus der arabischen Welt westliche Werte wie Demokratie durchaus befürworten, gelten sie eben nicht für eine Hälfte der Menschheit. Bei der Willkommenskultur für Flüchtlinge gilt es von vornherein offensiv klar zu machen, dass Frauen-, Schwulen-, Juden- und Israelfeindlichkeit hier keinen Platz haben. Hier darf man sich nicht wegducken."

Bewegt berichtet Gustav Seibt in der SZ von all den Beispielen spontaner Hilfe für die Flüchtlinge, die in diesem Herbst fast immer ohne Staat, oft sogar gegen ihn organisiert wurde. Wird Deutschland gar eine Hippie-Nation?, fragt er. Behörden in Berlin agieren jedenfalls nicht mehr: "Die Drogenmafia kontrolliert weite Teile von Kreuzberg und Neukölln, und jeder, vom Innensenator bis zur Bezirksbürgermeisterin, weiß es. Am Südrand des Mittelmeers beginnt eine Völkerwanderung - aber der deutsche Staat verlässt sich auf Bürgersinn und Antifa, auf eine Volksbewegung namens Willkommenskultur. Nein, Deutschland schafft sich nicht ab, aber es ist schon dabei, sich neu zu erfinden."
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Gesellschaft

Was lernen Flüchtlinge eigentlich im Deutschunterricht? Im Perlentaucher beschreibt Eva Quistorp am Beispiel des weithin gelobten "Deutschkurs für Asylbewerber", was für ein rückständiges Bild den Menschen transportiert wird: "Schon auf Seite 16 wird es spannend, denn eingekauft wird in Deutschland anscheinend nur im Supermarkt. Wo es um Körper und Gesundheit geht, wird das Wort Brust mit dem Bild einer nackten Männerbrust gelernt, nicht mit dem einer Frau. Danach kommen aber, obwohl Gleichberechtigung oder Grundgesetz nie erwähnt werden, die Wörter für das Gesicht am Foto einer strahlend lächelnden Merkel: Lippen, Mund, Stirn, sogar Zähne... Dann kommt der Satz: Das ist unsere Bundeskanzlerin. Dass Frau Merkel keine Kinder hat, geschieden ist, Protestantin und wieder verheiratet, aus der DDR kommt, wichtige Infos zum Deutschlernen im modernen Deutschland, wird leider nicht erwähnt, eher scheint sie unsere Kaiserin zu sein. Das war"s zu Frauenrechten und Demokratie."

Der Erziehungswissenschaftler Jürgen Oelkers urteilt in der SZ zum 90. Geburtstag des Pädagogen Hartmut von Hentig, der den sexuellen Missbrauch von Schülern durch seinen mittlerweile verstorbenen Lebensgefährten Gerold Becker nicht verurteilen wollte: "Die Reformpädagogik ist gescheitert."
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Politik

In der SZ betont Kenneth Roth, Direktor von Human Rights Watch, dass es Assads Krieg gegen die Zivilisten ist, der die Menschen aus Syrien verteibt: "Assads Fassbomben treiben besonders viele Syrer aus ihrem Land. Während es Zivilisten in den meisten Kriegsgebieten zu einem gewissen Grad möglich ist, abseits der Front Schutz zu suchen, nimmt Assads Bombardement bis tief hinein in Oppositionsgebiete den Menschen jeden Rückzugsraum. Wenn die internationale Gemeinschaft den Flüchtlingszustrom eindämmen will, dann gibt es dazu kaum ein besseres Mittel, als Assads Fassbomben zu stoppen."

Im Tagesspiegel schreibt Lorenz Maroldt zu den jüngsten Volten in der Katastrophenserie zum Berliner Katastrophenflughafen: "Beim BER ist immer mit dem Schlimmsten zu rechnen. Dass dieses Schlimmste allerdings eine Eröffnung im gegenwärtigen Zustand wäre, eröffnet eine neue Dimension des Schreckens."
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Urheberrecht

Eriq Gardner meldet im Hollywood Reporter, dass ein Gericht dem Warner-Konzern die Rechte auf das Lied "Happy Birthday", die der Konzern seit Jahrzehnten mit eiserner Faust eintrieb, aberkannt hat. Eventuell wird Warner sogar Geld zurückzahlen müssen.
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Medien

(Via turi2) Eine Gruppe von Stiftungen ruft zur Förderung des Qualitätsjournalismus auf. In dem Aufruf heißt es: "Notwendig ist eine Vielzahl von Fördermöglichkeiten für freie und festangestellte Journalisten, zum Beispiel Recherchestipendien, Austauschprogramme oder Preise für Qualitätsjournalismus. Stiftungen sollten bei der Förderung der Aus- und Weiterbildung von Journalisten zukunftsorientierte Techniken in den Vordergrund stellen."

Weiteres: Der stets sehr gut informierte Peter Kafka berichtet bei recode.net, dass die Washington Post künftig sämtliche Artkel parallel in den "Instant Articles" bei Facebook publizieren wird.
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