Efeu - Die Kulturrundschau

Stinkefinger der Superreichen

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.01.2015. Berührt und beeindruckt sind die Kritiker von Björks melancholischem Album "Vulnicura". Der Tages-Anzeiger besichtigt die superschlanken neuen Wohntürme in Manhattan. Asia Argento wird für ihren autobiografischen Film "Missverstanden" als Erbin des italienischen Autorenkinos gefeiert. Die SZ spricht mit Michel Houellebecq über Religion und Philosophie, die Welt über Sex.

Film


Starbiografisch einschlägige Mädchenwelt: "Missverstanden" von Asia Argento. Bild: Rapid Eye Movies.

Als Tochter des italienischen Horrorfilmregisseurs Dario Argento weiß die Filmemacherin Asia Argento, wovon sie spricht, wenn sie in ihrem neuen Film "Missverstanden" die Kindheit eines jungen Mädchen in einer Filmemacher-Familie in den Achtziger Jahren schildert, beglaubigen die Filmkritiker. Ganz stimmig ist das Ergebnis zwar nicht geraten, meint Nikolaus Perneczky (Perlentaucher), doch gerade das macht für ihn den Reiz aus: "Missverstanden" ist "aus nur halbwegs passenden Teilen so zusammengesetzt, dass die Klebespuren sichtbar bleiben. Auch wenn man sich von diesem Film keine neuen Einsichten in starbiografisch einschlägige Mädchenwelten versprechen sollte: seinem Charme - und seiner Unverschämtheit - kann man sich schlecht entziehen."

Auch Daniel Kothenschulte (FR) verfällt dem traumartigen Reiz dieses zupackenden Films und verortet die Regisseurin in der Nachfolge des italienischen Autorenkinos: "In mitunter irrealen Farben, gedreht auf echtem Zelluloidfilm, malt sie einen betörenden Gegenentwurf zu Fellinis "La dolce vita": In einer Kinderparty spiegelt sich der dekadente Lebensstil der Erwachsenen." Philipp Stadelmaier (SZ) fand den Film "berührend".

Weitere Artikel: Für die Berliner Zeitung plauscht Ulrich Lössl mit Benedict Cumberbatch, der in "The Imitation Game" gerade als Alan Turing zu sehen ist. Dass der Film sich im Umgang mit den historischen Tatsachen sehr viele Freiheiten nimmt und vor allem Nerd-Klischees bedient, findet Meike Laaff in der taz unterdessen zum Haareraufen. In der FAZ mokiert sich James Kirchick über Oliver Stone, der mal wieder heftig mit Autokraten flirtet - diesmal habe er es auf Viktor Janukowitsch und Wladimir Putin abgesehen. Jenni Zylka trifft sich mit der Regisseurin Liv Ullmann, deren neuer Film "Fräulein Julie" diese Woche ins Kino kommt.

Besprochen werden Cheyenne Picardos Sadomaso-Drama "Remedy" (Perlentaucher), der Ethno-Schwank "Drei Türken und ein Baby" (Tagesspiegel), der Klamaukfilm "Mortdecai" mit Johnny Depp (SZ) und Liv Ullmanns Adaption von Strindbergs "Fräulein Julie" (FAZ, Welt, kritiken.de).
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Literatur

Ein Problem habe Michel Houellebecq nur mit den französischen Philosophen der Aufklärung, gesteht der Autor im Gespräch mit Alex Rühle für die SZ: "Kant war schwer in Ordnung. Aber die Aufklärung hat den Menschen die Religion genommen. Und es geht nicht ohne Religion."

In der Welt tut ihm Hannah Lühmann den Gefallen, das Thema Politik von der Tagesordnung zu streichen, und spricht mit Houellebecq stattdessen über Sex. "Houellebecq öffnet einen Hemdknopf, er zwirbelt in seinem Brusthaar herum. "Ich finde, es ist überhaupt ein Wunder, dass die Franzosen sich noch fortpflanzen, finden Sie nicht? Sie sind so deprimiert." Aber in seinen Büchern sei es doch auch so, dass Sex gerade als das einzige, wenn auch häufig ziemlich unsinnliche Lösungsmittel in der erkalteten Welt seiner Protagonisten auftrete, es sei doch eigentlich nur völlig logisch, dass die Menschen, wenn sie deprimiert seien, sich fortpflanzen wollten. Er guckt aufrichtig verblüfft und sagt dann, das habe nun wirklich überhaupt gar nichts miteinander zu tun, der Sex und die Fortpflanzung."

Besprochen werden Michel Houellebecqs "Unterwerfung" (Jungle World, mehr), Lucy Frickes "Takeshis Haut" (FR), Matthias Schultheiss" Comic "Die Haie von Lagos" (Tagesspiegel), Barbara Yelins Comic "Irmina" (Jungle World), Max Blaeulichs "Unbarmherziges Glück" (SZ) und Frank Möllers "Das Buch Witsch" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
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Architektur

Als "Stinkefinger der Superreichen" apostrophiert Andres Herzog im Tages-Anzeiger die superschlanken Wohntürme, die sich zur Zeit in New York im Bau oder in Planung befinden: "Herzog & de Meuron bauten an der Leonard Street einen 250 Meter hohen Turm, bei dem die Geschosse wie beim Geduldsspiel Jenga prekär übereinander geschichtet sind. Richard Meier, Frank Gehry oder Jean Nouvel sind weitere Star­architekten, die die Skyline der Stadt verschlanken. Der Weltrekord für das dünnste Hochhaus soll 2016 an die lokalen Shop Architects gehen. Sie arbeiten an einem 430 Meter hohen Turm, der 23-mal so hoch wie breit ist. Der bisherige Rekordhalter steht in Hongkong und hat ein Verhältnis von 1:20." (Foto: Axel Drainville: 432 Park Avenue - New York. Veröffentlicht bei Flickr unter Creative Commons License.)

Andreas Rossmann (FAZ) gratuliert dem Architekten Gottfried Böhm zum 95. Geburtstag.
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Kunst

Die Zeit bringt eine Strecke mit Bildern aus der Ausstellung "Junge Fotografie" in den Hamburger Deichtorhallen.

Besprochen wird die Ausstellung "New Frankfurt Internationals" in Frankfurt und Wiesbaden (FR).
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Design

Traditionell wird in Korea auf dem Boden gesessen und geschlafen. Zwar hält seit dem späten 19. Jahrhundert zunehmend die westliche Lebensweise Einzug und mit ihr die dazugehörigen Möbel, doch noch immer sitzen viele Koreaner lieber auf dem Boden vor dem Sofa als darauf - mit interessanten physiologischen Folgen, berichtet Hoo Nam Seelmann in der NZZ: "Sitzt man auf dem harten Boden mit angewinkelten Beinen, entstehen andere Spannungen in der Muskulatur, als wenn man sich auf dem Stuhl oder Sofa niederlässt. Zudem müssen die Koreaner mehr Muskeln in Bewegung setzen, um aufzustehen. Eine Wendigkeit und eine gewisse Stärke in den Beinen sind erforderlich, um sich elegant und leicht vom Boden zu erheben, ohne sich mit den Händen abzustützen. Wegen dieser Beweglichkeit gibt es in Korea viel weniger Stürze mit Knochenbrüchen im Haus."
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Stichwörter: Korea

Bühne

Ein Teil der Besucher des von Anonymous bestrittenen Theaterabends, der in der kommenden Woche im Berliner Ballhaus Ost stattfindet, erhält 10 Euro Eintritt zurück, meldet Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung. Für die Berliner Zeitung unterhält sich Irene Bazinger mit der Sopranistin Evelyn Herlitzius. Jürgen Kesting (FAZ) schreibt einen Nachruf auf den Opernsänger Waldemar Kmentt.

Besprochen werden eine "Götterdämmerung" am Thalia in Hamburg ("eine rundum flache Blödelei voll unverkrampft komischer Einfälle", meint Till Briegleb in der SZ) und Rolando Villazóns Inszenierung von Donizettis Oper "Viva la Mamma" in Wien (SZ).
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Musik

Sehr souverän findet die Popkritik Björks Umgang mit dem Umstand, dass ihr für Frühjahr angekündigtes Album "Vulnicura" bereits im Netz kursiert: Die isländische Musikerin bedankte sich bei den Fans für das Interesse und veröffentlichte das Album einfach vorgezogen digital. Angehört hat es sich unter anderem Nadine Lange (Tagesspiegel), die weiß, dass das sehr persönliche Album von den Schmerzen nach Björks Trennung von dem Künstler Matthew Barney handelt. Alles in allem ein "beeindruckendes Epos".

Markus Schneider (Berliner Zeitung) gefällt an dem Album vor allem der Einfluss der beiden Produzenten The Haxan Cloak und Arca, die die Musik ins düster Fremdartige verschieben: Letzterer verbindet "abweisende elektronische Geräusche, fern bebende Bassschläge, verschleppte und abstrakt rasselnde Beats mit den von Björk großartig arrangierten Streichern - sie bewegen die Titel in vollen, romantischen Wellen, mit schrillem, minimalistischen Schürfen und klagenden freien Soli." Christian Werthschulte (taz) macht sich um Björks Spätwerk nach diesem "glaubhaften" Album keine Sorgen. Felix Johannes Enzian (FAZ) findet das Album trotz einiger toller Momente im wesentlichen "zäh und emotional redundant." Für Pitchfork hat Jessica Hopper ein ausführliches Gespräch mit Björk geführt.

Weiteres: Schriftsteller Jan Brandt berichtet im ZeitOnline-Blog Freitext von Diskussionen am Rande der Berliner Kraftwerk-Konzerte und stellt beim Reinhören ins neue Album von Marilyn Manson fest: "Der einstige Bürgerschreck ist salonfähig geworden, reif fürs Museum." Auf The Quietus spricht Emily Mackay mit Janet Weiss von Sleater-Kinney. Für den Tagesspiegel porträtiert Nina Heymann die Musikerin Louise Gold. Reinhard J. Brembeck (SZ) besucht die musikalischen Proben vor der Münchner Aufführung von Charles Gounods vergessener Oper "Cinq-Mars" und trifft sich dabei auch mit dem Musikhistoriker Alexander Dratwicki, der als treibende Kraft hinter dem Projekt steht. Elias Kreuzmair (taz) freut sich auf den morgigen Auftritt von Sophie beim Berliner Festival Club Transmediale. Die Spex geht mit Rummelsnuff baden und präsentiert das neue Video von Modest Mouse.

Besprochen werden neue Alben von Viet Cong (Pitchfork), Belle and Sebastian (Pitchfork), White Fence (taz) sowie neue Electronica-Produktionen von Theo Parrish, Robert Hood, Andy Stott und Objekt (NZZ).
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