9punkt - Die Debattenrundschau

Es gab keine Zehn Gebote

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.05.2015. Die Presse versucht sich zu erklären, wie Emmanuel Todd am 11. Januar in Frankreich vier Millionen Zombiekatholiken sehen konnte. Die NZZ stellt das geplante House of One in Berlin vor. In der Berliner Zeitung hofft Gerd Lüdemann auf einen Abschied vom Ptolemäischen Weltbild auch in der Theologie. In der taz erklärt der Historiker Nikita Sokolow, warum Stalin nicht zum Tag der Befreiung paradieren ließ: "Stalin hasste die Frontkämpfer." Zu den deutsch-israelischen Beziehungen glaubt David Grossmann nicht an spontane Heilungen. In der Welt wünscht sich Marko Martin mehr Billigflieger nach Tel Aviv.

Politik

In der SZ führt Carsten Hueck ein beeindruckendes Gespräch mit dem Schriftsteller David Grossman über 50 Jahre deutsch-israelischer Beziehungen: "Ich glaube nicht, dass wir uns von der Schoah wirklich erholen können. Natürlich wollen die Menschen eine Art Fast-Food-Gesundung, Heilung auf Rezept. Ich glaube, es gibt Dinge, die nicht heilen. Und wir müssen uns mit der Idee anfreunden, dass wir die Last einer offenen Wunde im Verhältnis zwischen Israel, den Juden und den Deutschen immer in uns tragen. Das ist Teil unserer Reife, der zwei Völker, die jedes in diesem Menschheitsverbrechen ihre Rolle spielten: die Juden als Opfer, die Deutschen als Täter."

Die Deutschen sollten mal mit dem salbungsvollen "Jubiläumsgefasel" aufhören, ätzt Marko Martin in der Welt und glaubt: "Dabei wäre dieser 50. Jahrestag für Deutschland die Chance, auch darüber zu sprechen, über genau jene verschwitzte Bemühtheit und deren absurde Aussetzer. Denn wie geht das zusammen: Feuchte Augen bekommen allein bei Nennung des Namens "Anne Frank", mit Leidensmimik Klezmer-Gedudel genießen - und gleichzeitig den eiskalten Israelverächter Günter Grass als "Gewissen der Nation" apostrophieren?" Lieber mal mit einem Billigflieger selbst nach Tel Aviv reisen, rät Martin.

Weiteres: Richard Herziger empört sich in der Welt über den deutschen Empörungswahn, wenn es gegen Amerikaner geht. Die Aufregung um TTIP legt sich langsam, meint Wolfgang Lepenies in der Welt.
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Ideen

In der Presse rauft sich Anne-Catherine Simon die Haare über Emmanuel Todds Ausfälle gegen Charlie Hebdo und die große Solidaritätsdemonstration: "Wenn Todd die "mit gutem Gewissen vollgestopfte Mittelklasse" anklagt, "die durch ihren Egoismus und ihre Verachtung die Fäulnis auf dem Boden der Gesellschaft zulässt", könnte etwas dran sein. Aber seine plakative "Zombiekatholizismus"-Theorie, die schon vor Erscheinen des Buchs Kontroversen ausgelöst hat, hat grobe Mängel. Todd verlängert die alte katholische Prägung gewisser Gegenden in die Gegenwart, als müsste man nicht untersuchen, wie die dortigen Demonstranten wirklich ticken. Skurril: Im einzelnen Fall hätten diese anständig gewirkt, "waren sympathisch, sagten nichts Schreckliches", gibt Todd sogar zu. Doch die Theorie ist offenbar wichtiger."
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Geschichte

Im taz-Interview mit Klaus-Helge Donath beschreibt der Historiker Nikita Sokolow, wie verzerrt die russischen Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg sind. Der Tag des Sieges wird erst 1965 gefeiert: "Stalin hasste die Frontkämpfer. Das war nicht die Armee, die er gegründet hatte. Sein Heer hatte der Feind 1941 schon geschlagen. In ihm herrschten Angst und blinder Gehorsam. Erst die neue Armee 1943 war nicht mehr ein rein Stalin"sches Produkt. Nach dem Hitler-Stalin-Pakt hielten die meisten Russen die Deutschen nicht für Feinde. Die Bevölkerung wollte von den Kommunisten befreit werden... Erst als die Russen begriffen, dass diese Deutschen was anderes vorhaben, zogen sie schweren Herzens aufseiten der Partei in den Krieg."

Ebenfalls in der taz beschreibt Julian Weber die exzessiven Neonazi-Umtriebe in München.
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Europa

Im SZ-Interview mit Franziska Augstein beklagt der Schriftsteller Viktor Jerofejew unter anderem auch, dass Europa gegenüber Russland nicht nuanciert genug aufgetreten ist, aber auch nicht mit ausreichend Härte: "Die Regierenden im Westen haben sich nicht Kenntnis davon verschafft, wie Russland beschaffen ist. Im Westen dachte man, Russland sei so ähnlich wie Portugal: ein armes, schwaches Land, das dankbar sein müsse, wenn es zur EU gehören dürfe. Vor Jahren habe ich gesagt, wenn das so weitergehe, werde der Kreml sich aufführen wie Iran. Damals bekam ich zu hören: Viktor, wir haben dich ja sehr gern, aber du übertreibst. Und wo stehen wir jetzt? Den Krieg in der Ukraine gäbe es nicht, wenn der Westen begriffen hätte, wie man mit Russland umgeht."

Dominic Johnson hält in der taz eine Föderalisierung Großbritanniens für wahrscheinlich: "Föderalismus ist für die Briten eigentlich kein Fremdwort. Er gehört zur angelsächsischen politischen Tradition. Föderale Systeme begreifen Politik nicht als Werkzeug zur Durchsetzung ideologischer Vorstellungen, wie in zentralistischen Ländern, sondern als Rahmen einer geordneten Pluralität legitimer Interessen."
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Medien

Schlechter als in Großbritannien können Umfrageinstitute vor Wahlen eigentlich nicht ihren Job machen, stellen Steven Shepard und Jonathan Topaz auf politico.eu fest, außer - äh - auch sonst: "Vor zwei Monaten waren die Meinungsforscher überzeugt, dass Premierminister Benjamin Netanjahus Koalition in ernsten Schwierigkeiten sei - bis er einen enormen Wahlsieg einfuhr. Vor zweieinhalb Jahren unterschätztzen die meisten Meinungsforscher das Ausmaß von Barack Obamas Wiederwahl. Jetzt nehmen die Umfrageinstitute weltweit noch einmal ihre Daten unter die Lupe..."
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Überwachung

In der FAS erklären Constanze Kurz und Frank Rieger noch einmal, was ein Selektor ist und wieviel Menschen demzufolge von der Überwachung der NSA und BND betroffen sind: "Wie viele Daten durch den einzelnen Selektor herausgefischt werden, ist pauschal nicht zu beantworten. Ein Selektor kann eine einzelne E-Mail-Adresse betreffen oder die Kommunikation eines ganzen Landes. Es ist daher nicht anzunehmen, dass die Anzahl der NSA-Selektoren, die vom BND nach unklaren Kriterien als Verstöße gegen deutsche Interessen gewertet wurden, der Anzahl betroffener Menschen entspricht - die muss weitaus höher liegen. Die in der Presse kursierende Gesamtzahl der Selektoren - von mehr als 40 000, die europäische Interessen betreffen, war die Rede, von sechseinhalb Millionen insgesamt - weist auf einen erheblichen Umfang an Betroffenen."
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Religion

So wie die Naturwissenschaft die Widerlegung des Ptolemäischen Weltbilds öffentlich machen musste, sollte auch die Theologie die Erkenntnisse der historischen Bibelkritik anerkennen, erklärt der Göttinger Neutestamentler Gerd Lüdemann im Gespräch mit Arno Widmann in der Berliner Zeitung: "So viel steht jedenfalls fest: Es gab keinen Exodus aus Ägypten, keine Sinaioffenbarung, keine Zehn Gebote, Abraham und Mose sind bloße Namen, Jericho wurde nie erobert, der Pentateuch, die sogenannten fünf Bücher Mose, wurde erst im 5. vorchristlichen Jahrhundert zusammengestellt. Weil sie wahr sind, kann man diese Sätze nicht oft genug wiederholen, denn fast 2000 Jahre lang haben Kirchenfunktionäre - zur Erhaltung ihrer Macht - nicht selten das glatte Gegenteil gepredigt."

Als einen Ort der monotheistischen Selbstbehauptung beschreibt Joachim Güntner in der NZZ das geplante House of One am Berliner Petriplatz: "Gedacht als Bet- und Lehrhaus, wird das House of One alles zugleich sein: Kirche, Synagoge und Moschee, vereint unter einem Dach, im kleinen Format, aber mit Hoffnung auf grosse Ausstrahlung. Eine multireligiöse Agora nebst Schutzräumen inmitten einer weitgehend säkularen Metropole."


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