9punkt - Die Debattenrundschau

Und noch die Wächter brauchen Wächter

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.03.2015. Die Welt fragt nach dem Attentat im tunesischen Nationalmuseum: Warum hassen die Islamisten Kultur? Paul Berman stöhnt im Tablet Magazine über die Triumphe des Dschihadismus. Angesichts der entfesselten Gewalt in Syrien prangert Jonathan Littell im NYRBlog die kaltschnäuzige Indifferenz des Westens an. Und Deutschland interessiert sich nur für eines: Ist Giannis Varoufakis' angeblicher Stinkefinger eine Fälschung von Jan Böhmermann?

Politik

Gideon Böss macht in der Welt auf die Symbolik des Ortes aufmerksam, an dem die gestrige Terrorattacke in Tunis stattfand: "Dadurch, dass sie sich im tunesischen Nationalmuseum abspielte, setzen die Islamisten eine Strategie fort, die spätestens seit der Zerstörung von Grabstätten und Götterbilder durch den Islamischen Staat erkennbar geworden ist. Die Islamisten sehen sich nicht nur in einem Weltkrieg gegen die Ungläubigen, sondern auch gegen deren Kultur. Sie wollen alle Spuren tilgen, die an andere Gesellschaften erinnern. Es gilt die Scharia, schon immer und für immer." Einen sehr ausführlichen und lesenswerten Bericht zu den Ereignissen in Tunis bringt unter anderen der Guardian.

Paul Berman stöhnt im Tablet Magazine über die Triumphe des Dschihadismus: "Die Hisbollah-Krieger - stärker denn je. Al-Qaidas Al-Nusra-Front: Militärische Triumphe ganz eigener Art. Und was die Al-Qaida-Abspaltung Islamischer Staat angeht, so ist sie schon in die militärhistorischen Annalen eingegangen. Zornige junge Männer im Europa des 19. Jahrhunderts zogen ihre Inspiration aus dem Aufstieg Napoleons von bescheidenen Ursprüngen zur Weltherrschaft, ihre gespenstischen Wiedergänger im 21. Jahrhundert ziehen eine ähnliche Inspiration aus dem Islamischen Staat. Diese Geschichte wartet noch auf ihren Stendhal. Noch ein Triumph für den Dschihad: Jegliche jüdische Instituion in großen Teilen der Welt wird von Bewaffneten bewacht. Und noch die Wächter brauchen Wächter."

Jonathan Littell malt im Blog der NYRB noch mal das Panorama des Schreckens in Syrien aus - hier der Islamische Staat mit seinen Köpfungen, dort der ebenso bluttriefende Augenarzt. "Aber all dies ist nicht aus Zufall passiert. Wichtiger, es hätte nicht so kommen müssen, es hätte andere Wege geben, eine andere mögliche Zukunft. Das von unseren feierlichen Führern unermüdlich wiedeholte Mantra - "Wir hätten doch nichts tun können" - ist schlicht nicht wahr. Ohne unsere kaltschnäuzige Indifferenz, Feigheit und Kurzsichtigkeit hätte es anders laufen können."

Bei den Protesten anlässlich der Eröffnung der neuen Zentrale der Europäischen Zentralbank in Frankfurt kam es zu den schwersten kapitalismuskritischen Krawallen in Deutschland seit dem G8-Gipfel in Rostock 2007, berichtet Martin Kaul in der taz: "Wie es nach diesem Tag mit den Blockupy-Protesten weitergeht, ist nun offen. Die Demonstranten werten den Tag jedoch auch als Erfolg, weil sie - kurz nach den Wahlen in Griechenland - nicht nur die Frage nach der Ordnung auf der Straße, sondern auch die nach der Legitimität der europäischen Wirtschaftsordnung erneut auf die Titelseiten katapultiert haben."

Angesichts der dramatischen Armut und Verelendung ganzer Länder der EU findet Frank Jansen (Tagesspiegel) das Ausmaß des Protests eher moderat. Anstatt auf rabiaten Widerstand oder gar Terrorismus setzen die Verelendeten momentan ihre Hoffnungen an linke und rechte Populisten wie Syriza in Griechenland, Podemos in Spanien oder den Front National in Frankreich: "Diese Volksbeglücker haben kein Interesse am bewaffneten Kampf. Doch sollten die parlamentarisch orientierten Populisten und Extremisten die geschürten, irrealen Hoffnungen auf schnellen Wandel enttäuschen, ist noch viel mehr Wut zu erwarten. Auf alles, auf die Demokratie an sich. Dann war der 18. März 2015 in Frankfurt tatsächlich nur ein Vorspiel."

Aktualisiert: Bewaffneter Kampf gegen den Kapitalismus ist allerdings weder notwendig noch aussichtsreich, wenn man dem Soziologen Wolfgang Streeck glauben mag. Seinen soeben online gestellten Essay "Wie wird der Kapitalismus enden?" in den Blättern für deutsche und internationale Politik referiert Andreas Zielcke in der SZ: "Ein Kreuzzug, und das ist Streecks aktuelle Pointe, hätte ohnehin keinen Sinn, denn in diesen Zeiten gibt es nur eine einzige Macht, die dem Kapitalismus wirklich gefährlich werden kann - das ist der Kapitalismus selbst... So erfolgreich der Kapitalismus über alle seine bisherigen Widersacher triumphiert, über Sozialismus, Arbeiterbewegung, nationalstaatliche Demokratie, aber auch die Natur, so unaufhaltsam gerät er - der selbst keine Grenzen und kein Maß kennt - außer Kontrolle und macht vor seiner eigenen Substanz nicht halt. Wie Pyrrhus ruiniert er sich durch seine Siege selbst."
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Gesellschaft

FAZ-Kulturkorrespondent Patrick Bahners sieht den Dokumentarfilm "The Hunting Ground", über die "Epidemie" von Vergewaltigungen an amerikanischen Universitäten sehr kritisch, unter anderem weil er eine Umkehr der Beweislast an Unis fördere: "Im Strafprozess muss der Schuldnachweis über jeden vernünftigen Zweifel erhaben sein. Wenn eine Universität einen Studenten zum Sexualverbrecher deklariert, soll dafür wie im Zivilprozess die überwiegende Wahrscheinlichkeit genügen."
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Religion

Der Filmregisseur Peter Greenaway und die Bühnenkünstlerin Saskia Boddeke werden im Jüdischen Museum Berlin eine Schau zur Geschichte Abrahams kuratieren, meldet Birgit Rieger im Tagesspiegel.
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Europa

Kersten Knipp liest für den Freitag einige französische Philosophen wie Alain Finkielkraut und François-Xavier Bellamy (hier sein Blog), die sich mit der Frage der nationalen Identität auseinandersetzen, die sie am Ende als unverzichtbar empfinden, denn die "Abbrucharbeiten der Moderne mögen zwar Raum für Neues geschaffen haben. Fraglich ist nur, ob auf den Ruinen Prinzipien entstanden sind, nach denen sich Gesellschaften ausrichten können."

In der Zeit fordert der Historiker Gerd Koenen die Russland-Versteher und Putin-Apologeten dazu auf, ihre Augen nicht vor der Realität zu verschließen: "Natürlich kann man hundert Versäumnisse der europäischen Politik gegenüber Russland herunterbeten, und man kann alle möglichen Rechtsbrüche, Anmaßungen und Verbrechen der amerikanischen Weltpolitik aufzählen. Aber nichts davon rechtfertigt die Aggression gegen die Ukraine. Und nichts davon gibt ernstlich Anlass für die paranoiden Weltkonstruktionen, in die Putin und seine Ideologen sich und ihr Volk, und per Außenpropaganda uns alle, jetzt einspinnen."

Volle Zustimmung erhält Koenen von EU-Parlamentspräsident Martin Schulz in einem großen Zeit-Interview mit Matthias Krupa und Bernd Ulrich. "Wir müssen uns dem Versuch Putins, die EU zu spalten und im Inneren der EU Einfluss auszuüben, mit allen Mitteln entgegenstellen. Schauen Sie sich etwa den französischen Front National an, der Gelder von russischen Banken erhält. Oder den einen oder anderen Ministerpräsidenten, der mehr oder weniger offen Putin hofiert."

"Am Ende beugt sich jeder dem sanften Diktat der EU", glaubt laut Thomas Schmid in der Welt zumindest die EU. Und da sind noch Putin und die Griechen, die sich widersetzen: "Die ganze Provokation der Griechen besteht darin, dass sie sich - so lange sie können - nicht beugen. Und weil die EU gewissermaßen das ganze Universum der Rationalität gepachtet und besetzt hat, bleibt der griechischen Regierung nur die Flucht in die pure Irrationalität."
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Überwachung

Sascha Lobo untersucht in seiner Spiegel Online-Kolumne die Psychologie der Vorratsdatenspeicherung und findet dabei heraus, dass Überwachung - wie das Universum - die Eigenschaft hat, stets zu expandieren: "Die Strategie der Absicherung für den Katastrophenfall verleitet die Sicherheitsbehörden, mit den bestehenden Instrumenten grundsätzlich unzufrieden zu sein. Auch deshalb findet immer mehr und mehr Überwachung statt."

"Es geht um eine pragmatische, verhältnismäßige, rechtskonforme, also besser: kleine Lösung", beschwichtigt hingegen Jost Müller-Neuhof im Tagesspiegel die Gegner der Vorratsdatenspeicherung: "Nichts, wovor man Angst haben müsste. Es sei denn, es ist schon eine Neurose daraus geworden."
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Ideen

"Der Vorwurf geht ins Leere", antwortet Arnuld Heidegger, der Enkel und Nachlassverwalter Martin Heideggers, in der Zeit auf die vergangene Woche ebenda von Rainer Marten vorgebrachte Forderung, den Nachlass von Martin Heidegger für die Forschung freizugeben: "Einer weitsichtigen Vereinbarung folgend, die mein Großvater, beraten von Hannah Arendt und meiner Großmutter, mit dem deutschen Literaturarchiv Marbach geschlossen hat, hat die Familie Heidegger viele Materialien selbst zur Verfügung gestellt oder deren Abgabe vermittelt, auch wenn für eine vorübergehende Zeit eine Sperre verhängt wurde... Es gibt keine Veranlassung, grundsätzlich von den weitsichtigen Vorgaben meines Großvaters für die Nachlassverwaltung abzuweichen. Forschungsfeindlich sind sie nicht."
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Medien

Großes Thema: Hat Jan Böhmermann den angeblichen Stinkerfinger Yanis Varoufakis" gefälscht? Niemand will ihm auf den Leim gehen. Aber Nils Jacobsen von Meedia findet Böhmermanns Video, in dem er das "Making of" des Stinkefingers erläutert, plausibel: ""Wir haben die Schatten angepasst, Details, so dass man nicht sofort erkennen kann: Da ist was gemacht worden"", erklärt der Visual Effects Supervisor der Neo-Redaktion. Böhmermann hat demnach also die Medienlandschaft für drei Tage an der Nase herumgeführt, wie er in Einspielern von Günter Jauch und auch von Video-Kreativdirektor von Bild.de noch mal genüsslich dokumentiert."



Im Guardian annonciert Mark Sweney eine Allianz ausschließlich englischsprachiger Medien wie dem Guardian selbst, dem Economist, FT, CNN und Reuters, die mit "Pangaea" eine Werbeplattform schaffen wollen, um Diensten wie Google und Facebook, die ihnen immer mehr Werbung wegnehmen, neu Konkurrenz zu machen: "Die Pangaea-Partner sagen, dass der Wert der Allianz für die Werbetreibenden in dem einflussreichen globalen Publikum besteht." Wozu braucht man da noch anderssprachige Medien?
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