Efeu - Die Kulturrundschau

Die Sprache der Autorität

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27.01.2015. FAZ und FR werfen schon einmal einen Blick auf die Literatur Indonesiens, das im Herbst Buchmessengastland sein wird. In der Berliner Zeitung streitet der Fotograf Espen Eichhöfer für das Recht auf künstlerische Straßenfotografie. Die Welt erlebt in Salzburg die Transzendierung nobler Pferde in Kunst. Die FAZ erlebt Schostakowitschs "Lady Macbeth von Mzensk" in Berlin so fein und behutsam wie selten zuvor.

Bühne


Foto: Lady Macbeth von Mzensk © 2015, Marcus Lieberenz

Als "Triumph" feiert Jan Brachmann in der FAZ Ole Anders Tandbergs Inszenierung von Schostakowitschs "Lady Macbeth von Mzensk" an der Deutschen Oper Berlin. In allen Disziplinen werden hier Höchstnoten erzielt, freut sich der Kritiker: "Laut und grob wird er nur dann, wenn die Geschichte es verlangt. Für die Sänger ist es ein Labsal. Musikalisch war das Stück bislang selten so fein und behutsam zu hören." Auch Frederik Hanssen hat im Tagesspiegel seine helle Freude, auch wenn der satirische Ton der Inszenierung im letzten Akt an seine Grenzen stößt: "Denn der lässt sich beim besten Willen nicht doppeldeuten, musikalisch regiert nur noch das grenzenlose Elend. Dem auf ironische Brechung geeichten Betrachterauge allerdings muss nun der Leiberberg, zu dem der Regisseur seine spärlich bekleideten Choristen arrangiert, als purer Sozialkitsch erscheinen."

Weiteres: Ganz aus dem Häuschen ist Manuel Brug in der Welt von der Pferdegala der Académie Équestre de Versailles in der Salzburger Felsenreitschule: "Eine Verherrlichung nobler Pferde zur Musik Mozarts, die dem Ort unter dem steinernen Erzbischofswappen seine ursprüngliche Aura zurückgibt und diese in Kunst transzendiert." Hannes Stein berichtet außerdem in der Welt, dass die New York City Opera nach ihrem Konkurs künftig von dem Bankrotteur Michael Capasso geleitet wird. Der Tagesspiegel bringt zudem Auszüge aus Annika Krumps Tagebuch aus ihrer Zeit als Hospitantin an der Berliner Volksbühne in den Neunzigern.

Besprochen werden Anna Bergmanns Inszenierung von Puccinis "La Bohème" in Karlsruhe (FR), Christian Stückls Münchner Inszenierung von "Nathan der Weiße" (taz), Kleists "Käthchen von Heilbronn" am Burgtheater Wien (NZZ), Ingmar Bergmans "Herbstsonate" am Deutschen Theater (Welt), Jeremy Wades im Berliner HAU aufgeführte Tanzperformance "Death Asshole Rave Video" (Tagesspiegel), Armin Petras" Inszenierung von Christa Wolfs "Geteilter Himmel" an der Berliner Schaubühne (Freitag), David Mouctar-Samorais Inszenierung der "Akte Carmen" an der Neuköllner Oper (Tagesspiegel), ein Regensburger "Doktor Schiwago" (FAZ, SZ) und Kleists "Kätchen von Heilbronn" am Wiener Burgtheater (SZ, NZZ).
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Literatur

Im Herbst wird Indonesien Gastland der Frankfurter Buchmesse. Dass erst jetzt die Fördermittel für die wichtigen Übersetzungen indonesischer Literatur freigeworden sind, lässt Marco Stahlhut in der FAZ zwar etwas um ihre Qualität bangen. Doch auf Indonesiens Literatur selbst lässt er nichts kommen: Das Land verfüge über "eine der vielschichtigsten Literaturen überhaupt. Politisch-kulturell gar könnte der Auftritt Indonesiens ohnehin zu keinem besseren Zeitpunkt kommen. Schließlich ist Indonesien das Land mit der größten muslimischen Bevölkerung der Welt. Es ist gleichzeitig ein Land mit einer sehr langen Tradition gelebter Toleranz zwischen den verschiedenen Religionen."

Ebenfalls in der FAZ unterhält sich Jan Wiele mit der indonesischen Schriftstellerin Ayu Utami, deren Einschätzung der indonesischen Literatur allerdings etwas zurückhaltender ausfällt: Man lese dort vor allem religiöse Ratgeber und Kinderbücher, meint sie. In der FR berichtet Andrea Pollmeier von den Frankfurter Literaturtagen Südostasien, wo sie ebenfalls sehr interessante, aber durchaus kritische Stimmen zu Indonesien hörte: "Ähnlich wie die übrigen indonesischen Autoren antwortete der Lyriker Afrizal Malna aus Djakarta: "Ich habe keine Angst vor der Religion, ich habe Angst vor der Sprache der Autorität.""

Für die SZ interviewt Carsten Hueck die israelische Schriftstellerin Lizzie Doron, die in ihrem Buch "Who the Fuck is Kafka?" einen Palästinenser porträtiert, der zwar durchaus für Frieden mit Israel ist, aber sehr in seiner Tradition gefangen ist: "Er sagte mir: Das einzige, was mir Halt gibt, sind die Wurzeln der Familie und der Tradition. Ich kann nicht sein wie du. Du wirst von einem Staat geschützt. Nadim fürchtet sich vor der palästinensischen Hamas. Und vor dem israelischen Geheimdienst Mossad. Ich kann ihn verstehen. Trotzdem ist es schwer für mich, seine Haltung zu akzeptieren."

Weiteres: Harriet Wollf (taz) führt ein Fünf-Zigaretten-Interview mit Michel Houellebecq. In der FAZ trauert Patrick Bahners um den britischen Literaturkritiker John Bayley.

Besprochen werden die dreibändige Ausgabe von Rudolf Borchardts Briefen an Marie-Luise Borchardt (SZ), Michail Bulgakows "Die verfluchten Eier" (FAZ), Stephan Thomes Roman "Gegenspiel" (NZZ), zwei Bücher über Wilhelm Brasse, den Fotografen von Auschwitz (NZZ).
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Kunst

Durchaus beschwingt, aber auch etwas misstrauisch gegenüber der Exotik und seinen eigenen Erwartungen berichtet Samuel Herzog in der NZZ von der Straßburger Ausstellung "La vie est une légende", die Kunst aus Kasachstan zeigt: "Vielleicht gehört es halt zu den Gesetzmäßigkeiten unseres Verhältnisses zur Kunst, dass Vergnügen schnell von einem gewissen Unbehagen unterwandert wird. In der Konsequenz führt dies allerdings auch dazu, dass wir einen tieferen Respekt haben vor Kunstwerken, mit denen wir rein gar nichts anfangen können, als vor Werken, die zum Beispiel unser Fernweh anheizen."

Der Fotograf Espen Eichhöfer sammelt per Crowdfunding Geld für einen Prozess, um sich das Recht auf künstlerische Straßenfotografie gegen die dabei abgelichteten Passanten zu erkämpfen, berichtet Robert Briest in der Berliner Zeitung: "Das Gericht muss nun also die Frage klären, inwieweit die Kunst in die Privatsphäre von Menschen eingreifen darf. Im Gegensatz zur journalistischen Fotografie gibt es hier bisher keine Präzedenzfälle, die in höherer Instanz entschieden wurden."

Eva-Christina Meier (taz) schreibt den Nachruf auf den chilenischen Künstler Pedro Lemebel. Und: New York in den 80ern - eine Strecke auf Vice.
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Film

Das Berliner Kino Arsenal erinnert mit einer Filmreihe an die Auschwitzbefreiung vor 70 Jahren, schreiben Silvia Hallensleben im Tagesspiegel und Matthias Dell in der taz. Das Online-Filmmagazin critic.de begleitet die Filmreihe mit einem Kritikendossier: Hier alle Texte im Überblick.

In höchsten Tönen preist Marion Löhndorf in der NZZ die auf Hilary Mantels Roman basierende BBC-Serie "Wolf Hall" (die vielleicht mal von der ARD übernommen werden könnte). In der Berliner Zeitung führt Torsten Wahl durch das Programmangebot der Fernsehsender zum Jahrestag der Auschwitzbefreiung. Marco Koch bietet im Filmforum Bremen einen Überblick über aktuelle Postings in der deutschen Filmblogosphäre.
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Musik

Katja Schwemmers plaudert in der Berliner Zeitung mit dem Produzenten Mark Ronson. Dietmar Dath gratuliert in der FAZ Eddie Van Halen zum 60. Geburtstag. Michael Pilz bemerkt in der Welt freudig, dass sich der Musikproduzent Mark Ronson jetzt auf den "Gin-Tonic-Funk" der achtziger Jahre kapriziert. Christia Bos schreibt in der Berliner Zeitung den Nachruf auf den griechischen Sänger Demis Roussos, der vor seiner Schlagerphase auch für ganz exzellenten Progrock verantwortlich zeichnete:



Besprochen werden das neue Album von Björk (Spex, ZeitOnline, FR), der Auftritt der Doom-Metalband Electric Wizard bei der Club Transmediale in Berlin (Tagesspiegel), das neue Album von Natalie Prass (Pitchfork) und das neue Album "Amore" von Wanda (FAZ).
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