Efeu - Die Kulturrundschau

Von zeitloser Nichtigkeit

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.06.2014. Alex Lehnerer und Savvas Ciriacidis versetzen mit ihrem Bungalow Germania bei der Architekturbiennale Venedig die SZ in Begeisterung. Die British Library stellt 1200 literarische Schätze der englischen Romantik und der viktorianischen Ära ins Netz, meldet die NZZ. Der Freitag geißelt den Trend zu Nostalgie und Risikoaversion in der Popmusik. Und die im Vorfeld von Johan Simons Wiener Genet-Inszenierung "Die Neger" geführte Debatte geht bei der Premiere in genervtes Gähnen über.

Kunst

"Einer der besten Länderpavillons" seit Jahren, jubelt Laura Weissmüller in der SZ über den deutschen Beitrag zur Architekturbiennale Venedig. Die Rede ist von Bungalow Germania von Alex Lehnerer und Savvas Ciriacidis, die darin den deutschen Pavillon in Venedig architektonisch mit Ludwig Erhards gläsernem Kanzlerbungalow aus dem Jahr 1963 kreuzen. "Das Erstaunlichste an dieser Montage aber ist, wie sie die rhetorischen Tricks gerade beim Kanzlerbungalow deutlich macht... Da der Bungalow aus Glas und Stahl jetzt nicht mehr im Grün der Bonner Flusslandschaft steht, sondern inmitten weißer Wände, bekommen seine Umgrenzungen plötzlich eine Kontur, die sie vorher nicht hatten. Was so offen, durchsichtig und damit demokratisch wirkte, erscheint plötzlich hermetisch abgeriegelt." (Foto: Bas Princen)

Zum 10. Geburtstag des vor allem Helmut Newton gewidmeten Berliner Fotomuseums übermittelt Christian Schröder im Tagesspiegel wenig herzliche, doch dafür umso nüchternere Glückwünsche: "Impulse gehen von dem Museum mit seinen prachtvollen Räumen schon lange nicht mehr aus. Man kocht im eigenen Saft. ... Wie erstarrt die Institution Fotomuseum ist, zeigt die aktuelle Doppelausstellung. Denn sie ist nur ein zweiter Aufguss."

Weitere Artikel: In der Presse unterhält sich Barbara Petsch mit David LaChapelle, dessen Plakat zum Life Ball in Österreich heftige Debatten ausgelöst hat. In der taz berichtet Klaus Englert von der Architekturbiennale Rotterdam, die sich schwerpunktmäßig mit Fragen nach der Durchdringung von Stadt und Natur befasst. Hanno Rauterberg besucht für die Zeit die Berlin Biennale, die er als "Biennale der Angst" beschreibt: "Das fängt an mit der Angst vor einprägsamen Bildern, weshalb der Biennale-Kurator Juan Gaitán auch keine Malerei ausstellen mag. Begründung: "Sie hat eine sehr starke Präsenz.""

Besprochen werden die Ausstellung "Tat/Ort - (Un)heimliche Spuren der Mafia" im Zephyr in Mannheim (taz) und eine Bruegel-Ausstellung in den Kunstsamlungen Chemnitz (Berliner Zeitung).
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Bühne

Am Ende ging die Wiener Aufführung von Johan Simons" Genet-Inszenierung "Die Neger", anders als im Vorfeld gemutmaßt, ohne Zwischenfälle über die Bühne. Allerdings blieb auch die im Saal versammelte Theaterkritik deutlich unterwältigt. "Entwarnung. Gar nichts ist passiert. Leider gilt das auch für das, was auf der Bühne los war - oder eben nicht", bilanziert beispielsweise Barbara Villiger Heilig in der NZZ. Auch Matthias Dell hat sich auf Zeit Online ganz gründlich gelangweilt, wenn er nicht gerade genervt die Augen verdreht hat: "Einen sinnloseren und öderen Theaterabend kann man sich nicht vorstellen... [Hier zeigt sich] die Krise eines Theaters, dessen analytische Unschärfe und politische Ahnungslosigkeit in keinem Verhältnis zur behaupteten Richtigkeit des eigenen Tuns stehen."

Keine Begeisterung auch bei Christine Dössel in der SZ. Ihr offenbarte sich hier ein "Kasperletheater der political correctness". Der Regisseur habe sich viel zu wasserdicht absichern wollen, lautet ihr Befund. "Die schwarze Poesie der "Neger", ihre zeremonielle Geheimnishaftigkeit, ihre melodramatische Mischung aus Anklage, Hass und Trauer, vor allem aber: ihre eventuelle Aussagekraft für den Rassismus und Neokolonialismus von heute - sie kommen bei Simons nicht zum Tragen, werden zum Teil förmlich niedergetrampelt, niedergehampelt im Auf und Ab eines abstrakten, extrem formalistischen Masken- und Schattenspiels von zeitloser Nichtigkeit."

Der herzhaft gähnende FAZ-Kritiker Gerhard Stadelmaier hätte sich unterdessen ein wenig aktivistischen Radau aus dem Publikum heraus durchaus gewünscht. Allzu leblos war ihm der Abend vorgekommen: "Das hätte immerhin einem Stück, das aus guten Langeweilegründen so gut wie nie gespielt wird, zu einer Auffrischung verholfen, die natürlich auf einem Missverständnis beruht hätte. Denn es geht ja gerade in den "Negern" um die falschen, die angeschminkten Bilder, die sich die Ethnien voneinander machen und die sie sich auch schon mal mörderisch gegenseitig auf die Haut malen und brennen. Aber es wäre immerhin Leben in der Bude gewesen. Es kam nicht dazu."

Weitere Artikel: Esther Boldt stellt in der taz das beim Festival Theater der Welt in Mannheim realisierte Projekt "X Firmen" vor, dem "ein vielschichtiges Mosaik der zeitgenössischen Arbeitswirklichkeit" gelingt.

Besprochen werden Claudia Bauers am Theater an der Parkaue in Berlin aufgeführte Bühnenadaption von Dietmar Daths Roman "Die Abschaffung der Arten" (taz, Berliner Zeitung), Damiano Michieletto Inszenierung von Rossinis "La Cenerentola" bei den Salzburger Pfingstfestspielen (Kurier), eine Aufführung von Händels "Faramondo" in Göttingen (FAZ) und Lia Rodrigues" im Berliner HAU2 aufgeführte Choreografie "Pindorama" (Berliner Zeitung).
Archiv: Bühne

Musik

Gift und Galle spuckt Jörg Augsburg im Freitag über den Trend unter angegrauten Pop- und Rockbands, klassische Alben in eigens so angekündigten Konzerten in kompletter Lauflänge zu spielen. Dies hält er für "eine musikalische Bankrotterklärung, den künstlerischen Offenbarungseid, bei dem das kreative Tafelsilber über den Tisch geht. Denn was sonst sollte der Rückgriff auf die eigenen, besseren Zeiten sein, als pure Nostalgie? Von Band und Publikum gleichermaßen als Hohefest der Vergangenheit zelebriert und mit dem ständigen Hintergedanken des "früher war aber alles besser". ... Ganz ohne Risiko." Und wer ist Schuld an diesem Trend? "Wahrscheinlich (...) Pink Floyd", so Augsburg.

Im Tages-Anzeiger schreibt Martin Ebel eine kleine Kulturgeschichte des einhändigen Klavierspiels: "Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurden Verkrüppelungen der Gliedmaßen zum Massenphänomen. Zichys "Buch des Einarmigen", ein Ratgeber für den Alltag, erlebte viele Auflagen. Etliche Armamputierte waren Amateurklavierspieler; um ihnen ein Stück Lebensfreude zurückzugeben, entstanden spezielle Alben mit Arrangements bekannter Werke für die linke Hand. Paul Wittgenstein gab eine dreibändige "Schule für die linke Hand" heraus; seine Konzertreisen mögen Laienpianisten ähnlich motiviert (oder deprimiert) haben wie heutige Handicapierte die Leistungen behinderter Spitzensportler."

Weitere Artikel: Der ehemalige Rolling-Stone Manager Andrew Loog Oldham erinnert sich im Interview mit der Zeit an die Anfänge der Band. Ebenfalls in der Zeit würdigt Manfred Trojahn Richard Strauss, der vor 150 Jahren geboren wurde.

Besprochen werden Jack Whites neues Album "Lazaretto" (Zeit), ein mit "ironischen Späßen" versehenes Klavierbuch für Anfänger des Entertainers Chilly Gonzales (SZ), sowie Auftritte von Justin Timberlake (Presse, Kurier), Paul Weller (FAZ) und von Hailu Mergia (Tagesspiegel).
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Film

In der FAZ schreibt Bert Rebhandl einen glühenden Liebesbrief an den Film "Sieniawka" des deutsch-polnischen Regisseurs Marcin Malaszczak (mit dem sich Matthias Dell für die taz unterhält). Der zwischen dokumentarischer, essayistischer und fiktionaler Form changierende Film über eine Psychiatrie in einem Dorf gleich hinter der Grenze zu Polen hat den Kritiker tief berührt: "Man sieht nicht oft einen Film, in dem Weltzweifel und das Erstaunen über die Schönheit der Dinge so nahe beisammenliegen." Es geht um jene "Momente, in denen die Welt vor gefährlicher Schönheit zu zerspringen droht. Man kann sie nicht festhalten, aber die Momente knapp davor, die sieht man in "Sieniawka"." Für den Perlentaucher hat Friederike Horstmann den Film besprochen.

Weitere Artikel: Im Freitag berichtet Sophie Charlotte Rieger vom Internationalen Frauenfilmfestival in Ankara, das vom Grubenunglück in Soma überschattet wurde. Auf critic.de schreibt Michael Kienzl über die Filme von Kô Nakahira, die bei Frankfurter Festival Nippon Connection in einer Retrospektive zu sehen waren. Carolin Weidner empfiehlt in der taz das Berliner Festival Rencontres Internationales. In der Zeit erinnert sich Kameramann Michael Ballhaus an den kürzlich verstorbenen Karlheinz Böhm, den er für Fassbinders "Martha" filmte.

Besprochen werden Richard Linklaters neuer Film "Boyhood" (NZZ, Freitag, Presse, Kurier, mehr in unserer gestrigen Kulturrundschau), Paul Walkers letzter vor seinem Tod fertiggestellter Film "Brick Mansions" (SZ, Perlentaucher) und der Dokumentarfilm "Love & Engineering" über das Verhältnis der Nerds zur Liebe (Tagesspiegel).
Archiv: Film

Literatur

Für die FAZ hat Sandra Kegel Daniel Kehlmanns Eröffnung seiner Frankfurter Poetikvorlesung besucht und war im Nu überzeugt von dessen Vortrag, der Ingeborg Bachmann, Fritz Bauer und Peter Alexander im Jahr 1959 engführt: "Bachmanns Frankfurter Vorlesungen gerieten bei den Studenten zum Desaster, ihr Publikum blieb irritiert und überfordert zurück. Peter Alexander war zur selben Zeit allgegenwärtig. Mehr noch als um seine dummen Späße geht es Kehlmann freilich um "die Geisterwelt der Schatten und Echos", die sich in diesen Filmen öffnet: Da sprechen Deutsche mit Amerikanern nicht Englisch, sondern Deutsch mit englischem Akzent, da kehrt ein reicher Erbe ausgerechnet aus Argentinien zurück in die Heimat, da heißt ein Direktor "Adi"."

Wie Marion Löhndorf in der NZZ meldet, hat die British Library 1200 Schätze der englischen Literatur digitalisiert und auf ihrem Online-Portal kostenlos zugänglich gemacht: "Die Digitalisierung der Dokumente der romantischen und der viktorianischen Zeit ist ein erster Schritt im Rahmen eines umfassenden Projekts der British Library, das sich den gesamten literarischen Kanon von Beowulf, Chaucer und Shakespeare bis zur Gegenwart erarbeiten will."

Weitere Artikel: Fabian Schwitter berichtet in der NZZ vom Literaturfestival Prosanova: "Die junge Literatur feierte in Hildesheim vor allem sich selbst." Ursula März überlegt in der Zeit, warum gehobene Unterhaltungsliteratur in Deutschland oft so verdruckst daherkommt, und muss feststellen: Daran ist auch die Kritik schuld, die die Nase gern hoch trägt.

Besprochen werden Dietmar Daths und Oliver Scheiblers Comic "Mensch wie Gras wie" (Tagesspiegel), Gillian Flynns Krimi "Dark Places" (FR), Najem Walis "Bagdad Marlboro" (taz), Will Selfs "Regenschirm" (FAZ) und die Wiederauflage von Eckhard Henscheids 1972 erstveröffentlichtem Roman "Die Vollidioten" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
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