Efeu - Die Kulturrundschau

Ecrit par Mme Bach

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.10.2014. Die Welt porträtiert den Drehbuch- und Krimiautor Orkun Ertener. Der Freitag fordert Modejournalisten auf, sich bei ernsten Themen einzumischen. Im Standard erklärt der Regisseur Lav Diaz, wie die malayische Kultur auf den Philippinen zerstört wurde. In der taz erklären die Dardenne-Brüder, warum man für Gewerkschaften keinen Film drehen kann. Slate.fr fragt, wieviel von Bach von Bach ist. Zeit online hört transhumanistische Musik von Arca.

Film



Im Interview mit dem Standard spricht der philippinische Regisseur Lav Diaz über den Einfluss der Mythologie in seinem jüngsten Film "From What is Before" und über die Philippinen in den späten Sechzigern, frühen Siebzigern: "Ich wuchs in diesem südlichen Teil der Philippinen auf. In der dortigen malayischen Kultur gab es keine getaktete Zeitstruktur. Man konnte den ganzen Tag sitzenbleiben oder schlafen. Die Natur ist so reichhaltig. Dann kam der Kolonialismus, der alle Perspektiven, selbst unsere Namen geändert hat. Auf die Spanier folgte der Islam - ein Kataklysmus der Kultur, eine gewaltvolle Form, alle Dinge zu ändern. Aus Animisten wurden Katholiken, plötzlich ist da dieser weiße Gott, der in den Wolken schwebt, Gebote diktiert. Ich dachte, es ist an der Zeit, zu den Anfängen zurückzukehren, um diese Installierung von neuen Perspektiven zu untersuchen."

Ekkehard Knörer befragt in der taz die Dardenne-Brüder nach dem politischen Gehalt ihres neuen Films "Zwei Tage, eine Nacht". Hat er nicht einen stark didaktischen Zug, als wäre er für die Gewerkschaften geschrieben worden? "(langes Schweigen) Jean-Pierre Dardenne: "Nun ja. Die Gewerkschaften, wie ich sie kenne, würden einem nicht die Freiheit des Ausdrucks einräumen, die Filme wie die unseren brauchen.""

Besprochen wurde der Film im Perlentaucher, im Freitag und in der Berliner Zeitung.

"Das russische Filmmuseum wird systematisch zerstört!", schlägt Katja Nicodemus in der Zeit Alarm. Nachdem dort im Juli mit der Journalistin Larissa Solonicina eine neue Leiterin installiert worden war, trat nun der gesamte Stab des Museums geschlossen zurück und begründete diesen Schritt in einem offenen Brief: "Was die zweiundzwanzig Kuratoren, Filmhistoriker und technischen Mitarbeiter beschreiben, liest sich wie die planmäßige Vernichtung einer Institution. Solonicina habe keinerlei Interesse am Museum, seiner Sammlung, seinen Aktivitäten gezeigt. Stattdessen habe sie systematisch Mitglieder verleumdet, erpresst, entlassen und die gesamte Arbeit des Museums zum Stillstand gebracht."

Weitere Artikel: Im CulturMag bringt Wolfram Schütte seine Notizen zu auf den 48. Hofer Filmtagen gesehenen Filmen. Hanns-Georg Rodek berichtet in der Welt aus Hof. Die neueren Politserien aus USA und Großbritannien verdunkeln sich zusehends im Ton, erklärt Barbara Schweizerhof im Freitag. In der Zeit unterhalten sich Mariam Lau und Khue Pham mit Jürgen Trittin und dem "Borgen"-Produzenten Ingolf Gabold über Politik im Fernsehen. Auf der Viennale hat Susan Vahabzadeh (SZ) ihr Herz vor allem an Bill Hecks Dokumentarfilm über den amerikanischen Regisseur Peter Bogdanovich verloren. Außerdem plaudert Vahabzadeh mit Wim Wenders über dessen (im Tagesspiegel und in der Welt besprochenen) Dokumentarfilm "Das Salz der Erde" über den Fotografen Sebastião Salgado.

Besprochen werden weiter das nur auf DVD veröffentlichte Postapokalypse-Roadmovie "The Rover" von David Michôd (taz), Jemaine Clements und Taika Waititis Vampirkomödie "5 Zimmer, Küche, Sarg" (taz) und Matthew Warchus" Film "Pride" über den Zusammenschluss von Arbeitern und Homosexuellen gegen Thatcher 1984 (der Film "hat definitiv das Zeug zum Publikumshit. Nicht zuletzt, weil er es schafft, seine unbestreitbaren Feel-good-Qualitäten mit seiner kämpferischen Haltung zu verbinden", meint Isabella Reicher im Standard, Barbara Schweizerhof sieht das in der Presse ähnlich).
Archiv: Film

Bühne

Im Schauspielhaus Bochum rückt man Balzacs "Der Spekulant" in dem von Hermann Schmidt-Rahmer inszenierten Stück "Gespenster des Kapitals" mit den Mitteln des Trashkinos zuleibe, erfahren wir in der FAZ von Andreas Rossmann: Das Ergebnis ist "eine rasante Geisterbahnfahrt zwischen Adam Smith und Addams Family, Rocky Horror Show und Kapitalismus-Klippschule, Leerlauf und Lehrstück, die durch die schwindelnden Höhen und tiefsten Geldvernichtungsabgründe der internationalen Finanzwelt schlingert". In der Nachtkritik konstatiert Stefan Keim: "Die politische Zuspitzung liegt" dem Regisseur.

Besprochen werden Philipp M. Krenns Inszenierung von Manfred Trojahns Oper "Orest" in Wien (Presse), Viktor Bodós "Motel" am Schauspielhaus Graz (Standard) und Christiane Pohles "Zauberberg" in Stuttgart (SZ).
Archiv: Bühne

Kunst

In der Welt porträtiert Gesine Borcherdt den Fotografen Stephan Erfurt, dessen Ausstellungshaus c/o Berlin nun wohl endgültig im Amerikahaus angekommen ist. In der NZZ erinnert Guido Magnaguagno an den kürzlich verstorbenen Fotografen René Burri. In der FR erklärt Regina Kerner wie die Sixtinische Kapelle dem immer stärker werdenden Touristenandrang begegnet. In München wird heute die edierte Version der 2012 nach 70 Jahren wieder aufgetauchten Habilitation des Kunsthistorikers Erwin Panofsky vorgestellt, worüber sich Julia Voss in der FAZ mit Gerda Panofsky unterhält. Melanie Mühl (FAZ) gratuliert dem Fotografen Mario Testino zum 60. Geburtstag.


Martin Kollar, This Place, Dox

Besprochen werden eine Ausstellung der Bilder von zwölf Fotografen von ihren Reisen durch den Nahen Osten, die im DOX Centre for Contemporary Art in Prag zu sehen ist ("meisterhaft", schwärmt Peter Münch in der SZ), eine Monique Jacot gewidmete Ausstellung im Verborgenen Museum in Berlin (taz) und eine Katharina-Grosse-Ausstellung im Museum Kunstpalast in Düsseldorf (FAZ).
Anzeige
Archiv: Kunst

Literatur

Elmar Krekeler stellt in der Welt den Drehbuchautor Orkun Ertener vor, dessen erster Kriminalroman "Lebt" von den Dönme erzählt: "Eine jüdische Religionsgemeinschaft, gegründet vom Charismatiker Schabbtai Zvi im 17. Jahrhundert, die offiziell zum Islam konvertiert war. Bestens integriert, Motor der Moderne im toleranten multikonfessionellen Saloniki, Basis diverser Verschwörungstheorien. Bevor sie dann zwischen die Stühle geriet. Zwangsumgesiedelt und mehr oder weniger enteignet, während des griechisch-türkischen Bevölkerungsaustauschs in den Zwanzigern - sie waren ja Moslems -, verfolgt, ermordet Anfang der Vierziger von den Nazis - sie waren ja Juden. Sie beschlossen zu schweigen."

Weitere Artikel: Für den Tagesspiegel hat sich Pepe Egger mit dem Schriftsteller John Berger getroffen.

Besprochen werden Willi Winklers "Deutschland, eine Winterreise" (CulturMag), Tor Ulvens "Das allgemein Unmenschliche" (Freitag), eine deutsche Übersetzung des buddhistischen Kanontextes "Jingde chuandeng lu" (FR), Robert Hosfelds Biografie über Heinrich Heine (FAZ) und Robert Warshows Essaysammlung "Die unmittelbare Erfahrung" (SZ, unsere Leseprobe).
Archiv: Literatur

Design

Feminismus-Demo bei Chanel, Galliano bei Margiela - reichlich genervt ist die Guardian-Reporterin Jess Cartner-Morley (Freitag) von der Betriebsblindheit der Mode, wenn es in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen um politische Themen geht: "Stella McCartney sagte backstage bei der Fashion-Week in Paris, sie thematisiere, wie "Stärke allein bei einer Frau grob wirken könne", weshalb es ihr mit der aktuellen Kollektion darum gehe, "das Weiche und Zarte an einer Frau zu zelebrieren". Ihr Kommentar wurde prompt als antifeministisch verurteilt - was den Motiven einer Frau sicher nicht gerecht wird, die erfolgreich ein internationales Modeunternehmen gegründet hat und es nach strengen ethischen Prinzipien führt. Frustrierend war aber auch, dass McCartney sich nicht öffentlich verteidigte, um eine echte Debatte herbeizuführen."

Archiv: Design
Stichwörter: Chanel, Feminismus

Musik

Léa Bucci greift in Slate.fr eine britisch-amerikanische Debatte über die Frage auf, ob einige Bach-Werke von Anna Magdalena, seiner zweiten Frau, geschrieben worden seien. Der bekannteste Promoter dieser Theorie ist der australische Musikwissenschaftler Martin Jarvis. Die Washington Post berichtete zuerst über den Dokumentarfilm "Written by Mrs Bach", der die These verficht. "Einige handschriftliche Manuskripte scheinen von Anna Magdalena geschrieben worden zu sein. Auf ihrer ersten Seite ist auf französisch vermerkt: "Ecrit par Mme Bach". Das ist nicht überraschend, man weiß, dass sie für Bach Partituren transkribiert hat. Aber die Forscher meinen, dass diese Partituren nicht die "Gewissenhaftigkeit und Schwerfälligkeit" einfacher Kopien haben, sie könnten laut The Telegraph, Frucht ihrer Fantasie sein."

Und das soll zum Beispiel für die Cello-Suiten gelten:



Im Guardian zieht der Cellist Stephen Isserlis die Anna-Magdalena-These in Zweifel: "Warum ich so überzeugt bin, dass Bach selbst seine Suiten komponierte? Weil es so viele Wechselbeziehungen mit anderen Werken gibt."

Reichlich trans- und posthumanistisch geht es in der technophilen Musik von Arca zu, der gerade sein Album "Xen" veröffentlicht haben, wie wir von Daniel Gerhart auf ZeitOnline erfahren: Der Produzent verschmilzt "so vollständig mit seinen Maschinen, dass sich kaum noch sagen lässt, wo der Mensch aufhört und die Technik beginnt. Dabei entsteht Unerhörtes im besten Sinn - Geräusche, wie sie die Welt noch nicht gehört hat. ... Wie eine Welt klingen könnte, in der niemand mehr die Maschinen überwacht, lässt die düstere zweite Hälfte von Xen erahnen." Für Pitchfork unterhielt sich vor kurzem Carrie Battan mit dem Künstler. Und hier das adäquat befremdende Video:



Weitere Artikel: Zum 10. Todestag von John Peel packt Jörg Augsburg vom Freitag die nostalgische Sehnsucht nach den meinungs- und geschmacksbildenden Sendungen des legendären BBC-Moderators, der seinen Hörern seinerzeit ganze Kontinente neuer Popmusik erschloss. Jens Balzer unterhält sich in der Berliner Zeitung mit Bert Noglik, dem Leiter des heute in Berlin beginnenden, in der taz von Christian Broecking vorgestellten Jazzfests. In der SZ hört sich Helmut Mauró durch die ersten großen Klassik-Editionen der Saison.

Besprochen werden außerdem ein Konzert des Chicago Symphony Orchestras mit Riccardo Muti in Wien (Presse), das Jazz-Album "Wildern" von Tobias Christl (Freitag) und ein Konzert Elvis Costellos an der Bâloise Session (NZZ).
Archiv: Musik