Magazinrundschau

Kollaps im Innern

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
19.05.2015. In der LRB behauptet Seymour Hersh, dass Osama bin Laden jahrelang vom pakistanischen Geheimdienst gefangen gehalten wurde. Im New Yorker erkundet Karl Ove Knausgard die innere Kriegskultur des Anders Breivik. Wired verfolgt weiter die Ermittlungen gegen die Drogen-Plattform Silk Road. In Clarin beweist Héctor Abad die Kraft magischen Denkens. In Nepszabadsag spricht Regisseur László Nemes über seinen Film "Son of Saul". Und Movie Mezzanine stellt sich gegen eine Armada von Marvel-Helden.

New Yorker (USA), 25.05.2015

Für die aktuelle Ausgabe des New Yorker steigt Karl Ove Knausgard weit hinab in die norwegische Seele, um zu begreifen, wie aus ihrer Tiefe ein 77-facher Mörder wie Anders Breivik kriechen konnte und was ihn zu seiner Tat veranlasst haben könnte: "Wie er es angestellt und durch seine Gedanken kontextualisiert hat, erinnert eher an ein Rollenspiel als an politischen Terrorismus. Die daraus sprechende Einsamkeit und der Wunsch nach Selbstbehauptung sind enorm. Es macht Sinn, seine Taten als Variante der vergangenen Schulmassaker in den USA, Finnland und Deutschland zu sehen" Doch darüber hinaus erkennt er in seinen Taten die Krise namens Breivik: "Breiviks Morde, viele davon Auge in Auge ausgeführt, fanden nicht in Kriegszeiten statt, sondern in einem kleinen, gut funktionierenden, reichen Land. Alle Normen und Regeln hatte er annuliert und stattdessen eine Kriegskultur in sich geschaffen, gleichgültig gegen menschliches Leben und skrupellos. Auf diesen Kollaps im Innern eines Menschen, der so eine Tat ermöglicht, sollten wir uns konzentrieren. Einen Menschen zu töten, erfordert, eine enorme Distanz, und der Raum, den dieser Abstand erfordert, findet sich inmitten unserer Gesellschaft, er existiert hier und jetzt unter uns. Die stärksten menschlichen Kräfte finden sich in der Begegnung zweier Gesichtern und Blicke. Nur in diesem Moment existieren wir füreinander. Im Blick des anderen kommen wir zur Welt, und in unserem Blick kommen andere zur Welt. Genau dort können wir auch zerstört werden."
Archiv: New Yorker

London Review of Books (UK), 21.05.2015

Seymour Hersh kann seine großen Geschichten nur noch in der LRB bringen, die amerikanischen Medien schneiden ihn. Diesmal wartet er mit einem Scoop zu Osama bin Laden auf. Vor allem die Geschichte seiner Aufspürung und die Rolle des pakistanischen Geheimdienstes ISI stellen sich demnach ganz anders dar als von den amerikanischen Medien kolportiert. Hersh behauptet: "Dass bin Laden in Abbottabad seit 2006 vom ISI gefangen gehalten wurde; dass (die beiden ISI-Generäle) Kayani und Pasha von dem Einsatz im Vorhinein wussten und sicherstellten, dass die beiden Hubschrauber mit den Seals den pakistanischen Luftraum durchqueren konnten, ohne Alarm auszulösen; dass die CIA nicht von bin Ladens Aufenthalt erfuhr, indem sie sich auf die Spur seines Kuriers setzte, wie das Weiße Haus seit Mai 2011 behauptet, sondern von einem hohen pakistanischen Geheimdienstmann, der das Geheimnis für die von den USA ausgelobten 25 Millionen Dollar Belohnung verriet; dass Obama zwar den Einsatz tatsächlich anordnete und das Seal-Team ihn ausführte, aber viele andere Aspekte in der Darstellung der Regierung nicht stimmen."

Viele amerikanische Medien haben Hershs Bericht entweder ignoriert oder, wie das Wall Street Journal, umgehend von den CIA-Chefs dementieren lassen. In der Columbia Journalism Review vermisst Trevor Timm eine dezidiert journalistische Antwort: "Statt den Einzelheiten der Geschichte nachzugehen oder seine Schlüsse durch eigene Recherchen zu widerlegen, versuchten viele Journalisten, den Überbringer der Nachricht zu erledigen."

Mike Jay liest Laure Murats politische Geschichte des Wahnsinns "The Man Who Thought He Was Napoleon" und lernt, dass Revolutionen auch der geistigen Stabilität abträglich sind. So beschrieb bereits der Psychiater Philippe Pinel 1790, dass durch die Französische Revolution zwar die nationale Psyche gestärkt worden sei, aber nicht die individuelle: "Einige von der Revolution in Mitleidenschaft Gezogenene waren Enthusiasten, deren anfängliche Freude ins Delirium umschlug. Ein typischer Fall war der Mann, der sich der Nationalversammlung als Repräsentant des Himmlischen Vaters vorstellte, um sie ihrer Aufgaben zu entheben und selbst Frankreich neue Gesetze zu geben. Andere waren ihre Opfer: Männer, deren Glück umschlug und die geistig verwirrt wurden aus Angst vor Beschlagnahmungen, staatlicher Verfolgung und der Guillotine."

Weiteres: Außerdem berichtet Gaith Abdul Arad aus Sanaa von der Machtübernahme durch die Houthi-Rebellen. Und Andrew O"Hagan konstatiert, dass Saul Bellow vielleicht einen "schlechten Charakter" hatte, aber mit Zachary Leader einen viel "besseren Biografen" bekommen hat als Norman Mailer und John Updike.

Wired (USA), 12.05.2015

Wired bringt den zweiten Teil von Joshuah Bearmans epischer Reportage über die langwierigen Ermittlungen gegen die im Darknet für regen Drogenhandel genutzte, anonymisierte Verkaufsplattform Silk Road (hier der erste Teil). In der Fortsetzung spitzen sich die Untersuchungen zu und führen schließlich zur genau konzertierten Verhaftung des mutmaßlichen Betreibers Ross Ulbricht. Wie die einzelnen, disparaten Indizien schließlich eine Person einkreisten, ist ein kleines Lehrstück in allzu offenherziger Onlinekommunikation: Ein in mehreren Foren genutztes Alias, das mit einschlägigen Suchanfragen auftauchte, führte schließlich zu einer E-Mail-Adresse mit Klarnamen, der den nötigen Kontext zum Datenabgleich lieferte: "Ermittler Tarbell hielt es für amüsant, dass als die Hinweise völlig offen verstreut waren. Am Ende war Google eines der wertvollsten Instrumente für die Exekutive. Es schien offensichtlich, dass Ross keinen Schimmer hatte, dass Silk Road ein solcher Erfolg werden würde, und verhielt sich in der Frühphase sehr saumselig. Und in einem Zeitalter, in dem Informationen eine lange Lebensdauer aufweisen, reicht es schon aus, nur ein einziges Mal saumselig gewesen zu sein. Eine schnelle Durchsicht von Ross" Präsenz in den sozialen Netzwerken offenbarte ein digitales Porträt, das dem von [Silk-Road-Betreiber] Dread Pirate Roberts unglaublich ähnlich war. Sein LinkedIn-Profil wies dieselbe libertäre Rhetorik auf. Auf Youtube listete er die Videos des Mises Institute unter seinen Favoriten und damit die politischen Säulenheiligen von DPR. Auf Google+ (...) erkundigte er sich, ob jemand jemanden kenne, der für UPS, FedEx oder DHL arbeite."
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Archiv: Wired

New York Review of Books (USA), 04.06.2015

In einer auf drei Teile angelegten Artikel-Serie bilanziert Michael Massing, wieviel Innovation die ersten zehn Jahre rein digitaler Medien tatsächlich gebracht haben. Recht unwirsch räumt er die erste Generation ab: Nirgendwo Recherche! Die Huffington Post sieht er als Opfer eines klick-hungrigen Newsrooms und einer esoterischen Chefin; bei Slate und Salon vermisst er internationale Intellektualität; die Instant-Analysen generalistischer Blogger haben sich überlebt. Bleibt Politico, aber auch nur mit Abstrichen: "Mit seinem Blick auf die Details der Washingtoner Politik und dem Ehrgeiz, immer erster zu sein, zielt die fundierte Recherche bei Politico selten auf systemische Probleme, etwas die Übernahme der Think Tanks durch Konzerne, den Einfluss von AIPAC und anderen Lobbies auf die Nahost-Politik oder den Feldzug konservativer Gruppen gegen eine Atomvereinbarung mit dem Iran. Mit regelmäßigen Postings, Updates, Links und Zusammenschlüssen scheint das Internet ideal, um solche Themen zu erforschen und die verborgenen Quellen der Macht in Washington offenzulegen. Um diesen Weg zu beschreiten, müsste über den Gebrauch des Netzes radikal neu nachgedacht werden."

Weiteres: Elizabeth Drew beschreibt dann genau, mit welchen Unsummen Konzerne und Tycoons im amerikanischen Wahlkampf mitmischen, allen voran der erzkonservative Casino-Betreiber Sheldon Adelson. Daniel Mendelsohn blickt mit Spike Jonzes "Her" und Alex Garlands "Ex Machina" auf die Geschichte der Humanoidenfantasien zurück, die bekanntlich in Homers "Iliad" ihren Anfang nahmen, in der Werkstatt des Hephaistos.

Aeon (UK), 12.05.2015

In einer umfangreichen Reportage zeichnet Ross Andersen die Erfolgsgeschichte der Kosmologie nach, die er jedoch allmählich an ihr Ende gekommen sieht: Mit Theorien über die Inflation unmittelbar nach dem Big Bang und über die Entstehung von Multiversen habe sich die theoretische Astrophysik endgültig zu Erklärungsmodellen vorgearbeitet, die sich schlechterdings von unserer Position im Universum aus nicht mehr beweisen lassen. Doch "Wissenschaft verdankt ihre epistemologische Gravitas ihrer sturen Insistenz darauf, dass jede Idee der Feuertaufe durch das Experiment ausgesetzt wird. Das ist ihr philosophisches Rückgrat. Das ist die Methodologie, die uns diesen schimmernden, beeindruckenden, expandierenden Kosmos geschenkt hat, den wir heute bewohnen."

Ed Lake denkt noch einmal über den Fall Aaron Swartz nach, dem für das unerlaubte Herunterladen akademischer Aufsätze 26 Jahre Haft und eine Million Dollar Bußgeld drohten. 2013 beging der erfolgreiche Programmierer im Alter von 26 Jahren Selbstmord. "Armer Junge, richtig? Nun, ja. Er war um einiges mächtiger, als es dieses Bild nahelegt. Er hatte ein bequemes Geldpolster. Seine Entwicklerarbeit an RSS hatte ihm enormes soziales Kapital unter Alpha-Nerds eingebracht. Einflussreiche Freunde hatten ihm die Türen zu Recht, Politik, Medien geöffnet. Er war äußerst charismatisch. Vor allem aber war er schlau: diese geduldige, brutal praktische Intelligenz, die tatsächlich etwas zustande bringt (und damit ist noch nichts über seine Fähigkeiten als Programmierer gesagt). Es ist gut vorstellbar, dass er ohne seinen unsicheren Seelenzustand den Angriff hätte abwehren können. Es haben schon kleinere Davids ihre Goliaths geschlagen."
Archiv: Aeon

Clarin (Argentinien), 18.05.2015

"Etwas schreiben, damit es nicht passiert." Im Interview mit Ricardo Viel spricht der kolumbianische Schriftsteller Héctor Abad über seinen neuen Roman "La Oculta" und verrät einen wichtigen Antrieb seines Schreibens: "Normalerweise hat man Angst, dass das, was man sagt oder schreibt, tatsächlich passieren könnte, aber ich versuche, genau das Gegenteil zu denken: Wenn ich das, wovor ich am meisten Angst habe, ausspreche, wird es nicht passieren. Einmal musste zum Beispiel meine Tochter nach Europa fliegen. Da schrieb ich ein Gedicht, in dem ich mir ausmalte, wie das Flugzeug abstürzt. Ich war dabei so traurig, als wäre es tatsächlich passiert. Aber gleichzeitig wusste ich, dass ich ihr auf diese Weise das Leben rette. Das ist natürlich pures magisches Denken, wir Menschen sind eben äußerst irrationale Wesen."
Archiv: Clarin
Stichwörter: Hector Abad

Nepszabadsag (Ungarn), 15.05.2015

Im Interview mit Géza Csákvári spricht der ungarische Regisseur László Nemes über seinen in Cannes kontrovers aufgenommenen Auschwitzfilm "Saul fia" (Son of Saul), in dem er mit viel filmischer Virtuosität, aber rein fiktional von einem Häftling erzählt, der in einem Sonderkommando arbeiten musste. Vorbehalten gegen den Film findet er konservativ: "In Israel und Europa zeigten sich die Filmfonds vollkommen verschlossen. Sie fanden das Buch interessant, hielten es jedoch für nicht realiserbar. Neuerungen bei Filmen über das Geschehen von 1944 werden nicht akzeptiert ... Es hat sich ein fiktionales Kodierungssysem über den Holocaust herausgebildet, das sich ganz aufs Überleben und Heldentum konzentriert. Die Überlebenden haben aber keinen Einblick in das, was die Toten durchlebt haben." Sein Motiv für den Film beschreibt er so: "Wenn heute jemand in der Straßenbahn antisemitisch oder rassistisch beschimpft wird, dann will oder traut sich niemand zu sagen: Halt"s Maul! Von solchen Sachen hängt aber alles ab: Wir sind Zeuge des tragischen Verfalls Mitteleuropas."
Archiv: Nepszabadsag

Svobodne forum (Tschechien), 15.05.2015

Auf der Prager Buchmesse berichtet der ägyptische Bohemist und Havel-Übersetzer Khalid Biltagi von Václav Havels hohem Ansehen in Ägypten. Havels Essay "Die Macht der Machtlosen" habe in der ägyptischen Gesellschaft sehr positive Resonanz erfahren und durchaus die politischen Aktivisten beinflusst. Auch andere oppositionelle Literatur sei in der Vergangenheit zu haben gewesen, darunter George Orwells Klassiker "1984": ""Er wurde dieses Jahr auf der Buchmesse in Kairo vom Kulturministerium neu herausgegeben, gleichzeitig aber wurde ein junger Student - wohl irrtümlich - für zwei oder drei Tage verhaftet, weil man den Roman bei ihm gefunden hatte", schildert Biltagi die Paradoxien des gegenwärtigen Ägypten."

Les inrockuptibles (Frankreich), 15.05.2015

Die Historikerin Fanny Bugnon untersucht in ihrem Buch "Les Amazones de la terreur" die Frage, warum politische Gewaltausübung von Frauen in terroristischen Bewegungen wie Action directe oder der RAF ein Tabu ist. In einem Gespräch führt sie aus, dass deren Image, vorzugsweise in den Medien, schon immer zwischen "perverser Furie" und "manipulierter Verliebter" changierte: "Es ist ein Klassiker. Oft wird der Einsatz von Frauen relativiert, in dem man ihre Beweggründe emotionalisiert ... Man verweist eher auf ihre Affekte und Gefühle als auf ihre jeweiligen Werdegänge oder ihre Reflexionsfähigkeit. Man setzt sie in einen sozialen Genitiv zu Männern, um ihre Verantwortung zu schmälern und ihre passive Rolle zu betonen."

Außerdem gibt es ein Interview mit James Ellroy.

Quietus (UK), 18.05.2015

David Stubbs beleuchtet windungsreich die verwickelte Beziehung von Pop und Politik. Ist Musik heute wirklich weniger politisch als früher? Oder übersehen wir bei unserer Sehnsucht nach der alten "Doc Martens-Energy" nur gern, dass Joy Division die Tories wählten und David Bowies Faszination für Uniformen und Führer ziemlich faschistoid war? "Vielleicht war es einfacher, Pop-Staub aufzuwirbeln, als es noch etwas gab, wogegen man rebellieren konnte, aber seit den 80ern scheint die Pop-und Rockmusik in dieser Hinsicht zu retardieren. In welchen Charts wird man noch so viele demonstrativ ethnisch gemischten Bands finden wie The Beat, The Specials oder The Selector? Und wo sind die Schwulenbands von früher, die Somervilles, die Erasures, Georges Michaels oder die Pet Shop Boys? Es ist doch ironisch, dass sie gerade in der Zeit aufblühten, als die Regierung das Gesetz zur Unterbindung der "Förderung von Homosexualität" verabschiedete. Heute haben die Tories einen Wagen auf der Pride Parade und die Pop-und Rockmusik ist zu einem standartisierten hetero Modus zurückgekehrt."

Hier ein bisschen die gute Laune der 80er. Und immer an die Zukunft denken!

Archiv: Quietus

Movie Mezzanine (USA), 13.05.2015

Ganz Hollywood ist im Griff von Superheldenfilmen, genauer: von Superheldenfilmen der Marvel-Studios. James Rocchi lässt schon im Titel seines Essays "The Marvel-Industrial Complex" durchscheinen, was er davon hält, dass Filme eine hochgerüstete Armada zur Verteidigung amerikanischer Werte in Szene setzen. "Wenn man aus der Zukunft mittels der Marvel-Filme auf unsere popkulturellen Zeiten blicken wird, was wird man sehen? Man wird sehen, dass unsere zeitgemäßesten Heldengeschichten sich kaum von den Jahrtausende alten Anbetungsgeschichten unterschieden haben. Man wird denken, dass unsere größten Sorgen als Kultur nicht etwa die mangelnde Gleichberechtigung, die globale Erwärmung oder der Konzernfaschismus war, sondern Chitauri-Krieger, künstliche Intelligenzen mit eigenem Bewusstsein und andere Schreckensbilder aus dem Computer. Man wird denken, dass wir weiße Kerle echt mochten oder wir sie zumindest deutlich besser fanden als Frauen oder People of Color."

Dazu passend: Ein Essay von Kevin Lincoln auf Grantland, der mit sichtlicher Faszination nachzeichnet, welche Verstrebungen die einzelnen Franchise-Filme zueinander unterhalten - und welche Herausforderungen für den nächsten Teil des Masterplans - nicht weniger als weitere elf Filme sind für die kommenden fünf Jahre geplant - damit einhergehen.