9punkt - Die Debattenrundschau

Ein Spiel, das nicht hätte gespielt werden dürfen

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.06.2014. In Peking durfte nicht an den 4. Juni 1989 erinnert werden. Um so beeindruckender sind die Bilder aus Hongkong, wir setzen Links. Lee Cheuk-yan, Gründer des Tiananmen-Museums in Hongkong, erklärt in der taz, wie wichtig dieses Gedenken für die Stadt ist. Im ägyptischen Fernsehen erzählt eine Frau, warum sie nicht mehr an Gott glaubt - und fliegt aus dem Studio. Der Geschäftsführer der taz, Kalle Ruch, unterstützt die Krautreporter. Sascha Lobo nennt Deutschland einen "digitally failed state". Wenigstens ein Gutes hatten die Wahlen in Indien, findet die NZZ: die Nehru-Gandhi-Dynastie ist passé.

Geschichte

Lee Cheuk-yan, Gründer des Tiananmen-Museums in Hongkong, erklärt im Interview mit der taz, warum der 4. Juni auch für Hongkong wichtig ist: "Wir haben in Hongkong einen rechtlichen Schutz für unsere Autonomie, doch letztlich unterstehen wir dem gleichen Regime. Das versucht seit Jahren mit einem Antisubversionsgesetz unsere Freiheiten einzuschränken. Bisher konnten wir das erfolgreich abwehren, einmal protestierten sogar eine halbe Million Menschen. Peking kontrolliert die politischen Reformen, die wir hier in Hongkong diskutieren. Chinas Regierung hat uns Reformen versprochen, ist aber nicht aufrichtig. Warum sollten wir von einem Regime, dass Demokratie in China unterdrückt, erwarten, dass es sie in Hongkong erlaubt? Wenn wir in Hongkong Demokratie haben wollen, müssen wir dafür sorgen, dass auch China sich dafür öffnet."



In Peking durfte nicht an den 4. Juni 1989 erinnert werden. Um so beeindruckender war die Gedenkdemonstration in Hongkong, von der die französische Huffpo eine grandiose Bilderstrecke präsentiert. Unser Foto wurde unter CC-Lizenz von ayhc auf Flickr eingestellt. Bilder finden sich auf Twitter:

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Politik

Das Freihandelsabkommen mit den USA unterhöhlt den Rechtsstaat, warnt Jens Jessen im Feuilletonaufmacher der Zeit. Damit meint er vor allem den Teil des Abkommens, mit dem Unternehmen nationale gesetzliche Regulierungen und Subventionen aushebeln können: "Um jede Neigung zu larmoyantem Antiamerikanismus zu ersticken: Es handelt sich um keinen Vertrag, den die USA zulasten Europas durchdrücken wollen. Es handelt sich um einen Vertrag, den das internationale Kapital zulasten der nationalen Demokratien abschließen will. Aus welchem Geist er konstruiert ist, zeigt eine letzte, nun wirklich satanische Bestimmung: der Schutz einer schon getätigten Investition vor kommenden Regulierungen. Sollte ein nationales Parlament Gesetze beschließen, einen Mindestlohn beispielsweise oder eine Umweltauflage, die geeignet wären, die Gewinnerwartung des Investors zu schmälern, müsste der betreffende Staat dem Investor den entgangenen Profit ersetzen."
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Medien

Die Crowdfunding-Dynamik bei den Krautreportern lässt zu wünschen übrig. 15.000 Abonnenten zu 60 Euro im Jahr will das neue Online-Magazin haben, bevor es startet. Eine Woche vor Ende der Frist ist nicht mal die Hälfte erreicht. Im Gespräch mit Horizont.net sagt Herausgeber Alexander von Streit: "Erfahrungsgemäß entwickelt die letzte Kampagnenwoche noch einmal eine ganz eigene Dynamik. Nach dem Anfangshype, der zugegeben bei uns gerne noch ein bisschen größer hätte ausfallen können, kommt immer das sogenannte "Tal des Todes" - das ist ein typischer Verlauf für Crowdfunding-Projekte."

Kalle Ruch, der Geschäftsführer der taz, findet - bei aller Sympathie - dass die Krautreporter zu dick auftragen und rät ihnen, auch dann anzufangen, wenn sie die 15.000 Abonnenten nicht zusammenkriegen. Als tazler hat er da Erfahrung: "Die tazler waren damals klüger und haben trotzdem angefangen. Einer von ihnen, Thierry Chervel, der sich seit Jahren mit dem Perlentaucher um die Internetpublizistik verdient macht, hat jüngst seine vier Einsichten der letzten 15 Jahre, die ihn dazu bewegen, die Krautreporter zu abonnieren, aufgeschrieben. Für mich ist das überzeugend, passt schon, ich folge und abonniere diesen ebenso."

In der deutschen Medienlandschaft gibt es keine Samwer-Brüder, die frech die amerikanischen Modelle kopieren. Nach Huffpo und bald auch Buzzfeed kommt nun auch Politico als Filiale nach Europa. Marcel Weiß kommentiert auf Neunetz: "Das Vakuum in der europäischen und deutschen Netzöffentlichkeit, das bisher weder von alteingesessenen Presseverlagen noch von neuen Playern gefüllt wurde, wird nun langsam aber sicher von US-Ablegern besetzt werden."
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Religion

Ein höchst faszinierendes Dokument aus dem ägyptischen Fernsehen zeigt das unten stehende Video: Eine Frau im Hijab und eine liberale Moderatorin streiten über den Islam, und die Rollenverteilung ist nicht so, wie man sie sich vorstellt. Jerry A. Coyne bringt in der New Republic Hintergründe zu diesem Dokument, das von Memri.tv untertitelt wurde.

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Stichwörter: Ägypten, Atheismus, Islam

Überwachung

Doch nicht böse? Google installiert auf Chrome für Gmail-Nutzer eine End-to-End-Verschlüsselung, die Cory Doctorow in Boingboing "als einen großen Schritt für die Privatsphäre und einen Schlag gegen Massenüberwachung" bezeichnet: "Gmail-Nutzer, die das kostenlose Chrome Plugin installieren, können Mails senden, die nur von Leuten gelesen werden, welche das Passwort besitzen - und nicht von Google. Selbst wenn die NSA legal oder verdeckt in Googles Datenzentren eindringt, ist es ihr nicht möglich, Mails zu lesen, die über dieses Plugin laufen."

Sogar Stefan Schulz findet auf faz.net lobende Worte für das Verschlüsselungsprojekt von Google und blickt traurig auf die deutschen Anbieter, die durch ihre Mutlosigkeit mal wieder ins Hintertreffen geraten sind: "In der deutschen Debatte um "Email made in Germany", insbesondere die De-Mail-Initiative, wird als zentraler Kritikpunkt aufgeführt, dass die Verschlüsselungsmethoden nicht viel gegen staatliche Zugriffe helfen, wenn die Verschlüsselung auf dem Datenweg unterbrochen wird. Das "End-to-End"-Gegenmodell, bei dem Daten am einen Ende der Leitung verschlüsselt und erst am anderen Ende des Weges entschlüsselt werden, hat sich in den deutschen Initiativen nicht durchgesetzt, obwohl es vehement gefordert wurde." Dass Googles Verschlüsselungssystem als Browser-Erweiterung kommen soll, wird in den Leserkommentaren zu Schulzes Text allerdings stark kritisiert.

Auf Techcrunch berichtet Alex Wilhelm, dass die großen Internetfirmen Apple, Google, Microsoft und weitere den amerikanischen Senat aufrufen, die NSA-Reform, die bisher ihren Namen nicht wert ist, zu verschärfen.

Wenigstens einer hört nicht auf, wütend zu sein. Sascha Lobo nennt Deutschland auf Spiegel Online einen "digitally failed state" und fasst zusammen, was wir seit einem Jahr - seit Snowden - erfahren mussten, zwei Punkte: "Ein international quasimafiös operierendes, eng verflochtenes Netzwerk von Geheimdiensten, Behörden und Unternehmen führt die Totalüberwachung sämtlicher Bürger ohne jeden Verdacht grundrechtswidrig durch und kann nicht einmal Beweise für die angebliche Wirksamkeit präsentieren." Und "Diese fortgesetze, radikale und antidemokratische Grundrechtszerstörung ist nicht zufällig entstanden, sondern folgt einem Plan - Totalüberwachung ist politisch gewollt, sie wird von Teilen der Politik unter Missachtung von Verfassungen und Menschenrechten als legitimes Mittel betrachtet."

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Geschichte

Das beste, was Urs Schoettli dem Ausgang der indischen Wahlen abgewinnen kann: die Nehru-Gandhi-Dynastie ist endlich am Ende. Nach einem ausführlichen Rückblick auf die führenden Köpfe dieser Familie, die "das Land viel Würde gekostet" hat, meint er: "Viele sehen die Zäsur der Wahl als eine Chance für Indien, endlich aus dem sozialistischen Schlendrian und der institutionalisierten Korruption und Ineffizienz auszubrechen, zu denen die Kongresspartei das Land über mehr als sechs Jahrzehnte verdammt hatte. Ebenso wichtig ist aber, dass als glaubwürdige Alternative zur herrschenden Bharatiya-Janata-Partei eine Kongresspartei sich formiert, die sich endgültig vom Ballast des Nehru-Gandhi-Hofstaats befreit."

Die FAZ druckt eine sehr bewegende Rede des russischen Dichters Jewgeni Jewtuschenko ab: "Rede in der Duma an die Jugend meines Landes". Jewtuschenko erzählt von seiner Generation, den "Sechzigern", die vom Zweiten Weltkrieg geprägt wurde und der ein die anderen ausschließender Nationalismus fremd war: "Doch in der Epoche des neuen Russland . . . Der letzte professionelle kubanische Zigarrendreher war nach Russland eingeladen worden, und wurde hier erschlagen, als er aus dem Haus trat, um den Schnee zu bewundern, den er noch nie im Leben gesehen hatte. Sie haben von hinten zugestochen, mit einem geschliffenen Stilett, gerade als er sich niederbeugte nach einer Handvoll Schnee. Ich sage nicht, dass der Nationalismus eine Massenerscheinung ist, aber man darf nicht zulassen, dass er sich ausbreitet. Zumal in Russland, dem Land, das die Welt von den faschistischen Konzentrationslagern befreit hat, sich bei der Befreiung seiner Mitbürger aber sehr verspätet."

Am 5. Juni 1977 spielte die deutsche Fußballmannschaft in Argentinien - zur Zeit der argentinischen Junta. Holger Gertz empfiehlt in der SZ nachdrücklich einen Film im Ersten, der unter anderem an diesen Tag erinnert: "Es war ein Spiel, das nicht hätte gespielt werden dürfen. Die deutschen Fußballer, beziehungsweise ihre Chefs beim DFB, hätten das Spiel absagen sollen: Schon wenn sie damit gedroht hätten, nicht anzutreten, hätten sie vielleicht einen Menschen retten können. Aber weil niemand etwas gemacht hat, ist ein Mensch gestorben, Elisabeth Käsemann."
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Weiteres

Georges Waser erzählt einen Antiquitätenkrimi: die Geschichte des Seuso-Schatzes, der jetzt wenigstens teilweise nach Ungarn zurückkommt. Tuvia Tenenbom reist für die Zeit in die Ukraine, um zu überprüfen, ob es dort wirklich von Nazis wimmelt. Der Philosophieprofessor Markus Gabriel warnt davor, uns den "Zumutungen der Freiheit" mit Verweis auf Genforschung und die Neurowissenschaft zu entziehen. Jochem von Uslar, Vater von Moritz, erinnert sich an seine Zeit als Schüler der Odenwaldschule und widerspricht Forderungen nach Schließung der Schule. Und das Dossier der Zeit widmet sich jungen Japanern, die kein Interessse mehr am Sex haben.
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