9punkt - Die Debattenrundschau

Neben uns die Sintflut

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.10.2014. Kulturpolitik ist eine anstrengende Sache, stöhnt Tim Renner in der Welt. Die Presse berichtet über die "Culture Wars" über den Geschichtsunterricht an amerikanischen Schulen. Ein Video über sexuelle Belästigung macht eine Riesenkarriere im Netz - und wird jetzt des Rassismus verdächtigt, berichtet die New Republic. Der "sowjetische Leichnam" ist "als Zombie auferstanden in der Gestalt von Putin", sagt Vladimir Sorokin in der Zeit. Das Handelsblatt macht kühne Reformvorschläge für das öffentlich-rechtliche Fernsehen.

Internet

"Ungarn liegt, man darf und muss daran erinnern, mitten in Europa", schreibt Jan Schulz-Ojala im Tagesspiegel über die jüngsten Proteste gegen die geplante Internetsteuer in Ungarn: "So wie das Ungarn unter Orbán mehr und mehr an ein Sultanat oder an ein Zarenreich en miniature erinnert, so gemahnt der Kampf ums freie Internet, mithin: gegen die Zensur, an ägyptische oder auch chinesische Verhältnisse." Im Gespräch mit Rald Leonhard (taz) äußert Zsolt Varády, Sprecher der Bewegung gegen die Internetsteuer, die Hoffnung, dass sich die Proteste ausdehnen: "Es kann ein Funke sein, der ein Feuer auslöst, das dann ein Licht auf viele der Probleme wirft."
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Stichwörter: Freies Internet, Ungarn

Kulturpolitik

Kulturpolitik fordert den ganzen Mann, macht der Berliner Staatssekretär für Kultur Tim Renner im Gespräch mit Ulf Poschardt und Andreas Rosenfelder von der Welt klar: "Das Thema Kultur ist grandios, hat aber leider den Nachteil, vor allem abends und nachts stattzufinden. Du bist als Staatssekretär einerseits an die frühen politischen Abläufe gebunden, die gerne um 8 Uhr anfangen, und dann bis in die späte Kulturnacht hinein unterwegs. Das gibt einem wenige Möglichkeiten, etwas freizuschaufeln und wirklich einmal in Ruhe nachzudenken."
Stichwörter: Tim Renner

Geschichte

Oliver Grimm berichtet in der Presse über Kulturkämpfe um den Geschichtsunterricht an amerikanischen Schulen: "Seit Amerikas Konservative als Reaktion auf die ihrer Ansicht nach exzessiven gesellschaftlichen Bewegungen der 1960er-Jahre die "Culture Wars" erklärt haben, ist das in Schulen und Universitäten vermittelte Geschichtsbild eine der am wildesten umfochtenen Fragen. Je mehr die Geschichtswissenschaft sich um ein differenziertes Verständnis der Vergangenheit bemüht, desto stärker sehen sich rechte Anhänger der Idee von Amerikas Ausnahmerolle in der Welt von linken Defätisten umzingelt, die die Jugend mit Hass auf das Vaterland zu indoktrinieren versuchen."

Außerdem: Gina Thomas wirft der BBC in der FAZ vor, in einer zweistündigen Dokumentation (Ankündigung auf BBC.co.uk) über den Fall Gurlitt alle Deutschen über einen Kamm zu scheren und deutsche Restitutionsbemühungen beim Thema Raubkunst nicht zu würdigen. In der FR berichtet Jan Opielka über das neue jüdische Museum in Warschau.
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Gesellschaft

"Es geht uns gut, denn wir leben in einer Externalisierungsgesellschaft", schreibt der Stephan Lessenich in der SZ und argumentiert, dass unser Wohlstand maßgeblich durch die Ausbeutung anderer erkauft ist: "Über die Externalisierung von Zwängen werden die eigenen Freiheiten geschaffen, mittels Zerstörung fremder Lebenswelten die eigenen Lebenschancen gesichert, durch eine Politik zu Lasten Dritter die eigenen Verhältnisse gelebt. Neben uns die Sintflut."

Dieses Video hat inzwischen wohl jede(r) gesehen: ein Zusammenschnitt aus der Anmache, die eine Frau beim Gang durch die Straßen von New York erleiden musste. Heimlich mitgeschnitten von der Organisation Hollaback:



Dem Video wird nun der Vorwurf gemacht, es sei rassistisch, berichtet Molly Mirhashem in der New Republic, denn es würden kaum weiße Männer gezeigt, die die Frau ansprechen. Wenn der Film "Gegenden auswählte, in denen Belästigung wahrscheinlich sei, wie wurden diese Entscheidungen getroffen? Shohana Roberts (die Frau aus dem Video) hätte auch über die Wall Street laufen müssen" (wo laut der Organisation Hollaback Belästigung besonders schlimm ist).

Weiteres: Am Dienstag hat die Zürcher Stiftung Kreatives Alter ihre "stattlich dotierten" Preise verliehen an Autoren, die "Menschen im Ruhestand ermuntern, weiterhin kreativ zu sein oder es zu werden", meldet Urs Hafner in der NZZ.
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Europa

Der "sowjetische Leichnam" ist "als Zombie auferstanden in der Gestalt von Putin", sagt der Schriftsteller Vladimir Sorokin in einem Zeit-Interview mit Michael Thumann. Und wer hat diese Wiederauferstehung ermöglicht? Der Westen, mit seiner Passivität und Blauäugigkeit: "Der Westen hat zu lange gewartet, dass Russland demokratisch würde. Aber mit der Machtübernahme Putins war alles klar. Und der Westen wartete vergebens, während man bei uns die Demokratie erstickte. Der Zug fährt in die Sackgasse, und keiner hält ihn mehr auf."

Filipp Piatov kritisiert in der Welt den "romantischen Nationalisten" Michail Chodorkowski: "Schon beim ersten Interview nach seiner zehnjährigen Haft offenbarte er sich einer russischen Reporterin. "Ich bin in gewisser Weise Nationalist", sagte er. Und verschwieg nicht, dass er für den unruhigen Nordkaukasus auch in den Krieg ziehen würde. Abtrennung oder Krieg? Dann laute die Antwort Krieg, so Chodorkowski. Es sei "unser Land", man hätte es schließlich erobert."

Weiteres: in der FAZ erzählt Frieder Schuller die erstaunliche Geschichte des Klaus Johannis, der zuerst der deutschstämmige Bürgermeister der Stadt Sibiu und nun gleich Präsidentschaftskandidat in Rumänien ist.

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Medien

Die Produzentin Sharon von Wietersheim, Vorstand des Verbandes Deutscher Filmproduzenten, hat ermittelt, dass von den 270 Filmen zur Hauptsendezeit im Öffentlich-Rechtlichen zwei Drittel von abhängigen Produzenten stammten, etwa von der ARD-hauseigenen Bavaria Film oder dem Studio Hamburg, einer hundertprozentigen Tochter des NDR, berichtet Hans-Peter Siebenhaar im Handelsblatt. Das fördere nicht nur die Uniformierung der deutschen TV-Filmlandschaft, sondern benachteilige auch unabhängige Produzenten auf unfaire Weise. Hoffnung macht der Blick in die Niederlande: "Dort will die Regierung ab 2016 den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten die Hälfte ihres Budgets streichen. Das Geld soll direkt an die TV-Produzenten mit den kreativsten und interessantesten Programmen vergeben werden. Nach dem Willen der niederländischen Regierung soll das Monopol der öffentlich-rechtlichen Anstalten gebrochen werden, um endlich Jungen und Kreativen den Zugang zum Filmmarkt zu ermöglichen. Ein Modell, das auch in Deutschland als beispielhaft gelten könnte."

Ausgerechnet Redakteurinnen, die schreiben können, will Gruner und Jahr bei Brigitte durch Freie ersetzen, meldet turi2 unter Bezug auf verschiedene Quellen, auch bei Geo werden Stellen gestrichen (mehr hier).
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Politik

Bobby Rafiq unterhält sich für Carta mit Daniel Gerlach, Autor und Herausgeber der Zeitschrift Zenith, der die Gewaltobszönitäten von IS-Miliz und lateinamerikanischen Drogenkartellen vergleicht: "Kopfabschneiden vor der Kamera - ob mit Schwert oder Motorsäge - ist weder eine islamische noch eine lateinamerikanische Folklore. Sondern Teil perverser Abschreckungspropaganda, die ihrerseits aus einer völligen sozialen Verrohung hervorgeht. Und die Macht von Kartellen oder selbst ernannten Kalifatsstaaten speist sich aus dem Bankrott von Staaten." In einem Beitrag im Journal der IPG führt Gerlach seine Überlegungen weiter aus.

Seit Monaten wird über die in den Freihandelsabkommen Ceta und TTIP vorgesehenen Schiedsgerichte diskutiert. In der Zeit hält der Europarechtler Andreas Fischer-Lescano nun fest: Wenn diese Passagen so beschlossen werden, können sie vor dem EU-Recht und dem deutschen Grundgesetz nicht bestehen: "Der gegenwärtige Stand des Unionsrechts verbietet Schiedsgerichte in der vorgesehenen Form. Auch im Hinblick auf das deutsche Recht werden die Schiedsgerichte rechtlich noch einmal zu diskutieren sein. Denn sie sind mit dem richterlichen Rechtsprechungsmonopol des Grundgesetzes unvereinbar."
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