Efeu - Die Kulturrundschau

Das letzte Faktum

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09.09.2015. In der FAZ feiert Iris Hanika das echte Leben in der Ukraine, wo noch täglich im Krieg gestorben wird. Die FR will alle Filme retten, wirklich alle, nicht nur den Kanon. In Venedig wird die taz von Paranoia gepackt, die Welt beobachtet das ganz normal neurotische Leben. Der Tagesspiegel lernt Fotografiegeschichte in einer Ausstellung zu 100 Jahre Leica-Fotografie. Die Welt fragt: Wie lange darf Berlins Ballettchef Nacho Duato noch nichts tun?

Literatur

"Was für ein herrliches Leben", jubelt die Schriftstellerin Iris Hanika in der FAZ, während sie von diversen staatlichen Kulturinstitutionen zur Fortbildung in die Ukraine nach Lemberg eingeladen wird. Dort kann sie dann leidenschaftliche Vorträge über die "sehr komplizierte Geschichte dieses Landes" hören, die sie in der FAZ referiert. Mit der Erkenntnis, dass man mit postmodernem Relativismus der Ukraine nicht gerecht werden könne, geht sie nach Hause: "Es befindet sich dieses Land in der Gegenwart, im echten Leben sozusagen, was daran zu erkennen ist, dass an seiner Ostgrenze täglich gestorben wird, und am Tod ist nun einmal nicht zu deuteln, der ist das letzte Faktum."

Auch am Hunger ist nichts zu deuteln, wie Jörg Plath nach der Lektüre von Ferenc Barnás" Roman "Der Neunte" bestätigen kann. "Ein wunderbarer ungarischer Schriftsteller - noch einer! - ist zu entdecken", ruft er uns aus der NZZ zu.

Weitere Artikel: Emma Brockes besucht Jonathan Franzen (hier der Artikel im Freitag, hier der umfangreichere Originaltext im Guardian). Im Logbuch Suhrkamp berichtet Bettina Erasmy von ihren Taxifahrten mit einer iranischen Migrantin. Maja Haderlap spricht im Interview mit dem Standard über die Dramatisierung ihres Romans "Engel des Vergessens" fürs Wiener Akademietheater. Jan Feddersen schreibt in der taz zum Tod des Kinderbuchautors Max Kruse.

Besprochen werden Stephen Kings Thriller "Finderlohn" (Welt), Patrick Modianos "Damit du dich im Viertel nicht verirrst" (Zeit), Terézia Moras "Nicht sterben: Frankfurter Poetikvorlesungen" (Tagesspiegel), neue Bücher von und über die Feuilletonistin Ruth Landshoff-Yorck (Tagesspiegel), Navid Kermanis "Ungläubiges Staunen" (FR), Eveline Haslers Erinnerungsband "Stürmische Jahre" (NZZ) und Martin Amis" "Interessengebiet" (Standard, SZ).
Archiv: Literatur

Kunst


Fred Herzog, Man with Bandage, 1968. Courtesy of Equinox Gallery, Vancouver. Foto: © Fred Herzog, 2014

Eine gewaltige Lektion in Fotografiegeschichte bekommt Bernhard Schulz beim Gang durch die jetzt im im C/O Berlin angekommene Wanderausstellung "100 Jahre Leica Fotografie". Schwarz-weiß war König, erzählt er im Tagesspiegel: "Und damit ist auch der große Bruch innerhalb der Leica-Epoche bezeichnet: das Eindringen und Überhandnehmen der Farbfotografie. Es mag ein privates Vorurteil sein - doch die Farbfotografie kommt an Aussagekraft, an Verdichtung der sichtbaren Wirklichkeit nicht an das hergebrachte Schwarz-Weiß heran. Mögen Fotografen wie William Eggleston oder Joel Meyerowitz herausragen, so doch vor allem, weil sie den Blick für Farbkontraste und Dissonanzen haben. Die Abstraktion, die das Schwarz-Weiß leistet und so den Raum öffnet für den gedanklichen Mitvollzug des Betrachters, geht in der sinnlichen Fülle der Farben verloren." (Das kann man von Fred Herzogs Fotografie oben aber doch wirklich nicht sagen!)

Besprochen werden ein Dokumentarfilm über den Maler Gotthard Graubner (Tagesspiegel) und die Werkschau Arno Rink in der Kunsthalle Rostock (SZ).
Archiv: Kunst

Bühne

In der Welt fragt ein verärgerter Manuel Brug, warum Ballettchef Nacho Duato ungehindert das Berliner Staatsballett herunterwirtschaften kann und niemand dabei die Rolle der stellvertretenden Direktorin Christiane Theobald hinterfragt: "Duato ist oftmals einfach nicht da. Nachdem er die miese Stimmung gegen sich immer mehr zu spüren schien, verschwand er bisweilen tagelang, kümmerte sich nicht um Proben, blieb den Vorstellungen fern: Ein Tanzphantom im Opernhaus. Aber auch Christiane Theobald, die es bisher immer geschafft hatte, administrativ schwache Chefs zum eigenen Vorteil über sich zu platzieren, ist nicht der Lage, die verfahrene Situation zu entspannen. Verständlich, dass sich aus dem Staatsballett niemand zu dieser Situation äußern wollte."

Außerdem: Das Nachtstudio des Bayerischen Rundfunks bringt Auszüge aus Ivana Sajkos Essay "Auf dem Weg zum Wahnsinn (und zur Revolution)" über das postdramatische Theater.

Besprochen werden Tamás Aschers Bochumer Inszenierung von Tschechows "Kirschgarten" (Nachtkritik, FAZ) und Frederic Rzewskis Musiktheater "Der Triumph des Todes" beim Kunstfest Weimar (NZZ).
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Archiv: Bühne

Film

Daniel Kothenschulte kritisiert in der FR deutsche Archivierungsstandards für Film: Unsichere Digitalstandards, die Vernichtung von Originalkopien nach ihrer Digitalisierung und der auf Events zielende Kanonismus sind ihm ein Dorn im Auge. Seine Forderung: Am besten alles sichern, vor allem auch das historisch Unaufgearbeitete: "Sicher, der Liebe der Deutschen zum Kanon verdanken wir die großartige Repertoire-Pflege unserer Theater- und Opernbühnen. Aber dort besteht eben auch die Möglichkeit, ab und zu ein vergessenes barockes Kleinod auszugraben; denn das Geschriebene ist archivarisch relativ gut gesichert. Aber wie sollen künftige Generationen solche Entdeckungen noch in der Filmgeschichte machen?" (Im neuen Blog Kinematheken.info engagieren sich Kothenschulte und Helmut Herbst für den Erhalt der überlieferten Filmgeschichte.)


Sidse Babett Knudsen in "L"Hermine"

Dirk Schümer feiert in seinem Venedig-Bericht für die Welt das kleine französische Gerichtsdrama "L"hermine" mit Fabrice Luchini und Sidse Babett Knudsen (bekannt als Ministerpräsidentin aus "Borgen"): "Hier fliegen keine Autos als Feuerbälle umher, hier gibt es keine Stunts mit Hubschraubern, keine Cliffhanger und keine Toten. Stattdessen sitzen ganz normal verstörte Menschen an Tischen, plaudern über ihr normal neurotisches Leben, träumen ihre normal meschuggenen Träume."

Das Filmfestival in Venedig nähert sich im übrigen der Zielgeraden. Cristina Nord (taz) erfährt in drei Wettbewerbsfilmen, was geschieht, "wenn Paranoia um sich greift". Christiane Peitz (Tagesspiegel) hat Charlie Kaufmans Puppenfilm "Anomalisa" und Emin Alpers "Abluka" gesehen. Für ZeitOnline spricht Jan Schulz-Ojala mit Sergei Loznitsa über dessen neuen, in Venedig gezeigten Film "The Event" (mehr dazu hier). Dominik Kamalzadeh sah für den Standard in Venedig Dokumentarfilme von Amos Gitai und Frederick Wiseman. Thomas Steinfeld (SZ) war bei Grant Gees in enger Zusammenarbeit mit dem Autor entstandener Verfilmung von Orhan Pamuks "Das Museum der Unschuld".

Weiteres: Andrey Arnold schreibt in der Presse über "Noir/Polar", die Retrospektive des französischen Kriminalfilms im Filmmuseum in Wien. Cristina Nord spricht in der taz mit dem Filmemacher Lisandro Alonso, dessen Film "Jauja" heute die Retrospektive "Nuevo Cine Argentino" im Berliner Haus der Kulturen der Welt eröffnet.

Besprochen werden Michael Cuestas "Kill the Messenger" (taz), Gamma Baks und Steffen Recks Dokumentarfilm "Engelbecken" (Tagesspiegel), Sergei Loznitsas Essayfilm "Maidan" (Freitag, Perlentaucher), eine Zürcher Filmreihe zu Los Angeles (NZZ) und der zweite Teil der Paukerklamotte "Fack ju Göhte" (Berliner Zeitung, Welt, FAZ, SZ).
Archiv: Film

Musik

Voller Lob ist Wolfgang Sandner in der FAZ für François-Xavier Roths Antritt als neuer Gürzenich-Kapellmeister in der Kölner Philharmonie: "Frappierend der klare Gestaltungswille des Dirigenten, in dem sich analytische Klugheit mit souveräner Sinnlichkeit des musikalischen Ausdrucks verbindet. ... . Von symphonischer Riesenschlange keine Spur - diese Brucknerlesart ist symphonische Kammermusik aus dem Geiste Schönbergs! Den Kölnern steht nun eine spannende musikalische Zukunft bevor."

Weitere Artikel: In der Zeit porträtiert Thomas Winkler den Produzent und Rockmusiker Dan Auerbach. Für The Quietus unterhält sich Ben Graham mit dem Autor Rob Chapman, der gerade ein Buch über die psychedelische Ära geschrieben hat. Und Albert Freeman resümiert das Berliner Atonal-Festival. Walter Weidringer berichtet in der Presse vom Sibelius Festival in Lahti. In der SZ meldet Helmut Mauró, dass das verloren geglaubte Manuskript zu Strawinskys "Grabgesang" in der Bibliothek des Konservatoriums von St.Petersburg wieder aufgetaucht ist. Außerdem spricht Mauró mit dem Pianisten Daniil Trifonov über dessen gerade veröffentlichte Rachmaninow-Aufnahme.

Besprochen werden ein Album des Projekts King Midas Sound / Fennesz (Standard), Yo La Tengos neues Album "Stuff Like That There" (Standard), das neue Album von Empress Of (Pitchfork), das neue Albun von Iron Maiden, das derzeit auch in Berlin-Kreuzberg für Aufregung sorgt (The Quietus), ein Strauss-Konzert mit Christian Thielemann beim Lucerne Festival (NZZ) und ein Mahler- und Schönberg-Konzert des Israel Philharmonic Orchestra unter Zubin Mehta (Tagesspiegel).
Archiv: Musik