Efeu - Die Kulturrundschau

Fenster in eine Welt ohne Berührungsängste

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.05.2015. Das Konklave der Berliner Philharmoniker blieb ergebnislos. Die Medien gehen von einem tiefen Richtungsstreit aus. George Miller erzählt in der Berliner Zeitung, weshalb in seinem wahnwitzigen Actionfilm "Mad Max: Fury Road" alles echt ist. Über Susanne Kennedys beim Berliner Theatertreffen aufgeführte Inszenierung von Fassbinders "Warum läuft Herr R. Amok" ist die taz sehr erfreut, über die Fassbinder-Ausstellung im Gropiusbau weniger. Und die NZZ blickt neidisch auf die Abonnentenzahlen der Literaturkritiker bei Youtube.

Musik

Nach elf Stunden Beratung schickten die Berliner Philharmoniker gestern Abend um halb zehn folgenden Tweet:


Und dpa berichtet laut FAZ.Net: "Auch wenn nichts nach außen drang: Der Abbruch der Wahl deutet auf tiefe Meinungsverschiedenheiten und einen Richtungsstreit unter den 124 Musikern in der Orchesterversammlung hin. Nicht ausgeschlossen ist auch, dass ein von den Philharmonikern angesprochener Gewinner in letzter Minute das Angebot abgelehnt hat - eine Spekulation, die das Orchester am Abend aber zurückwies."

Der Tagesspiegel mutmaßt, "dass die Traditionalisten unter den Musikern sich eher für Thielemann stark machen, der ein Meister des romantischen Reportoires ist. Innovationsfreudigere hingegen würden für Nelsons plädieren. Vielleicht kam es darüber zum Streit."

Für den Tagesspiegel unterhält sich H.P. Daniels mit Joan Baez über deren langjähriges politisches Engagement. Sven Sakowitz (taz) erkundigt sich bei Andreas Dorau, wie dieser, mit handwerklicher Hilfestellung durch Sven Regener, seine Autobiografie geschrieben hat. Im Vice-Gespräch erinnert sich Steve Hansgen an seine Zeit als Bassist bei der stilprägenden DC-Hardcoreband Minor Threat.

Besprochen werden ein von Iván Fischer dirigiertes Mozart-Konzert des Konzerthausorchesters Berlin (Tagesspiegel) und das neue Album von The Slow Show (FAZ).
Archiv: Musik

Kunst

Für den Perlentaucher berichtet Ulf Erdmann Ziegler von seinen Eindrücken bei der Biennale d"Arte in Venedig: Diese ist "ein eigentümlicher Wettbewerb, eben weil sie den Diskursraum öffnet, der sich auftut zwischen "individuellen Mythologien" und verbürgter Geschichte. Das funktioniert in voller Pracht nur in den Giardini, weil die Häuser hier nicht venezianisches Dekor sind, sondern lebendige - teils gespenstisch lebendige - Kunstgeschichte. Es geht um eine Begegnung von Kunst und Haus, Material und Raum, Geschichte und Eigensinn."

Daniel Kruger: Halsschmuck "Pommes", 1979. Silber, Pommes-Stäbchen aus Kunststoff, verschiedene Fundstücke. (Foto: George Meister)

Verzückt berichtet Karin Leydecker in der NZZ von der Farbenpracht und Formensprache in den Werken des in Namibia geborenen Schmuckdesigners Daniel Kruger, die zur Zeit im Schmuckmuseum Pforzheim ausgestellt werden: "Alles ist gleichwertig, alles ungewöhnlich und alles wunderschön. Oft verarbeitet Kruger Fundstücke aus dem ganz normalen Alltag wie zum Beispiel Spiegelscherben, bunte Stücke von Blechdosen, Federn oder quietschbunte Pommes-frites-Gabeln, die dann als Kette am Hals einer besonders mutigen Trägerin baumeln dürfen. Kruger, der heute als Professor an der Burg Giebichenstein in Halle lehrt, liebt Anleihen an afrikanische Folklore, ironische Reminiszenzen an barocke Opulenz und - wie bei einigen frühen Arbeiten aus den 1970er Jahren - ganz und gar irdische Erotik."

Drei Londoner Ausstellungen mit historischem Schwerpunkt versuchen, "sich der mangelhaften Repräsentation schwarzer Menschen zu stellen", erklärt Daniel Zylbersztajn in der taz. Udo Badelt (Tagesspiegel) porträtiert den in Berlin ausgestellten Künstler Philipp Fürhofer. Jörg Heiser (SZ) schreibt zum Tod von Chris Burden. Besprochen wird Louise Bourgeois" in München ausgestellten "Cells"(Tagesspiegel).



Archiv: Kunst

Literatur

Wer findet, die Literaturkritik habe einen zu engen Horizont, dem öffnet sich auf Youtube "ein Fenster in eine Welt ohne Berührungsängste", verrät Roman Bucheli in der NZZ und stellt ein paar der dort aktiven Rezensenten vor. "Man mache sich nur bloß nicht lustig über solche Produktionen, die das ganze Spektrum von schwacher Satire bis zu grausamer Selbstdarstellung abbilden. Allein die Abonnentenzahlen müssten jeden professionellen Literaturkritiker vor Neid erblassen lassen. Man mokiere sich auch nicht über Urteile, die man für unbedarft hält. Hat noch jemand in Erinnerung, wie Marcel Reich-Ranicki und Hellmuth Karasek in der zum Zerwürfnis mit Sigrid Löffler führenden Ausgabe des Literarischen Quartetts über Haruki Murakamis Buch gesprochen haben? Der eine: "Ich habe eine solche Liebesszene seit Jahren nicht mehr gelesen." Der andere: "Das sind Szenen, die ich in dieser Kunstfertigkeit lange nicht gelesen habe." Da können Elle Fowler und Ariel Bissett, und wie sie alle heißen, locker und lange mithalten."

Weiteres: Maxi Leinkauf vom Freitag unterhält sich mit dem aus dem Arbeitermillieu stammenden Schriftsteller Dimitrij Wall über dessen autobiografischen Roman "Gott will uns tot sehen". In der FAZ berichtet Hubert Spiegel von der an einen Staatsakt gemahnenden Trauerfeier für Günter Grass, der sich in Schweden, wie der Schriftsteller Lars Gustafsson ebenfalls in der FAZ versichert, großer Beliebtheit erfreute. In der NZZ berichtet Joachim Güntner. Und nach langer Auszeit hat Arno Widmann für den Perlentaucher wieder Bücher vom Nachttisch geräumt: Hier ein Überblick über alle neuen Besprechungen, die vom Papst bis zu Pin-Up Girls führen.

Besprochen werden Jan Brandts "Tod in Turin" (FR), James Gordon Farrells wiederveröffentlichter Roman "Die Belagerung von Krishnapur" (FR), Ian Burumas ""45 - Die Welt am Wendepunkt" (Berliner Zeitung), Kim Kardashians "Selfish" (FAS), Rudyard Kiplings "Kim" (FAZ) und Miklós Bánffys "In Stücke gerissen" (SZ).
Anzeige
Archiv: Literatur

Film

Den üblichen Boulevard-Images von Fassbinder, dem exzesshaften Maniker und Manipulator, versucht die aktuelle Ausstellung im Berliner Gropiusbau neue Perspektiven entgegen zu stellen, schreibt Diedrich Diederichsen in der taz. Der Preis dafür ist allerdings dessen "historisch spezifische Explosivität", meint er. "Zum einen begegnet einem Fassbinder nun als apollinischer Kinokünstler. Dies ist sicher eine wenig behandelte Dimension seines Werks. Formalisten findet man unter den großen Fassbinder-Verehrern weniger. Aber auch komplexer denkende Cinephile haben ihn nie sonderlich gemocht. ... Neben dem coolen Bilderkomponisten hat man sich aber noch einen Fassbinder ausgedacht: Seine wahnsinnige Produktivität wird aus der Genieecke heraus ein paar Zentimeter ins Bürokratische verschoben."


Alles echt: "Mad Max: Fury Road" von George Miller.

Die amerikanische Filmkritik steht förmlich Kopf vor Begeisterung über den ersten neuen "Mad Max"-Film seit 30 Jahren, wie diesem ersten Pressespiegel zu entnehmen ist. Für die Berliner Zeitung plaudert Patrick Heidmann mit Regisseur George Miller, der beteuert, für die rasante Action auf Computereffekte weitgehend verzichtet zu haben. Warum eigentlich? Diese Welt "ist keine fantastische, sondern eine sehr realistische. Wir setzen die Gesetze der Physik nicht außer Kraft; es gibt weder fliegende Menschen noch Raumschiffe. Das sollte sich auch visuell vermitteln. Denn ich bin überzeugt davon, dass man als Zuschauer auch heutzutage immer noch erkennt, wenn Bilder aus dem Computer kommen. ... Ich [habe] versucht, dass alles echt ist: die Stunts, die Autos, die Wüste. Das war verdammt anstrengend, hat aber auch unglaublich viel Spaß gemacht." Beim Filmmaker Magazine gibt es ein Video, das diese Äußerungen beeindruckend belegt:



Weiteres: Für den Film Comment unterhält sich Violet Lucca mit Agnès Varda, die bei den Filmfestspielen in Cannes mit einer Ehrenpalme für ihr Lebenswerk ausgezeichnet wird. Im Tagesspiegel freut sich Gregor Dotzauer, mit welchem Eifer Internetarchivisten (hier und hier) das verstreute Werk von Chris Marker bergen und sortieren. Der Freitag bringt Fabian Tietkes Filmnotizen von den Kurzfilmtagen in Oberhausen. Dirk Peitz rekapituliert auf ZeitOnline die neueste Folge von "Game of Thrones". Und Endspurt bei "Mad Men": Am Wochenende lief die vorletzte Episode, die von Matt Zoller Seitz wie immer höchst lesenswert kommentiert wird.
Archiv: Film

Bühne

Bei Susanne Kennedys beim Berliner Theatertreffen aufgeführter Inszenierung von "Warum läuft Herr R. Amok" handelt es sich um "das radikalste Geschenk, das aus der Gegenwart des Theaters an Rainer Werner Fassbinder abgeschickt wurde", freut sich Katrin Bettina Müller in der taz: Die enorme Künstlichkeit und Entrücktheit verleihen der Inszenierung Stärke, "weil sie die Reduktion der Subjekte weitertreibt und ihnen gerade damit einen unheimlichen Ausdruck verleiht. Mit den als Play-back eingespielten Stimmen, emotionslos gesprochen, den Masken, die die Mimik runterdimmen, und mit verkürzten und mechanischen Bewegungen erinnern sie an gezeichnete Figuren."

In abschließenden Gedanken zum Berliner Theaterstreit um die Volksbühne wünscht sich Aram Lintzel (taz) von Chris Dercons Intendanz Irritation im Sinne von Slavoj Žiźeks Event-Theorien: "Den diversen Kulturkämpfern täte [das] sicherlich ganz gut."

In der FR resümiert Sylvia Staude von der Tanzbiennale in München, wo unter anderem auch eine Aufführung der Tanzgruppe Peeping Tom zu sehen war, die SZ-Kritikerin Eva-Elisabeth Fischer in allerdings restloser Unterwältigung nur noch "Land unter" seufzen lässt. Nina May porträtiert in einem online nachgereichten Zeit-Artikel die Münchner Schauspielerin Anna Drexler.

Besprochen werden eine konzertante Aufführung von Mozarts "Lucio Silla" an der Komischen Oper in Berlin (Tagesspiegel), eine in Bremen aufgeführte Bühnenbearbeitung von Thomas Melles Roman "3000 Euro" (taz), Karin Henkels beim Berliner Theatertreffen aufgeführte Inszenierung von Ibsens "John Gabriel Borkmann" (Berliner Zeitung), Beat Furrers neue, in Hamburg gezeigte Oper "La bianca notte" (Für Manuel Brug in der Welt bleibt sie eine "Kopfgeburt"; Reinhard Kager von der FAZ fühlt sich vom "Überaktionismus auf der Bühne" gestört), eine Kölner "Wie es euch gefällt"-Inszenierung (FAZ) und der Ballettabend "b.24" im Theater Duisburg (FAZ).
Archiv: Bühne

Architektur

Frankreich diskutiert darüber, wie Le Corbusiers einstige Nähe zum Vichy-Regime einzuschätzen sei, berichtet Joseph Hanimann in der SZ. Dieter Bartetzko beendet seine FAZ-Reihe über Gebäude der Frankfurter Altstadt mit einem Text über die geplante Rekonstruktion von Frankfurts Stadthaus.
Archiv: Architektur