9punkt - Die Debattenrundschau

Die Zwänge der karrieristischen Vernunft

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.04.2015. Diejenigen, die Angela Merkel mit Hitler-Bärtchen zeichnen, tragen heimlich selber eins, meint Bernard-Henri Lévy in der Welt. In der SZ hat ein Seelsorger die Erklärung für Andreas Lubitz' Tat gefunden: Zu viele Krimis. Die NZZ rauft sich die Haare über die deutsche Reparationen-Frage. In den USA sorgt ein Skandal um eine erlogene "Gang Rape"-Geschichte im Rolling Stone für Riesendebatten. In The Daily Beast erklärt Ayaan Hirsi Ali, warum sie den Islam für reformfähig hält.

Europa

Die europäischen Medien und Politiker, die Angela Merkel mit Hitler-Bärtchen zeichnen, tragen heimlich selber eins, meint Bernard-Henri Lévy in einem Artikel, den die Welt übernimmt, denn es handele sich bei "denjenigen, die Merkel am schärfsten diskreditieren, zufällig genau um die gleichen Leute, die nicht zögern, mit Wiener Neonazis Walzer zu tanzen oder, wie in Athen, ein Bündnis mit der Führung einer wirklich extremistischen Partei einzugehen. Das ganze Gezeter rund um ein Deutschland, das angeblich "das Band zu seinen Dämonen" erneuert hat, übertönt die Stimme faschistischer Parteien, die gerade dabei sind, in Europa Fuß zu fassen."

Kenan Malik macht sich im Guardian Sorgen über den wachsenden Erfolg der fremdenfeindlichen UKIP-Partei in Britannien und macht eine verfehlte Multikulturalismus-Politik dafür mit verantwortlich: "Das Problem mit dem Multikulturalismus ist nicht, dass es zu viel Immigration oder Vielfalt gibt. Es liegt eher im Einfluss der politischen Maßnahmen, die getroffen wurden, um diese Vielfalt zu managen. Wenn wir von "Multikulturalismus" sprechen, unterscheiden wir oft nicht zwischen der gelebten Erfahrung von Vielfalt und der Politik gegenüber Minderheiten. Das Scheitern dieser Politik führt viele dazu, die Vielfalt selbst als das Problem anzusehen."
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Gesellschaft

Aram Lintzel belächelt in der taz die neuesten Versuche, die staatlich subventionierte Elternzeit als Ausstieg zu glorifizieren: "In persönlichen Erfahrungsberichten wird sie gerne zu einer Heterotopie verklärt, die den berufstätigen Mann aus den Zwängen der karrieristischen Vernunft befreit."

In der SZ hat der Würzburger Therapeut und Seelsorger Ernst Engelke eine sehr dezidierte Erklärung für heutige Selbstmorde und selbst für die mörderische Wahnsinnstat des Andreas Lubitz: "Nach meiner Einschätzung bildeten die Überflutung der Menschen mit Krimis, die Verharmlosung, ja Verherrlichung des Freitods und die Ruhmsucht in der Gesellschaft den Nährboden dafür. Sonntag für Sonntag sendet die ARD ihren "Tatort"."

Patrick Bahners nimmt in der FAZ religiös konservative Staaten der USA in Schutz, deren Gesetzgebung unter anderem von Apple-Chef Tim Cook (unser Resümee) als schwulenfeindlich angeprangert wurde: "Die Durchsetzung der Homosexuellenehe schien lange unwahrscheinlich und wird sich, wenn erst einmal der Oberste Gerichtshof ein Grundrecht auf freie Wahl des Ehepartners proklamiert hat, im Rückblick als zwangsläufig darstellen. Eine Begleiterscheinung moralischer Revolutionen ist die Arroganz der Sieger."
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Kulturpolitik

In der SZ berichtet Thomas Steinfeld von enttäuschten Erwartungen, Fehlplanungen und Missmanagement bei der Expo 2015 in Mailand, die am 1. Mai eröffnet werden soll und doch nicht so vorbildlich nachhaltig geworden ist wie geplant. Und, ach ja: "Bislang kamen deswegen achtzehn Politiker und Funktionäre in Haft, mehr als sechzig Unternehmen wurden wegen Verbindungen zum organisierten Verbrechen von der Auftragsvergabe ausgeschlossen."
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Stichwörter: Expo, Expo 2015

Geschichte

Die Griechen haben jetzt ausgerechnet, dass die deutsche Reparationsschulden bei genau 278 Milliarden Euro liegen (mehr hier oder hier). In der NZZ befasst sich Joachim Güntner eingehend mit den Forderungen. Güntner führt verschiedene Bespiele von deutschen Zahlungen auf, um zu erklären, "dass Deutschland nie einen Reparationen-Vertrag unterzeichnete und dass sich trotzdem die deutsche Volksmeinung im Gefühl sicher glaubt, hinreichend Wiedergutmachung geleistet zu haben. Wobei anzufügen wäre, dass "Wiedergutmachung" nach dem Krieg noch kein skandalisierter Begriff war, sondern ein moralischer Hebel, der innere Verpflichtung bewirken sollte: "Wir Deutschen haben wirklich vieles wiedergutzumachen." Und gleich auch noch ein Wort zum deutschen Zahlmeister-Gefühl: Natürlich stehen die Leistungen, die Deutschland als Mitglied der Nato oder der Vereinten Nationen oder als größter Nettozahler in der EU seit Jahrzehnten erbringt (Leistungen, von denen auch Griechenland kräftig profitiert), in keinem Zusammenhang mit Entschädigungen für die Folgen des Zweiten Weltkriegs."

Der Schriftsteller Raoul Schrott erzählt in drei Sätzen in der NZZ von seinem Besuch in dem aus der Zeit Gori, dem georgischen Geburtsort von Josef Wissarionowitsch Dschugaschwili.
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Religion

Besprochen wird die Ausstellung "Ein Gott - Abrahams Erben am Nil" im Bode-Museum in Berlin (Tagesspiegel, FAZ).
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Politik

Ayaan Hirsi Ali äußert sich in ihrem jüngsten Buch milder zum Islam, für den sie nun Reformen einfordert, als bisher. Im Gespräch mit Cathy Young in The Daily Beast erklärt sie das mit dem arabischen Frühling, der zwar vorerst gescheitert sei, "aber das Interessante an Ländern wie Tunesien, Ägypten, selbst Saudiarabien - und am tiefsten im Iran -, ist, dass es eine Menge Leute gibt, die sagen, dass sie Muslime sein wollen, dass sie Islam wollen, aber dass sie nicht unter der Scharia leben wollen. 2010 hatte ich das noch nicht gesehen."

Im taz-Interview mit Kristin Helberg spricht Nader Othman über die Arbeit der syrischen Interimsregierung, die in den Gebieten um Aleppo, Homs und Hama zivile Strukturen wiederaufzubauen versucht.
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Medien

Sehr scharf kritisiert Erik Wemple in der Washington Post den Rolling Stone, der nach einem Skandal um eine erlogene "Gang Rape"-Story an einer Uni keine personellen Konsequenzen zieht. Die Geschichte des Rolling Stone wurde schon seit längerem in Zweifel gezogen, die NZZ berichtete. Nun veröffentlicht der Rolling Stone selbst einen Bericht von Studenten der Columbia Journalism School, der den Skandal bis ins Detail aufarbeitet und der nochmals für starke Diskussionen in amerikanischen Medien sorgt: die Reporterin Sabrina Erdely hatte nur dem vermeintlichen Opfer geglaubt und weder Täter noch Zeugen gesucht, der verantwortliche Redakteur Sean Woods billigte diese Methode, mit der angeblich das Opfer geschützt werden sollte. Wemple schreibt: "Die Autorin war so korrupt, ihren Redakteur mit Fake-Journalismus plattzuwalzen, der Redakteur war zu schwach, um Widerstand zu leisten. Und doch behält Woods seinen Job, und Erdely wird weiter für das Blatt schreiben." Nun muss der Rolling Stone mit einer Klage der Studentenverbindung rechnen, in deren Räumen der Gang Rape laut der Story angeblich stattfand, meldet CNN. Auch der New Yorker berichtet ausführlich über den Skandal.

Cathrin Kahlweit trifft in Wien für die SZ den Jurastudenten Max Schrems, der bei Facebook mal nachgefragt hatte, welchen Daten über ihn gespeichert seien: "1200 Seiten kamen zurück, inklusive bereits gelöschter Daten und Megadaten, die der Konzern ohne sein aktives Zutun von ihm gesammelt haben muss. Danach hat er insgesamt 22 Klagen nach Irland geschickt."
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