Efeu - Die Kulturrundschau

Nur was für harte Jungs

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24.09.2015. Welt und SZ umkreisen die Botticelli-Girls. Die FAZ begeistert sich für den Handwerker unter den deutschen Dramatikern, Lutz Hübner. In der Zeit erklärt Ruth Klüger: Hitler war total unnötig. Die Spex feiert Rose McGowan im feministischen Rollenspiel zwischen nacktem Alien und rotglitzernder Glamourkönigin.

Kunst


Botticelli-Girls von Rineke Dijkstra, Sandro Botticelli und Tomoko Nagao

War Botticelli wirklich ein großer Maler? Oder war er vor allem eine Marke, an der sich andere Künstler maßen? Reizvolle Frage, die die Berliner Gemäldegalerie da stellt, findet Swantje Karich in der Welt. Doch sei es "leider zwingend", die Ausstellung zu verreißen: "Man wandelt an dicht gehängten Bildern vorbei, die die Didaktik, den Willen erahnen lassen, aber nichts an die Hand geben. Hier werden historische Bezüge behauptet, die erklärt und erzählt werden müssen, sonst verpuffen sie als reines Augenspiel der Wiedererkennung: "Ach so, ja, der Augenaufschlag von Dante Gabriel Rossettis Frauen erinnert an den in sich gekehrten Blick von Botticellis Venus." Die bloße Assoziationskette aber durchklicken wir täglich auf Facebook, im Museum will man dem eigentlich entgehen."

Unter den zahlreichen, von Botticelli inspirierten Werken - unter anderem von Yin Xin und Cindy Sherman - imponiert SZ-Kritiker Lothar Müller vor allem "die karg-charmante Inszenierung, in der auf einer kolorierten Fotografie der aus Ägypten stammende Youssef Nabil vor dem Original der "Primavera" in den Uffizien liegt, schlafend auf der Bank vor dem Gemälde, mit bloßen Füßen in eine Dschellaba, die ägyptische Tunika, gehüllt - in Erinnerung an die Reproduktion, die in der Mitte der Siebzigerjahre in seinem Kairoer Kinderzimmer hing." Auch er findet die Ausstellung im Ganzen jedoch zu beliebig: "Wenn Botticelli überall ist, dann droht sie auszufransen, weil sich so ziemlich jede nackte Frau, die an einem Strand steht, durch assoziative Verknüpfung als Botticelli-Girl auffassen lässt. Die Girls müssen nicht einmal nackt sein, es muss nur der Wind in ihre Haare fahren."

Hanno Rauterberg vermutet in der Zeit, dass es schon Botticelli selbst auf die Reproduzierbarkeit seiner Werke abgesehen hatte: "Viele der Figuren sind von einer feinen schwarzen Linie umfasst, man kann sie mühelos aus ihrem Hintergrund herausschneiden." Für die Berliner Zeitung war Ingeborg Ruthe vor Ort.

Weiteres: Samuel Herzog berichtet in der NZZ von der 13. Biennale von Lyon. Hannes Klug berichtet im Freitag von der dritten Kölner Pluriversale. Besprochen wird eine Ausstellung zur Geschichte der Freikörperkultur in Deutschland im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte in Potsdam (Tagesspiegel).
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Bühne

Barbara Villiger Heilig besucht für die NZZ Virgilio Sienis Performance "Atlante del gesto", mit der die neue Prada-Stiftung in Mailand eröffnet wurde: "Eine mutige Wahl: Bisher hat Sieni nicht allzu viel internationale Aufmerksamkeit erfahren, auch wenn er neben Venedig in Marseille das Kulturhauptstadtprogramm mitbestritt. Indessen: Sieht man seinen "Atlante del gesto", leuchtet dieses Experiment sofort ein. Es dreht sich um das Erlebnis des Körpers im Raum. Dreidimensionale Dynamik lenkt die Wahrnehmung."

Keine postdramatischen Sperenzchen und Kunsthuberei, dafür gutes Handwerk und ein Gespür für die richtigen sozialen Stoffe und deren Umsetzung auf der Bühne: Nach der Uraufführung von Lutz Hübners neuem Stück "Phantom (Ein Spiel)" in Mannheim setzt Martin Halter in der FAZ zum Loblied auf den "Handwerker unter den deutschen Dramatikern" an: Das Stück thematisiere die Vorbehalte gegenüber Flüchtlingen sowie deren Erwartungen und passe somit "perfekt in die Zeit. ... Die fünf Akteure auf der Bühne behaupten gar nicht erst, Flüchtlinge zu sein: Sie spielen nur, und das ist auch gut so, denn gegen die aktuellen Fernsehbilder kämen sie mit ihrem biederen Realismus nicht an. Shabbyshabby-Aktionskunst für privilegierte Zaungäste wirkt frivol, und selbst Dokumentartheater mit echten Flüchtlingen ist nur eine hilflose Geste."

Weitere Artikel: Frauke Adrians schickt für die nachtkritik einen detaillierten Bericht über die Thüringer Theaterstruktur-Debatte. In der SZ gratuliert Christine Dössel Johan Simonis zum geglückten Einstand als Intendant der Ruhrtriennale. Die Zeit bringt eine kleine Opern-Beilage. Julia Spinola porträtiert hier den jungen israelischen Dirigenten Omer Meir Welber. Und Thomas Schmoll stellt die Frage, wie ernst eine Rekonstruktion von Monteverdis verschollener Oper "L"Arianna", aus der nur das Lamento überliefert ist, wohl gemeint sein kann - in Venedig wird sie jetzt aufgeführt.

Besprochen wird die von Bjoern Auftrag und Stefanie Lorey inszenierte Lesung "Back to Black" am Deutschen Theater in Berlin (taz).
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Film


Burghart Klaußner als Fritz Bauer


Einen "Politkrimi erster Güte" sah NZZ-Kritikerin Christina Tilmann mit Lars Kraumes Film über den Frankfurter Generalstaatsanwalt und Ankläger im Auschwitz-Prozess Fritz Bauer: "Kraumes Film konzentriert sich auf die dramatischste Episode in Bauers Amtszeit: die Jahre ab 1957, als er Hinweise darauf bekommt, dass Adolf Eichmann in Argentinien untergetaucht ist, und vergeblich versucht, in Deutschland einen Haftbefehl gegen den Organisator der "Endlösung" zu erwirken. Gerade bei der Schilderung des Netzwerks von Altnazis, das die bundesdeutschen Behörden durchzieht, ist der Film schmerzhaft deutlich". Im Freitag dagegen winkt Matthias Dell resigniert ab: Typisch deutsches Biederkeitskino, das "traurig bis anrührend in seiner braven Geschichtsstundenstofflichkeit" ist.

Weitere Artikel: Im Standard unterhält sich Michael Pekler mit Regisseur M. Night Shyamalan über dessen Horrorfilm "The Visit", der ausschließlich aus der Perspektive zweier Kinder erzählt wird. In der taz schreibt Ekkehard Knörer über Pedro Costas Fontainhas-Filme, die ab heute im Kino Arsenal zu sehen sind. Und Andreas Hartmann empfiehlt den Berlinern das Trashfilm-Festival (mehr). Das Hannoveraner Kino im Sprengel würdigt die Hamburger Filmmacher Cooperative mit einer Filmreihe, berichtet Wilfried Hippen ebenfalls in der taz. Für die FAZ spricht Mariam Schaghaghi mit Anton Corbijn über dessen (in taz und Tagesspiegel besprochenen) James-Dean-Film "Life".

Oliver Jungen ärgert sich in der FAZ über Mathias Glasners als Qualitätsoffensive angekündigte, mit Jürgen Vogel besetzte ZDF-Serie "Blochin", der er allerlei Schwächen und handwerkliche Defizite bescheinigt: "Als Neunzigminüter hätte "Blochin" vielleicht getaugt. Sechs Stunden - das ist nur was für harte Jungs."

Besprochen werden Anna Sofie Hartmanns "Limbo" (taz), Sanna Lenkens "Stella" (taz), Sharon Maymons und Tal Granits "Am Ende ein Fest" (ZeitOnline), der Pixar-Animationsfilm "Inside Out" (NZZ), das Zombie-Familienmelodram "Maggie" (in der FAZ ärgert sich Dietmar Dath, dass es hierzulande nur auf DVD herauskommt, obwohl Arnold Schwarzenegger nie so gut war) und Nancy Meyers" Komödie "Man lernt nicht aus" mit Anne Hathaway und Robert de Niro (Berliner Zeitung, Welt, SZ).
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Literatur

Iris Radisch unterhält sich in der Zeit mit Ruth Klüger (das Gespräch ist ein Vorabdruck aus einem Gesprächsbuch Radischs mit alten Autoren). Klüger streitet jede Zwangsläufigkeit in der Geschichte ab, was die Angelegenheit eher unheimlicher macht: "Was soll das sein in der deutschen Kultur, das zu Auschwitz führt? Ich glaube nicht, dass es eine Art Vorausbestimmung für den deutschen Antisemitismus gibt. Ich denke eher, dass diese ganze Nazi-Geschichte ein Zufall war, der nicht hätte kommen müssen, wenn man statt auf Rot auf Schwarz gesetzt hätte. Hitler war nicht notwendig. Er war total unnötig."

Außerdem in der Zeit: Giovanni Di Lorenzo talkt mit Umberto Eco über Berlusconi, das Internet, Gott und die Welt. Die NZZ meldet die Shortlist des Schweizer Buchpreises 2015.

Besprochen werden Javier Marías" Roman "So fängt das Schlimme an" (NZZ), Zora del Buonos Novelle "Gotthard" (Freitag), Harald Martensteins und Tom Peuckerts "Schwarzes Gold" (Freitag), Viktor Martinowitschs "Paranoia" (Freitag), Paco Rocas Comic "Die Heimatlosen" (taz), Anne Simons neuer Comic "Die Kaiserin Cixtite" (Tagesspiegel), Rolf Lapperts für den Buchpreis nominierter Roman "Über den Winter" (FAZ) und Tim Parks "Mr. Duckworth sammelt den Tod" (SZ).
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Musik

Die Spex präsentiert das erste Musikvideo von Rose McGowan, die bislang als Schauspielerin bekannt war und sich in den jüngsten Jahren zu einer der prominentesten Kritikerinnen des Sexismus in Hollywood entwickelt hat. Das an die entrückten Körperbilder von Björk und Lady Gaga erinnernde Video thematisiert diesen Kampf um die Hoheit über den eigenen Körper: Dieses Video "ist ein surrealistisches Kunstwerk mit einer bitterernsten Botschaft", schreibt Maxi Zingel. "Im Rollenspiel zwischen nacktem Alien und rotglitzernder Glamourkönigin nimmt McGowan fünf verschiedene Identitäten an. Jede Verkleidung steht sinnbildlich für Facetten der Selbstwahrnehmung und -darstellung." Hier der Clip:



Weiteres: Du Pham (taz) kommt beim neuen Album von Lana Del Rey aus dem Gähnen nicht mehr heraus: Aus der "Königin der Popwelt" sei "Prinzessin Langeweile" geworden. Für VAN erinnert sich der Dirigent Frank Strobel an Alfred Schnittke, der unter anderem für zahlreiche russischen Filme den Soundtrack komponiert hat. Michael Jäger resümiert im Freitag das Musikfest Berlin. "Pop music is boring at the moment", verlautbart der UK-Popkritiker Simon Reynolds auf seinem Blog - und gibt dennoch vier Musikvideo-Empfehlungen durch.

Besprochen werden das neue Album "Über... Menschen" der Fehlfarben (Spex), das neue Album des Köpenicker Rappers Romano (Das Filter), die Indie-Wiederveröffentlichung von Jawbox" 1996 erfolglos bei einem Major veröffentlichten Album (Pitchfork), die "Edition 1" von King Midas Sound und Fennesz (Pitchfork), das neue Album von New Order (Pitchfork), das Bremer Konzert des Syrischen Exilorchesters (Tagesspiegel), ein Beethoven-Konzert von Martha Argerich und Daniel Barenboim (Tagesspiegel), Ezra Furmans neues Album "Perpetual Motion People" (FR) und ein von Valery Gergiev dirigiertes Brahms- und Bruckner-Konzert in München (SZ).
Archiv: Musik