9punkt - Die Debattenrundschau

Gemeinsam vor einer Isis-Fahne

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.06.2014. Der Spiegel veröffentlicht ein Deutschland-Dossier zur Zusammenarbeit von NSA und BND. Die taz erzählt, wie die Dschihadisten im Irak und Syrien übers Internet Kämpfer aus aller Welt rekrutieren. Richard Herzinger macht den frühen Rückzug der Amerikaner aus dem Irak für den Schlamassel verantwortlich. Putin hat Angst, versichert Nadja Tolokonnikowa im Guardian. Carta fragt angesichts der Kritik an Amazon: Wollen wir mal über den Umgang von Verlagen mit freien Autoren reden?

Politik

Über das Internet rekrutieren Dschihadisten junge Männer für den Kampf in Syrien und dem Irak - darunter auch Hunderte Deutsche, berichtet Konrad Lischka in der taz. "Aus Aleppo, Hasakah, Al-Bab oder Raqqa melden sich vermeintlich die deutschen Kämpfer. Auf einem Bild posiert eine Gruppe junger Deutscher gemeinsam vor einer Isis-Fahne, in den Händen Macheten und Gewehre. Es ist noch nicht lange her, da waren sie Elektriker, Pizzaboten, Auszubildende. Die meisten kommen aus NRW, Frankfurt am Main und Berlin." Das Innenministerium stuft die aus den Krisengebieten zurückkehrenden Kämpfer mittlerweile als "konkrete Gefahr" ein.

Ebenfalls in der taz erstellt der Schriftsteller Najem Wali aus den Facebook-Postings einer Frau in Bagdad ein Tagebuch des sich zuspitzenden Konflikts im Irak. Der letzte Beitrag, bevor das Kommunikationsministerium alle sozialen Netzwerken sperrte, lautet: "Vor einigen Minuten versicherten die Schlagzeilen, dass die Verteidigungsanlagen vor Bagdad jetzt voll ausgebaut sind. Ich frage nach einem Rat bei euch: Heißt das, dass unsere Regierung und unsere Schlaumeier von Politikern sich in Bagdad verschanzen werden, wartend auf die Isis-Kämpfer? Und dann in der Stunde der Wahrheit verlassen sie die Stadt mit ihren Privatflugzeugen? (13. Juni, spätnachts)"

Richard Herzinger appelliert in seinem Blog mit Blick auf den Irak und Syrien dringend, Ursache und Wirkung nicht zu verwechseln: "Die Terrorattacken des 11. September waren eben nicht eine Reaktion auf westliche Interventionen, sondern vielmehr erst deren Auslöser. Die Explosionen von Terror und Willkür, die wir gegenwärtig erleben, sind nicht die Folge der Anstrengungen, die implodierenden nahöstlichen Tyranneien durch zumindest annähernd demokratische Systeme zu ersetzen, sondern des voreiligen Rückzugs des Westens aus diesen von ihm angestoßenen Versuchen."
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Überwachung

"Die NSA-Affäre ist nicht beendet" verkündet der Spiegel und stellt ein Dossier mit Dutzenden Dokumenten aus den Beständen Edward Snowdens online, die die Präsenz und Aktivitäten der NSA in Deutschland bekunden: "Vor allem aber belegt das Deutschland-Dossier die enge Zusammenarbeit zwischen NSA und BND. Nicht nur abgefangene Informationen werden geteilt: Die NSA veranstaltet Lehrgänge, man zeigt sich gegenseitig Spähfähigkeiten und tauscht untereinander Überwachungssoftware aus. So haben die Deutschen das mächtige XKeyscore bekommen, die Amerikaner durften MIRA4 und VERAS ausprobieren." Hier eine Lektürehilfe zum Verständnis der Dokumente.

In seiner Eröffnungsrede des Theaterfestivals "Parallel Lives", die die Nachtkritik online stellt, fordert der Schriftsteller Ilija Trojanow, den Vergleich zwischen der NSA-Affäre und vergangenen Überwachungssystemen wie dem der Stasi zuzulassen. Für ihn ist es "schwer zu verstehen, wieso ein System, das von der Überlegenheit und fortwährenden Einhaltung seiner Werte derart überzeugt ist, einen solchen Vergleich, der ja zu seinen Gunsten ausfallen müsste, vermeiden will. Das Gegenteil wäre logisch, man müsste den Vergleich geradezu forcieren, um den Unterschied zwischen dem Unrecht der Stasi-Tätigkeit und dem Recht der heutigen Geheimdienstarbeit aufzuzeigen (obwohl die technischen Möglichkeiten viel größer sind). Wer jeden Vergleich im Keim zu ersticken versucht, der möchte nicht, dass wir Lehren aus der Geschichte ziehen."
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Internet

In den USA regt sich Widerstand gegen die Dominanz von Amazon, berichtet Stephen Marche in Esquire und erinnert an die "vergessene Kunst", Bücher in Buchhandlungen zu kaufen: "Ein guter Buchhändler ist einem personalisierten Algorithmus in jeder Hinsicht meilenweit überlegen. Schon bein Betreten des Ladens wirst du mit Tausenden neuen Entscheidungen konfrontiert. Unter ihnen verbirgt sich etwas, dem du noch nie begegnet bist und das deine Seele bereichern wird. Das ist, was gute Bücher machen, und gute Buchläden ebenso. Sie lassen dich aus deinem Algorithmus hinaustreten."

Auf Carta kann Christian Buggisch das derzeitige Bashing von Amazon, insbesonderen in der Süddeutschen, nicht nachvollziehen. Dass Amazon mit Druck versucht, bei den Buchverlegern bessere Konditionen herauszuholen, sei doch wohl normal: "Glaubt wirklich jemand, dass die Verhandlungen zwischen Automobilkonzernen und Zulieferern kuscheliger ablaufen? Oder bleiben wir ruhig in der Branche: Glaubt wirklich jemand, dass die Verlage nicht aus einer Position der Stärke heraus agieren, wenn sie mit ihren Autoren Verträge aushandeln und ihnen Konditionen diktieren? Wollen wir mal über den Umgang von Verlagen mit freien Autoren reden?"

Die VG Media, an der einige Zeitungsverlage beteiligt sind, hat Google wegen Verletzung des vor einem Jahr verabschiedeten Leistungsschutzrechts verklagt, meldet Spon. Google soll den Verlagen Geld dafür zahlen, dass ihre Artikel in den Suchergebnislisten von Google angezeigt werden: "Das Leistungsschutzrecht für Presseverleger ermöglicht Verlagen, für die Veröffentlichung von Zeitungsartikeln im Web eine Lizenzgebühr zu erheben. Suchmaschinen dürfen jedoch "einzelne Wörter und kleinste Textausschnitte" lizenzfrei nutzen. Google lehnt es ab, für kleine Textausschnitte, sogenannte Snippets, zu bezahlen."
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Europa

Putin ist längst nicht so stark, wie er mit seinen jüngsten Aktionen gern glauben machen würde, versichert "Pussy Riot"-Bandmitglied Nadja Tolokonnikowa im Guardian. Man sehe sich nur an, wie Nikolai Lyaskin und Konstantine Yankauskas behandelt werden, zwei putinkritische Kandidaten für die Wahl zur Moskauer Duma. Ihre Wohnungen wurden durchsucht, sie wurden des Betrugs angeklagt und stehen jetzt unter Hausarrest. Jede Kommunikation mit der Außenwelt ist ihnen verboten: "Why would Putin - who just conquered Crimea, who proclaimed himself the unifier of the former land of Russia under the USSR, and who maintains (according to state opinion polls) the support of more than 80% of Russian citizens - be unable to tolerate a little trivial competition (a pair of independent opposition politicians) in even a local election? The answer is simple, and Lyaskin and Yankauskas know it: Putin is afraid of them, just like Putin was afraid of Pussy Riot."

In der NZZ diskutiert Sonja Margolina welche Rolle Kiew als Vermittler und kultureller Transitraum zwischen Russland und Europa in Zukunft spielen könnte. "Wenn die ukrainische Metropole ihre russischsprachige Tradition nicht preisgeben wird, könnte es ihr gelingen, zum Zentrum einer anderen - nichtimperialen, europäischen, aufgeklärten - russischen Kultur zu werden. Dafür muss Kiew seines Russisch-Seins innewerden, nicht als eines kolonialen Erbes, das es zu überwinden gilt, sondern als einer Triebkraft kultureller Vielfalt und als eines kapitalen Standortvorteils. Es könnte die Zeit kommen, da alle Wege nach Kiew führen werden."

In einem Gastbeitrag in der NZZ beschäftigt sich der Schriftsteller Richard Wagner ebenfalls mit der Ukraine. Während sich Europa selbst bewundert und sich in Sicherheit wähnt, schwelten an seinen Rändern, in Nordafrika und der Ukraine, die Konflikte. "Die Geschichte wurde oft genug von ihren politischen Nebenschauplätzen her neu aufgerollt. Auch Sarajevo war 1914 kein Ort, auf den man besonders geachtet hätte", warnt Wagner mit Blick auf den Konflikt in der Ukraine und andere Brandherde. "Das wäre womöglich alles nicht der Rede wert, gäbe es eine wenigstens in Konturen erkennbare EU-Außenpolitik. Die gibt es aber nicht. Es ist wie mit allem in dieser Union. Ein Mitgliedsland bringt seinen Standpunkt zu einer partikulären außenpolitischen Frage vor, und der Rest, der mit der betreffenden Sache nichts zu tun hat, geht mit."
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Gesellschaft

Frank Schirrmacher ist "viel zu früh gestorben" - so stand es in fast allen Nachrufen. Aber was heißt das eigentlich, fragt sich Wolfgang Röhl auf der Achse des Guten: "Ich meine, der Tod ist ja kein Ereignis, für das es garantierte Datelines gibt. Welche nach einer, von der feuilletonistischen Elite ausgeknobelten, Bedeutung der Verblichenen gestaffelt sind und angemessen zeitfern von deren Geburtsdaten zu liegen haben. Was hätten die Nachrufer denn geschrieben, wenn Schirrmacher nicht mit 54, sondern mit 64 Jahren gestorben wäre? "Zu früher Tod?" Mit 74: "Etwas zu früher Tod"? Mit 84: "Genau zum richtigen Zeitpunkt verstorben"? Mit 94: "Wurde nun aber auch allerhöchste Eisenbahn"?"

Weitere Artikel: Die Deutschen werden immer älter und damit strukturkonservativer, beklagt der Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte in der Welt: "Weit und breit grassiert Risikounlust." Und anlässlich des Christopher Street Day am Wochenende hat Matthias Heine in der Welt ein kleines Lexikon der Intersexualität zusammengestellt.

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