9punkt - Die Debattenrundschau

Eigennutz ist wohl rational, aber nicht vernünftig

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.09.2015. Heute erscheint in den USA Timothy Snyders neues Buch "Black Earth", das neuen Streit über die Ursachen des Holocaust auslösen wird, meint die New York Times. Im Kongo wird laut Libération ein Film über den Gynäkologen Denis Mukwege verboten, weil er dem Ansehen der Armee schade - der Arzt kümmert sich um vergewaltigte Frauen. Die NZZ erzählt, wie im Koreakrieg chinesische Soldaten verheizt wurden. In der Welt löst Byung-Chul Han die Flüchtlingskrise mit Kant.

Geschichte

Heute erscheint in Amerika Timothy Snyders neues Buch "Black Earth", das neues Licht auf die Ursachen des Holocaust werfen will und eine größere Geschichtsdebatte auslösen könnte. Jennifer Schuessler zitiert in der New York Times erste Reaktionen. Kritisiert wird vor allem, dass Snyder den Antisemitismus und die Kollaboration in den osteuopäischen Ländern herunterspiele: "In The National Interest schreibt der Historiker David A. Bell, dass Snyder Versuche nicht kommunistischer Polen, den Juden zu helfen, hervorhebt, während er ohne große empirische Basis behauptet, dass jene Osteuropäer, die beim Holocaust kollaborierten, oft ehemalige Kommunisten gewesen seien, die Kritik an ihrem Verhalten auf die Juden abschieben wollten. Als Ergebnis konstatiert Bell in einem Interview ein "seltsames Ungleichgewicht". "Es gibt immer wieder einen starken Fokus auf ehemalige Kommunisten und Taten der Sowjetunion, die in der Tat schrecklich waren. "Aber dennoch wurden die überlebenden Juden am Ende von der Roten Armee befreit.""

Götz Aly erinnert in seiner Kolumne in der Berliner Zeitung an den Hilfsverein der Deutschen Juden, der im "Auswandersaal" des Berliner Ostbahnhofs ankommenden Juden aus Osteuropa half: "Sobald ein Einwandererzug avisiert wurde, nahmen die Angestellten des Hilfsvereins die Neuankömmlinge in Empfang: "Für die ärztliche Behandlung sorgt man nach Kräften, und vor allem müssen von den Emigranten schädliche Elemente ferngehalten werden. Nicht umsonst ist der Schlesische Bahnhof Hauptarbeitsgebiet der Fledderer." Nicht selten fehlten "den Armen und Bedrückten", die die Heimat verlassen hatten, "um draußen in der Welt nach einem unsicheren Glück zu jagen", gültige Papiere, nicht selten hatten ihnen Betrüger gefälschte Schiffsfahrkarten angedreht - um all das kümmerten sich die Leute vom Hilfsverein."

Im chinesischen Dandong unterhält sich der Historiker Sören Urbansky für die NZZ mit einem chinesischen Veteranen, Wang Likun, über den Koreakrieg. Während die offizielle Gedenkstätte den Einsatz chinesischer Soldaten zu einem heroischen Akt der Solidarität mit dem in Not geratenen Nachbarstaat stilisiert, erzählt Wang Likun eine andere Geschichte: "Insgesamt forderte der Koreakrieg mehr als drei Millionen Menschenleben, darunter Hunderttausende chinesische "Freiwillige". Anying, Maos ältester Sohn, war einer von ihnen. "Wer weiß schon, wie viele es genau waren?", fragt der alte Wang. Die meisten der chinesischen Soldaten seien jedenfalls Bauern gewesen. "Viele kamen aus dem Süden, aus Sichuan." Er deutet an, dass ihr Kampfeinsatz nicht immer so freiwillig gewesen sein kann. Wer ziehe schon von heute auf morgen in einen Krieg, der Tausende Kilometer fern der Heimat tobt?"

Der Krieg im Jemen fordert einen hohen Tribut, schreibt die Archäologin Iris Gerlach in der NZZ. Tausende von Toten, 1,4 Millionen Vertriebene und die Zerstörung einzigartiger Kunstschätze, von denen der Jemen voll ist. "Jemen verliert bei diesem Krieg Teile seiner eigenen kulturellen Identität, Symbole und Träger eines gemeinsamen kulturellen Gedächtnisses gehen für immer verloren. ... Notwendig ist eine Sensibilisierung der Öffentlichkeit über diese auch in Jemen täglich stattfindenden Zerstörungen, blickte man doch bisher fassungslos vor allem in Richtung Irak und Syrien."

Außerdem: In der SZ kommt der Historiker Fabian Hilfrich auf die "politischen Entscheidungen, die Amerika in den Vietnamkrieg trieben", zurück. In Politico.eu erinnert Aykan Erdemir an die Pogrome gegen die griechisch-orthodoxe Minderheit in Istanbul vor siebzig Jahren.
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Ideen

Der unvermeidliche Byung-Chul Han schreibt nun auch in der Welt, wo er die aktuelle Flüchtlingskrise mit Kant löst: "Die Vernunft im Kantischen Sinne formuliert eine allgemeine Regel, die ihren Träger übers Eigeninteresse erhebt. Die Flüchtlingspolitik der EU droht heute an der Vernunftlosigkeit mancher ihrer Mitgliedsstaaten, an ihrem egoistischen Festhalten am Eigeninteresse zu scheitern. Der Eigennutz ist keine Kategorie der Vernunft, sondern des Verstandes. Die Orientierung am Eigennutz ist wohl rational, aber nicht vernünftig. Ihr fehlt die Moralität."

Außerdem: Nora Barlow begründet in der Jungle World, warum sie Wilfried Menninghaus" Idee einer "empirischer Ästhetik" biologistisch und also problematisch findet.
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Medien

Die Bavaria, eine Filmproduktionsfirma der Öffentlich-Rechtlichen, missbraucht ihre Marktmacht - zumindet wenn man einem Gutachten des Kartellrechtlers Rupprecht Podszun folgt, das die "Allianz unabhängiger Filmdienstleister" (AUF) in Auftrag gegeben hat, um die Kartellbehörden auf Verstöße aufmerksam zu machen. Michael Hanfeld referiert in der FAZ aus dem Papier und schildert die verschachtelten Stukturen der Bavaria und ihrer Unterfirmen: "Die Auftragsvergabe innerhalb des Gesamtkonzerns, schreibt Podszun, sei "wegen der wechselseitigen Gewinnbeteiligungsverhältnisse besonders attraktiv". Die Gewinne flössen letztlich an den Sender und die Bavaria zurück. "Die Gebühren der öffentlich-rechtlichen Sender werden also in Tochterunternehmen geschleust und im Zweifel im Rahmen von Gewinn- und Ergebnisabführungsverträgen wieder an die Sender zurück ausgeschüttet.""

Weiteres: Die BBC will sich dem Lokaljournalismus öffnen und mit Zeitungen zusammenarbeiteten, berichtete der Guardian gestern (unser Resümee) - nun äußern sich laut Guardian die Lokalverleger eher ablehnend und wittern Expansionspläne der Anstalt.
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Politik

Im Kongo ist Thierry Michels und Colette Braeckmans Film "L"Homme qui répare les femmes" über den Gynäkologen Denis Mukwege veboten worden, weil er angeblich dem Ansehen der Armee schadet, berichtet Clarisse Chick in Libération. Mukwege, schreibt sie, kümmert sich seit dem Beginn der Bürgerkriege in dem Land um vergewaltigte Frauen und gilt als Kandidat für den Friedensnobelpreis: "Diese Vergewaltigungen haben nach seiner Aussage nichts mit sexueller Begierde zu tun, sondern dienen dem Ziel, die Familien und die Communities der Opfer zu zerstören. Nur eine Minderheit der Schuldigen wird verurteilt. Denn dafür müssen sie angeklagt werden. In ihren Aussagen erklären die Frauen, dass die Klägerin meist als krimineller angesehen wird als der Vergewaltiger."
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