9punkt - Die Debattenrundschau

Die EU schaut weg. Doch halt!

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.06.2014. Endlich kritisiert einer das Internet! Die Medien sind begeistert über den Friedenspreis des deutschen Buchhandels für Jaron Lanier. Nur seine Vorschläge für ein Micro-Payment für Beiträge der Nutzer stoßen nicht auf Begeisterung. Im Freitag schildert Agnes Heller die Mischung aus faschistischen und kommunistischen Ideologiebruchstücken, die Ungarn heute in Bann hält. Von Religionen mag Gewalt ausgehen, konzediert die Berliner Zeitung, aber ist Aufklärung eine Lösung? Die NSA-Affäre wird eins, der D-Day siebzig.

Internet

Ein Kritiker der "Gratiskultur", der heute die Kultur kritisiert, aus der er angeblich kommt, das kommt dem Börsenverein des Buchhandels wie gerufen! Und der FAZ, die Lanier immer wieder gern publizierte, natürlich auch. (Im Stiftungsrat, der über den Preis befindet, sitzt auch Schirrmachers Literaturchefin Felicitas von Lovenberg). Frank Schirrmacher ist happy: "Jaron Lanier wird nicht müde, darauf hinzuweisen, dass man nicht von Geheimdiensten reden und von der Überwachungs-Ökonomie der Industrie-Giganten schweigen könne. Der überwachte Konsument wird in einer Welt, wo auch der Bürger nur noch als Konsument wahrgenommen wird, zur normativen Erscheinungsform des sozialen Lebens."

Große Freude auch in allen anderen Presseorganen: Gerrit Bartels im Tagesspiegel, David Hugendick in Zeit online, Ulrich Gutmair in der taz, Marc Reichwein in der Welt ("eine Sensation, eine wirkliche Sensation"). Und Jörg Häntzschel in der Süddeutschen. Nur Laniers Vorschlag, unser aller digitale Ausbeutung zu beenden, indem wir uns für die Hergabe unserer Daten bezahlen lassen, stößt bei den ersten Profiteuren des Adresshandels auf wenig Gegenliebe. So schreibt Häntzschel: "Sein Vorschlag, ein System von Mikro-Bezahlung einzuführen, das Twitterer und Blogger für ihre Netzbeiträge entlohnen soll, wurde als weltfremd abgetan. Viele hielten Laniers Alternativmodell, nach dem jede Äußerung sofort einen monetären Gegenwert bekommt, für noch beängstigender. Alles andere als weltfremd ist jedoch Laniers humanistische Sorge um eine Welt, in der Gleichmacherei und unbezahltes Arbeiten zur Norm werden."

Nur Thierry Chervel äußert sich im Perlentaucher ein bisschen traurig über die Entscheidung: "Sie ist so deutsch! Bevor man die Befreiung feiert, die das Netz doch brachte, bevor man Autoren und Pioniere sucht, die das Offene und das Verbindende am Netz verkörpern, zeichnet man doch lieber einen aus, der seit einigen Jahren mit Hingabe - und durchaus auch Argumenten - die dunklen Seiten des Netzes ausmalt."

Während die Presse mutig den Internetgiganten trotzt, sorgt sich das Volk mehr um die eigene Regierung, meldet Spiegel online: Nach einer Umfrage des IT-Branchenverbands Bitkom misstrauen 71 Prozent der Befragten dem Umgang des Staates mit unseren Daten, "nur" 67 Prozent misstrauen Google, Facebook und Co.: "Nicht nur unsicher, sondern regelrecht bedroht fühlt sich inzwischen jeder zweite Internetnutzer (53 Prozent). Die Angst gilt auch hier zuerst staatlichen Stellen, sie ist sogar noch geringfügig größer als die Furcht vor Online-Kriminellen. Das Vertrauen ins Internet scheint nachhaltig erschüttert. Nur noch neun Prozent der Teilnehmer gaben bei der Umfrage an, sich im Netz überhaupt nicht bedroht zu fühlen."

Wie ein Pfeifen im Wald erscheint einem da fast die durchaus löbliche Initiative des Physikers Ranga Yogeshwar und Thomas Bendigs vom Fraunhofer Institut "Jeder kann programmieren", die Schülern die Grundkenntnisse des Programmierens beibringen soll. Im Interview mit der FAZ erklären sie: "Wir zeigen, dass IT-Experten äußerst kreativ sein können und dass sie einige der größten Innovationen der letzten dreißig Jahre hervorgebracht haben. Die Leute sollen erkennen, dass man mit IT-Wissen die digitale Gesellschaft mitgestalten kann."

Grund zur Freude haben auch die Bundestagsabgeordneten: Ihre abgehörten Daten sollen künftig nur noch sieben Tage statt drei Monate gespeichert werden, meldet Zeit online.
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Geschichte

Die französischen Medien sind natürlich heute voll mit dem siebzigsten Jahrestag der alliierten Landung in der Normandie. In der Huffpo.fr präsentiert der Historiker François Dourlen eine von ihm konzipierte Plakat-Serie der Stadt Cherbourg, in der Kriegsfotos in aktuelle Stadtpanoramen eingepasst werden:


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Religion

Mag sein, dass von Religionen Gewalt ausgeht, die größte Sorge bereitet Dirk Pilz aber in der Berliner-Zeitung-Besprechung des Buchs, das auf der von Jan Assmann angestoßenen Monotheismus-Debatte im Perlentaucher beruht, die Aufklärung: "Daniele Dell"Agli plädiert in seinem Essay etwa für die Abschaffung der Religionen und jeglicher "monotheistischer Gesinnung" - das löse auch das Gewaltproblem. Als ob es so einfach wäre. Denn nichts deutet darauf hin, dass die Religionen durch eine "Modernisierungsdynamik" verschwinden werden, im Gegenteil. Nichts ist daher mit solcherlei "Aufklärungsfundamentalismus" gewonnen."
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Europa

Ein sehr interessantes Gespräch führt Helena Neumann für den Freitag mit der ungarischen Philosophin Agnes Heller, die auf eine charakteristische Vermischung faschistoider Ideologien mit kommunistischen Ideologiebruchstrücken hinweist, wie man sie etwa auch in Russland findet: "In Ungarn setzt Orbán sukzessive von der rechtsextremistischen Partei Jobbik inspirierte Politik um. Die EU schaut weg. Doch halt! Orbán ist nicht konservativ, sondern er kombiniert eine sehr ungarische Spielart rechten Denkens mit kommunistischen Vorstellungen, insbesondere die Verstaatlichung."

In der SZ berichtet Cathrin Kahlweit, wie derzeit die ungarischen Medien drangsaliert werden.
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Stichwörter: Agnes Heller, Ungarn

Überwachung

Ein Jahr Snowden, und was sind die Konsequenzen?, fragt Markus Beckedahl bei Netzpolitik: "Auch ein Jahr nach Snowden ist es immer noch nicht möglich, mit jedem Journalisten auf einem verschlüsselten Weg zu kommunizieren. Unpraktisch und unbequem ist eine beliebte Ausrede. Soviel zum Quellenschutz. Und versucht mal, mit Behörden oder Abgeordneten und ihren Mitarbeitern verschlüsselt zu kommunizieren! Da heißt es dann oft, das würde man gerne, könne das aber nicht. Unsere befreundeten Geheimdienste freut diese Inkompetenz sicher!"

Aus dem gleichen Anlass legt Robert Birnbaum im Tagesspiegel die Schwierigkeit dar, die Affäre juristisch zu fassen: "Wer sollte den Agenten Einhalt gebieten? Einen Weltgerichtshof gibt es nicht."

Irights.info hat eine gekürzte Fassung des großartigen Guardian-Essays von Eben Moglen zur NSA-Affäre ins Netz gestellt (unser Resümee). Moglen, der anders als Jaron Lanier ein Pionier der Free Software-Bewegung ist, benennt hier unter anderem die Verantwortung für den Verrat der Politik an den Bürgern: "Snowden hat Probleme aufgedeckt, für die wir nun Lösungen finden müssen. Ohne Subunternehmer der Geheimdienste und die Datenindustrie hätte die seit 2001 wachsende, inzwischen gigantische Infrastruktur der Überwachung nicht aufgebaut werden können. Beide sind Ausdruck einer industriellen Wucherung, die uns in eine ökologische Krise geführt hat."
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Medien

Marcel Weiß denkt bei Neunetz in Antwort auf Thierry Chervel (hier) über neue Ideen für öffentlich-rechtliche Finanzierung von Medien nach - und ist skeptisch: "Mit einer Debatte über die Öffentlich-Rechtlichen ist es in Deutschland leider wie mit einer Debatte über digitale Themen allgemein: Die Eigeninteressen der privaten Massenmedien vergiften jede öffentliche Debatte."

Nach der Annexion der Krim greift Wladimir Putin auf der nunmehr "russischen" Halbinsel gründlich durch. Zu den Opfern gehören Journalisten, berichtet Barbara Oertel in der taz: "So wurden Anfang dieser Woche in der Krimhauptstadt Simferopol Sergej Mokruschin und Wladlen Melnikow, zwei Mitarbeiter des Zentrums für investigativen Journalismus, festgenommen. Der Vorwurf lautete auf Rowdytum. Zudem hätten die beiden in ihren Beiträgen Vertreter der russischen Regierung verunglimpft."
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Weiteres

In Serbien ist man des Streits um den Kosovo müde, berichtet Andreas Ernst in der NZZ. Der bayerische Kultusminister Ludwig Spaenle erklärt im Interview mit der SZ die anstehende Reform der Forschungseinrichtungen in seinem Land. Felix Stephan macht sich Gedanken über das Radio im digitalen Zeitalter. Und Alexandra Borchert stellt nach Lektüre eines Artikels von Katty Kay und Claire Shipman in Atlantic fest: Gleichberechtigung wird sich kaum herstellen lassen, indem man Frauen ein Chef-Gen antrainiert.
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