Efeu - Die Kulturrundschau

Klarer ist das Statut nicht

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.05.2015. Die taz wirft Kugeln mit Dirigentennamen für die Berliner Philharmoniker in die Luft. Die aber halten dicht. In München gibt Matthias Lilienthal als neuer Chef der Kammerspiele den liebsten Intendanten seit langem. Der Tagesspiegel guckt ungläubig auf die Liste für den Deutschen Filmpreis: Wo sind Dominik Graf, Christian Petzold, Andreas Dresen und Oskar Roehler?

Musik

Felix Zimmermann amüsiert sich in der taz damit, in der Glaskugel nach dem künftigen Dirigenten der Berliner Philharmoniker zu suchen, der am Montag gewählt werden soll. Nützt aber nichts, die Phillis ziehen ihr Ding ganz ohne Journalisten durch: "Die Berliner Philharmoniker werden sich vormittags treffen; der Ort ist noch geheim. Handys werden sie abgeben; Namen diskutieren, eine Kandidatenliste erstellen, reden, wägen; wählen mit Stimmzetteln und Urne, bis hinter einem Namen "eine deutliche Mehrheit" der Stimmen steht - klarer ist das Statut nicht. Von einer Orchesterrepublik ist oft die Rede, und es ist tatsächlich einmalig, dass es allein die Musiker sind, die entscheiden. Kein Kulturstaatssekretär, kein Intendant, kein Sponsor."

Über die Qual der Wahl gab es beim SWR eine ausführliche Diskussion zwischen Frederik Hanssen (Tagesspiegel), Wolfgang Schreiber (SZ) und Rudolf Watzel (Berliner Philharmoniker) - hier zum Nachhören.

Weitere Artikel: Elias Aguigah und Jonathan Reichel plaudern in der Berliner Zeitung mit den Hiphoppern von Genetikk. Ueli Bernays (NZZ), Gregor Dotzauer (Tagespiegel), Hans-Jürgen Linke (FR), Axel Rühle (SZ) und Wolfgang Sandner (FAZ) gratulieren dem Pianisten Keith Jarrett zum 70. Geburtstag. Franz X.A. Zipperer (taz) schreibt zum Tod von Errol Brown. Und Toby Cook stellt auf The Quietus zahlreiche neue Metal-Scheiben vor.

Besprochen werden eine opulente DVD/CD/Buch-Kombination zur Geschichte des Northern Soul (The Quietus), ein Konzert Lang Langs in der Tonhalle Zürich (NZZ), und ein Konzert von Die Sterne (taz).
Archiv: Musik

Bühne

Alle sollen ihn liebhaben, wer etwas nicht versteht, wird in den Arm genommen, und überhaupt sei er ja der "liebste Intendant seit langem". Zum Antritt seiner Intendanz an den Münchner Kammerspielen gibt sich Matthias Lilienthal, der in Berlin vielen als erster Zerstörer der Ensembletheater-Idee gilt, im großen SZ-Gespräch mit Christine Dössel in einer wahrhaftigen Charme-Offensive als Kuschelbär vom Dienst. Bisschen Verwirrung will er gern stiften, "ich glaube aber nicht, dass ich damit die Politik des Oberbürgermeisters beeinflussen kann, und ich möchte auch nicht Oberbürgermeister werden. Das unterscheidet mich von Claus Peymann."

Sabine Leucht beobachtete die Münchner Pressekonferenz Lilienthals - "der auch in München und mittlerweile hochdotiert von seinem Edelpenner-Image nicht lässt" - in der nachtkritik mit größerer Distanz: ""Wir wollen auf keinen Fall unter uns bleiben", so Lilienthal. Oder war das schon Benjamin von Blomberg? Mit dem Neuzugang aus Bremen hat Lilienthal einen Chefdramaturgen an Bord, der anschaulich und klug als Dialektik verkleidet, was der Intendant selbst als seine "Freude am Widerspruch" formuliert und was man auch als Versuch deuten könnte, es jedem recht zu machen oder - positiv formuliert - erst einmal das Terrain zu sondieren".

Peter Michalzik besucht für die NZZ den vor allem als Dramatiker arbeitenden Schriftsteller Wolfram Lotz in Leipzig: "Lotz kann über Lotz reden wie über jedes andere Thema. Auch darüber, dass er stottert, bald mehr, bald weniger. "Es liegt im Mund, das Wort ist da, es drückt nach außen, aber der eigene Körper steht dagegen", sagt er. "Auf den Körper ist kein Verlass." Es ist vielleicht zu viel gesagt, dass Lotz es schätzt zu stottern, aber es stört ihn auch nicht. Er kann sich sogar dafür begeistern, dass die Sprache durch das Stottern für ihn immer etwas Problematisches ist. "Es muss gegen einen Widerstand gesprochen werden.""

Weitere Artikel: In der Jungle World resümiert ein säuerlicher Jakob Hayner das Berliner Festival "Männlich, Weiß, Hetero", das sich als ästhetische Fortsetzung der an den Universitäten zunehmend etablierten Queer Theory und Critical Whiteness begreift. Dass dabei Hegel und Marx, also mithin die Basics guter linker Theorie, über Bord geworfen werden, findet er spürbar unbehaglich. Dies münde lediglich in "moralische Kritik und Selbstkritik". Katrin Bettina Müller macht in der taz Zwischenstandsmeldung vom Berliner Theatertreffen: In Robert Borgmanns Wiener Inszenierung von "Die Unverheiratete" versuppe Ewald Palmetshofers "komplizierter Text teilweise", Thom Luz" Hannoveraner Inszenierung von "Atlas der abgelegenen Inseln" nach einem Buch von Judith Schalansky sei "ein idealer Ort für spielerische Fantasien" und sowieso "eine feine Sache".

Die Zeit hat Clemens Meyers Brandrede zur Errettung ostdeutscher Provinztheater (unser Resümee) online nachgereicht. Und in ihrem Blog bringen die Berliner Festspiele eine Aufnahme von Berenice Böhlos beim Berliner Theatertreffen gehaltenem Vortrag über Flucht, Einwanderung und Asyl:

Archiv: Bühne

Film

Die Nominierten für den Deutschen Filmpreis stehen fest (hier eine Liste). Doch die wirklich starken Filme von Dominik Graf, Christian Petzold, Andreas Dresen und Oskar Roehler fehlen auf der Liste, ärgert sich Christiane Peitz im Tagesspiegel. Ihr Fazit daher: "Ein seltsam disparater, insgesamt doch schwächelnder Jahrgang."

Weiteres: Auf Artechock gratuliert Felicitas Hübner dem DOK.fest in München zum 30-jährigen Bestehen. Im Tagesspiegel berichtet Claudia Lenssen von den Kurzfilmtagen in Oberhausen. Patrick Wildermann (Tagesspiegel) berichtet von seiner Begegnung mit Regisseurin Sonja Heiss, deren Angststörungskomödie "Hedi Schneider steckt fest" gestern im Kino gestartet ist. In der FAZ schreibt Michael Ranze über seine Eindrücke beim Internationalen Fajr-Filmfestival in Teheran, wo unter anderem zahlreiche Genrefilme liefen, die "überraschende Einblicke in die soziale Wirklichkeit Irans" boten.

Besprochen werden Claude Lanzmanns "Der Letzte der Ungerechten" (Berliner Zeitung), Jennifer Kents Horrorfilm "Der Babadook" (Jungle World, Artechock), Etan Cohens Komödie "Get Hard" mit Will Ferrell (Standard) und Margarethe von Trottas "Die abhandene Welt" (ZeitOnline, Artechock).
Anzeige
Archiv: Film

Literatur

Aspekte hat sich mit Martin Walser über das Ende des Zweiten Weltkriegs unterhalten:



Besprochen werden unter anderem Heinz Reins wiederentdeckter "Finale Berlin" (FAZ), Davide Longos Krimi "Der Fall Bramard" (SZ, mehr) und "Mein Leutnant" von Daniil Granin (FAZ).

Archiv: Literatur

Architektur

Seit vierzig Jahren wurde in Paris kein höheres Gebäude mehr gebaut als das Wohnblock-Ensemble an der Avenue de France von Hamonic + Masson & Associés und Nice studio Comte Vollenweider Architectes, meldet Dezeen. "Its construction follows a change in Parisian planning law, which now allows for new buildings above 37 metres in height for the first time in over 40 years. An amendment to the restriction at the end of 2011 now permits the construction of residential towers measuring up to 50 metres and office blocks up to 180 metres. "The change in regulations is a historic moment for the city," said the architects. "Paris is cautiously allowing tall buildings back into the city.""

Außerdem: Für die FR hat Daniel Kortschak die Ausstellung "Wien, die Perle des Reiches - Planen für Hitler" im Architekturzentrum Wien besucht.
Archiv: Architektur

Kunst

Höchst animiert erzählt Tilman Krause in der Welt, wie er beim Gallery Weekend in Berlin versehentlich Teil einer Installation von Tino Seghal wurde. Auch sonst war alles prächtig, von der Maisonne bis zum Champagnerfrühstück mit dem Regisseur Tim Lienhard: "Heiterster Laune betrat ich das schöne klassizistische Johnen-Anwesen und traf gleich auf den Generaldirektor der Nationalgalerie, Udo Kittelmann, der hier natürlich auch vorbeschauen musste. Er war mit dem Fahrrad gekommen, trug das entsprechende Outfit und kam noch mehr als Latin Lover rüber als sowieso schon."

In Venedig eröffnet die Biennale. Die im 19. Jahrhundert begründete Veranstaltung war die erste ihrer Art war, aber deshalb keine falsche Ehrfurcht, meint Ingo Arend in der taz, längst fänden die aufregenderen Biennalen woanders statt: "Aber Venedig sitzt immer noch in der Falle zwischen Universalanspruch und Nationalgehäuse." Von ihrem ersten Rundgang berichtet Irmgard Berner in der Berliner Zeitung: "Es wird viel mit Klängen gearbeitet" und "auffallend viele Künstler machen sich Umwelt und Natur zum Anliegen", stellt sie fest. Anne Katrin Feßler wandert für den Standard durch die zentrale Schau der Biennale Venedig, "All the World"s Futures" im Arsenale.

Weiteres: Im Freitag berichtet Christine Käppeler vom Gallery Weekend in Berlin. Besprochen werden die Ausstellung "Picasso in der Kunst der Gegenwart" in den Deichtorhallen in Hamburg (taz), die Ausstellung "Überschönheit" Kunstverein Salzburg (Standard) und die Ausstellung "Monster - Fantastische Bilderwelten zwischen Grauen und Komik" im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg (FAZ).
Archiv: Kunst