9punkt - Die Debattenrundschau

Netzanbieter mit ziemlich leeren Händen

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.09.2015. Europa existiert, versichert Karl-Heinz Ott in der NZZ, ein Blick von außen hilft. Die Zeit erklärt, was Deutschland in der Flüchtlingskrise von Schweden lernen kann. Slate.fr räumt mit einem Missverständnis über Religonen auf: In Wirklichkeit sind sie gar nicht friedfertig. In der Zeit wird über die Frage gestritten, ob man Fotos von getöteten Menschen bringen soll. Und Theawl.com ist sich sicher: Dies ist eine prächtige Zeit für freie Journalisten.

Religion

Slate.fr bringt eine kleine Serie, die mit dem Missverständnis aufräumen will, dass es sich bei Religionen um an sich friedfertige Veranstaltungen handele. Vorgestern wurde der Rachegott des Judentums vorgestellt. Gestern betonte Henri Tincq: "Nichts wäre falscher als Jesus Christus, den Begründer des Christentums, als einen gewaltlosen Propheten zu porträtieren, eine Art Vorläufer Gandhis oder Martin Luther Kings." Heute schreibt Tincq über den Islam und rekurriert auf René Girards Begriff der "mimetischen Rivalität": "Nach dem 11. September erklärte Girard den islamischen Terrorismus durch den Willen, "die ganze Dritte Welt der Frustrierten und Opfer in eine mimetische Rivalität mit dem Westen zu bringen". Für ihn machen die "Feinde" des Westens aus den Vereinigten Staaten "das mimetische Modell ihrer Bestrebungen, zur Not, indem sie es töten". Eine "mimetische Rivalität" existiert schon zwischen den Religionen und bezieht sich auf ihr "symbolisches Kapital". Schon zur Zeit Mohammeds bringt sie Christen, Juden und Muslime in Konkurrenz um drei "Pfeiler", den Monotheismus, die prophetische Funktion und die Offenbarung."

Weiteres: Andreas Kilb besucht für die FAZ die Ausstellung "Caritas" im Diözesanmuseum Paderborn, die eine Geschichte der Fürsorge im Abendland erzählt.
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Kulturpolitik

In der NZZ beschreibt Marc Zitzmann das Zähneknirschen, das die Neubesetzung von Chefposten an wichtigen Institutionen in Frankreich ausgelöst hat: "undurchsichtige, undemokratische Entscheidungsstrukturen sowie die Klüngelei zwischen Politikern und Stars und Sternchen des Medien- und Kunstbetriebs zeitigen zwangsläufig Rumor über Günstlingswirtschaft".
Stichwörter: Kunstbetrieb

Kulturmarkt

Auch in Japan nimmt der Internetbuchhandel den stationären Geschäften immer mehr Kundschaft weg. Jetzt hat sich die größte Buchhandelskette des Landes, Kinokuniya, auf die Hinterbeine gestellt: Von den 100.000 Exemplaren des neuen Murakami hat sie 90.000 abgegriffen, erzählt ein amüsierter Ulrich M. Schmidt in der NZZ. "Mit diesem Vorgriff hat Kinokuniya dafür gesorgt, dass am Ausgabetag, wenn möglichst alle Murakami-Fans ihr Buch haben wollen, die großen Netzanbieter mit ziemlich leeren Händen dastehen. ... In einem Akt der Solidarität mit anderen Buchhandlungen hat Kinokuniya zugesichert, dass man das Buch auch an kleinere Buchgeschäfte verkaufen werde".
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Überwachung

Bei aller Kritik begrüßt Johannes Boie in der SZ das Datenschutzabkommen zwischen Europa und den USA, das europäischen Bürgern in den USA Klagerechte gibt: "Das Entscheidende an dem Abkommen ist weniger der Inhalt im Detail, als die Richtung. Und die stimmt. Dass Europäer in den USA gegen jene Behörden, die die Daten verarbeiten, klagen können, bedeutet, dass ihr Bürgerrecht künftig der Spur ihrer Daten folgen kann."
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Internet

Gerade sah Sascha Lobo das Netz noch als Katalysator eines neuen Rechtsextremismus (unser Resümee), da muss er in seiner neuen Spiegel-online-Kolumne das Gegenteil konstatieren: "Die überwältigende und für mich durchaus überraschende Hilfsbereitschaft der deutschen (und österreichischen) Öffentlichkeit gegenüber den Flüchtlingen beruht auf der herzergreifenden Nähe, mit der sich das menschliche Elend in das persönlichste Medium auf dem intimsten Gerät hineingedrängt hat. Dafür spricht, dass die meisten der Hilfsaktivitäten ebenfalls über soziale Medien motiviert, geplant und organisiert werden."

Weiteres: Daniel Bouhs porträtiert in der taz den schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Torsten Albig, für den Kritik an google zum ticket in die weitere Öffentlichkeit wird. Was ihn zu seiner Kritik qualifiziert? "Hier kann er einen Punkt machen: Medien sind hierzulande Ländersache - und Internetportale sind Teil der Medienlandschaft."
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Europa

In Europa träumen Populisten aller Strömungen von einer Rückkehr zum Nationalismus. Aber die Welt sieht uns längst als Einheit, erinnert der Schriftsteller Karl-Heinz Ott in der NZZ: "An allen Ecken und Enden, könnte man meinen, träumen nationalistische, separatistische und antikapitalistische Kräfte von Weimarer Verhältnissen. Die einen wollen den entfesselten Kapital-, die andern den unaufhaltsamen Migrationsströmen ein Ende setzen. Beide sind sich einig, dass mit dem Liberalismus konservativer oder sozialdemokratischer Prägung nichts mehr zu retten ist und man grundlegend etwas ändern muss. Sie alle wollen von der großen Verunsicherung profitieren. ... Weil allmählich allen klarwerden dürfte, dass Europa vom Rest der Welt als Gesamtgebilde wahrgenommen wird, verändert das vielleicht auch endlich den Blick von innen."

Schweden nimmt schon viel länger als wir in großer Zahl Einwanderer auf. Doch viele leben nach Jahren noch von Sozialhilfe, sie konnten sich weder in den Arbeitsmarkt noch in die Gesellschaft integrieren. Und das lag nicht nur an ihnen, meint Jochen Bittner in der Zeit, der einiges dort gelernt hat. Vor allem, dass man früh Probleme ansprechen muss, ohne sofort als Rassist gebrandmarkt zu werden. Und dass man auch seine eigene Kultur noch mal genau angucken sollte, wie ihm der Integrationsforscher Andreas Johansson Heinö erklärt: "Gerade wenn Schweden sich öffnen wolle, müsse es die Vorstellung von Neutralität gegenüber allen Kulturen aufgeben. Es müsse seinen Neubürgern erklären, warum der Staat wichtiger sein soll als die Familie, der Clan oder die Religion, speziell wenn diese Neubürger aus Ländern kommen, in denen es nie einen funktionierenden Staat gegeben habe. "Die Schweden", so Heinö, "haben sich bisher einfach keine Gedanken darüber gemacht, was es heißt, nicht schwedisch zu sein." Sie wehrten sich gegen die Einsicht, selber eine Kultur zu sein".

Welt-Autor Thomas Schmid warnt in einem längeren Blog-Essay angesichts der Selbstbegeisterung der Deutschen über ihre "Willkommenskultur": "Zugang zu einem Gemeinwesen zu eröffnen, ist eine ernste Sache, es muss gründlich und skrupulös, nicht kumulativ mit ihr umgegangen werden, Ja und Nein müssen möglich sein. Denn es geht nicht nur um Gesetze, sondern auch um das, was das Gemeinwesen zusammenhält."

Weiteres: Joseph Croitoru schildert in der FAZ die Lage der Roma in Serbien, die sich durchaus in einigem gebessert zu haben scheint.
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Medien

Dies ist eine prächtige Zeit für freie Journalisten, schreibt Noah Davis in Theawl.com, und er meint es tatsächlich ernst: "Das Bargeld fließt von oben nach unten, durch die Vermehrung wohlkapitalisierter Sites wie Vice, Buzzfeed, Vox Media, die alle Hunderte von Millionen Dollar an Startkapital eingesammelt haben - vieles davon in der Zeit, in der ich für diesen Artikel recherchierte. Das Geld kommt von Risikokapitalgebern und anderen Quellen, auch traditionellen Medien, die verzweifelt Wege in digitale Formen suchen, die sie zu lange ignorierten. Und ein gewisser kleiner Teil davon wird von den Redakteuren für die Freien eingesetzt."

Spiegel online gründet einen Ableger für die junge Generation (und dürfte dabei zum Beispiel auf Vice schielen), berichtet Markus Trantow bei turi2: "Von SpOn kommen nur die Redaktionsleiter Ole Reißmann und Frauke Lüpke-Narberhaus sowie die Redakteurin Sara Maria Manzo. Die übrigen Mitarbeiter sind frisch angeheuerte Journalisten im Alter von 22 bis 34 Jahren - nicht nur Journalistenschüler wie bei byou von Bild.de." Es geht also auch ohne Einserabi?

Eine Beschwerde des Verbands der Privaten Rundfunksender hat jetzt dazu geführt, dass der WDR die genaueren Details seines Rechercheverbunds mit der Süddeutschen Zeitung offenlegen muss, berichtet Christian Meier in der Welt: "Die NRW-Landesregierung unterstellt zwar nicht, dass der Rechercheverbund zwingend Wettbewerb verhindert, sieht aber eine potenzielle Gefahr. Sowohl der WDR-Intendant Tom Buhrow wie der Rundfunkrat sind gefragt, die Kooperation mit der Süddeutschen Zeitung in vertretbare Bahnen zu lenken. Mit anderen Worten: es wird Öffentlichkeit hergestellt, wo bisher der Mantel des Schweigens über einer höchst aufmerksamkeitsstarken Zusammenarbeit lag".

In der Zeit gibt es eine ganze Seite zur Frage, ob man Bilder von getöteten Menschen zeigen soll. Evelyn Finger erzählt von der PKK-Kommandantin Kevser Eltürk, deren blutender nackter Körper (ob sie schon tot war, weiß man nicht) von türkischen Sicherheitskräften an einem Strick durch die Straßen geschleift wurde. "Wussten Sie das", fragt Finger. "Nein? Vielleicht wüssten wir alle mehr über solche Schicksale ... wenn Europas Zeitungen glegentlich Fotos solcher Schandtaten druckten. Vielleicht würden wir dann jetzt nicht über ein Bild, also über Pietät streiten, sondern über die Realität: wie die Ursachen der Gewalt zu bekämpfen wären, die andere erleiden, während wir finden, dass ihre bloße Abbildung unzumutbar sei."

In einem nebenstehenden Artikel ist der Jesuitenpater Jaime Ignacio Moreno Rexach, der entsetzliche Gräueltaten in Zentralafrika erlebt hat, ähnlicher Ansicht. Die Artdirektorin der Zeit, Malin Schulz, lehnt solche Bilder dagegen rundheraus ab: "Komplexe Informationen werden reduziert auf die dramatische Erzeugung eines Gefühls. Und die abgeildeten Leichen sind in dem Drama die Statisten. Das ist pietätlos."

In der SZ gratuliert Joseph Hanimann dem Canard enchainé, der einst gegen die Zensur im Ersten Weltkrieg gegründet wurde, zum Hundertsten.
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