9punkt - Die Debattenrundschau

Ungewolltes Tracking

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.09.2015. Verliert die Demokratie die "Schlacht der Ideen"?, fragt politico.eu. Die Zensur religiöser Beleidigungen zum Schutze religiöser Minderheiten schadet vor allem den religiösen Minderheiten, meint der New Humanist. Nicht die Adblocker, sondern die Werbeleute sind das Problem im Internet, meint Doc Searls. Die NZZ kritisiert die ukrainischen Geschichtsgesetze. Wir bringen einen Werbespot, der sich für das Recht auf Abtreibung einsetzt, und den Jezebel lieber nicht bringt.

Religion

Terri Murray kritisiert im New Humanist die in den angelsächsischen Ländern weit verbreitete Rücksichtnahme auf religiösen Glauben und kommt nochmal auf dem amerikanischen Streit über die Preiswürdigkeit von Charlie Hebdo zurück: "Die Zensur religiöser Beleidigungen wird nicht so sehr die Minderheitskultur vor der Gastgeberkultur schützen, sondern die freie Entscheidung und Meinungsvielfalt innerhalb der Minderheit beschädigen. Wenn wir ein allgemeines Verbot gegen "religiöse Beleidigung" erlassen, wird es schwierig für liberale Muslime, ihr Recht auf Kritik an muslimischen Autoritäten auszuüben, und es würde Muslime zwingen, fundamentalistische Gesetze zu befolgen und Tabus zu "respektieren" (das heißt Gehorsam zu üben). Freie Meinungsäußerung ist ein Gewinn für alle Muslime, Zensur nutzt nur den Extremisten."
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Stichwörter: Charlie Hebdo

Internet

Der Blogger und Open-Source-Pionier Doc Searls sagt ein paar wahre Worte über Werbung im Netz, die so stark in der Krise ist, dass auch Inhalte gefährdet werden. Aber die AdBlocker sind nicht das Problem, meint er: "Marketingleute sollten gucken, was Märkte wollen. Die Märkte bestehen aus Konsumenten, und sie sprechen heute zu den Marketingleuten, indem sie Adblocker zur populärsten Browser-Erweiterung machen, und Umfrage nach Umfrage bekennen sie, dass sie ihre Privatsphäre vor ungewolltem Tracking schützen wollen und dass sie zu einem Status quo gezwungen werden, den sie nicht wollen."
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Ideen

Liane Bednarz, Ko-Autorin eines Buchs gegen "neurechte" Diskurse à la Sarrazin und Pegida, wehrt sich bei starke-meinungen.de gegen Verrisse von Alan Posener in der Welt und Patrick Bahners in der FAZ (unsere Resümees). Unter anderem findet sie, dass es sich die Rezensenten zu leicht machen, wenn sie die Tradition des George-Kreises durch Hinweis auf Stauffenberg verteidigen: "Die neurechte Szene sieht sich, so bizarr das klingen mag, tatsächlich in der Nachfolge der Widerständler des 20. Juli. T-Shirts mit Stauffenbergs Konterfei werden auf neurechten Messen wie dem "zwischentag" nicht bloß getragen, sondern auch verkauft. Und sogar Sophie Scholl betrachtet man als historisches Vorbild im Widerstand gegen "das System"."
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Stichwörter: Pegida, Populismus

Medien

Jake Hanrahan und Philip Pendlebury, zwei Vice-Journalisten, die vor Tagen als angebliche Spione in ein türkisches Staatsgefängnis gesteckt wurden, berichten nach ihrer Entlassung aus dem sicheren Großbritannien - und bekennen ihren Zorn, dass ihr Stringer Mohammed Ismael Rasool nach wie vor in einem Hochsicherheitsgefängnis festgehalten wird. "Man hat uns des Terrorismus angeklagt, als die Polizei uns vor unserem Hotel in Diyarbakir festnahm. Wir hatten seit einigen Tagen im Südosten der Türkei über den Konflikt zwischen dem türkischen Staat und der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK berichtet. Die Kämpfe haben in sechs Wochen Hunderte Menschenleben gekostet. Ein großer Teil der Gewalt wird von der Jugendorganisation der PKK, dem YDG-H verübt... Man hat uns festgenommen, weil wir unseren Job gemacht haben und hat uns vorgeworfen, für den Islamischen Staat zu spionieren, über den wir noch nicht mal berichten."

Jezebel, ein angeblich feministisches Medium aus der Gawker-Gruppe, das sehr gern moralisch über andere herzieht, kommt nun selbst in die Diskussion, weil es sich weigerte ein Werbevideo zu bringen, das sich für das Recht auf Abtreibung einsetzt, berichtet Sarah Kliff in Vox. Hier das angeblich unsendbare Video:

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Kulturpolitik

Julia Voss staunt in der FAZ sehr, dass sich das Museum Georg Schäfer in Schweinfurt doch recht zögerlich mit der eindeutigen Raubkunst-Provenienz einiger seiner Werke auseinandersetzt.

Geschichte

Warum nur hat die ukrainische Regierung "Dekommunisierungsgesetze" erlassen, die eine nationalistische Geschichtsversion etablieren sollen, fragt sich entsetzt Ulrich M. Schmid in der NZZ. Sicher, man will sich von Putins Russland abgrenzen. Aber so? Den neuen Gesetzen "liegt ein antiquiertes Geschichtsverständnis zugrunde, das von einer "objektiven" historischen Wahrheit ausgeht. Außerdem setzen sie den Sowjetkommunismus und den Nationalsozialismus im Konzept des Totalitarismus gleich und fallen damit auf den Stand der Geschichtswissenschaft der fünfziger Jahre zurück. In der Ukraine fehlt eine Grundsatzdiskussion, ob der Staat sich überhaupt in die historische Forschung einmischen soll. [...] Gerade in der gegenwärtigen Situation ist es gefährlich, eine nationalistische Geschichtsversion zur einzigen Wahrheit zu erklären."

Weiteres: In der NZZ stellt Markus Bauer neue Studien über Vlad III. vor, Vorbild für Bram Stokers Graf Drakula und Rebell gegen die Osmanen, denen er den Tribut verweigerte. Und Christoph Jahr bespricht eine Studie des in Yale lehrenden britischen Historikers Adam Tooze über die globale Neuordnung nach dem Ersten Weltkrieg.
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Europa

Fällt Europa in die dreißiger Jahre zurück? Ohne dramatisieren zu wollen, benennt Dalibor Rohac in politico.eu fünf Parallelen zwischen heute und dieser düsteren Zeit. Eine davon: die Demokratie verliert die "Schlacht der Ideen": "Die Labour-Partei in Großbritannien wird wahrscheinlich Jeremy Corbyn wählen, einen Mann mit einem ominösen Netzwerk von Freunden und bizarren außenpolitischen Ansichten. Wo einst Mainstream-Politiker waren, sind heute der Front national, Pegida, Podemos oder die ausländerfeindlichen schwedischen Demokraten, die heute die führende politische Kraft im Land sind."

In der FAZ plädiert der Demografie-Professor Massimo Livi Bacci für eine neue europäische Einwanderungspolitik.
Archiv: Europa