9punkt - Die Debattenrundschau

Rückwärtsverteilung der Schuld

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.08.2014. Gibt es etwas am Islam, das diese Religion besonders gewalttätig und unfähig zur Selbstreflexion macht? Nein, meint Kenan Malik in seinem Blog. In der Zeit spricht Herfried Münkler über die neue Unübersichtlichkeit in den Kriegen. Thomas Knüwer kann in seinem Blog nicht in den Abgesang dreier FAZ-Redakteure auf die Zeitung einstimmen. Stiftungsfinanzierter Journalismus ist auch keine Lösung, meint Jens Rehländer in Carta. Und in der Zeit traut Jens Jessen den Kritikern Christopher Clarks keineswegs über den Weg.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.08.2014 finden Sie hier

Politik

Im Gespräch mit Katja Nicocemus von der Zeit denkt der Politikwissenschaftler Herfried Münkler über die neue Unübersichtlichkeit in bewaffneten Auseinandersetzungen nach. Dazu gehört, dass im Irak, in Syrien oder der Ukraine Partisanen statt regulärer Armeen kämpfen. Partisanen tragen keine Uniformen, sie sind von Zivilisten nicht zu unterscheiden. Das verändert auch die Kriegsführung, erklärt Münkler: "Natürlich ist die Erschießung von Zivilisten ein Kriegsverbrechen, aber es ist psychologisch nachvollziehbar, dass Kampfhandlungen ethisch entgrenzt werden, wenn Kombattanten sich als Non-Kombattanten tarnen, sodass das Vertrauen in die Geltung des Kriegsrechts - ein Zivilist ist ein Zivilist ist ein Zivilist - nicht mehr gegeben ist."

In einem Interview, ebenfalls in der Zeit, erklärt der italienische Fotojournalist Gianluca Panella, der den Alltag palästinensischer Kämpfer im Gazastreifen dokumentiert hat: "Viele, die ich getroffen habe, sind keine Vollzeitkrieger. Einer ist Polizist, ein anderer Taxi­fahrer. Ich habe nur einen hauptberuflichen Kämpfer getroffen. Er war auch der einzige, des­sen Gesicht ich fotografieren durfte."
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Internet

Auch deutsche Autoren veröffentlichen jetzt einen offenen Brief gegen Amazon (aber anders als ihre amerikanischen Vorbilder wohl nicht als bezahlte Anzeige, von der etwa die FAZ profitierte). Man wendet sich gegen die verzögerte Auslieferung von Büchern missliebiger Verlage und gegen die angebliche Manipulation von Empfehlungslisten bei Amazon, berichtet das Handelsblatt, dem der Wortlaut des Brifs vorliegt. Zu den Unterzeichnern gehören Ingrid Noll, Günter Wallraff und Elfriede Jelinek.
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Gesellschaft



Joachim Müller-Jung probiert für die FAZ die Oculus Rift-Rundummaske, mit der man sich in virtuellen, dreidimensionallen Welten bewegen kann. Und winkt ab: "Höhenangst in fünf Zentimetern über dem Grund. Gehweghöhe. Meine Hände sind nass vor Schweiß, die Knie zittern, der Blick geht nach unten."

In den sozialen Medien bedrohen zunehmend Islamisten die 700 Personen starke jesidische Gemeinde in Wien, berichtet in der taz Ralf Leonhard. "Ein Aktivist betreibt einen Internetshop mit Fanartikeln der IS. Besondere Renner sind Baseball-Kappen in Tarnfarben mit IS-Logo und T-Shirts mit Terrorbotschaften auf Arabisch. Kein Wunder, dass sich Jesiden, die in der Straßenbahn solchen Symbolen oder der schwarzen Fahne der IS begegnen, bedroht fühlen."
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Medien

Thomas Knüwer hat in der FAS den Abgesang der Redakteure Rainer Hank, Patrick Bernau und Winand von Petersdorff auf die Tageszeitung gelesen und ist in seinem Blog leicht entsetzt, was die Lösungsvorschläge angeht: "Denn: Bernau, Hank und von Petersdorff haben exakt - keine einzige. Sie visionieren zwei Szenarien in denen die Dinge einfach so geschehen. Das eine sieht die Verlage vollkommen untergehen, das andere glaubt an das Überleben weniger, großer Konzerne und das Sprießen vieler, kleiner Angebote. Doch zwischen den Zeilen trieft dabei vor allem eines durch: Die drei Ausrufezeichen wollen ihr eigenes Tun nicht ändern."

(Via Carta) Jens Rehländer von der VW-Stiftung erklärt in seinem Blog, warum in deutschen Medien die Ablehnung stiftungsfinanzierten Journalismus so groß ist (unter anderem weil stets noch profitable Regionalblätter sich keineswegs in der Lokalberichterstattung dazwischen funken lassen wollen). Und er stellt klar: "Selbst bei großzügiger Unterstützung könnte der Dritte Sektor, also der Stiftungsbereich, weniger als ein Prozent des hiesigen Medienumsatzes finanzieren. Das reicht nicht aus, die Pressefreiheit zu untergraben. Aber auch nicht, den Qualitätsjournalismus in Deutschland zu retten."

Stern-Chefredakteur Dominik Wichmann muss womöglich gehen, meldet turi2 mit Horizont.
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