9punkt - Die Debattenrundschau

Internet der lügenden Dinge

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.09.2015. Dass VW so lange ungestraft seine Abgaswerte manipulieren konnte, liegt auch am Urheberrecht, haben die Electronic Frontier Foundation, Telepolis und die New York Times herausgefunden. Die deutschen Verleger in der VG Media wollen sechs Prozent des Google-Umsatzes für Links der Suchmaschine. Dem Patentamt ist das zuviel. Die Russen erinnern sich an die Neunziger, als das Leben noch wild, aber frei war, erzählt die Welt. Und Bloomberg Business hat Peinliches über Internetwerbung herausgefunden.

Urheberrecht

VW nutzte für seine Betrügereien mit den Abgaswerten das Urheberrecht, um einen Einblick in seine Sofware zu verhindern, berichtet Peter Mühlbauer in heise.de unter Bezug auf die Electronic Frontier Foundation: "Der unter Präsident Bill Clinton verabschiedete Digital Millennium Copyright Act (DMCA) erlaubt die Einblicknahme in Programmcode nämlich nur dann, wenn der Rechteinhaber dies gestattet. Das erlaubt es Unternehmen nicht nur, Wettbewerb für Reparatur- und Zusatzgeräte zu verhindern - es verhindert auch, dass Sicherheitsmängel öffentlich werden... und setzt Anreize dazu, heimliche "Features" zu integrieren, von denen Kunden oder Behörden nichts wissen sollen."

Auch andere Werte werden überwacht - etwa in Lebensmitteln, schreibt Zeynep Tufekci in einem Kommentar zum VW-Skandal in der New York Times: "Wenn solche Vorsichtsmaßnahmen nicht auch auf digital optimierte Objekte angewandt werden, vor allem wenn die Software proprietär und komplett von der Firma kontrolliert ist, dann gibt es einen riesigen Anreiz, bei Tests durch Behörden bestimmte Leistungswerte zu übertreiben oder Fehler zu verstecken und Volkswagen wird nicht der letzte Skandal im Internet der lügenden Dinge gewesen sein."
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Medien

Sechs Prozent des Google-Umsatzes in Deutschland für die Zeitungen, dafür dass Google auf die Schlagzeilen der Zeitungen verlinkt - das fand die Schiedsstelle des Deutschen Patent- und Markenamtes zu hoch, meldet Spiegel Online. Außerdem habe die Schiedsstelle die in der VG Media zusammengeschlossenen Verlage (unter Führung von Springer) aufgefordert mitzuteilen, was sie unter "kleinsten Textausschnitten" versteht, für die für Google Leistungsschutzrechte fällig werden.

Internetwerbung ist bei Werbetreibenden (die allerdings zugleich auf die Preise drückten) in Verruf geraten, erzählt ein Rechercheteam bei Bloomberg Business: "Immer öfter werden Anzeigen gar nicht von menschlichen Nutzern "gesehen". Eine Studie im Auftrag der Association of National Advertisers brachte einen heimlichen Code in Anzeigen unter, der zeigte, wer oder was die Anzeigen "sah". Elf Prozent der Banner und annähernd ein Viertel der Videos wurden von Software "gesehen"."
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Gesellschaft

Eigentlich wollte die russische Plattform Colta.ru mit ihrer Retronetzaktion nur für ihr Festival "Die Insel der 90er-Jahre" werben, aber dann hat sich das ganze verselbständigt, erzählt Inga Pylypchuk in der Welt. Die geposteten Bilder aus den Neunzigern wurden ein Riesenhit, und alle ahmten das nach, sogar in der Ukraine, obwohl die Neunziger in Russland eigentlich einen schlechten Ruf haben: "Besser Putins Autoritarismus als Jelzins Demokratie, denken viele. Doch gab es damals nicht auch so etwas wie Freiheit? In diesen wilden Frisuren, in diesen Augen, die durch den Blitz der analogen Kameras immer rot reflektierten? Es war, als würde der "Wind of Change" wieder wehen, so frisch, so jung, so wild, durch das ganze Land."

Ebenfalls in der Welt erzählt Konstantin Richter auf einer ganzen Seite, wie er sich entschloss, Flüchtlinge in seiner Wohnung aufzunehmen. Als sie im viertletzten Absatz ankommen, sind sie so müde, dass sie gleich schlafen gehen. Und als er am nächsten Morgen aufsteht, sind sie auch schon wieder weg.

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Stichwörter: 90er, Autoritarismus

Ideen

Konrad Paul Liessmann vom Philosophicums Lech, das sich in diesem Jahr mit dem Thema "Neue Menschen! Bilden, optimieren, perfektionieren" befasste, spricht mit Michael Stallknecht in der SZ über Genoptimierung: "Ich würde zwischen einer Manipulation unterscheiden, die in die genetische Struktur eines einzelnen Individuums oder nur eines einzelnen Organs eingreift, und einem Eingriff in die Keimbahn, der über die Vererbung auch an die Nachkommen weitergegeben wird. Soll ernsthaft ein einzelner Mensch die Verantwortung für die genetische Ausstattung von Millionen Menschen in der Zukunft übernehmen?"
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