Efeu - Die Kulturrundschau

Sackgasse der Verfeinerung

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07.04.2015. In der FAZ schreibt Amir Hassan Cheheltan über Leben und Sterben der Schriftsteller im Iran. In der SZ erklärt Clemens J. Setz seine Leidenschaft für gräu. Die Schirn sitzt durchgeknallten Christusgurus auf, ärgert sich die taz. Weltkunst erklärt, was unter Post-Internet-Art zu verstehen ist. Und alle denken an Billie Holiday, die vor 100 Jahren geboren wurde.

Kunst


Die Kommune des Himmelhofs, 1898, Archiv der deutschen Jugendbewegung, Witzenhausen, N 151 Nr. 64 © Foto: Studio Lichtwert, Eschwege

Ganz und gar nicht überzeugend findet Ulf Erdmann Ziegler in der taz die in der Schirn-Ausstellung "Künstler und Propheten" präsentierte These, derzufolge "Künder und Propheten der Zwischenkriegszeit" der Kunst der Moderne eine unmoderne Grundierung mit auf den Weg gegeben hätten. Und das nicht nur, weil naheliegende Künstler unterschlagen werden: Denn "da ist durchaus etwas an der Rückseite utopischer Bewegungen, ein patriarchaler Wahn, der einen stutzig macht. Man sollte das, wenn man irgend kann, benennen. "Künstler und Propheten" verklärt durchgeknallte Christusgurus zu Präfigurationen sensibler Künstlerschaft. Das ist Irrsinn. Diese Ausstellung zeichnet den Diskurs der Sektierer nicht nach, sie sitzt ihm auf."

Was hat man eigentlich unter dem in den letzten Jahren kursierenden Begriff "Post-Internet-Art" zu verstehen? Kito Nedo wagt in Weltkunst den Versuch, das keineswegs homogene Feld dieser Kunstbewegung zu konturieren. "Ihre gemeinsame Haltung ist keine kritische Antihaltung, sondern eher eine seltsam gebrochene Affirmation der Gegenwartskultur. ... Es geht um Konsumkultur, stecken geblieben in der Sackgasse der Verfeinerung; es geht darum, wie und mit welcher unvorstellbaren Geschwindigkeit die Bilder-Mengen durch die sozialen Netzwerke und Aggregator-Webseiten geschleudert werden. Es geht aber auch um die Frage, für wen die smarten Post-Internet-Installationen auf einer Schau wie der New Yorker Triennale, in den Hipster-Galerien von Berlin oder London eigentlich gemacht sind".


Cécile B. Evans: Hyperlinks or It Didn"t Happen, 2014 (Still), HD-Video. Bild: © Courtesy of Cécile B. Evans

"Die Kunst ist selbst Recherche, aber auch Gegenstand der Recherche", so erklärt in der Welt Marcus Woeller "Post-Internet"-Kunst, nachdem er die Kassler Ausstellung "Inhuman" gesehen hat. Das zeigt sich etwa am Werk "Hyperlinks or It Didn"t Happen" der amerikanischen Künstlerin Cécile B. Evans, die untersucht, wie Menschen nach ihrem Tod als virtuelle Avatare weiterleben. Zu diesem Zweck hat Evans "den Avatar Phil entworfen, der nun mit dem pixeligen Konterfei Philip Seymour Hoffmans über einen Bildschirm flimmert. Nachdem der Schauspieler gestorben war, irritierten Evans nämlich die rücksichtslosen Pläne, ihn wiederauferstehen zu lassen und als digitale Kopie seiner selbst der Produktionsfirma Gewinne einzubringen. Für die Künstlerin rückte aber der Tod selbst in greifbare Nähe. Je länger sie über das Sterben recherchierte, desto pietätloser wurde die persönliche Internet-Werbung auf sie zugeschnitten."

Weitere Artikel: Wer schöne Fotos will, muss leiden können, erfährt man, neben vielen weiteren Details zur fotografischen Tätigkeit, im ausführlichen Gespräch, das Arno Widmann für die FR mit Peter Lindbergh geführt hat. Im Tagesspiegel stellt Christiane Meixner den israelischen Künstler Erez Israeli vor, der drei Monate lang sein Atelier mit Norbert Bisky getauscht hat. Paul Kreiner hat für den Tagesspiegel das aufwändig renovierte um umgestaltete Ägyptische Museum in Turin besucht.

Besprochen werden die Ausstellung "Picasso in der Kunst der Gegenwart" in den Deichtorhallen in Hamburg (SZ) und die Zero-Ausstellung im Berliner Gropius-Bau (FAZ).
Archiv: Kunst

Bühne

In der Oper ist die Finanz- und Schuldenkrise längst überwunden, schreibt Ralph Bollmann in der FAS (nachträglich online gestellt): Krisenländer bieten längst wieder volle Spielpläne, überall wird saniert, wenn nicht gleich neugebaut (12 neue Häuser in Europa seit dem Jahr 2000!) und über ausbleibenden Publikumszuspruch kann sich auch kaum jemand beschweren. Keine schlechte Bilanz dafür, dass es noch nicht allzu lange her ist, dass die Oper als im Aussterben begriffenes Fossil galt: "Die scheinbar antiquierte Oper passt wegen ihrer multimedialen Qualitäten so gut ins digitale Zeitalter wie kaum eine andere Spielart der überkommenen Hochkultur. Musik und Text, Bühnenbild und Schauspielkunst vermischen sich zu einer Art virtuellem Gesamtkunstwerk - und befriedigen doch die Sehnsucht nach körperlicher Präsenz. Im neugebauten Opernhaus begegnet sich die Stadtgesellschaft real, wofür es in der Zeit von Facebook oder Twitter offenbar ein großes Bedürfnis gibt."

Weitere Artikel: Sehr entspannt plauscht Michael Angele (Freitag) mit Franz Xaver Kroetz unter anderem über die Probleme beim Zeitunglesen, Eitelkeiten im Betrieb und unter Kulturjournalisten sowie auch über das von Kroetz eingesprochene Hörspiel "Mentor" nach Daniel Kehlmann. Im Tagesspiegel erklärt Frederik Hanssen, warum die Tänzer des Berliner Staatsballetts vergangenen Freitag streikten. Manuel Brug stellt in der Welt den besten Opernchor der Welt vor: Die African Angels aus Südafrika. Der Theater- und Filmregisseur Stefan Jäger erinnert sich in der NZZ an seine Zusammenarbeit mit dem verstorbenen Schauspieler Mathias Gnädinger. Bernd Noack schreibt in der NZZ zum 100. Geburtstag des großen polnischen Theatermanns Tadeusz Kantor. Seit geraumer Zeit öffnet das Theater seine Bühnen den Bürgern insbesondere aus marginalisierten Schichten, beobachtet Christine Dössel in der SZ.

Besprochen werden ein Kafka-Abend in Darmstadt (FR), Florian Zellers Stück "Der Vater" am St. Pauli Theater in Hamburg (Volker Lechtenbrink als dementer Vater "spielt wie ein junger Gott", jubelt Stefan Grund in der Welt), Johannes Eraths Frankfurter "Euryanthe"-Inszenierung ("eine faszinierende Irritation", meint Hans-Klaus Jungheinrich in der FR, FAZ) sowie Pascal Dusapins "Penthesilea" in Brüssel und Giuseppe Verdis "Macbeth" in Amsterdam (SZ).
Archiv: Bühne

Film


Christina Hendricks und Elisabeth Moss in "Mad Men". Bild: Michael Yarish/AMC.


Am vergangenen Wochenende hat im US-Fernsehen die letzte Staffel von "Mad Men" begonnen. Für Eric Thurm von Wired Anlass zu ganz allgemeinen Überlegungen über die vieldiskutierte Erfolgsserie: Er sieht in dem Setting einer Werbeagentur mit ihren strategischen Meetings und gemeinsam am Tisch beschlossenen Vorgehensweisen auch eine Art Meta-Kommentar zur Fernsehproduktion selbst. Sehr bedauerlich findet es unterdessen Caroline Smith auf Popmatters, dass die einst feministisch angehauchte Serie ihre Frauenfiguren zusehends weniger komplex behandelt. Lesenswerte Kommentare zur ersten Folge des Serienfinales schreiben Matt Zoller Seitz (Vulture), Chris Cabin (Slant) und Sean T. Collins (Wired)

Das deutsche Fernsehen wäre gut beraten, sich für seine Regionalserien mal wieder von den Fernseharbeiten des gerade verstorbenen Helmut Dietl inspirieren zu lassen, meint Tobias Rüther in der FAS: "Dieses neue Regionalfernsehen ist da grobtouristisch, wo Dietl fast schon mikrohistorisch vorging." Ein wenig warten müssen wird man auf die Erfüllung solcher Forderungen allerdings schon: Die aufregendsten europäischen Serien werden derzeit nämlich in Italien geschrieben, während deutsche Drehbuchautoren immer noch eher traditionell ausgebildet werden, erfahren wir von Hernán D. Caro in der FAS.

Weitere Artikel: Das im Crowdfunding begriffene neue Berliner Kinoprojekt Wolf beginnt heute mit einer Hommage an Werner Schroeter, der heute 70 Jahre alt geworden wäre, erfahren wir von Claudia Lenssen in der taz. Susan Vahabzadeh (SZ) schreibt zum Tod von Manoel de Oliveira. Besprochen wird der Actionfilm "Fast & Furious 7" (SZ, Perlentaucher). Und eine ganz bittere Nachricht: David Lynch ist aus dem geplanten Twin-Peaks-Neustart ausgestiegen - alle Meldungen und Hintergründe dazu bei KeyFrame Daily.
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Archiv: Film

Literatur

Über Leben und Sterben der Schriftsteller im Iran berichtet in der FAZ der Schriftsteller Amir Hassan Cheheltan. Das auch die Literatur selbst nicht verschont wird, ist klar. Nicht nur drohen drakonische Strafen und Übrgriffe, es herrschen auch rigide Vorgaben, wo ein Roman spielen darf, nämlich allein in Privatwohnungen, unter Aussparung von Bade- und Schlafzimmern: "Die kulturpolitischen Maßnahmen haben unsere Romane jeder ethischen Ästhetik beraubt. In einem großangelegten Täuschungsmanöver hat man die ethischen Normen im Roman mit den ethischen Normen der öffentlichen Meinung - auf der Straße, in den Parks und im Bus - gleichgesetzt. Die Zensoren aber haben die klassische persische Literatur nicht gelesen und sind mit ihrem Geist überhaupt nicht vertraut. In dieser Literatur ist überall von Wein und männlichen Geliebten die Rede."

In der SZ gesteht der Schriftsteller Clemens J. Setz seine insgeheime Leidenschaft für ASMR-Entspannungsvideos auf Youtube, wobei die Arbeiten der Dänin TheOneLilium ihn ganz besonders berühren: ASMR oder "gräu", wie Setz es für sich benannt hat, lernte er in der Bibliothek: "Manchmal tat ich so, als würde ich etwas lesen, aber in Wirklichkeit saß ich einfach da und genoss die Geräuschkulisse. Das Umblättern, das leise Kratzen von Bleistiften, das vorsichtige Wühlen in einer Handtasche. Diese herrlichen Menschengeräusche versetzten mich in einen Zustand, der erst einige Jahre später einen offiziellen Namen erhalten sollte. Es lief immer gleich ab: Auf meiner Kopfhaut begann ein angenehmes Spannungsgefühl, das dann über den Nacken langsam hinunterwanderte, verbunden mit einem Bewusstsein gesteigerter Konzentration. Ich wurde ein wenig high."

Salman Rushdie ist neues Mitglied bei Goodreads - eine Plattform für Buchbewertungen und -empfehlungen, meldet Kirsten Reach im Blog Melville House. 43 Bücher hat er bewertet und wurde schon für seine Ehrlichkeit gelobt. Im Telegraph bekannte er dann aber: "I"m so clumsy in this new world of social media sometimes. I thought these rankings were a private thing designed to tell the site what sort of book to recommend to me, or not recommend. Turns out they are public. Stupid me."

Weitere Artikel: Für The Quietus porträtiert Jen Calleja die in Berlin lebende, taiwanesische Schriftstellerin Yung-Shan Tsou. Wolf Wondratschek hat seinen neuen Roman "Selbstbild mit Ratte" exklusiv an einen Privatmäzen verkauft, berichtet Volker Weidermann im FAS-Porträt über den Schriftsteller. Ende März übersehen, aber ohne weiteres nachreichenswert: Das CulturMag bringt Alf Mayers Übersetzung der Rede, die James Lee Burke 1988 zur Beerdigung des geschätzten Krimiautors Charles Willeford gehalten hat. In der Welt annonciert Dirk Schümer den neuen Roman von Umberto Eco, eine Berlusconi-Kolportage, die im Herbst auf Deutsch erscheint. Sieglinde Geisel schreibt in der NZZ zum 150. von Max und Moritz. Außerdem hat die FAZ Orhan Pamuks Hommage an Anselm Kiefer online nachgereicht.

Besprochen werden Alexander Osangs "Comeback" (Freitag), Péter Esterházys "Die Mantel-und-Degen-Version" (Zeit), Chigozie Obiomas "Der dunkle Fluss" (FR), Martin Walsers Textsammlung "Unser Auschwitz" (Tagesspiegel, mehr), Slobodan Tišmas "Das Bernardi-Zimmer" (Tagesspiegel), Rachel Kushners "Flammenwerfer" (Tagesspiegel, mehr), Ljudmila Ulitzkajas "Die Kehrseite des Himmels" (Berliner Zeitung) und eine Ausstellung über Thomas Mann und Luchino Visconti in der Casa di Goethe in Rom (Tagesspiegel).

Außerdem jetzt online bei der FAZ: Die aktuelle Lieferung zur Franfurter Anthologie. Diesmal stellt Michael Krüger Tomas Tranströmers Gedicht "Schwarze Ansichtskarten" vor:

"Der Kalender vollgeschrieben, Zukunft unbekannt.
Das Kabel summt das Volkslied ohne Heimat.
..."
Archiv: Literatur

Musik

Tim Caspar Boehme war für die taz beim Thalassa-Festival in Italien, wo sich die neue Undergroundszene der "Italian Occult Psychedelia" (siehe dazu auch vor kurzem die NZZ) ein Stelldichein gab. Rockkritikerin Carola Dibbell, die gerade ihr Romandebüt vorgelegt hat, erklärt im Quietus-Interview mit Eric Obenauf, wie es war, sich in den 70er Jahren in ihrem stark von Männern dominierten Beruf durchzusetzen. David Garrets Versuch, sich mit einer Brahms-Tournee vom Image des Popcrossover-Violinisten zu befreien, überzeugt Julia Spinola (Zeit) nicht: "Garrett spielt, wie er ist: hübsch, ein wenig blass, unverbindlich und uncharismatisch." In der SZ schreibt Reinhard J. Brembeck über neue Klassikveröffentlichungen. Außerdem hat die FAZ Eleonore Bünings Gespräch mit Simon Rattle über dessen Wechsel von den Berliner Philharmonikern zum London Symphony Orchestra online nachgereicht.

Ulrich Stock (Zeit), Christian Bos (Berliner Zeitung), Claus Lochbihler (NZZ), Michael Pilz (Welt) und Franziska Buhre (taz) erinnern an Billie Holiday, die heute 100 Jahre alt geworden wäre.



Besprochen werden die Autobiografie der Sonic-Youth-Musikerin Kim Gordon (FAS), eine Compilation mit südafrikanischer Rock- und Discomusik der 70er und 80er Jahre (Pitchfork), ein neuer Film über Kurt Cobain (ZeitOnline), ein von Pietari Inkinen dirigiertes Konzert des Deutschen Symphonieorchesters (Tagesspiegel), neue CDs der Bläser der Berliner Philharmoniker (Berliner Zeitung) und das neue Album von Villagers (Spex).
Archiv: Musik