Efeu - Die Kulturrundschau

Facetten des Fakes

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14.08.2014. Nach der Bekanntgabe der Longlist des Deutschen Buchpreises herrscht Enttäuschung in der taz, einen Skandal gar wittert die Welt. Über Dave Eggers hingegen sind sich weiterhin alle uneinig, carta rümpft nach der Lektüre die Nase.Die digitale Schwarmintelligenz mischt jetzt auch im Städtebau mit, berichtet die Zeit. Die NZZ hat auf der Yokohama-Triennale in Japan Dinge gesehen, die andere gar nicht sehen wollen. Die taz tanzt Voguing. Und: Alle trauern um Lauren Bacall.

Literatur

Sabine Vogel und Harald Jähner unterhalten sich in der Berliner Zeitung mit Judith Hermann über deren ersten Roman "Aller Liebe Anfang". Über diesen Anfang hat die Autorin einiges zu sagen: "Der Anfang der Liebe liegt vor dem Augenblick, in dem man ein Gesicht sieht, und das Gefühl hat, auf diesen Blick in dieses Gesicht habe man ein Leben lang gewartet. Der Anfang liegt im leeren Raum davor, in der Bereitschaft für einen Anderen an und für sich. Das ist mit vielen Ängsten verbunden, auch im Prolog ist die Liebe an die Angst gebunden." (Wenig freundlich behandelt die Kritik heute den Roman: In der Zeit verreißt ihn Ijoma Mangold wegen seines "lethargischen Realismus", Florian Kessler findet ihn in der taz "beängstigend egozentrisch".)

Bei allem Verständnis für die Herausforderungen, die sich jeder Literaturjury stellen, ist Dirk Knipphals in der taz dennoch sehr enttäuscht von der gestern bekannt gegebenen Longlist des Deutschen Buchpreises: Die "ist Quatsch. ... Die Auswahl, die die Liste anbietet, wirkt hilflos. So als wollten alle Jurymitglieder wenigstens ihre eigenen Favoriten retten." Insbesondere dass Michael Kleeberg und Nino Haratischwili übergangen wurden, findet er skandalös und rät für den kommenden literarischen Herbst dringend, sich auch abseits der nominierten Romane umzusehen. Richard Kämmerlings geht in der Welt noch weiter und spricht von einem Skandal: "Dass es inzwischen eine Reihe bedeutender Autorinnen nicht nur unter 50, sondern sogar unter 40 oder gar 30 gibt, scheint der Jury vollkommen entgangen zu sein: Keiner der wichtigen Debütromane junger Frauen ist vertreten, weder Verena Güntners "Es bringen" noch Julia Trompeters herrlich verspielte "Mittlerin"."

Ja, will denn wirklich keiner (außer Dirk Knipphals in der taz) merken, was für ein schlechter Roman "Der Circle" von Dave Eggers ist, beschwert sich Torsten Larbig auf Carta: Dieses Buch "ist eine Zumutung. Und seine Rezeption in der deutschen Literaturkritik ist für mich weitgehend überhaupt nicht nachvollziehbar. Das Problem liegt darin, dass man sich an vielen Stellen in der Literaturkritik nur noch an Themen orientiert und dabei anscheinend vergisst, dass ein guter Plot nur ein Teil der Voraussetzungen für ein gutes Buch ist." In der SZ ist Jörg Häntzschel unterdessen der Ansicht, dass Eggers seine Figuren selbst schon wie "Roboter" behandelt: "Auch das ist ein Statement, aber wohl kein beabsichtigtes."

Außerdem: Lars von Törne lässt die beiden Comiczeichner Manuele Fior und Emmanuel Guibert für den Tagesspiegel mit dem Zeichenstift durch Berlin spazieren. Der Freitag bringt zudem die deutsche Übersetzung von Hermione Hobys ursprünglich im Guardian erschienenen Porträts von David Mitchell (mehr).

Besprochen werden Bernd Stieglers "Spuren, Elfen und andere Erscheinungen - Conan Doyle und die Photographie" (FAZ), Byung-Chul Hans neues Buch "Psychopolitik - Neoliberalismus und die neuen Markttechniken" (SZ), George Packers "Die Abwicklung" (Freitag, mehr), Sofi Oksanens "Als die Tauben verschwanden" (FR) und die Memoiren von Berghain-Türsteher Sven Marquart (Tagesspiegel).
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Kunst

Für die NZZ berichtet Samuel Herzog aus Japan von der fünften Yokohama-Triennale im Yokohama Museum of Art, die von dem Künstler Morimura Yasumasa unter dem Titel "Sailing into the sea of oblivion" kuratiert wird. "Erfrischend intellektuelle Redseligkeit" attestiert Herzog der Triennale, die nicht weniger will als Dinge zu zeigen, über die man nicht sprechen soll und die man auch nicht sehen darf, so etwa die "Skulpturen von Edward und Nancy Kienholz, die mit ihren manipulierten Fernsehmonitoren überdeutlich vor den Manipulationen durch Massenmedien warnen - aus einem Fernsehkasten etwa wölbt sich statt des Bildschirms ein menschliches Gesäß, das Kot in die Welt hinausquetscht."
(Bild: Edward und Nancy Kienholz, Quelle: Elsa Mudame, NZZ)

Gabriele Detterer schreibt in der NZZ über den 25. Architektur-Weltkongress in Südafrika, wo der Schwerpunkt insbesondere auf Ökologie, "Resilienz" und ethisch-gemischtem Wohnen in den Städten Südafrikas lag. Detterer bemerkt hier einen "scharfen Schwenk weg vom Höhenrausch boomender Stadtzentren, weg von der Ästhetik gigantischer vertikaler Fassaden, hin zu einem Verständnis von Architektur als interkulturell und sozial orientierter Disziplin, die allen Menschen dient."

Die digitale Schwarmintelligenz erobert nun mit Hilfe von Crowdsourcing auch den öffentlichen Raum, weiß Hanno Rauterberg nach einer New-York-Reise in der Zeit zu berichten: "Auf Supermarktdächern entstehen Gemüsebeete (...) und selbst Tunnelgrotten, die seit Jahrzehnten vor sich hinrotten, wecken die soziale Fantasie: Ließe sich da nicht ein unterirdischer Park anlegen mit Bäumen und bemoosten Wäldern?"

Besprochen werden die Jubiläumsausstellung zum zehnjährigen Bestehen des Berliner Clubs Berghain (taz, FAZ) und die Ausstellung "The Good Cause" im Architekturmuseum in München (taz).
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Musik

Passend zum Berliner Wetter hat Jan Freitag von ZeitOnline schon einmal die beste Musik für den kommenden Herbst ausfindig gemacht: Mirel Wagners Album "When the Cellar Children See The Light of Day" jedenfalls ist der perfekte Regenwetter-Soundtrack: Denn "wenn Mirel Wagner zur Gitarre greift, bleibt die Seele verschattet und das Kellerkind in der Dunkelheit ihrer trüben Gedanken gefangen. Da regnet es zehn Stücke lang aus dicken Wolken aufs kaputte Dach darüber. ... Dieses Album [ist] traumwandlerisch schön und bei aller Tristesse unterhaltsam." Hier können wir reinhören:



Im Tagesspiegel gratuliert Frederik Hanssen dem Dirigenten Georges Prêtre zum 90. Geburtstag. Besprochen werden ein lärmend-heftiges Jazz-Konzert von Mats Gustaffson, Massimo Pupillo und Brian Chippendale (taz), der ungleich sanftere Mainzer Auftritt von Patti Smith (FR), das neue Album von Jack White (FR) und Becks Aufnahmen jener Lieder, die er 2012 bereits als Notenblattsammlung veröffentlicht hat (SZ).
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Bühne

Manuel Brug hat für die Welt Rolando Villazons ersten Roman "Kunststücke" gelesen, findet ihn als Autor zwar ebenso "mittelmäßig" wie als Tenor, verzeiht das aber gerne, denn "Die Menschenmassen lieben ihn nicht als Tenor für die Kunstkenner, Rolando Villazón ist und bleibt der Trällertenor des Volkes, der immer da ist, wenn im Fernsehen gute Laune, Latino-Feeling, unbekümmert musikalisches So-Sein verlangt wird. Dann breitet er die Arme aus und schmettert drauf los. Und alle freuen sich."

Für die taz hat Franziska Buhre einen Kurs im Voguing besucht: "Voguing lebt vom Spiel mit den Facetten des Fakes, von der Imitation bis zur vorsätzlichen Täuschung. Auf dem Runway, dem Laufsteg, auf dem Tanzende sich im Wettstreit um Aufmerksamkeit zu übertrumpfen suchen, kann dieses Spiel sehr ernst werden."

Weitere Artikel: Frederik Hanssen resümiert im Tagesspiegel die Salzburger Festspiele. In der SZ porträtiert Helmut Mauró den Opernsänger Matthias Goerne.
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Film

Alle trauern um die große Hollywood-Diva Lauren Bacall: Michael Kohler in der Berliner Zeitung, Gerhard Midding in der Zeit, Julia Teichmann in der Berliner Zeitung, Christian Schröder im Tagesspiegel, Dieter Bartetzko in der FAZ, Barbara Schweizerhof in der taz, Willi Winkler in der SZ und Barbara Möller in der Welt. Auf Fandor sammelt David Hudson internationale Links. Die Zeit hat zudem eine tolle Bilderstrecke online gestellt. Das Magazin der Süddeutschen hat aus diesem Anlass ein umfangreiches Gespräch aus seinem Archiv online gestellt, das der Regisseur Peter Bogdanovich 2002 mit Bacall geführt hat. Auch einen Hinweis wert ist dieses große Feature über Bacall, das Vanity Fair 2011 veröffentlicht hat.

Frédéric Jaeger schreibt für critic.de weiter fleißig Sehtagebuch vom Filmfestival in Locarno. Für den Freitag haben Anna Luise Kiss und Dieter Chill auf der sizilianischen Insel Aci Trezza nach den Drehorten von Luchino Viscontis 1947 hier entstandenen "La Terra Trema" gesucht und dabei auch tatsächlich noch einige Darsteller aus dem Film in der Bevölkerung ausfindig gemacht. In der taz schreibt Carolin Weidner über eine Reihe zur portugiesischen Filmgeschichte im Berliner Kino Babylon.

In der NZZ schreibt Susanne Oswald über Jonathan Glazers Science-Fiction-Film "Under the Skin" (hier unsere Kritik vom Filmfest München) und Luc Bessons Actionkracher "Lucy", die mit einer kraftvollen Scarlett Johansson jeweils ein neues Weiblichkeitsbild entwerfen, in "Under the Skin" erscheint Johansson "überraschenderweise schwarzhaarig und bürstet buchstäblich ihr Image gegen den Strich beziehungsweise streift, dem Titel gemäß, ihre Haut ab - und verwandelt mithin auch das im Action-Genre weitverbreitete Bild von der Frau als dekorativem, wehrlosem Opfer." Weitere Besprechungen von "Lucy" bringen die FAZ, taz und Welt.

Besprochen werden Kelly Reichardts "Night Moves" (Freitag, Tagesspiegel, Zeit, SZ) und Ken Loachs "Jimmy Hall", der vom Fanatismus der irischen Kirche erzählt (Zeit, taz).
Archiv: Film